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#MeToo-Debatte nimmt in Deutschland Fahrt auf

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#MeToo in Deutschland  

"Sexuelle Belästigung galt lange als Kavaliersdelikt"

15.01.2018, 14:21 Uhr | Rüdiger Schmitz-Normann, Lars Wienand, t-online.de

 #MeToo-Debatte nimmt in Deutschland Fahrt auf. Hans-Werner Meyer: Der 53-Jährige arbeitet seit 1990 als Schauspieler und gehört zu den Gründern der Schauspieler-Verbandes BFFS.  (Quelle: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert)

Hans-Werner Meyer: Der 53-Jährige arbeitet seit 1990 als Schauspieler und gehört zu den Gründern des Schauspieler-Verbandes BFFS. (Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Nach den öffentlichen Vorwürfen gegen Starregisseur Dieter Wedel nimmt die #MeToo-Debatte auch in Deutschland Fahrt auf. Der Vize-Chef des Bundesverbands Schauspiel, Hans-Werner Meyer, spricht über sexuellen Missbrauch und Castings unter vier Augen. 

t-online.de: Herr Meyer, das Thema #MeToo ist derzeit in aller Munde. Bei den Golden Globes trugen die meisten Stars schwarze Garderobe als Zeichen gegen sexuelle Belästigung und für Geschlechtergerechtigkeit. Wäre das auch bei einer Gala in Deutschland vorstellbar und wünschenswert?

Hans-Werner Meyer: Ich halte normalerweise nicht so viel von Symbolpolitik, aber diese Aktion fand ich sinnvoll. Die Gefahr, die ich am Anfang der #MeToo-Debatte gesehen habe, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt: Dass nämlich das Thema so schnell aus der medialen Öffentlichkeit verschwindet, wie es gekommen ist. Und die Opfer wieder allein sind mit ihren Problemen. Einfach kopieren sollte man diese Form des Protestes aber nicht. Die Debatte hat hier eine eigene Dynamik und auch eigene Inhalte. Form und Inhalt eines Protestes müssen zusammenpassen, sonst hat er keine Wirkung.

Wann wurde Ihnen als Vorstand des Bundesverbands Schauspiel, in dem 3.000 deutsche Schauspieler organisiert sind, zum ersten Mal bewusst, dass #MeToo ein großes Thema ist?

Zunächst hat es mich überrascht. Am Tag, als die Affäre Weinstein bekannt wurde, tagte der Vorstand des BFFS und war mit anderen Themen befasst. Im ersten Moment schien es sich um die Fehltritte einer einzelnen Person in Hollywood zu handeln. Es wurde dann aber schnell klar, dass es um mehr als einen amerikanischen Einzelfall geht. Von da ab waren wir als Berufsverband natürlich mit der Thematik befasst.

Was bei Weinstein nach und nach bekannt wurde, ist teilweise unglaublich. Sind die Zustände in Deutschland ähnlich?

Ich glaube, in den USA hat das noch einmal andere Ausmaße – aber für die Betroffenen ist es egal, wie groß die Ausmaße des Skandals sind. Sexueller Missbrauch und Belästigung sind sexueller Missbrauch und Belästigung. Das gibt es hier genauso. Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, ob sie zur Polizei gehen sollen oder zum Therapeuten. Sie müssen in irgendeiner Form unterstützt werden. 

Deshalb ruft Ihr Verband eine Beschwerdestelle für alle Schauspielerinnen und Schauspieler ins Leben.

Nicht nur für Schauspieler, sondern für alle, die in der Branche arbeiten. Das war lange überfällig. Ironischerweise hätten wir ohne den Weinstein-Skandal wohl nicht den nötigen Rückenwind dafür gehabt. Jeder Betrieb muss eine solche Beschwerdestelle haben, das schreibt das Gesetz vor. Aber in unserer Branche werden Produktionsgesellschaften für ein Projekt gegründet, dann wieder aufgelöst – oder die Belegschaft wechselt mit jedem Projekt.

Weil es zudem viele kleine Firmen gibt, die das gar nicht leisten können, brauchen wir eben diese überbetriebliche Beschwerdestelle. Als ersten Schritt haben wir auf der Seite unseres Verbandes schon mal eine Rubrik eingerichtet, auf der Kolleginnen und Kollegen, die belästigt oder diskriminiert wurden, ihre Geschichte anonym schildern können. Sie heißt "Unter-der-Gürtellinie".

