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Sieben Tage, die Amerika verÀndert haben

Eine Kolumne von Fabian Reinbold

Aktualisiert am 20.03.2020Lesedauer: 5 Min.
Donald Trump: Die Coronavirus-Krise Àngstigt die sonst so optimistischen Amerikaner.
Donald Trump: Die Coronavirus-Krise Àngstigt die sonst so optimistischen Amerikaner. (Quelle: Evan Vucci/Reuters-bilder)
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In den USA schreitet die Coronavirus-Krise rasant voran: Alte Gewissheiten werden ĂŒber Bord geworfen, die Zweifel am System steigen und der PrĂ€sident schwankt.

Guten Tag aus Washington,

das man in diesen Tagen kaum wieder erkennt. Grundzustand der Hauptstadt ist die Verstopfung, durch die sich der Verkehr im Schritttempo quĂ€lt. Und nun: Freie Fahrt fĂŒr unfreie BĂŒrger.

Die Straßen leer, die Restaurants, BĂŒros, SehenswĂŒrdigkeiten dicht – und fĂŒr mich nun auch das Weiße Haus. Ich erlebe viele der sonst so unerschrockenen Amerikaner besorgt, die Freiheitsliebenden in Fremdbestimmung, zumindest jene in den StĂ€dten: die Nachbarn in Washington, Freunde in New York, alte Bekannte in Kalifornien.

Von Ort zu Ort gibt es selbstverstĂ€ndlich Unterschiede: New York hat es viel schlimmer erwischt als andere StĂ€dte, an der PazifikkĂŒste ist man alarmierter als im dĂŒnn besiedelten Oklahoma. Und manche Studenten wollen sich einfach nur durch den Spring Break in Florida saufen, als ob nichts wĂ€re. Doch so viel kann ich Ihnen in diesen Zeiten der Unsicherheit mit Sicherheit sagen: Hinter uns liegt eine Woche, die Amerika verĂ€ndert hat.

Der letzte Hauch NormalitÀt

Freitag, 13. MĂ€rz: Donald Trump lĂ€dt in den Rosengarten des Weißen Hauses. Ein letzter Hauch von NormalitĂ€t weht ĂŒber den Rasen. Der PrĂ€sident verkĂŒndet zwar als Verwaltungsakt den Nationalen Notstand, doch er beginnt mit den Worten “Ein wunderschöner Tag im Rosengarten”, schĂŒttelt den hinter ihm versammelten Firmenbossen und Experten fleißig die HĂ€nde, redet den Mangel an Corona-Tests im Lande ebenso klein wie seinen Kontakt zu Corona-Infizierten. Business as usual im Notstand: ein absurdes Schauspiel.

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Und vor ihm: wir Korrespondenten, aneinandergepresst in engen Klappstuhlreihen. Social distancing wird als das Schlagwort der Krise gerade berĂŒhmt, doch wir versagen dabei. WĂ€hrend ich Trump aus Reihe drei lausche, habe ich kein gutes GefĂŒhl und sage mir: Das ist mein vorerst letzter Besuch im Weißen Haus.

Pressekonferenz mit Donald Trump, Mike Pence: Abstandsregeln werden verletzt.
Pressekonferenz mit Donald Trump, Mike Pence: Abstandsregeln werden verletzt. (Quelle: Alex Brandon/ap-bilder)

Das Chaos an den FlughÀfen

Samstag, 14. MĂ€rz: Um Mitternacht treten die EinreisebeschrĂ€nkungen aus EU-Staaten in Kraft. An den FlughĂ€fen Chicago, Dallas und Washington-Dulles bricht ein wahres Chaos aus. Einreisende US-BĂŒrger berichten, dass sie vor dem GesprĂ€ch mit einem Grenzbeamten auf engstem Raum vier, sechs, acht Stunden ausharren mussten, Schulter an Schulter. Es ist also noch virusfreundlicher als im Weißen Haus. In Washington-Dulles gab es laut einer Augenzeugin eine eigene Schlange fĂŒr bestĂ€tigte Corona-FĂ€lle, rĂ€umlich nicht einmal getrennt von den anderen. Der Stand am Abend: 2.450 registrierte FĂ€lle im Land.

