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Donald Trump und das Coronavirus: Sieben Tage, die die USA verändert haben

MEINUNGCorona-Krise  

Sieben Tage, die Amerika verändert haben

Donald Trump und das Coronavirus: Sieben Tage, die die USA verändert haben. Donald Trump: Die Coronavirus-Krise ängstigt die sonst so optimistischen Amerikaner. (Quelle: Reuters/Evan Vucci)

Donald Trump: Die Coronavirus-Krise ängstigt die sonst so optimistischen Amerikaner. (Quelle: Evan Vucci/Reuters)

In den USA schreitet die Coronavirus-Krise rasant voran: Alte Gewissheiten werden über Bord geworfen, die Zweifel am System steigen und der Präsident schwankt.

Guten Tag aus Washington,

das man in diesen Tagen kaum wieder erkennt. Grundzustand der Hauptstadt ist die Verstopfung, durch die sich der Verkehr im Schritttempo quält. Und nun: Freie Fahrt für unfreie Bürger.

Die Straßen leer, die Restaurants, Büros, Sehenswürdigkeiten dicht – und für mich nun auch das Weiße Haus. Ich erlebe viele der sonst so unerschrockenen Amerikaner besorgt, die Freiheitsliebenden in Fremdbestimmung, zumindest jene in den Städten: die Nachbarn in Washington, Freunde in New York, alte Bekannte in Kalifornien.

Von Ort zu Ort gibt es selbstverständlich Unterschiede: New York hat es viel schlimmer erwischt als andere Städte, an der Pazifikküste ist man alarmierter als im dünn besiedelten Oklahoma. Und manche Studenten wollen sich einfach nur durch den Spring Break in Florida saufen, als ob nichts wäre. Doch so viel kann ich Ihnen in diesen Zeiten der Unsicherheit mit Sicherheit sagen: Hinter uns liegt eine Woche, die Amerika verändert hat.

Der letzte Hauch Normalität

Freitag, 13. März: Donald Trump lädt in den Rosengarten des Weißen Hauses. Ein letzter Hauch von Normalität weht über den Rasen. Der Präsident verkündet zwar als Verwaltungsakt den Nationalen Notstand, doch er beginnt mit den Worten “Ein wunderschöner Tag im Rosengarten”, schüttelt den hinter ihm versammelten Firmenbossen und Experten fleißig die Hände, redet den Mangel an Corona-Tests im Lande ebenso klein wie seinen Kontakt zu Corona-Infizierten. Business as usual im Notstand: ein absurdes Schauspiel.

Und vor ihm: wir Korrespondenten, aneinandergepresst in engen Klappstuhlreihen. Social distancing wird als das Schlagwort der Krise gerade berühmt, doch wir versagen dabei. Während ich Trump aus Reihe drei lausche, habe ich kein gutes Gefühl und sage mir: Das ist mein vorerst letzter Besuch im Weißen Haus.

Pressekonferenz mit Donald Trump, Mike Pence: Abstandsregeln werden verletzt. (Quelle: AP/dpa/Alex Brandon)Pressekonferenz mit Donald Trump, Mike Pence: Abstandsregeln werden verletzt. (Quelle: Alex Brandon/AP/dpa)


Das Chaos an den Flughäfen

Samstag, 14. März: Um Mitternacht treten die Einreisebeschränkungen aus EU-Staaten in Kraft. An den Flughäfen Chicago, Dallas und Washington-Dulles bricht ein wahres Chaos aus. Einreisende US-Bürger berichten, dass sie vor dem Gespräch mit einem Grenzbeamten auf engstem Raum vier, sechs, acht Stunden ausharren mussten, Schulter an Schulter. Es ist also noch virusfreundlicher als im Weißen Haus. In Washington-Dulles gab es laut einer Augenzeugin eine eigene Schlange für bestätigte Corona-Fälle, räumlich nicht einmal getrennt von den anderen. Der Stand am Abend: 2.450 registrierte Fälle im Land.