Im Schauspiel, das ja oft auch ein Spiel mit den Tabus ist, fällt die Grenzziehung zwischen erlaubt und nicht erlaubt vielleicht etwas schwerer als in der Bankenbranche oder in der Politik. 

Nicht die Grenzziehung ist das Problem, sondern der Machtmissbrauch. Als Schauspielerin und Schauspieler ist man eigentlich immer in einer Bewerbungssituation, ganz besonders natürlich am Anfang der Karriere. Man ist bereit, alles für die Rolle zu geben, die man unbedingt spielen will, die einen weiterbringen kann. Man geht bis an die Grenze und darüber hinaus. Wir arbeiten mit Emotionen und Extremen. Das ist sehr leicht auszunutzen.

Darum brauchen wir jetzt einen Verhaltenskodex, was in einer Casting-Situation, am Set, bei Proben in Ordnung ist und was nicht. Wenn der Regisseur bei einem Casting unter vier Augen plötzlich sagt: "Zieh dich aus!", was machst du dann? Dann bist du erst mal überrumpelt und denkst vielleicht, wenn ich das nicht mache, bekomme ich den Job nicht und überhaupt, als Schauspieler darf mir nichts peinlich sein. Und so kann es weitergehen. Dann definierst plötzlich nicht mehr du deine Grenzen, sondern jemand anders, weil er seine Macht über dich missbraucht.

Glauben Sie, dass es das kreative Arbeiten Ihrer Branche erschwert, wenn alles, was als Missgriff gedeutet werden kann, auch gemeldet werden kann?

Ich glaube nicht, dass es die Atmosphäre vergiften wird, wenn man anständig miteinander umgeht. Das sollte eigentlich jedem ein Anliegen sein – auch in einer kreativen Branche, in der es immer wieder um Grenzüberschreitung geht. Gerade da. Denn man kann sich nur öffnen, wenn man vertrauen kann. Es gibt meines Wissens nach keinen direkten Zusammenhang zwischen schlechtem Verhalten und guten Ergebnissen.

Was passiert, nachdem sich jemand beschwert hat?

Dasselbe, was bei jeder betrieblichen Beschwerdestelle passiert. Glücklicherweise müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Es wird hoffentlich eine fachgerechte Beratung geben, dem Vorwurf wird auf den Grund gegangen, und die Arbeitgeber sind verpflichtet, zu kooperieren. 

Wann kann die Beschwerdestelle ihre Arbeit aufnehmen?

Es hat bisher zwei Treffen mit den anderen Filmverbänden und der Produzentenallianz gegeben. Demnächst treffen wir uns mit dem Bundesministerium für Kultur und Medien, das auch daran interessiert ist. Dann werden die Fachleute diese Beschwerdestelle nach dem Leitfaden gründen, den die Antidiskriminierungsstelle für solche Fälle vorgesehen hat.

Für welche Art von Beschwerden ist die Stelle gedacht?

Für sexistische und rassistische Diskriminierung, sexuelle Belästigung, sexuellen Missbrauch und für jede sonstige Art der Diskriminierung.

Ist Rassismus in der Kulturszene ein großes Thema?

Es ist ein Thema wie überall. Rassismus ist in unserer Gesellschaft nach wie vor tief verwurzelt, warum sollte die Kulturszene davon ausgenommen sein? Als weißer, hier geborener Schauspieler bekommt man das nicht so mit – aber reden Sie mal mit den schwarzen Kolleginnen und Kollegen!

Ist die Gefahr von zu sexuellem Missbrauch und Belästigungen in der Branche auch deshalb hoch, weil Darsteller es oft wirtschaftlich schwer haben?

Dass die überwiegende Mehrheit der Schauspieler nicht im Geld schwimmt, ist bekannt. Laut einer von uns in Auftrag gegebenen BEMA-Studie verdienen 70 Prozent unter 30.000 Euro, 60 Prozent sogar unter 20.000 Euro im Jahr. Aber ums Geld geht es nicht. Es geht immer um alles, um die nächste Rolle, um Präsenz. Nur wer präsent ist, wird besetzt. Es geht, kurz gesagt, um unsere Arbeit.

