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Corona-Verschärfung zu spät? "Weihnachten kann ein Fest der Anarchie werden"

Corona-Verschärfung zu spät?  

"Weihnachten kann ein Fest der Anarchie werden"

23.11.2020, 19:58 Uhr
Corona-Verschärfung zu spät? "Weihnachten kann ein Fest der Anarchie werden" . Weihnachtsstimmung in der Bochumer Innenstadt: In diesem Jahr wird das Weihnachtsfest von der Corona-Pandemie bestimmt. (Archivbild) (Quelle: imago images/Ruppert Oberhäuser)

Weihnachtsstimmung in der Bochumer Innenstadt: In diesem Jahr wird das Weihnachtsfest von der Corona-Pandemie bestimmt. (Archivbild) (Quelle: Ruppert Oberhäuser/imago images)

Die täglichen Corona-Infektionen sind konstant hoch und in vier Wochen ist schon Weihnachten. Darf trotzdem gefeiert werden? t-online schätzt die Situation mit Experten ein.

Kann Weihnachten in diesem Jahr trotz anhaltend hoher Infektionszahlen wie gewohnt im Kreis der Familie stattfinden? Am Mittwoch wollen Bund und Länder über weitere Corona-Maßnahmen beraten. Bislang geht aus einem ersten Entwurf hervor, dass der Teil-Lockdown noch bis zum 20. Dezember verlängert werden soll. Auch Verschärfungen der Kontaktbeschränkungen und der Maskenpflicht sind im Gespräch.

Doch wird das reichen? t-online hat bei Experten nachgefragt, wie sie die Lage einschätzen und unter welchen Umständen ein relativ normales Weihnachtsfest überhaupt möglich sein kann. Sie sind teilweise skeptisch, sehen in einem Bereich großen Handlungsbedarf – und machen konkrete Vorschläge.

Neue Maßnahmen zu spät für Weihnachten? 

Wenig Hoffnung hat der Epidemiologe Markus Scholz von der Uni Leipzig. Er rät von großen Familienfeiern ab. "Die geltenden Maßnahmen reichen nicht aus, um die Infektionszahlen bis Weihnachten deutlich zu senken", sagt Scholz gegenüber t-online. "Um die Neuinfektionszahlen deutlicher abzusenken, müssten wesentlich gravierendere Maßnahmen ergriffen werden." Doch in Bezug auf Weihnachten sei es dafür schon (zu) spät. "Das hätte Anfang November geschehen müssen", sagt der Epidemiologe.

Eine sinnvolle zusätzliche Maßnahme könnte aber die Vorverlegung des Schulferienbeginns um eine Woche beziehungsweise die Beendigung des Präsenzunterrichtes eine Woche vor Weihnachten sein. Dadurch könne man Einträge aus Schulansteckungen in Familienweihnachtsfeiern vermeiden, schätzt der Experte. Doch dazu ist die Politik bislang nicht bereit gewesen.

Weitere Maßnahmen für Schulen sind auch im Hinblick auf Weihnachten eins der größten politischen Streitthemen. Im Vorfeld des Bund-Länder-Gipfels zeichnet sich in diesem Bereich noch keine gemeinsame Linie ab. Verantwortliche und Experten sehen aber großen Bedarf.

"Das ärgert viele Lehrkräfte"

Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, fordert, die Politik müsse noch mehr auf die Infektionszahlen an Schulen eingehen und stärker Verantwortung übernehmen. "Es gibt die Ansage, dass viel stärker in den Klassenzimmern gelüftet werden muss. Aber es fehlt dabei oft an Möglichkeiten und das ärgert im Moment auch viele Lehrkräfte", erklärt Hoffmann. Da müsse noch viel mehr von Ländern und Kommunen nachjustiert und ermöglicht werden.

In der Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern gebe es ebenfalls noch Ausbaubedarf. "Es ist einfach mehr Kommunikation nötig. Es kommt immer noch vor, dass es einen Corona-Fall in einer Klasse gibt, die anderen Schüler dann aber nicht von den Behörden nach Hause geschickt werden, sondern weiter in die Schule kommen", sagt die Bildungsexpertin.