Der Rettungsschuss

Sonntag, 15. März: Die Sicherheitsprotokolle im Weißen Haus ändern sich jetzt im Stundentakt: Erst wird beschlossen, bei Korrespondenten Fieber zu messen, bevor sie das Gebäude betreten. Dann wird der Sitzplan im engen Presseraum ausgedünnt: Jeder zweite Stuhl soll freibleiben. Schließlich die Ansage: Alle bis auf wenige Korrespondenten der großen US-Medien dürfen nicht mehr aufs Gelände. Am Abend probiert die US-Notenbank den Rettungsschuss für die US-Wirtschaft: Senkt überraschend den Leitzins auf praktisch Null, kauft massenhaft Anleihen – es ist das, was die Finanzexperten so gern “Bazooka” nennen. 

Interessieren Sie sich für US-Politik? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Die Studie, die zum Sinneswandel führt

Montag, 16. März: Der Rettungsschuss schlägt fehlt: die größten Börsenverluste seit dem “Schwarzen Montag” im Jahr 1987. Die Bürgermeisterin in Washington verkündet die Schließung von Restaurants (die allerdings noch Essen zum Mitnehmen herausgeben dürfen), Sportclubs, Kinos ab diesem Abend, 22 Uhr, auf unbestimmte Zeit. In New York bleiben die Schulen für sechs Wochen zu.

Vor dem Fernseher im Homeoffice kann ich meinen Ohren kaum trauen: In der nun täglichen Pressekonferenz warnt Trump erstmals eindringlich statt zu verharmlosen. Er empfiehlt den Amerikanern zu Hause zu bleiben, Versammlungen mit mehr als zehn Teilnehmern zu meiden. Die Corona-Beauftragte des Weißen Hauses, Dr. Deborah Birx, lässt anklingen, was zum Sinneswandel geführt haben könnte: eine Studie des Imperial College aus London, die den USA bei ausbleibenden Gegenmaßnahmen 2,2 Millionen Tote in Aussicht stellt.

Donald Trump, Deborah Birx: Am Montag wird im Weißen Haus ein neuer Ton angeschlagen. (Quelle: AP/dpa/Evan Vucci)Donald Trump, Deborah Birx: Am Montag wird im Weißen Haus ein neuer Ton angeschlagen. (Quelle: Evan Vucci/AP/dpa)

Abends schwenken auch Trumps Meinungsmacher bei Fox News um. Sean Hannity, der wochenlang mit Trump gemeinsam die Warnungen vor dem Virus als “Schwindel” der politischen Gegner verballhornt hatte, sagt nun: “Wir müssen die Ausbreitung verlangsamen.” 4.100 bekannte Fälle im Land.

Der TV-Star gibt den Amateur

Dienstag, 17. März: Wahltag! Aber einer, wie es ihn noch nie gab. Vorwahlen in Arizona, Florida und Illinois finden statt. Ohio überlegt es sich in letzter Minute noch anders: keine Vorwahl wegen Gesundheitsnotstand. Insbesondere in Illinois bricht Chaos aus, Wahlhelfer in zahlreichen Lokalen erscheinen nicht, offenbar aus Angst um ihre Gesundheit. Joe Biden triumphiert und hält seine Siegesrede aus seinem Wohnzimmer in Delaware – im zuckelnden Livestream geht jede Anmutung eines Wahltriumphs flöten. Völlig unklar, wann, wie und ob die Vorwahlen weitergehen. Spätabends sitzt in der “Late Show with Stephen Colbert” der Gastgeber an der Feuerstelle seines Privathauses und spricht seine Witze in eine Handykamera. Kein Studio am Broadway, kein Publikum, keine Lacher. Einer der größten TV-Stars der Nation mit einer Amateuraufnahme. Es ist der Abend, an dem Wackelbilder Amerikas Hochglanzinszenierungen ersetzen.

