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Kolumne: Flucht aus Syrien – "In die Realität geschleudert"

MEINUNGFlucht aus Syrien  

"In die Realität geschleudert"

Von Lamya Kaddor

26.02.2020, 18:36 Uhr
15-köpfige Familie aus Syrien lebt jetzt in einer Höhle

Das meiste mussten sie zurücklassen, auf ihrer Flucht vor dem Krieg, weg aus ihrer Heimatstadt Idlib. Jetzt leben Mohamad Hamudah und seine Familie in einer Höhle nahe der türkische Grenze. (Quelle: t-online.de)

Sie flohen vor dem Krieg: Aufnahmen zeigen eindrücklich, wie die 15-köpfige Familie in einer Höhle nahe der türkischen Grenze lebt. (Quelle: t-online.de)


Kriege sind für Deutsche weit weg. Lange war das auch für t-online.de-Kolumnistin Lamya Kaddor so. Doch die Realität hat sie eingeholt. Das Leiden und Sterben Tausender ist in ihrer Familie angekommen. 

Ich bin eine von Euch, eine von Ihnen. Für mich sind Krieg, Bomben, Granatsplitter, Folter ganz weit weg gewesen. Geboren in Ahlen hatte ich eine unbeschwerte, schöne Kindheit zwischen Spielplätzen, Feld, Wald und Wiesen im schönen Westfalen. Besuchte später dort das Gymnasium, spielte nahezu jeden Tag Stunde um Stunde Basketball, hatte meine Nebenjobs und ging schließlich zum Studieren nach Münster. Krieg, das war immer ganz woanders: in Vietnam, im Libanon, in Nicaragua, auf den Falklandinseln, in Israel, Jugoslawien etc. Tote und Verstümmelte durch Folter, Häuserkampf, Panzerbeschuss, Luftangriffe… ganz schlimm… aber auch ganz weit weg.

Es ist ein schöner Traum, den wir hier in Deutschland seit 75 Jahren leben. Wir und unsere Eltern sind vermutlich die ersten und einzigen Generationen, die hierzulande niemals einen Krieg bewusst miterlebt haben. Doch mit dem Wechsel der Generationen scheinen die Erinnerungen an die Grausamkeiten solcher Erfahrungen zu schwinden und mit den Jahren die Bilder zu verblassen.   

Leider bin ich eine derjenigen Deutschen geworden, die gezwungenermaßen mit der Realität konfrontiert wurden, die erfahren mussten, wie unvermittelt ein Krieg selbst im sicheren Deutschland peu à peu näher kommen kann. Ausgesucht habe ich es mir nicht, lange habe ich mich innerlich dagegen gewehrt, wollte das Thema aus Sicherheitsgründen von mir und meiner Familie fernhalten, so gut es geht. Doch der Krieg ist unbarmherzig und ließ mir keine Chance: Mein Vater verlor zuerst sein Bein, als er zwischen seinen geliebten Olivenbäumen übers Land spazieren ging und zum Kollateralschaden eines Luftangriffs wurde, später dann sein Leben, als junge Männer – verroht durch Krieg und Entbehrung, ausgeschlossen von vernünftiger Schulbildung und perspektivlos in die Zukunft blickend – ihn überfielen, ausraubten, quälten und umbrachten. 

"Als hätte man mir ein Stück Identität aus dem Leib gerissen"

Schon zuvor hatte ich Familienmitglieder in Syrien durch den Bürgerkrieg und dessen Umstände verloren. Doch wenn der Krieg zum eigenen Vater kommt, bleiben nicht mehr viele Schritte übrig. Ich liebte es als Kind zu beobachten, wie mein Papa seine Bäume bewässerte, prüfend anschaute, zum Baumschnitt hineinstieg und mir manchmal einen besonders schönen Olivenzweig herunterholte. Er war dabei einfach glücklich. Und ich war es ebenso. Der Ölbaum war seine Bestimmung und er ist es nach seiner Auswanderung nach Deutschland immer geblieben. Am Ende hat der verdammte Krieg sein Glück jäh zerstört. „Mach dir keine Sorgen, meine Tochter“, hatte er selbst nach Kriegsbeginn stets zu mir gesagt, wenn das Heimweh ihn zu sehr schmerzte und er nach Syrien fahren musste, um nach seinen Angehörigen zu sehen: „Ich bin ein alter Mann und für niemanden eine Gefahr, was soll mir schon passieren…“