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Der Rettungsschuss

Sonntag, 15. MĂ€rz: Die Sicherheitsprotokolle im Weißen Haus Ă€ndern sich jetzt im Stundentakt: Erst wird beschlossen, bei Korrespondenten Fieber zu messen, bevor sie das GebĂ€ude betreten. Dann wird der Sitzplan im engen Presseraum ausgedĂŒnnt: Jeder zweite Stuhl soll freibleiben. Schließlich die Ansage: Alle bis auf wenige Korrespondenten der großen US-Medien dĂŒrfen nicht mehr aufs GelĂ€nde. Am Abend probiert die US-Notenbank den Rettungsschuss fĂŒr die US-Wirtschaft: Senkt ĂŒberraschend den Leitzins auf praktisch Null, kauft massenhaft Anleihen – es ist das, was die Finanzexperten so gern “Bazooka” nennen.

Interessieren Sie sich fĂŒr US-Politik? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt ĂŒber seine Arbeit im Weißen Haus und seine EindrĂŒcke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Die Studie, die zum Sinneswandel fĂŒhrt

Montag, 16. MĂ€rz: Der Rettungsschuss schlĂ€gt fehlt: die grĂ¶ĂŸten Börsenverluste seit dem “Schwarzen Montag” im Jahr 1987. Die BĂŒrgermeisterin in Washington verkĂŒndet die Schließung von Restaurants (die allerdings noch Essen zum Mitnehmen herausgeben dĂŒrfen), Sportclubs, Kinos ab diesem Abend, 22 Uhr, auf unbestimmte Zeit. In New York bleiben die Schulen fĂŒr sechs Wochen zu.

Vor dem Fernseher im Homeoffice kann ich meinen Ohren kaum trauen: In der nun tĂ€glichen Pressekonferenz warnt Trump erstmals eindringlich statt zu verharmlosen. Er empfiehlt den Amerikanern zu Hause zu bleiben, Versammlungen mit mehr als zehn Teilnehmern zu meiden. Die Corona-Beauftragte des Weißen Hauses, Dr. Deborah Birx, lĂ€sst anklingen, was zum Sinneswandel gefĂŒhrt haben könnte: eine Studie des Imperial College aus London, die den USA bei ausbleibenden Gegenmaßnahmen 2,2 Millionen Tote in Aussicht stellt.

Donald Trump, Deborah Birx: Am Montag wird im Weißen Haus ein neuer Ton angeschlagen.
Donald Trump, Deborah Birx: Am Montag wird im Weißen Haus ein neuer Ton angeschlagen. (Quelle: Evan Vucci/ap-bilder)

Abends schwenken auch Trumps Meinungsmacher bei Fox News um. Sean Hannity, der wochenlang mit Trump gemeinsam die Warnungen vor dem Virus als “Schwindel” der politischen Gegner verballhornt hatte, sagt nun: “Wir mĂŒssen die Ausbreitung verlangsamen.” 4.100 bekannte FĂ€lle im Land.

Der TV-Star gibt den Amateur

Dienstag, 17. MĂ€rz: Wahltag! Aber einer, wie es ihn noch nie gab. Vorwahlen in Arizona, Florida und Illinois finden statt. Ohio ĂŒberlegt es sich in letzter Minute noch anders: keine Vorwahl wegen Gesundheitsnotstand. Insbesondere in Illinois bricht Chaos aus, Wahlhelfer in zahlreichen Lokalen erscheinen nicht, offenbar aus Angst um ihre Gesundheit. Joe Biden triumphiert und hĂ€lt seine Siegesrede aus seinem Wohnzimmer in Delaware – im zuckelnden Livestream geht jede Anmutung eines Wahltriumphs flöten. Völlig unklar, wann, wie und ob die Vorwahlen weitergehen. SpĂ€tabends sitzt in der “Late Show with Stephen Colbert” der Gastgeber an der Feuerstelle seines Privathauses und spricht seine Witze in eine Handykamera. Kein Studio am Broadway, kein Publikum, keine Lacher. Einer der grĂ¶ĂŸten TV-Stars der Nation mit einer Amateuraufnahme. Es ist der Abend, an dem Wackelbilder Amerikas Hochglanzinszenierungen ersetzen.