"Schulen sollten den Druck rausnehmen"

"Fern- und auch Wechsel-Unterricht sollte kein Tabu mehr sein, Präsenzunterricht um jeden Preis passt nicht mehr in Zeiten steigender Infektionszahlen", schlägt sie zudem vor. Die Politik müsse dabei, vor allem im Hinblick auf das nahende Weihnachtsfest, auf regionale Unterschiede eingehen. Wo es mehr Ansteckungen gibt, sind auch strengere Maßnahmen erforderlich.

Weihnachten sei außerdem ein emotionales Fest und durch die Corona-Pandemie sei es derzeit enorm wichtig, auch auf die seelische Situation der Schüler einzugehen. Deshalb rät Hoffmann: "Schulen sollten den Freiraum bekommen, den Druck rauszunehmen und die Adventszeit ruhiger und besinnlicher zu gestalten. Das wird vielen helfen, mit der schwierigen Situation umzugehen."

Auch dem Deutschen Lehrerverband gehen die Corona-Maßnahmen an den Schulen nicht weit genug. Zu t-online sagte Heinz-Peter Meidinger Mitte November: "Ich halte vollständigen Präsenzunterricht dann für verantwortungslos, wenn in der jeweiligen Region die Infiziertenzahlen durch die Decke gehen und gleichzeitig an der Schule kein ausreichender Gesundheitsschutz geboten wird, also keine Abstandswahrung im Klassenzimmer und beispielsweise keine Raumluftfilteranlagen vorhanden sind, obwohl keine ausreichende Querlüftung möglich ist."

"Der Staat kann die Privatsphäre des Festes nicht kontrollieren"

Schüler und Lehrer schützen – das sollte ohnehin Priorität haben. Doch die Diskussion wird von der Angst um Weihnachten bestimmt. Warum das so ist, kann Jürgen Gerhards, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin, erklären. Das Familienfest habe in der Gesellschaft noch immer einen enorm hohen Stellenwert, sagt er t-online. "Die meisten Menschen wollen Weihnachten mit ihrer Familie verbringen. Das bedeutet, es gibt in dieser Zeit zwei große Probleme: die Anreise zur Familie und die gemeinsam verbrachte Zeit in der Familie."

Damit erhöhe sich die Infektionswahrscheinlichkeit, schätzt der Soziologe, "auch deshalb, weil niemand unter'm Weihnachtsbaum mit Maske sitzen wird." Die Politik sieht er im Dilemma. Denn: "Der Staat hat keine Zugriffsmöglichkeit auf die Privatsphäre des Festes und kann diese nicht kontrollieren. Die Politik kann sich mit Einschränkungen zu Weihnachten nur unbeliebt machen", sagt der Professor.

Weihnachten wird für die Parteien Deutschlands zunehmend zu einem geladenen Spannungsfeld, meint auch Politik-Experte Wolfgang Schroeder vom Wissenschaftszentrum Berlin. "Politiker wissen, dass es sich für die Bevölkerung wie ein Anschlag auf die Autonomie, auf ihre familiäre Existenz anfühlt", sagt er t-online. Dem entgegen steuern könne nur, wer transparent kommuniziert. "Es ist ja so: Im Moment schlagen zwei Herzen in der Brust der Politik. Zum einen das für den Schutz und die Fürsorge der Menschen, zum anderen das Herz für die Ermöglichung, Weihnachten zu feiern." Diesen Spannungsbogen könne man nicht ignorieren.

Politiker sollten in dieser Zeit ein großes Interesse daran haben, die Abwägung der Einschränkungen so transparent wie möglich zu machen. "Es müsste viel bildhafter, stringenter und transparenter offen gelegt werden, nach welchen Maßstäben die Corona-Lage im Hinblick auf Weihnachten beurteilt wird", so der Experte. Die möglichen Kommunikationswege, auch zwischen den Parteien, seien dabei noch nicht vollends ausgeschöpft.

