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Chemiewaffen-Experte Trapp zu Syrien: "Russland sagt nicht ganz die Wahrheit"

INTERVIEWChemiewaffen-Experte  

"Russland sagt nicht ganz die Wahrheit"

Von Patrick Diekmann

23.04.2018, 11:39 Uhr
Chemiewaffen-Experte Trapp zu Syrien: "Russland sagt nicht ganz die Wahrheit". Ein Mann im syrischen Duma nahe der Stelle, an der Giftgas eingesetzt worden sein soll: Einige Überlebende machen die Rebellengruppe Dschaisch al-Islam (Armee des Islam) für den Giftgasangriff verantwortlich, ohne jedoch hierfür Beweise zu haben. (Quelle: dpa)

Ein Mann im syrischen Duma nahe der Stelle, an der Giftgas eingesetzt worden sein soll: Einige Überlebende machen die Rebellengruppe Dschaisch al-Islam (Armee des Islam) für den Giftgasangriff verantwortlich, ohne jedoch hierfür Beweise zu haben. (Quelle: dpa)

Russland und der Westen streiten über den mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien und auch über Chemikalien aus Deutschland. Chemiewaffenexperte und OPCW-Berater Ralf Trapp erklärt den aktuellen "Propagandakrieg" rund um den Einsatz chemischer Waffen.

Erst der mutmaßliche Anschlag mit einem Nervengift auf den russischen Ex-Spion Sergei Skripal, dann der angebliche Chemiewaffenangriff im syrischen Duma. Beweise gibt es bislang wenige, Beschuldigungen dafür viele. Der Westen und Russland bezichtigen sich gegenseitig der Streuung falscher Informationen – in Syrien drohte sogar ein bewaffneter Konflikt zwischen Russland und den USA. Plötzlich steht die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) im Rampenlicht und soll in beiden Fällen aufklären.

Auch OPCW-Berater und Chemiewaffenexperte Dr. Ralf Trapp ist gefragt – in den großen Nachrichtensendungen analysiert der 65-Jährige die Fälle "Skripal" und "Duma". Wir erreichen ihn an einem Sonntagmorgen nach einer Konferenz in Genf auf seinem Handy. 

Ralf Trapp: Der 65-Jährige ist Chemiker, Toxikologe und Berater des Büros der Vereinten Nationen für Abrüstungsfragen CTITF. Außerdem ist er als Berater für die OPCW und für das Friedensforschungsinstitut SIPRI tätig. (Quelle: dpa)Ralf Trapp: Der 65-Jährige ist Chemiker, Toxikologe und Berater des Büros der Vereinten Nationen für Abrüstungsfragen CTITF. Außerdem ist er als Berater für die OPCW und für das Friedensforschungsinstitut SIPRI tätig. (Quelle: dpa)

t-online.de: Der Westen und Russland streiten über einen mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Duma. Das Assad-Regime und Russland beschuldigen syrische Rebellengruppen, die Attacke inszeniert zu haben. Wäre es für diese Gruppen schwer, Chlor waffenfähig zu machen?

Dr. Ralf Trapp: Das ist nicht sonderlich kompliziert. Wir wissen, dass in Syrien schon über längere Zeit Chlorgas eingesetzt wurde. Jede beteiligte Gruppierung im Syrien-Konflikt hat die technischen Möglichkeiten, entsprechende Waffen herzustellen. Chlor wird als Gas in Stahlflaschen geliefert und diese werden im Einsatz lediglich durch eine kleine Explosivladung geöffnet, sodass das Gas entfließen kann. Oder man verwendet Gasventile, die vor dem Aufschlag der Waffe öffnen.

Russland präsentierte ein Video, das ein unterirdisches Chemielabor in Duma zeigen soll, indem Rebellen chemische Waffen hergestellt haben sollen. Sind die Bilder plausibel?

