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Nicht nur George Floyd: die unbekannten Opfer rassistischer Polizeigewalt


Wo war der Aufschrei, als diese Menschen getötet wurden?

Ein Kommentar von Neneh Sowe

Aktualisiert am 07.06.2020Lesedauer: 4 Min.
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Eine Demonstrantin in New York hält eine Portraitzeichnung hoch, die Breonna Taylor zeigt. Die 26-jährige Schwarze wurde rund zwei Monate vor George Floyd von Polizisten erschossen.
Eine Demonstrantin in New York hält eine Portraitzeichnung hoch, die Breonna Taylor zeigt. Die 26-jährige Schwarze wurde rund zwei Monate vor George Floyd von Polizisten erschossen. (Quelle: Spencer Platt / Getty Images/getty-images-bilder)
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Zwei Monate vor George Floyds Tod wurde die Krankenschwester Breonna Taylor von der Polizei erschossen. Auch sie war Afroamerikanerin, ebenso wie der Transgender-Mann Tony McDade, ein weiteres Opfer. Wo bleibt der Aufschrei?

George Floyds gewaltsamer Tod hat weltweit Proteste gegen Rassismus und Polizeibrutalität ausgelöst. Viele weiße Menschen fingen an sich mit Rassismus zu beschäftigen, "Justice for George Floyd" war überall zu lesen. Die "Black Lives Matter"-Bewegungen verbreiteten sich international, ebenso wie zahlreiche Kampagnen und Petitionen zur Unterstützung der Hinterbliebenen Floyds.


Proteste gegen Polizeigewalt in Minneapolis

In den USA, insbesondere in Minneapolis, ist es nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd im Mai 2020 zu heftigen Ausschreitungen gekommen.
Demonstranten entzündeten mehrere Brände – unter anderem in einem Polizeigebäude.
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Gehen wir ein Stück in die Vergangenheit: Rund zwei Monate vor Floyds Tod, am 13. März 2020, erschossen Polizisten in Zivil die 26-jährige Schwarze Rettungssanitäterin Breonna Taylor. Sie hatten ihr Haus ohne Ankündigung gestürmt, Taylor und ihr Freund hielten die Polizisten für Einbrecher und wollten sich wehren. Die Polizisten feuerten los. Acht Schüsse töteten Taylor. Am Freitag wäre sie 27 Jahre alt geworden.

Der Hashtag #SayHerName fordert: Sagt ihren Namen

Es brauchte mehr als zwei Monate und den Fall George Floyd, bis Menschen auch für ihren Tod auf die Straßen gingen. Die verantwortlichen Polizisten wurden nicht verhaftet, doch immerhin wurde der Fall jetzt erneut aufgenommen. Es gibt vergleichsweise wenige Petitionen zur finanziellen Unterstützung für Taylors Hinterbliebene. Um im Internet auf Taylors Tod aufmerksam zu machen, nutzen seit Kurzem insbesondere Schwarze Frauen den Hashtag #SayHerName.

Auch der Tod des Schwarzen Trans-Mannes Tony McDade ging unter. Er wurde am 27. Mai, zwei Tage nach dem Tod Floyds, in Florida von der Polizei erschossen. Laut der Human Rights Campaign (HRC) ist er allein in diesem Jahr die zwölfte Transgender-Person, die in den USA getötet wurde. In Deutschland hörte man kaum davon.


Hätten die Tode von Taylor und McDade überhaupt Aufmerksamkeit bekommen, wenn "Black Lives Matter" weltweit nicht so präsent gewesen wäre? Wären dann überhaupt Nachforschungen angestellt worden?

Zeichnungen von Eric Garner und Breonna Taylor bei einem Protest in New York. Sie waren nur zwei von vielen Schwarzen Opfern rassistischer Polizeigewalt
Zeichnungen von Eric Garner und Breonna Taylor bei einem Protest in New York. Sie waren nur zwei von vielen Schwarzen Opfern rassistischer Polizeigewalt. (Quelle: imago-images-bilder)

Das dröhnende Schweigen ist bezeichnend

Bei polizeilichen Kontrollen sind Schwarze Frauen und queere Personen (also Schwule und Lesben, trans- und intergeschlechtliche Personen) mindestens genauso von rassistischen Vorurteilen betroffen wie Schwarze Männer. Schwarze Frauen werden beispielsweise öfter bei Verkehrskontrollen von der Straße gezogen als weiße Frauen und erfahren ebenfalls brutale Polizeigewalt. Und die äußert sich neben Rassismus auch durch sexuellen Missbrauch oder sexuelle Belästigung durch Polizeibeamte.

Das dröhnende Schweigen über die Tode von Breonna Taylor und Tony McDade ist bezeichnend. Es ist die Fortsetzung eines jahrelang andauernden Problems in politischen Bewegungen und Organisationen. Schwarze Frauen und queere Personen werden zu oft ignoriert. Ihre Erfahrungen mit Polizeigewalt und ihr unermüdlicher Einsatz für soziale Gerechtigkeit werden oft außer Acht gelassen. Medien und Politik beachten sie nur wenig.

