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Vor Corona-Gipfel: Was Bayerns Hotspots über Lockdown in Deutschland lehren

Maßnahmen starteten hier früher  

Bayerns Hotspots zeigen, was der Teil-Lockdown bringen kann

15.11.2020, 11:36 Uhr
Corona-Zahlen in einstigem Hotspot Berchtesgadener Land sinken nach hartem Lockdown

Auch bundesweit hat der Anstieg der Infektionszahlen sich zwar abgeflacht. Von einer Wende kann aber noch keine Rede sein.

Bayern: Die Bürger und der zuständige Landrat sprechen über den frühen Teil-Lockdown in den Hotspots. (Quelle: Reuters)


Zwei bayerische Landkreise sind schon länger im Teil-Lockdown. Sie zeigen, warum es diesen Winter viel Geduld braucht – und, wieso das Ziel der Bundesregierung zu ambitioniert sein könnte.

Noch bevor sich ganz Deutschland Anfang November an einen neuen Teil-Lockdown gewöhnen musste, war er in zwei bayerischen Landkreisen schon Realität. Dort stiegen im Oktober die Zahlen so dramatisch, dass die Landesregierung regionale Lockdowns verhängte – im Berchtesgadener Land am 20. Oktober und sechs Tage später in Rottal-Inn.

Ein Blick auf die beiden Landkreise zeigt: Hier ist man noch deutlich von dem angestrebten Ziel entfernt. Zur Erinnerung: Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel soll möglichst eine Sieben-Tages-Inzidenz von 50 am Ende des bundesweiten Teil-Lockdowns stehen. Heißt: Nicht mehr als 50 Menschen pro 100.000 Einwohner dürfen sich innerhalb einer Woche infizieren. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder betonte, er halte an dem Ziel fest.
 

 
Nach knapp drei Wochen im Teil-Lockdown liegt dieser Wert in Rottal-Inn jedoch noch bei 152, im Berchtesgadener Land nach nunmehr fast vier Wochen bei 123. Auf die beiden Orte könnte auch geblickt werden, wenn sich am Montag Bundesregierung und Länderchefs zu einer Halbzeitbilanz des Teil-Lockdowns zusammenschalten. Denn sie zeigen, warum es in diesem Winter viel Geduld braucht. Und warum Merkels und Söders Ziel zu ambitioniert sein könnte.

Vorsprung macht sich in Rottal-Inn erst seit kurzem bemerkbar

Schon bevor Rottal-Inn am 26. Oktober in den Lockdown ging, galten dort strengere Maßnahmen als anderswo. Dieser Vorsprung, sagt Landratsamt-Sprecher Mathias Kempf, mache sich nun bemerkbar. Aber es dauert – lang. Seit einigen Tagen sinken die Zahlen konstant. Rottal-Inn liegt mittlerweile unter dem bayerischen Durchschnitt von 178.

Dennoch stecken sich hier noch immer viele Menschen an, mal 20, mal mehr als 30 am Tag. Eine richtige Erklärung dafür gibt Kempf nicht. Es gebe derzeit nicht den einen Hotspot, nicht den einen Bereich, in dem sich viele Menschen infizieren. "Unsere Hoffnung ist, dass das die Nachwirkungen der hohen Infektionszahlen sind", sagt Kempf, also Kontaktketten, die sich derzeit noch fortsetzen und irgendwann versiegen. 

Im Berchtesgadener Land ist man von den Maßnahmen überzeugt

Auch im Berchtesgadener Land sanken die Zahlen etwa zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns. Dort lag die Sieben-Tages-Inzidenz Ende Oktober noch bei 324, mittlerweile hat sich die Zahl mehr als halbiert. Das Landratsamt wertet das als großen Erfolg, auch wenn die aktuellen Zahlen noch sehr hoch sind: "Ohne die Maßnahmen wären wir längst bei einer Inzidenz von 500", sagt Sprecher Stefan Neiber.

Um seine Annahme zu stützen, verweist Neiber auf das Salzburger Land, den österreichischen Landkreis, mit dem sich das Berchtesgadener Land eine lange Grenze teilt. Dort seien die Zahlen im Oktober ähnlich hoch gewesen, der Lockdown in Österreich trat jedoch erst Anfang November in Kraft. Nun liegt die Inzidenz dort bei weit über 600.

"Um uns herum ist das Infektionsgeschehen richtig am toben", sagt Neiber. So erklärt er sich auch die noch immer hohe Neuinfektionsrate: "Es gibt viele Salzburger, die hier arbeiten und andersrum". Dieser Umstand bereite ihm Sorge, denn eine erneute Grenzschließung wünsche sich auf deutscher wie auf österreichischer Seite keiner.

Sieben-Tages-Inzidenz von 50 ist "ambitioniert"

Wie schnell aber ein Inzidenzwert von 50 erreicht werden kann? Er sei kein Virologe, sagt Neiber, aber ihm komme das Ziel doch sehr ambitioniert vor. Und auch Kempf aus Rottal-Inn sagt, die Frage könne nur ein Prophet sicher beantworten. Derzeit rechne der Landkreis damit, dass das Ziel an Weihnachten erreicht sein könnte. Zwei Monate nach Verhängung des Lockdowns.

Dafür müssten allerdings die Zahlen weiter stark sinken – und auch die Maßnahmen weitgehend in Kraft bleiben.

Darauf scheint sich auch die große Politik einzuschwören. Merkel sprach kürzlich von einem "harten Winter", der bevorstehe. In Nordrhein-Westfalen wurden die Weihnachtsferien verlängert. Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte am Freitag, es sei noch zu früh, die Auswirkungen zu bewerten. Bisher lasse sich beobachten, dass sich die Ausbreitung verlangsame. "Aber wir müssen runter. Da sind wir eben noch nicht, wo wir hinmüssen."

Kempf: Schlüssel zum Erfolg ist Kontaktnachverfolgung

Welche Maßnahmen in ihren Landkreisen am besten wirken, darauf wollen sich Kempf und Neiber nicht festlegen. Bevor die bundesweiten Maßnahmen in Kraft getreten sind, waren hier die Schulen und Kitas geschlossen, dafür waren Geschäfte wie Beauty-Salons geöffnet. Es sei aber noch zu früh, um das zu analysieren, meint Neiber vom Berchtesgadener Land.

Einen Rat möchte Kempf aus Rottal-Inn aber den anderen Regionen geben: Jeden Tag werden in seinem Landkreis die Infektionsketten nachvollzogen und die Kontaktpersonen informiert. "Das ist unser Schlüssel zum Erfolg", sagt Kempf. Dass Städte wie Berlin und Frankfurt am Main diese Strategie bereits aufgegeben haben und stattdessen ihre Nachverfolgung auf große Cluster beschränken, kommentiert er nicht direkt. Nur so viel: "Unsere Erfahrung ist eine andere".

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Telefonate mit Mathias Kempf und Stefan Neiber
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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