Ich kann die Authentizität der Bilder nicht überprüfen. Das Video zeigte dem Anschein nach ein kleines Chemielabor, aber das wäre zu klein, um chemische Waffen herzustellen. Es gab ein paar größere Reaktoren, aber nichts deutete darauf hin, dass man dort Chlor als Gas abfüllen kann. Dafür ist diese Ausrüstung ungeeignet. Es deutet auch nichts darauf hin, dass dort hochtoxische Chemikalien hergestellt und dann in Waffen umgefüllt wurden. Dementsprechend sagt Russland hier vielleicht nicht ganz die Wahrheit.

Videoaufnahmen des russischen TV-Senders RT Deutsch: Sie sollen Chemielabore der Rebellen zeigen. 

Das russische Außenministerium veröffentlichte auch Bilder, auf dem angeblich Chlorkanister aus Deutschland zu sehen waren. Könnte Chlor aus Deutschland nach Syrien gelangt sein?

Natürlich. Chlor wird als komprimiertes Gas in Kanistern gehandelt. Das wird auch in Deutschland hergestellt. Aber ob es Lieferungen aus Deutschland nach Syrien gegeben hat, kann ich nicht sagen. Die Chemikalie hat eine breite Anwendung – in der Industrie, zur Wasseraufbereitung oder im privaten Bereich. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn man Chlorgaskanister findet.

Die OPCW soll aktuell den angeblichen Chemiewaffeneinsatz in Duma untersuchen. Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für den Einsatz?

Die Rahmenbedingungen sind äußerst kompliziert. Die OPCW war aufgrund der Sicherheitslage tagelang nicht in der Lage, nach Duma zu gehen. Die Syrische Armee behauptete, dass sie nicht in der Lage wären, in dem Gebiet militärische Kontrolle auszuüben – die Sicherheit lag in den Händen der russischen Militärpolizei. Eine Gruppe von UN-Sicherheitsspezialisten ist außerdem in Duma beschossen worden. Die Arbeitsbedingungen sind also nicht einfach.

Sind die entnommenen Proben knapp zwei Wochen nach dem angeblichen Angriff überhaupt noch aussagekräftig?

Das kommt auf die Proben an – und darauf, welcher Kampfstoff eingesetzt wurde. Wenn es um Chlorgas geht, ist das Gas natürlich nicht mehr da. Aber Chlor ist hoch reaktiv, das heißt, wenn es eingesetzt worden ist, wird es in der Gegenwart von Wasser mit anderen Materialien vor Ort chemisch reagiert haben. Das lässt Reaktionsprodukte zurück, die man natürlich finden kann. Aber Chlor ist auch eine Substanz, die ohnehin in der Umwelt vorhanden ist. Deshalb ist der Nachweis eines Chloreinsatzes nach zwei Wochen anhand von Umweltproben nicht einfach.

Mitglieder der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) kommen in Damaskus an: Das UN-Team sollte die Lage in Duma erkunden, bevor dort Experten der OPCW ihre Untersuchung eines möglichen Giftgasangriffs aufnehmen. (Quelle: dpa)Mitglieder der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) kommen in Damaskus an: Das UN-Team sollte die Lage in Duma erkunden, bevor dort Experten der OPCW ihre Untersuchung eines möglichen Giftgasangriffs aufnehmen. (Quelle: dpa)

Die OPCW-Experten stehen im Fokus der Weltöffentlichkeit. Ist der öffentliche Druck ein Problem?

Die Untersuchungen werden quasi in der Öffentlichkeit geführt. Überall hat man Leute, die mit Videokameras oder Smartphones jeden Schritt dokumentieren. Der psychologische Druck auf die Experten ist enorm.

Gibt es Konfliktparteien, die in einem besonders hohen Maß versuchen, die Untersuchungen zu behindern?

Alle Seiten betreiben einen massiven Propagandakrieg. Dabei werden oft Informationen mit falschen Informationen vermischt. Diese Desinformation ist bei einem mutmaßlichen Einsatz chemischer Kampfstoffe nicht ungewöhnlich. Aber so massiv haben wir das in der Vergangenheit noch nicht erlebt. Es ist verdammt schwer zu ermitteln, was Tatsachen, Erfindungen oder falsche Interpretationen sind.

Laut UN-Mandat darf die OPCW auch bei positiven Befunden keinen Schuldigen benennen, sondern nur einen möglichen Einsatz untersuchen. Ist die Untersuchung schon so politisiert, dass das eigentliche Ergebnis am Ende eigentlich keine Rolle mehr spielt?