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Rassismus und Polizeigewalt gibt es auch in Deutschland

Dieses Phänomen ist global und nicht nur in den USA vorhanden. In Deutschland kennen vermutlich einige den Namen von Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle getötet wurde. Ein paar Menschen kennen vielleicht auch den Namen Adichi John. Er starb 2001 durch gewaltsame Brechmittelzufuhr durch die Polizei. Im letzten Jahr starb außerdem Tonou Mbobda, nachdem er in Hamburg von Sicherheitskräften zu Boden gedrückt worden war.

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Die Medien berichteten nicht so ausführlich darüber. Die Verantwortlichen wurden bis heute nicht mit ihren Taten konfrontiert. Was aber ist mit Mareame N’Deye Sarr? Was ist mit Christy Schwundeck? Schwarze Frauen, die in Deutschland lebten und ebenfalls durch Polizeigewalt starben. Die wenigsten kennen ihre Namen. Und das sind nur zwei offiziell bekannte Fälle.

Mareame N’Deye Sarr wurde 2001 auf offener Straße von einem Polizisten erschossen. Christy Schwundeck starb 2011 in einem Jobcenter, erschossen durch eine Polizistin. Beide Verfahren wurden trotz Unstimmigkeiten eingestellt. Schwarze Frauen sind es, für die kaum jemand auf die Straße geht. Schwarze Frauen, deren Tode ungesehen und ungehört bleiben.

Ein Demo-Schild in München, auf dem George Floyd und Oury Jalloh zu sehen sind.
Ein Demo-Schild in München, auf dem George Floyd und Oury Jalloh zu sehen sind. (Quelle: Sachelle Babbar/imago-images-bilder)

Schwarze Frauen gründeten die "Black Lives Matter"-Bewegung

Dabei sind es oft Schwarze Frauen, die an der Front stehen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen und sich für die Community einsetzen. Wie beispielsweise Patrisse Cullors, Alicia Garza und Opal Tometi. Nach dem Freispruch des Polizisten, der 2013 den Schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss, riefen sie die "Black Lives Matter"-Bewegung in den USA ins Leben. Ja, sie sind die Begründerinnen des Spruches, der gerade um die Welt geht!

Alle drei Gründerinnen betonten besonders die Wichtigkeit der Leben von Schwarzen Frauen und trans Personen. Diejenigen also, die in früheren Freiheitskampf-Gruppierungen unterdrückt oder komplett ausgeschlossen wurden. Das Problem ist, dass politische Bewegungen immer noch dazu neigen nur ein Gesicht als Aushängeschild der Bewegung zu haben. In den Köpfen von vielen Menschen ist dieses Gesicht immer noch das eines heterosexuellen Mannes.

Junge Teilnehmerinnen einer "Black Lives Matter"-Kundgebung in Kalifornien sind sichtlich bewegt, als Sprecher über Todesfälle durch rassistische Polizeigewalt berichten.
Junge Teilnehmerinnen einer "Black Lives Matter"-Kundgebung in Kalifornien sind sichtlich bewegt, als Sprecher über Todesfälle durch rassistische Polizeigewalt berichten. (Quelle: dpa-bilder)

Schwarze Leben zählen – doch nicht alle sind mitgemeint

Diese Vorstellung zieht sich auch durch die Botschaft, die von der Masse kommuniziert wird. Wenn wir "Black Lives Matter" rufen, sind nicht alle Schwarzen Leben mitgemeint. Es gibt immer noch Leben, die nicht mitgedacht werden, weil sie als weniger wert angesehen werden. Dies sind meistens Schwarze queere Menschen. Wann werden ihr Verlust und ihr Tod für die Massen zählen? Wo bleiben die große Solidarität und Unterstützung auch innerhalb der Community, wenn sie sterben oder Ungerechtigkeit erfahren? Wir alle müssen verstehen, dass Rassismus genauso wie Sexismus und Homofeindlichkeit zusammenspielen. Ohne dieses Verständnis kann sich nichts verändern.

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Es geht nicht darum, einen Tod und eine Geschichte gegen die anderen aufzuwiegen. Es geht darum, die Geschichte zu vervollständigen. Alle Menschen der Bewegung und alle, die sich solidarisieren, müssen die Polizeigewalt an Schwarzen Frauen und queeren Menschen ebenso mitdenken und dagegen kämpfen wie sie es bei Schwarzen Männern tun. All Black Lives Matter. Sagt auch ihre Namen!

Zur Autorin: Neneh Sowe ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkten Rassismuskritik und Musik. Als Schwarze Frau in Deutschland ist sie Teil verschiedener politischer Vereine und Organisationen von Schwarzen Menschen in Deutschland.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • New York Times: Here’s What You Need to Know About Breonna Taylor’s Death
  • USA Today: Breonna Taylor shooting: What to know about the FBI, Louisville police investigations
  • Tagesspiegel: Empörung über erneute Polizeigewalt in den USA
  • Rolling Stone: Another Black Man, Tony McDade, Was Shot and Killed by Police Last Week
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Von Bastian Brauns, Washington
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