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  • Klimakrise und der "├ľko-Islam": "Die Energiewende steht schon im Koran"


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"Die Energiewende steht schon im Koran"

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 20.09.2019Lesedauer: 5 Min.
M├╝llsammler in Aceh, Indonesien: Die islamische Welt ist schon heute von Umweltproblemen betroffen.
M├╝llsammler in Aceh, Indonesien: Die islamische Welt ist schon heute von Umweltproblemen betroffen. (Quelle: imago-images-bilder)
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Deutschland steht diese Woche im Zeichen des Klimaschutzes. Und was machen die Muslime? Unsere Kolumnistin wei├č es: Der Schutz der Umwelt steht schon im Koran.

Morgen soll die Welt gerettet werden. Die Fridays-for-Future-Bewegung ruft zur internationalen Gro├čdemo auf und das Klimakabinett der Bundesregierung fasst seine Beschl├╝sse. Seit Wochen geistern verschiedene Vorstellungen durch den Raum, was alles getan werden k├Ânnte ÔÇô vom baldigen Kohleausstieg ├╝ber CO2-Bepreisung bis zum Neubau von Lades├Ąulen f├╝r Elektroautos. Es ist schwer, den ├ťberblick zu behalten, noch schwerer, die einzelnen Vorschl├Ąge hinsichtlich ihres Nutzens, ihrer Effizienz und Nachhaltigkeit einzusch├Ątzen.

Doch unabh├Ąngig von der Komplexit├Ąt des Themas ver├Ąndern die Diskussionen dar├╝ber bereits unsere Gesellschaft. Selbst das Auto scheint inzwischen den Weg vom Fetisch zum Hassobjekt der Deutschen einzuschlagen. W├Ąhrend mancher SUV-Besitzer sich bereits fragt, ob es noch richtig ist, so ein gro├čes Auto zu fahren, sehen sich andere bereits versch├Ąmt um, ob Nachbarn sie beobachten, wenn sie zum Br├Âtchenkauf ihren Zweitonner wie einen Audi Q8 starten.

Steigende Temperaturen und die Pilgerreise nach Mekka

Der Papst prangerte j├╝ngst mit ungew├Âhnlich deutlichen Worten Naturzerst├Ârung und Raubbau an. "Man muss die Umwelt verteidigen, die Biodiversit├Ąt, die unser Leben ist. Den Sauerstoff, der unser Leben ist!", sagte Franziskus. Im britischen "Guardian" appellierte die muslimische Kolumnistin Remona Aly: Es sei Zeit f├╝r Muslime, der Klimabewegung beizutreten. Die steigenden Temperaturen in Saudi-Arabien gef├Ąhrdeten die muslimische Pilgerfahrt nach Mekka, argumentierte sie.

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Man muss gar nicht so lange warten. Die islamische Welt ist l├Ąngt von Umweltzerst├Ârung und -verschmutzung massiv betroffen. Indonesien versinkt in Abfallbergen, Saudi-Arabien und die anderen Golfstaaten f├╝hren die Listen der CO2-Emissionen pro Kopf an. Angesichts dessen gibt es bereits einige laute Stimmen, die zur Umkehr aufrufen ÔÇô und das schon l├Ąnger. Vor vier Jahren wurde in Istanbul eine "Islamische Erkl├Ąrung zum Klimawandel" verabschiedet.

Marokkos K├Ânig zum Beispiel versucht, die Energiewende in seinem Land voranzutreiben. Fazlun Khalid gr├╝ndete 1994 in Gro├čbritannien die "Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences" (IFEES). Der Philosoph und Theologe Seyyed Hossein Nasr fordert in zahlreichen Schriften die Vorstellungen einer anthropozentrischen Weltordnung heraus und stellt ihr das kosmologische Gleichgewicht aus Flora, Fauna, Mensch und dem Rest der Sch├Âpfung gegen├╝ber.

Weltweit engagieren sich Musliminnen und Muslime f├╝r die Umwelt. Sie verbreiten die Idee des "├ľko-Islams", verweisen auf die Verankerung des Themas im Koran, und sprechen von einer "gr├╝nen Religion", die die Gl├Ąubigen zu einem harmonischen Leben mit der Natur anleitet. Es gibt sogar Workshops zu Koran und Klima. "Liest man zwischen den Zeilen, stehen die Gebote der Energiewende schon im Koran", sagte ein Seminarleiter in Marokko der Journalistin Susanne G├Âtze f├╝r das Portal "klimafakten.de".

Auch in Deutschland denken muslimische Menschen laut ├╝ber Umwelt- und Tierschutzfragen nach. Eine der prominentesten Stimmen ist die Autorin Hilal Sezgin. Der Liberal-Islamische Bund lud zum Opferfest in den Wald, um M├╝ll einzusammeln und die Natur zu sch├╝tzen, statt Teile daraus zu opfern.

Autorin Hilal Sezgin: Unter deutschen Muslimen wird laut ├╝ber Umwelt- und Klimaschutz nachgedacht. (Archivbild)
Autorin Hilal Sezgin: Unter deutschen Muslimen wird laut ├╝ber Umwelt- und Klimaschutz nachgedacht. (Archivbild) (Quelle: imago-images-bilder)

Dennoch muss man insgesamt konstatieren: Eine breite Bewegung unter deutschen Muslimen gibt es bislang nicht. Aufrufe zur Teilnahme an den Fridays-for-Future-Demos sind mir nicht bekannt. Im organisierten Islam in Deutschland spielt Umwelt nur am Rande eine Rolle, etwa beim deutschen Ableger der umstrittenen G├╝len-Bewegung, die an diesem Wochenende ein Forum f├╝r Jugendliche zum Thema Umwelt- und Klimaschutz in Berlin veranstaltet.