Ich wünsche niemandem, derart hart aus seinem Traum gerissen und in die Realität geschleudert zu werden. 2009 war ich das letzte Mal in Syrien, da war noch alles so wie gehabt, so wie ich es aus vielen Besuchen in meiner Kindheit und Jugend kannte. Wie in Ahlen hatte ich im Land meiner Eltern eine unbeschwerte Zeit. Auf Feldern und Wiesen in der heißen Sonne und auf Dachterrassen in warmen, sternenklaren Sommernächten. Auf einmal ist all das weg. Ausradiert. Ausgelöscht. Die Erinnerungsorte meiner Kindheit und Jugend existieren nicht mehr. Das, was einmal das Dorfleben meiner Eltern und ein paar hundert anderer Menschen ausgemacht hat, ist heute zu einer Kleinstadt, ach was, zu einer Großstadt geworden, mit Zehntausenden von Vertriebenen und Flüchtlingen aus dem ganzen Land, aus Aleppo und dem nahegelegenen Idlib. Dort, wo ich einst mit meinen Cousins und Cousinen, Onkeln, Tanten, Großeltern und Freunden gemeinsame Stunden verbrachte, vegetieren jetzt Familien und bangen um ihr Leben. Das Idyll, das ich in Erinnerung habe, ist weg und wird nicht mehr wiederkommen. Es ist, als hätte man mir ein Stück Identität brutal aus dem Leib gerissen, als fehle jetzt ein Teil von mir. Verzweifelte Sehnsucht ist an die Stelle jener Gedanken getreten, die mir bis zum Ausbruch des Kriegs Freude und Unbekümmertheit vermittelt hatten.  

Kinder tragen bei Minusgraden keine Schuhe

Meine Familie in Syrien lebt an der Grenze zur Türkei. Im letzten noch verbliebenen Teil, den Staatschef Assad und seine Truppen noch nicht zurückerobert haben. „Lamya, wir brauchen Eure Hilfe!“ Diesen Hilferuf schickte mir jüngst mein Cousin Muhammad. Noch nie seit Beginn des Krieges hatte mich ein Familienmitglied aus Syrien so direkt um Hilfe gebeten. Und er tat es nicht für sich, er hat einen Job, sondern er tat es für die vielen Geflüchteten, die in „unser“ Dorf geströmt sind, um Schutz zu finden. Weiter erzählte er mir von der Situation im Norden Syriens: „Hierher sind so viele Menschen wieder geflohen, sie wissen aber nicht, wohin mit sich. Sie schlafen bei null Grad Celsius unter den Olivenbäumen und erfrieren. Hier erfrieren ganze Familien, vor allem aber Kinder. Ein Liter Dieselöl kostet inzwischen einen Dollar. Diese armen Menschen haben nichts, um sich zu wärmen. Es fehlt an Essen, Decken, Zelten – diese Menschen haben nichts. Sie kommen mit vollbepackten Pick-ups mit ihrem letzten Hab und Gut aus Idlib und sitzen alle auf der Straße.“ Muhammad schickte mir Fotos und ich sah darauf kleine Kinder, jünger als meine eigenen, mit nackten Füßen bei Minusgraden auf Mauern spielen und über den steinigen, roten Lehmboden laufen. Mit einem Mal tauchten Bilder vor meinem geistigen Auge auf: Ich sehe mich selbst als Kind während eines Urlaubs dort spielen und höre meine Mutter, wie sie mir zuruft: „Lamya, zieh dir Schuhe an, du verletzt dich noch an den Felsbrocken.“ Muhammad fragte mich ganz direkt: „Lamya, kannst Du was spenden, um den Menschen zu helfen? Kennst Du Leute, die uns helfen können und wollen, um den Geflüchteten vor Ort zu helfen?“ 

Ohne lange zu überlegen, entschloss ich mich, einen Spendenaufruf zu starten. Wenn schon die Politik seit Jahren keine Lösungen für diesen Krieg und die Menschen zustande bringen kann, muss man eben privat versuchen zu helfen. Viele andere machen das schon seit Jahren. Nun bin ich offenbar an der Reihe. 

Das Mindeste: Aufmerksamkeit für das Leiden

Mein Vertrauen in die internationale Politik ist über die vergangenen Jahre auf einen Tiefpunkt gesunken, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. 14 europäische Außenminister haben hier einen Appell auf t-online.de gestartet. Das ist grundsätzlich begrüßenswert – sie verschaffen zumindest weitere Aufmerksamkeit für den massenhaften Tod und das Leiden der Syrerinnen und Syrer zwischen Assads Truppen, russischen Soldaten, iranischen Milizen, türkischen Truppen, westlichen Bomben und islamistischen Terrorgruppen; die Menschen im Jemen, im Südsudan und anderen Kriegs- und Konfliktgebieten bekommen nicht einmal das: Aufmerksamkeit.  

Dass inzwischen so viele Menschen aus Syrien in Europa sind, ist ebenfalls ein Ergebnis der Versäumnisse europäischer Außenpolitik. Ich hoffe, dass die Politik wenigstens aus den Erfahrungen in Syrien lernt und dieselben Fehler in Zukunft nicht wiederholt. Manchmal muss man in der Außenpolitik beherzt und konsequent an einen Konflikt herangehen. Friedenskonferenzen, Appelle, warme Worte mögen zwar gut gemeint sein, aber sie können das Leid auch verlängern und damit verschlimmern.

Meine Erfahrungen in Bezug auf Syrien treiben mich an, noch mehr dafür einzutreten, Frieden zu bewahren und jene zu stellen, die Hass und Hetze verbreiten. Gerade auch hierzulande, wo jüngst die inzwischen verhafteten Männer um den mutmaßlichen Rechtsterroristen „Teutonico“ versuchen wollten, bürgerkriegsähnliche Zustände zu provozieren und es damit den islamistischen Terroristen gleichzutun. Dagegen können und müssen wir uns mit aller Macht gemeinsam stemmen – und dabei politische Erwägungen auch mal außen vor lassen.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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