Da haben Sie recht. Die Lage ist hoch politisch und so ist es sehr schwer, Problemlösungen zu finden. Das OPCW-Team wird vor Ort Fakten sammeln und dies wird zu einem technischen Bericht führen, der Schlussfolgerungen erlaubt. Aber ich befürchte, dass man auf politischer Ebene nicht damit umgehen kann.

Was ist die Konsequenz daraus?

Es besteht die Gefahr, dass die Fakten nicht mehr im Vordergrund stehen. Der Konflikt hat das Potenzial, dass die Norm einer chemiewaffenfreien Welt infrage gestellt wird. Aber selbst wenn das nicht passiert: Die Integrität der internationalen Institutionen und der Mechanismen sind gefährdet. Wir haben Mechanismen, mit denen solche Probleme wie in Syrien gelöst werden können. Ich bin besorgt, dass das, was über Jahrzehnte aufgebaut worden ist, nun plötzlich infrage gestellt wird.

Syrien, Ost-Ghuta: Russische Militärpolizisten stehen neben Militärfahrzeugen in der Region Ost-Ghuta in der Nähe der Stadt Duma. (Quelle: dpa)Syrien, Ost-Ghuta: Russische Militärpolizisten stehen neben Militärfahrzeugen in der Region Ost-Ghuta in der Nähe der Stadt Duma. (Quelle: dpa)

Sie haben von einer chemiewaffenfreien Welt gesprochen. Wo werden die Chemikalien produziert, die für die Herstellung von Kampfmitteln benötigt werden?

Viele Chemiewaffen von heute kommen aus Forschungsarbeiten, die nicht zur Waffenentwicklung gedacht waren. Das waren Industriechemikalien oder sie kamen aus dem Bereich der Herbizide- oder Insektizide. Viele dieser Stoffe sind höher toxisch für Menschen und Tiere und wurden dann entsprechend in militärische Programme umfunktioniert. Im Bereich der Chemiewaffen muss man immer beachten, dass viele Kampfstoffe oder Vorprodukte einen zivilen Nutzen haben.

Müssen Länder wie Syrien die waffentauglichen Chemikalien importieren?

Chemikalien werden im hohen Maß international gehandelt. Länder wie Syrien haben eine Eigenkapazität, um bestimmte Chemikalien herzustellen. Aber Syrien kann diese auch auf den internationalen Märkten kaufen. Chemikalien, die im Sinne des Chemiewaffenübereinkommens ein besonderes Risiko darstellen, stehen auf Kontrolllisten und dann gibt es bestimmte Bestimmungen über Import- und Exportkontrollen, und es kann auch Exportverbote gegenüber bestimmten Ländern geben.

Wie wird dieser Handel reguliert?

Der Handel ist nicht frei und die entsprechenden Chemikalien stehen schon unter Kontrolle. Aber es gibt auch solche Substanzen wie Chlor, die so weit verbreitet sind und verwendet werden, dass diese Kontrollen nicht funktionieren. Chlor steht daher auch nicht auf den Kontrolllisten des Chemiewaffenübereinkommens.

Ein Kleinkind wird medizinisch versorgt: Dieses vom syrischen Zivilschutz, genannt "Weißhelme", zur Verfügung gestellte Videostandbild soll nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff auf Duma entstanden sein. (Quelle: dpa)Ein Kleinkind wird medizinisch versorgt: Dieses vom syrischen Zivilschutz, genannt Weißhelme, zur Verfügung gestellte Videostandbild soll nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff auf Duma entstanden sein. (Quelle: dpa)

Ist das nicht ein Versäumnis?

Man kann die Regularien verschärfen, das ist keine Frage. Da kann man deutlich mehr tun. Wir haben allerdings bei der Umsetzung des Chemiewaffenabkommens Staaten, die Schwierigkeiten haben, entsprechende Kontrollverfahren durchzuführen. Außerdem sind einige dieser Programme, wie zum Beispiel in Syrien oder im Irak, in den Achtzigern entstanden. In der Zeit gab es noch keine entsprechenden Exportkontrollen.

