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Ostdeutschland: Wieso fühlen sich junge Menschen wie "Ossis"?


Ihr habt mich zum Ossi gemacht

Von Tom Schmidtgen

Aktualisiert am 04.10.2023Lesedauer: 5 Min.
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Ein Kind sitzt vor einem Plattenbau (Symbolbild): Für viele wird die Herkunft wichtiger. (Quelle: Thomas Eisenhuth/dpa)

Wir feiern 33 Jahre Einheit. Ich bin 27 Jahre alt, im Osten geboren und aufgewachsen, habe die Mauer aber nicht erlebt. Und doch fühle ich mich wie viele in meiner Generation ostdeutsch. Wie kann das sein?

In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, war Deutschland seit sechs Jahren wiedervereinigt. Ich habe keine Mauer erlebt, die zwei deutsche Staaten trennte, war nie Jungpionier, kenne nicht den Kurs von D-Mark zu Mark der DDR. Aber ich bin ein Kind von Ostdeutschen, die all das kannten. Und ich fühle mich selbst ostdeutsch.

Dieses Gefühl teilen viele meiner Altersgenossen, die im Osten Deutschlands geboren und aufgewachsen sind. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung hat 2019 ergeben, dass sich 77 Prozent der damals 18- bis 29-jährigen Ostdeutschen gegenüber den Westdeutschen ungerecht behandelt fühlen, im Westen denkt das nur die Hälfte. Und zwei Drittel widersprechen der Aussage, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man aus dem Osten oder dem Westen kommt.

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Woher kommt dieses Gefühl bei der Nachwendegeneration? Ein Erklärungsversuch.

Ich bin in Dresden aufgewachsen und knapp 20 Jahre lang dachte ich, dass Ost und West überholte Kategorien sind, die keine Rolle mehr spielen. Bei uns blühten ja doch die Landschaften, die Dresdner Frauenkirche wurde wieder aufgebaut und wir hatten viel. Dann zog ich für das Studium in den tiefen Westen, nach Köln, und wurde zum Ossi gemacht.

Plötzlich sollte ich erklären, warum der Osten so ist, wie er ist, ob bei uns wirklich Dunkeldeutschland ist, warum ich nicht "so komisch" rede wie ein Sachse. Ossis, die auf Wessis treffen, werden auch heute noch mit den verrücktesten Stereotypen konfrontiert. Das ist oft nicht böse gemeint, aber es trifft einen schon.

Diese ständige Konfrontation hat etwas ausgelöst. Nina Kummer, 26 Jahre alt und von der Chemnitzer Band Blond sagt in einer aktuellen ARD-Dokumentation: "Alle werden immer gebasht dafür, dass sie im Osten leben". Dann hieße es "die blöden Ossis und so", sagt Kummer. "Es ist auch ein bisschen geil, wenn man sich manchmal sagt: Ja, es ist geil."

Das Gefühl kenne ich auch: Plötzlich war ich gezwungen, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, mit der DDR, mit den alten Geschichten meiner Familie, die immer da waren, die ich als Jugendlicher aber eher belächelt habe. Da sind die Erzählungen, wie das Leben in einem Staat funktionierte, in dem es an allem mangelte – und wie sie versucht haben, damit umzugehen. Es gibt Geschichten, wie die Stasi und die SED versuchten, Leute anzuwerben.

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Aber es gibt auch die schönen Erinnerungen: Wanderurlaube mit Übernachtungen im Zelt, günstige Neubauwohnungen, Frauen in Arbeit. Die Wiedervereinigung war auch die erste gelungene und friedliche Revolution in Deutschland. Die Forderung nach mehr Demokratie ging von den Ostdeutschen selbst aus.

All diese Erinnerungen waren immer da, kommen aber erst mit jeder Konfrontation hoch. Oft fühle ich mich in einer Verteidigungshaltung: Wir müssen die Errungenschaften und Identitäten unserer Eltern und Großeltern vor Gleichaltrigen rechtfertigen.

 
 
 
 
 
 
 

Viele meiner westdeutschen Bekannten kennen diese Geschichten gar nicht. Wenn man ehrlich ist, wissen viele bis heute praktisch nichts über die DDR und das Alltagsleben. Westdeutsche mussten sich damit in der Regel nicht beschäftigen – und haben es auch nicht getan.