Verlassener Times Square in Manhattan: New York ist besonders stark betroffen. (Quelle: Reuters/Jeenah Moon)Verlassener Times Square in Manhattan: New York ist besonders stark betroffen. (Quelle: Jeenah Moon/Reuters)

Trump wähnt sich im Krieg

Mittwoch, 18. März: Trump wieder auf dem Podium im Weißen Haus. Er genießt diese Auftritte mittlerweile, erfindet sich als Kriegspräsident neu. Betont: Man sei im “Krieg” gegen einen “unsichtbaren Feind” beziehungsweise gegen das “chinesische Virus”. Den Kampf um die Wirtschaft führt er forscher als den um die Gesundheit seiner Bürger. Er will ein großes Rettungspaket in Höhe von einer Billion Dollar. Er mag runde Summen.

Die Zeit drängt: Die Arbeitslosenzahlen schießen bereits in die Höhe – hier ist man schneller entlassen als in Deutschland. Ein Ökonom von JP Morgan prophezeit eine heftige Rezession: minus 14 Prozent im zweiten Quartal. Der Kongress verabschiedet ein erstes Rettungspaket. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – gab es hier noch nicht flächendeckend. Kostenübernahme für Corona-Tests – wichtig für die Millionen Unversicherten. Sie sehen: Hier muss man erst einmal ganz grundsätzliche Probleme regeln.

Trumps größte Idee im Konjunkturpaket sind Schecks für jeden US-Bürger – direkt von der Regierung. Die Rede ist von zwei Überweisungen, zusammen rund 1.000 Dollar. Die Corona-Krise steht jetzt in einer Reihe mit 9/11 und der Finanzkrise von 2008. 7.700 bekannte Fälle im Land.

Es fehlt an allem

Donnerstag, 19. März: Aus New York meldet Bürgermeister De Blasio: Die medizinische Ausrüstung der Stadt reiche nur noch zwei bis drei Wochen. Ärzte und Verantwortliche aus dem ganzen Land klagen, es fehle an Masken, Schutzanzügen, Beatmungsgeräten – und immer, immer noch an Tests auf die Krankheit. 

Donald Trump beim täglichen Briefing der Coronavirus Taskforce im Weißen Haus. (Quelle: Reuters)Donald Trump beim täglichen Briefing der Coronavirus Taskforce im Weißen Haus. (Quelle: Reuters)

Trump, der Kriegspräsident, fällt auf dem Podium in die Rolle des obersten Nebelkerzenwerfers zurück: Keilt gegen die Medien, preist neue Medikamente, die freigegeben seien für die experimentelle Covid-19-Behandlung. Der Chef der Arzneimittelbehörde wagt auf dem Podium nicht explizit zu widersprechen, aber eine halbe Stunde später meldet seine Behörde: Medikament noch nicht freigegeben. Abends ordnet der Gouverneur von Kalifornien seinen 40 Millionen Bürgern an: Bleibt zu Hause! 11.700 bekannte Fälle im Land.

Was mich sorgt 

So habe ich die Woche erlebt, am Fernseher, am Telefon, auch ich in Heimarbeit. Mit Sorge sehe ich, wie die Kurve der bestätigten Fälle rasant ansteigt und dass die Gesundheitsbehörde darauf verweist, dass die Krankheit auch bei jungen Menschen einen schweren Verlauf nehmen kann.

Wie in Deutschland dominiert hier die Unsicherheit. Wie lange hält die Krankenversorgung stand? Wie lange bleiben die Bürger bereitwillig zu Hause? Wann, endlich, gibt es bessere Erkenntnisse über Virus und Krankheit?

Was mir auffällt ist, dass die freiheitsliebenden Amerikaner diese Fremdbestimmung zulassen, dass Lösungen wie die 1.000-Dollar-Schecks ans Volk, die vor Wochen noch als Spinnerei abgetan worden wären, plötzlich in beiden Parteien mehrheitsfähig sind. Wie der Staat und die Experten, von Trump so lange verächtlich gemacht, plötzlich gefragt sind. Das hat sich schon jetzt geändert. Wie groß die Verwerfungen noch ausfallen werden, weiß niemand.

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