Und so ein Machtmissbrauch kann sehr subtil ablaufen: "Wenn du nicht willst, weiß ich nicht, ob ich noch mit dir arbeiten kann." Diesen Satz haben viele Schauspielerinnen schon gehört. Das ist vielleicht keine Vergewaltigung, aber Nötigung – und fatal in einem Metier, in dem die Arbeit eine große Intimität und damit Öffnung erfordert.

Ist es gut, dass die Schauspielerinnen im Fall Wedel an die Öffentlichkeit gegangen sind?

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie oft Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen, vor Gericht zum zweiten Mal zum Opfer gemacht werden, wie ihnen immer wieder eine Mitschuld an der Vergewaltigung angedichtet wird, wie dann Aussage gegen Aussage steht und der Täter am Ende doch nicht zur Rechenschaft gezogen wird, dann ist es für mich nachvollziehbar, wenn Kolleginnen, denen so etwas nach eigenem Bekunden passiert ist, an die Öffentlichkeit gehen. Gerade in einer Situation, in der diese auf das Thema sensibilisiert ist.

Auf der anderen Seite hat der Fall Kachelmann gezeigt, wie schnell ein Leben auch bei einem Freispruch zerstört werden kann. Nach #MeToo-Vorwürfen in den USA verloren einige Menschen ihre Jobs – unabhängig von einer Prüfung. 

Darum ist es ja so wichtig, dass durch die Einrichtung einer Beschwerdestelle das Ganze in institutionelle Bahnen geleitet wird. Keine Betroffene und kein Betroffener sollte gezwungen sein, an die Öffentlichkeit zu gehen, um gehört zu werden. Der öffentliche Pranger ist nicht das geeignete Instrument, um über Schuld und Strafe der Täter zu urteilen. Das sollte Aufgabe der Justiz bleiben. Da haben auch die Medien eine Verantwortung, ihrer Informationspflicht trotz Quotendrucks mit der nötigen journalistischen Sorgfalt nachzukommen. 

Die #MeToo-Kampagne hat in Deutschland mit dazu beigetragen, dass wir in der Filmbranche nun übergreifend bereit sind, uns für nachhaltige Veränderungen und Verbesserungen einzusetzen und damit vielleicht auch ein Stück weit einen Kulturwandel voranzutreiben.

Oprah Winfrey versprühte bei den Golden Globes Euphorie, dass jetzt neue Zeiten anbrechen. Sehen Sie das auch so?

Ich hoffe es. Es ist spürbar, dass dieser längst überfällige Kulturwechsel tatsächlich stattfindet. Natürlich war es nie akzeptabel, Leute sexuell zu belästigen oder gar zu vergewaltigen. Aber lange Zeit war es doch so, dass gerade in unserer Branche zwar nicht Vergewaltigung, aber fast jede andere Art von sexueller Belästigung als eine Art Kavaliersdelikt gesehen wurde – mit dem man geradezu prahlen konnte, das dem Ruf eher nützte als schadete.

Einer, der viele Frauen hatte oder sie alle reihenweise kriegt, galt als besonders männlich. Dieses Bewusstsein verändert sich gerade, auch durch den Generationswechsel. Ich glaube, dass die jungen Männer und Frauen, die jetzt nach oben kommen, ein neues Bewusstsein haben.

Die #MeToo-Bewegung ist kürzlich in Frankreich von Frauen angegriffen worden, mit Schauspielerin Catherine Deneuve und Schriftstellerin Catherine Millet an der Spitze. "Hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt", sagen sie.

Natürlich ist es das nicht. Aber darum geht es ja auch nicht. Auch nicht um die bisweilen kuriosen Auswüchse der #MeToo-Debatte, wenn etwa jemand fordert, das Märchen "Dornröschen" zu verbieten, weil der Prinz die Prinzessin nicht fragt, bevor er sie küsst. Es gibt immer Verrückte, die sich in die unwichtigen Aspekte einer solchen Bewegung verrennen. Die #MeToo-Debatte hat einen historischen Wert als Initialzündung für einen Kulturwandel, der sexuelle Belästigung endlich gesellschaftlich ächtet – und von dem Schleier heimlicher Bewunderung befreit.

Quelle:
– eigene Recherchen

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