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Fall der Berliner Mauer: Erinnerungen eines West-Berliner Schülers

So erlebte ich (damals 10) in West-Berlin die historischen Ereignisse  

Eine Brücke in Zehlendorf als ewige Erinnerung an den Mauerfall

09.11.2014, 12:27 Uhr | t-online.de, dpa

Fall der Berliner Mauer: Erinnerungen eines West-Berliner Schülers . Links die Knesebeckbrücke zwischen Berlin und Teltow im Jahr 1980, rechts im Jahr 2014. (Fotos: M. Jödicke/B. Schlichting)

Links die Knesebeckbrücke zwischen Berlin und Teltow im Jahr 1980, rechts im Jahr 2014. (Fotos: M. Jödicke/B. Schlichting)

Von Sebastian Schlichting

Ende September 1989, ein Sonntag. Ich bin mit meiner Familie am Teltowkanal. In Zehlendorf, im Südwesten West-Berlins. Rechts von uns die seit Jahrzehnten nicht passierbare Knesebeckbrücke. Vor uns das Wasser, dahinter die Mauer, Menschen sind nicht zu sehen. "Das", sagt meine Mutter und zeigt über den Kanal, "ist Teltow. Aber damit wirst Du in deinem Leben nicht viel zu tun haben."

So dachte in West-Berlin damals die große Mehrheit. Man hatte sich längst damit abgefunden und arrangiert, dass die Stadt in alle Richtungen an der Mauer endete. 28 Jahre lang.

Fußball und offene Mauer

Gut sechs Wochen später. 9. November, ein Donnerstagabend. Bei uns läuft wie so häufig Fußball, DFB-Pokal, VfB Stuttgart gegen Bayern München. Per Laufband wird mitgeteilt, dass die Mauer offen sei. Nach dem Spiel kommen in der ARD Bilder, in denen Menschen auf der Mauer stehen. Die Besonderheit des Augenblicks erschließt sich sogar mir als Zehnjährigem.

Mit Worten wie Sektorengrenze oder Vier-Mächte-Status konnte ich bis dahin nicht viel anfangen. Doch selbst für mich war es schon Normalität, dass die S-Bahn mehrere Stationen ausließ, wenn ich durch den Nord-Süd-Tunnel zum Tischtennis-Training ins Leistungszentrum in den Wedding fuhr. Die dunklen sogenannten Geisterbahnhöfe in Ost-Berlin waren gruselig, aber auch spannend. Und ich wusste, dass ein Urlaub mit dem Auto nach 15 Minuten Fahrt für unbestimmte Zeit endete. Manchmal für Stunden. Am Grenzübergang Dreilinden.

Sechs Grenzübertritte in 24 Stunden

Und auch das war in meiner Familie Normalität: Mein Onkel, der in Bremen wohnte, war 1988 beim Europapokalspiel von Werder beim BFC Dynamo in Ost-Berlin gewesen, inklusive Besuch bei der Familie im Westteil der Stadt vor und nach dem Spiel. Das machte insgesamt sechs Grenzkontrollen in etwas mehr als 24 Stunden für ein deutsch-deutsches Fußballspiel.

Am Tag eins nach der Maueröffnung ist für mich ganz normal Schule. Eigentlich. Statt Mathe oder Deutsch ist die offene Grenze das alleinige Thema. Viele meiner Mitschüler wissen davon noch nichts. Ich habe einen Informationsvorsprung, da ich bereits als Grundschüler zu Zeiten Fußball – und damit am Vorabend auch die Berichterstattung über die offene Mauer – gucken durfte, in denen Zehnjährige normalerweise im Bett liegen.

Glienicker Brücke unerreichbar

Abends hat meine Mutter eine Idee: Auf zur Glienicker Brücke, einem der Symbole für den Kalten Krieg. Sie ist - anders als die Knesebeckbrücke - bereits an diesem Tag geöffnet worden. Wir schaffen ungefähr zwei Kilometer. Im sonst so ruhigen Zehlendorf herrscht Ausnahmezustand. West-Berliner, die zur Brücke wollen, stauen sich zusammen mit Potsdamern, die nach einem ersten Ausflug auf dem Rückweg sind. So endet unser Trip vorzeitig. Immerhin gibt es noch Döner für die ganze Familie.

Samstag, der 11. November, ist ein Tag, auf den ich mich seit Wochen gefreut hatte. Hertha BSC in der 2. Bundesliga gegen Wattenscheid 09, ein Spitzenspiel. Und ich mit einem Schulfreund im Stadion. So der Plan vor dem 9. November. Nun aber werden mehrere Zehntausend Zuschauer aus der DDR erwartet, die zum ersten Mal seit dem Mauerbau Hertha im Stadion sehen können. Letztlich werden 50.000 Fans dabei sein. Das halten meine Eltern dann doch nicht für die geeignete Umgebung für zwei Fünftklässler.

Tausende an der Grenze

Stattdessen fahren wir zu Bekannten nach Spandau, die etwa 50 Meter von der Grenze entfernt im siebten Stock wohnen. Der Blick auf die am Abend taghell erleuchteten Grenzanlagen und die totale Finsternis dahinter hatte mich davor immer fasziniert. Nun sind dort Tausende von Menschen und klopfen kleine Stücke aus der Mauer. Nach dem gescheiterten Ausflug zur Glienicker Brücke gibt es jetzt doch noch Weltgeschichte zum Anfassen.

Der 9. November und seine Folgen sind auch danach überall zu spüren. Mit meiner Schulklasse bin ich Mitte November bei der Eröffnung eines Grenzübergangs in Lichterfelde. Menschen allen Alters aus Berlin-West schlagen den ankommenden Trabbis zur Begrüßung mit der flachen Hand aufs Dach. Allseits Freude und gute Laune. Wir bekommen von unserer Lehrerin Orangen zum Verteilen in die Hand gedrückt. Heute wirkt das auf mich absurd, 1989 im Taumel der kollektiven Begeisterung war es normal.

"Brücken schmieden Eintracht und Frieden"

Im Juni 1990 wird als vorletzter Grenzübergang in Berlin die Knesebeckbrücke geöffnet. Es gibt dort einen Gedenkstein mit der Inschrift "23.6.1990. Brücken schmieden Eintracht und Frieden! Teltow - Zehlendorf". Für meine Eltern ist Teltow inzwischen seit vielen Jahren erste Anlaufstelle zum Einkaufen oder Essen gehen. Auch ich bin ungezählte Male über die Brücke gefahren. Noch heute denke ich jedes Mal beim Überqueren an den Sonntag Ende September 1989. Als ich mit meiner Familie an der Mauer am Teltowkanal stand. 

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