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Virologe Christian Drosten entsetzt: "Es gab zwei weitere Angriffe auf mich"

Podcast zum Coronavirus  

Drosten: "Müssen unsere Strategie ändern"

28.05.2020, 21:37 Uhr | t-online.de, joh

Virologe Christian Drosten entsetzt: "Es gab zwei weitere Angriffe auf mich". Christian Drosten: Regelmäßig informiert der Virologe im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" über die Pandemie-Lage in Deutschland. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)

Christian Drosten: Regelmäßig informiert der Virologe im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" über die Pandemie-Lage in Deutschland. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

In der aktuellen Podcastfolge des NDR hat Virologe Christian Drosten wieder über neue Erkenntnisse zur Corona-Pandemie gesprochen. Er geht aber auch noch einmal auf den Eklat mit der "Bild"-Zeitung ein.

Der Virologe Christian Drosten hat in der aktuellen Folge seines NDR-Podcasts über die Corona-Situation in Deutschland ein stärkeres Augenmerk auf sogenannte "Superspreader" gefordert. In diesem Zusammenhang machte er sich auch für eine neue Strategie im Umgang mit der Pandemie stark. Auch auf die Auseinandersetzung mit der "Bild"-Zeitung ging er noch einmal ein.

"Es gab zwei weitere Angriffe auf mich"

Das Boulevardblatt hatte den Berliner Virologen zu Beginn der Woche heftig attackiert und ihm fragwürdige Methoden sowie unsaubere Arbeit vorgeworfen. Drosten konterte, indem er die Anfrage der Zeitung öffentlich machte, in der ihm kaum Zeit für eine Stellungnahme eingeräumt wurde. Die "Bild" wurde für Form aber auch Inhalt der Berichterstattung scharf kritisiert. Alle zitierten Wissenschaftler distanzierten sich in der Folge von dem Blatt.

In seinem Podcast sprach Drosten nun von "zwei weiteren Angriffen" auf seine Person. So habe die "Bild"-Zeitung einen angesehenen Kollegen zitiert, der die Studie kritisierte. "Er hat mit Entsetzen festgestellt, was da in den Medien passiert. Das war nie seine Intention", so der Virologe. Der Kollege David Spiegelhalter habe sich inzwischen davon distanziert und bei Drosten entschuldigt.
 

 
Zudem hätten Journalisten verschiedener Zeitungen Kooperationspartner des Virologen versucht anzurufen und sie "komisch konfrontiert", erzählte Drosten. Auch eine Diskussion zur Studie im Rahmen einer Videokonferenz eines Forschungskonsortiums sei fälschlicherweise als Auseinandersetzung beschrieben worden. "Das ist so natürlich keine gute Geschichte für eine Zeitung, die etwas Dramatisches erzählen will", sagte Christian Drosten.

Der Koordinator des Forschungskonsortiums habe nach der Überrumpelung durch einen Journalisten hinterher geschrieben, dass er seine Aussagen zurückrufe. "So etwas darf eine Zeitung dann nicht benutzen, das haben sie aber trotzdem getan." Man könne auf gar keinen Fall sagen, dass die Studie nicht stimme. Sie stehe auch ohne Statistik für sich allein. Es werde nun aber noch einmal aufgearbeitet und eine neue Version soll online erscheinen, kündigte Drosten an. Das werde dann zeigen, dass gerade die frühsymptomatischen Kinder, die in Haushaltskontaktstudien getestet wurden, genauso hohe Viruslasten wie Erwachsene zeigen würden.

Überdispersion statt Superspreading

Welche Bedeutung haben Superspreader? Welche Bedingungen braucht das Virus, um sich schnell von einem auf mehrere Menschen zu verbreiten? Diesen Fragen stellte sich Virologe Drosten im weiteren Verlauf. Beim Superspreading handele es sich eher um einen Hilfsbegriff. Richtig sei Überdispersion. Die Ungleichheit sei der Punkt: Wenige Leute infizieren viele andere, die meisten infizieren aber nur wenige bis gar keine anderen. Überdispersion meine also dieses Ungleichgewicht, in der Folge komme es dann zu diesen "Superspreading-Events".

Drosten geht in der Erklärung auf den Dispersionsfaktor K ein. Je kleiner dieser Wert also sei, desto größer sei das Ungleichgewicht in der Verteilung des Virus. Bei Sars sei der Faktor 0,1. 73 Prozent der Sars-Infizierten hätten also weniger als einen Folgefall angesteckt. Sechs Prozent hätten allerdings mehr als acht angesteckt. "Das hat die Epidemie am Leben erhalten", erklärt Drosten im Podcast.