Dabei sind die Ans├Ątze f├╝r eine islamische Umweltethik schon Jahrhunderte alt. Themen, die Umwelt-, Natur- und Tierschutz ber├╝hren, werden von Muslimen seit dem Mittelalter in der Literatur verhandelt. Heutige Umweltaktivisten k├Ânnten zum Beispiel auf die Schriften der Lauteren Br├╝der von Basra (Ikhw├ón al-saf├óÔÇÖ), einem Kollektiv anonymer Philosophen vor dem 10. Jahrhundert, zur├╝ckgreifen; oder auf die kosmologischen und naturphilosophischen ├ťberlegungen bei Ibn Sina alias Avicenna; auf die humangeografischen Erkenntnisse von Abu l-Hassan al-Mas┬┤udi oder die fr├╝hen Gedanken zur Evolution des Universalgelehrten Abu l-Raih├ón al-Bir├╗n├« oder des Ethikers Miskawaih, die den Einfluss der Umwelt auf Lebewesen und ihre graduelle Weiterentwicklung erkannt hatten. Ankn├╝pfungspunkte finden sich zudem in der wunderbaren arabischen Naturdichtung, die Fl├╝ssen, Auen, W├╝sten, Blumen, Tieren mit detailreichen und ausgefeilten Beschreibungen schon vor dem Islam poetische Denkm├Ąler gesetzt hat.

S├╝ndhaftes Verhalten

Der Koran lehrt nach Auffassung der meisten Theologinnen und Theologen, dass jedes Leben beseelt ist und in seiner Existenz Gott lobpreist; manche Gelehrte behaupten das sogar ├╝ber unbelebte Materie. Dadurch wird eine direkte Beziehung zwischen Gott und allem "Erschaffenen" postuliert. Greift der Mensch in diese Beziehung ein, also vernichtet er W├Ąlder, verpestet er das Klima, qu├Ąlt er Tiere, verm├╝llt er den Weltraum, pfuscht er folglich ins Werk des Sch├Âpfers. Ein s├╝ndhaftes Verhalten. ├ähnliches l├Ąsst sich aus dem Verst├Ąndnis von Bergen, T├Ąlern, Ebenen, Meeren als Zeichen Gottes ableiten, deren Bewahrung eine gottesdienstliche Handlung darstellt.

Und schlie├člich ist der Mensch laut Koran als Statthalter Gottes (khal├«fa-Gedanke) eingesetzt und somit zum H├╝ter der Erde bestimmt worden (etwa Sure 2:30). So lassen sich zahlreiche Koranverse heute in Richtung Umwelt- und Naturschutz auslegen.

Solche Vorstellungen werden durch Erz├Ąhlungen etwa vom Propheten Salomo (koranisch Sulaim├ón) best├Ątigt. Salomo verstand die Sprache der Tiere und lie├č seine Armee anhalten, um ein Ameisenvolk nicht zu gef├Ąhrden. Ein anderer Bericht sieht in der nickenden Kopfbewegung des Wiedehopfs einen Akt des Gotteslobs.

Fischer vor Sansibar, Tansania: Im Koran ist der Schutz der Umwelt als Prinzip verankert. (Archivbild)
Fischer vor Sansibar, Tansania: Im Koran ist der Schutz der Umwelt als Prinzip verankert. (Archivbild) (Quelle: imago-images-bilder)

Die wohl ber├╝hmteste ├ťberlieferung ├╝ber den Propheten Muhammad in diesem Zusammenhang prangert die Verschwendung an. Muhammad beobachtete demnach einen Mann, der sich an einem Fluss wusch, um sich f├╝r das rituelle Gebet vorzubereiten. Als der Mann das benutzte Wasser achtlos ans Ufer sch├╝ttete, tadelte er ihn und hielt ihn an, das Wasser wieder in den Fluss zu gie├čen, statt es zu vergeuden.

Wenn nun Imame bei ihren Freitagspredigten von Schleswig-Holstein bis Bayern dazu aufriefen, Klima und Umwelt zu sch├╝tzen, w├Ąre das als zus├Ątzlicher Motivationsfaktor gewiss hilfreich. Fazlun Khalid zufolge gelang es, Fischer auf Sansibar mithilfe des Korans davon abzubringen, Dynamit in die Korallenriffe zu werfen; dazu waren sie ├╝bergegangen, um angesichts der ├ťberfischung noch die letzten Best├Ąnde zu erbeuten. Weil andere Umweltsch├╝tzer hier zuvor gescheitert waren, versuchte es Khalid mit der ├ťberlegung: Wenn sie schon nicht staatlichen Vorgaben folgen, dann vielleicht Gottes Geboten.

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Ob man sich jedoch auf die Religion versteifen sollte, um das Umweltbewusstsein zu sch├Ąrfen, darf bezweifelt werden. Der Schutz des eigenen Lebensraums muss ein Ergebnis der Vernunft sein, nicht blo├č religi├Âser Gebote. Denn sollte der Glaube mal nachlassen oder sich jemand ganz vom Islam abwenden, wird er dann wieder zum Umwelts├╝nder?

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionsp├Ądagogin, Publizistin und Gr├╝nderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universit├Ąt Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch hei├čt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie k├Ânnen unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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