Dazu kommt noch etwas anderes, was ich als das Platzen der Wohlfühlblase beschreiben würde. 2014 gründete sich in Dresden Pegida, die AfD zog erstmals in den Sächsischen Landtag ein. Seitdem gibt es für die Partei nur noch eine Richtung: Die Umfragewerte steigen und steigen. In den neuesten Umfragen kommt die AfD in Sachsen auf 35 Prozent, in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg auf 32 Prozent, in Sachsen-Anhalt immer noch auf 29 Prozent.

Die Zeit vorher erlebe ich im Rückblick als eher unpolitisch, auch als träge und zäh. Aber es ging den meisten doch irgendwie gut. Doch plötzlich war ein Teil der Ostdeutschen auf den Straßen. Wir jungen Menschen wurden gezwungen, uns zu verhalten. Wir wurden politisiert.

Und wir stießen in dieser Politisierung auf die vielen Ungleichheiten, die es bis heute zwischen Ost und West gibt – und die sich mit nichts anderem erklären lassen als mit struktureller Benachteiligung. Ein paar Beispiele:

  • Im Osten verdient man bis heute weniger Geld. Im vergangenen Jahr war das durchschnittliche Jahresbruttogehalt im Osten 13.000 Euro geringer als im Westen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor, die die Linksfraktion im Bundestag angefragt hat.
  • Die Wochenarbeitszeit ist bei vielen Ostdeutschen höher als bei westdeutschen Kollegen. In der Metall- und Elektroindustrie beispielsweise sind im Westen 35 Stunden Standard, im Osten 38 Stunden.
  • Im Osten gibt es weniger zu vererben. Unsere Elterngeneration konnte sich weniger Vermögen aufbauen. In Westdeutschland werden etwa siebenmal so viele Einfamilienhäuser und achtzehnmal so viele Eigentumswohnungen vererbt wie im Osten. Bei nur jedem dritten Erbfall im Osten wird überhaupt eine Immobilie vererbt, im Westen bei der Hälfte. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge und von Empirica.
  • Ostdeutsche schaffen es seltener in Führungspositionen. Nur 12,2 Prozent der Führungspositionen in Politik, Wirtschaft, Medien, Justiz und Wissenschaft sind mit gebürtigen Ostdeutschen besetzt – bei einem Anteil an der Bevölkerung von knapp zwanzig Prozent. Das geht aus dem Elitenmonitor hervor, den der Ostbeauftragte Carsten Schneider (SPD) vor zwei Wochen vorstellte. In Schneiders Bericht zum Stand der deutschen Einheit heißt es: "So besitzen Ostdeutsche, unabhängig davon, ob nach Wohn- oder Geburtsort definiert, welcher Generation sie angehören, oder ob sie sich selbst so verstehen, eine geringere Chance, in Elitepositionen aufzusteigen."

Dazu ließen sich noch viele weitere Beispiele finden. Über allen steht die Frage: Wie kann es sein, dass ich, nach der Wiedervereinigung im Osten geboren, gänzlich andere Voraussetzungen im Leben habe als jemand, der in Münster, Stuttgart oder Kiel geboren ist?

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Erst im Vergleich fällt auf, dass wir viel weniger haben als die anderen. Im Westen haben viele Familien ein Zweithaus im Ausland am Meer. In meiner Jugend war ich froh über jeden Urlaub an der Ostsee.

Das soll keine Neiddebatte eröffnen. Aber die Unterschiede zeigen doch, wie ungleich wir nach 33 Jahren der Einheit immer noch sind, wie Stereotype nie weg waren und vielleicht sogar noch stärker werden. Und wie der Rechtsruck im Osten zu einer neuen Politisierung der Jugend geführt hat.

All diese Reibungen haben mich zum Ossi gemacht. Der Westen hat mich zum Ossi gemacht.

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtung
  • otto-brenner-stiftung.de: "Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?"
  • ardmediathek.de: "Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen"
  • wahlrecht.de: "Landtagswahlumfragen"
  • zeit.de: "Menschen in Ostdeutschland verdienen im Jahr rund 13.000 Euro weniger"
  • igmetall.de: "35-Stunden-Woche jetzt auch bei Siemens Energy im Osten"
  • empirica-institut.de: "Erben in Deutschland 2015 – 2024: Volumen, Verteilung und Verwendung"
  • ostbeauftragter.de: "Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen: Auf dem richtigen Weg"
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