Unterschiede zu Sars erschweren Kontrolle

Bei Sars sei es zu einer Verbreitung gekommen, wenn sich das Virus in der Lunge befunden habe. Bei Covid-19 sei das anders. Ende Januar habe es den "fundamentalen Neubefund gegeben", der sich auch bewahrheitet habe, dass dieses Virus in den oberen Atemwegen repliziert. Schon vor Symptombeginn sei das neue Coronavirus deshalb auch infektiös. "Alle haben gedacht, die Dispersion ist nicht so groß." Den epidemiologischen Vorteil, den es dadurch beim Sars-Virus gegeben habe, "werden wir hier nicht ausspielen können".

Drosten erklärt weiter: Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass einer nur einen anderen ansteckt. Die Gefahr eines exponentiellen Ausbruchs sei allerdings dennoch gegeben. Denn wenn beispielsweise von einer Gruppe von 10 Menschen einer dabei sei, der zehn weitere ansteckt, verdopple und verdreifache sich die Ausbreitung sehr schnell.

Die Kontrollierbarkeit von Infizierten spielt weiter eine enorm wichtige Rolle. Wenn man wisse, welcher Mensch ein hohes Infektionsrisiko habe und eben viele andere anstecken könnte, könne man die Pandemie schneller in den Griff bekommen, erklärt Drosten. Ein Superspreader sei nicht nur deshalb so infektiös, weil er beispielsweise mehr Viruslast als andere hat, obwohl auch das möglich ist. Die Gelegenheit des "Superspreading" in seinem sozialen Umfeld sei wichtig, wo sich viele infizieren können. "Wenn man diese sozialen Situationen abschafft, dann schafft man auch die Superspreading-Events ab."

In einer Studie aus den USA, Kanada und Australien werden vier Kategorien für Superspreading-Events genannt:

  • Gelegenheiten (Chor, Kreuzfahrtschiff)
  • Permanente Örtlichkeiten (Arbeitsbedingungen, Schlachthöfe, Unterbringung im Wohnheim)
  • Sozialverhalten (bei vielen Kontakten, in vielen Gruppen/Vereinen aktiv)
  • Biologische Gründe (individuelle Faktoren)

Drosten geht im Podcast auf mehrere aktuelle Studien ein, die sich mit der Verbreitung des Virus beschäftigen. So habe ein Wissenschaftler untersucht, wie sich die Isolation eines Falls auswirke. Die wichtigste Beobachtung: Wird ein Fall zu spät erkannt, macht es das sogenannte erstellte Cluster von Infizierten nicht größer. "Das klingt erstmal positiv, als hätte man alle Zeit der Welt, ein Cluster zu isolieren", erklärt Drosten. Das sei so aber nicht gemeint. Selbst wenn man den Infizierten sofort isoliere, wäre das zu spät, weil die Übertragung schon laufe. Es gebe dann schon eine unbekannte Zahl von weiteren Infizierten.

Untersuchung auf Superspreading-Events im Umfeld extrem wichtig

Deshalb gebe es aus der Studie die Erkenntnis: Ist ein Fall entdeckt, müsse sofort die Umgebung untersucht werden, auf mögliche Superspreading-Events. Gab es eine solche Situation, müsse man alle sofort isolieren und nicht eine Diagnose abwarten. Drosten fordert deshalb, die Strategie im Kampf gegen das Virus zu ändern. Man müsse alle Menschen, die Kontakt hatten, als infektiös betrachten und zu Hause isolieren. "Die Entscheidung zur Isolierung muss sofort getroffen werden, ohne Ansicht des Diagnostikergebnisses." Anhand der neuen Datenlage könne man das so klar sagen.

Vor allem müsse man das auch in der Situation berücksichtigen, die nun zwangsläufig komme. Bei einem entdeckten Fall in Schulen und Kitas gebe es immer ein Cluster-Risiko. Cluster meint die Infektionsketten, die entstehen.

Drosten sieht glimpflichen Übergang in Herbst und Winter

Auch wenn es Lockerungen gebe – Events, die die Gefahr eines Superspreading bergen, seien nach wie vor untersagt. Das Risiko einer weiteren Ausbreitung des Virus sei dadurch gemindert. Drosten sieht deshalb gute Chancen, auch ohne einen Impfstoff glimpflich in den Herbst und in den Winter zu kommen – "ohne eine tödliche neue zweite Welle". Es müsse nun aber genau geschaut werden, wie die getroffenen Lockerungen und bestehenden Maßnahmen nachjustiert werden.

Verwendete Quellen:

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