Verlassener Times Square in Manhattan: New York ist besonders stark betroffen.
Verlassener Times Square in Manhattan: New York ist besonders stark betroffen. (Quelle: Jeenah Moon/Reuters-bilder)

Trump wÀhnt sich im Krieg

Mittwoch, 18. MĂ€rz: Trump wieder auf dem Podium im Weißen Haus. Er genießt diese Auftritte mittlerweile, erfindet sich als KriegsprĂ€sident neu. Betont: Man sei im “Krieg” gegen einen “unsichtbaren Feind” beziehungsweise gegen das “chinesische Virus”. Den Kampf um die Wirtschaft fĂŒhrt er forscher als den um die Gesundheit seiner BĂŒrger. Er will ein großes Rettungspaket in Höhe von einer Billion Dollar. Er mag runde Summen.

Die Zeit drĂ€ngt: Die Arbeitslosenzahlen schießen bereits in die Höhe – hier ist man schneller entlassen als in Deutschland. Ein Ökonom von JP Morgan prophezeit eine heftige Rezession: minus 14 Prozent im zweiten Quartal. Der Kongress verabschiedet ein erstes Rettungspaket. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – gab es hier noch nicht flĂ€chendeckend. KostenĂŒbernahme fĂŒr Corona-Tests – wichtig fĂŒr die Millionen Unversicherten. Sie sehen: Hier muss man erst einmal ganz grundsĂ€tzliche Probleme regeln.

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Trumps grĂ¶ĂŸte Idee im Konjunkturpaket sind Schecks fĂŒr jeden US-BĂŒrger – direkt von der Regierung. Die Rede ist von zwei Überweisungen, zusammen rund 1.000 Dollar. Die Corona-Krise steht jetzt in einer Reihe mit 9/11 und der Finanzkrise von 2008. 7.700 bekannte FĂ€lle im Land.

Es fehlt an allem

Donnerstag, 19. MĂ€rz: Aus New York meldet BĂŒrgermeister De Blasio: Die medizinische AusrĂŒstung der Stadt reiche nur noch zwei bis drei Wochen. Ärzte und Verantwortliche aus dem ganzen Land klagen, es fehle an Masken, SchutzanzĂŒgen, BeatmungsgerĂ€ten – und immer, immer noch an Tests auf die Krankheit.

Donald Trump beim tĂ€glichen Briefing der Coronavirus Taskforce im Weißen Haus.
Donald Trump beim tĂ€glichen Briefing der Coronavirus Taskforce im Weißen Haus. (Quelle: /Reuters-bilder)

Trump, der KriegsprĂ€sident, fĂ€llt auf dem Podium in die Rolle des obersten Nebelkerzenwerfers zurĂŒck: Keilt gegen die Medien, preist neue Medikamente, die freigegeben seien fĂŒr die experimentelle Covid-19-Behandlung. Der Chef der Arzneimittelbehörde wagt auf dem Podium nicht explizit zu widersprechen, aber eine halbe Stunde spĂ€ter meldet seine Behörde: Medikament noch nicht freigegeben. Abends ordnet der Gouverneur von Kalifornien seinen 40 Millionen BĂŒrgern an: Bleibt zu Hause! 11.700 bekannte FĂ€lle im Land.

Was mich sorgt

So habe ich die Woche erlebt, am Fernseher, am Telefon, auch ich in Heimarbeit. Mit Sorge sehe ich, wie die Kurve der bestÀtigten FÀlle rasant ansteigt und dass die Gesundheitsbehörde darauf verweist, dass die Krankheit auch bei jungen Menschen einen schweren Verlauf nehmen kann.

Wie in Deutschland dominiert hier die Unsicherheit. Wie lange hĂ€lt die Krankenversorgung stand? Wie lange bleiben die BĂŒrger bereitwillig zu Hause? Wann, endlich, gibt es bessere Erkenntnisse ĂŒber Virus und Krankheit?

Was mir auffĂ€llt ist, dass die freiheitsliebenden Amerikaner diese Fremdbestimmung zulassen, dass Lösungen wie die 1.000-Dollar-Schecks ans Volk, die vor Wochen noch als Spinnerei abgetan worden wĂ€ren, plötzlich in beiden Parteien mehrheitsfĂ€hig sind. Wie der Staat und die Experten, von Trump so lange verĂ€chtlich gemacht, plötzlich gefragt sind. Das hat sich schon jetzt geĂ€ndert. Wie groß die Verwerfungen noch ausfallen werden, weiß niemand.

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