Chemische Waffen sind grausam, aber ein Einsatz erscheint auch unlogisch. Sie sind international geächtet und oft sind die politischen Konsequenzen schlimmer, als der eigentliche militärische Nutzen. Warum werden dennoch Chemiewaffen eingesetzt?

Es ist eine verbotene Waffe und der Einsatz ist glücklicherweise nicht häufig. Es gibt immer mal wieder Fälle, aber es ist auch so, dass die rechtliche und moralische Norm gegen den Einsatz sehr hoch ist. Die syrischen Chemiewaffen waren zunächst eine Antwort auf das israelische Nuklearprogramm. Damit war es für die Syrer eine strategische Waffe, die aber im Bürgerkrieg eine neue Qualität bekam. Neben ihrer militärischen Wirkung kann die psychologische Wirkung eines Einsatzes auch erheblich sein. Dies gilt besonders für Gebiete, in der man die Zivilbevölkerung nicht schützen kann.

Nun soll Russland im Fall Skripal mitten in Großbritannien einen chemischen Kampfstoff gegen einen Ex-Agenten eingesetzt haben. Sprechen die Indizien dafür?

Ja. Es gibt starke Indizien, aber man kann nicht sagen, dass Russland hundertprozentig dafür verantwortlich ist. Die Art des Nervenkampfstoffes ist auf ein russisches Programm zurückzuführen. Nur von Russland ist bekannt, dass dort an der Waffenfähigkeit der Chemikalie gearbeitet wurde. Es gibt da aber noch viele offene Fragen.

Russland hat auch den USA vorgeworfen, dass die US-Streitkräfte erst einmal ihre Chemiewaffen beseitigen sollten. Wie verbreitet sind chemische Kampfstoffe noch in den Waffenarsenalen?

Alle Vertragspartner des Chemiewaffenübereinkommens haben die Verpflichtung, alle Chemiewaffen zu vernichten. Es gibt 192 Vertragsstaaten, also sollte es dort überhaupt keine Chemiewaffen mehr geben. In der Praxis haben wir das Problem in Syrien und es gibt auch noch Restbestände von Chemiewaffen in den USA, die bis 2023 vernichtet werden. Auch wenn diese Waffen nicht einsatzfähig sind, ist dies ein Risiko, mit dem man sich befassen muss.

Warum wartet man in den USA mit der Vernichtung bis 2023?

Das hat mit einem speziellen Standort zur Chemiewaffenentsorgung zu tun. Es gab einen jahrelangen Rechtsstreits und Diskussionen über das beste Verfahren. Man wollte hier also nicht Chemiewaffen zurückhalten. Die Waffen dort sind nicht gewartet und einsatzfähig.

Mitarbeiter der Geka (Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten): Mit einem Dummy-Gefäß üben sie das Öffnen von chemischen Kampfstoffen in einem Transportbehälter. (Quelle: dpa)Mitarbeiter der Geka (Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten): Mit einem Dummy-Gefäß üben sie das Öffnen von chemischen Kampfstoffen in einem Transportbehälter. (Quelle: dpa)

Sind die Bekundungen glaubhaft? Assad sollte eigentlich auch keine Chemiewaffen mehr haben.

Verträge sind immer nur so gut, wie sie eingehalten werden. Die Vernichtung bestimmter Chemiewaffenbestände, insbesondere bestimmte Anwendungen von Sarin-Gas, lag in der Verantwortung der syrischen Armee. Die hundertprozentige Beseitigung ist offenbar gescheitert. Es gibt ausreichend Mechanismen und Instrumente, um die Einhaltung der Verträge durchzusetzen. Die Frage ist nur, ob der politische Willen der Staaten vorhanden ist.

Wie groß ist die Gefahr, dass diese Waffen am Ende in den Händen von Terroristen landen?

Die terroristische Gefährdung ist erheblich – das wissen wir auch aus Syrien. Die Kompetenz und der Wille, toxische Chemikalien einzusetzen, ist bei Terroristen vorhanden. Das muss ernst genommen werden.

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