"Weihnachten ist die ultimative Herausforderung"

Auch im Hinblick auf das Superwahljahr 2021 sei die Positionierung der Parteien derzeit so wichtig wie kaum je zuvor. "Weihnachten ist da die ultimative Herausforderung." Es sei ja inzwischen schon bekannt, dass es in der Vergangenheit vor allem bei Festen zu mehrfachen Ansteckungen gekommen sei. Das könne man bei der Entscheidungsfindung, wie mit Weihnachten umgegangen werden kann, nicht außen vor lassen. 

Schroeder empfindet es als klugen Schachzug, den Teil-Lockdown womöglich noch bis zum 20. Dezember aufrecht zu erhalten und dann neu zu entscheiden. Allerdings müsse bis dahin deutlich härter gegen die Polarisierung in der Gesellschaft durch Kommunikation vorgegangen werden. Denn sonst könne sich "das Hotspot-Fest des Jahres aus Sicht des Staates zu einem Fest der Anarchie" entwickeln.

Drosten hat einen Vorschlag

Das ist die große, gesellschaftliche Ebene der Weihnachtsdebatte. Aber was kann ein Einzelner tun, um das Risiko einer Infektion rund um die Festtage zu verhindern? Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte schon vor der aktuellen Debatte zu einer Art Selbstisolation im Vorfeld von Familienbesuchen geraten. Im Hinblick auf die Weihnachtszeit sei eine solche "Vor-Quarantäne" eine gute Idee, so Drosten im NDR-Podcast "Coronavirus-Update".

Das bedeute, "dass Menschen einige Tage, optimalerweise eine Woche, vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa soziale Kontakte so gut es geht vermeiden". Durch die Zeit mit weniger Kontakten fahre man zu den Verwandten und habe im Hinterkopf, dass man sich in dieser Woche "wahrscheinlich nicht infiziert hat", so Drosten. "Wenn überhaupt, dann hat man sich vielleicht eher in der Woche zuvor angesteckt, und dass in diesem Fall alle aus der Familie symptomfrei bleiben, ist eher unwahrscheinlich", so der Experte der Charité.

Auch Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf in der Schweiz und Expertin für neuartige Viren wie SARS-CoV-2, hatte in einem Gastbeitrag für die "Zeit" zur Kontaktreduktion geraten. Und: "Wer kann, sollte in diesen Tagen im Homeoffice arbeiten und größere soziale Aktivitäten meiden", so Eckerle. Klar ist auch, dass eine "Vor-Quarantäne" für viele Arbeitnehmer oder Schüler schwierig ist. 

Mediziner: "Keinesfalls dürfen die Neuinfektionen weiter steigen"

Die Corona-Debatte nur auf Weihnachten zu verengen, könnte unterdessen ein großer Fehler sein. Prof. Dr. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und Vorstandsvorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD), bekräftigt: "Keinesfalls darf die Zahl der Neuinfektionen weiter steigen." Deutschland drohe ansonsten eine Situation wie in einigen Nachbarländern, wo die Intensivkapazitäten schon am Limit angelangt seien und Schwerkranke nicht mehr behandelt werden könnten. "Davon sind wir in Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Allerdings haben die letzten Wochen gezeigt, wie schnell die Lage sich zuspitzen kann. Vor diesem Hintergrund bleibt jeder und jede Einzelne gefordert, weiterhin mit aller Kraft an der Eindämmung von Covid-19 zu arbeiten", erklärt Albrecht.

Die Berliner Charité wollte sich zu den politischen Entscheidungen rund um eine mögliche Verlängerung des Teil-Lockdowns und die Lage für das Weihnachtsfest nicht äußern. Der Pressesprecher des Krankenhauses, Markus Heggen, verwies noch einmal auf die AHA-Regeln und erklärte: "Diese Vorgaben gelten nach wie vor und wir wollen den politischen Beratungen nicht vorweg greifen. Man muss jetzt abwarten, wie sich die Politik entscheidet." Hoffentlich hat sie dabei auch, aber nicht nur Weihnachten im Sinn.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Markus Heggen, Pressesprecher Charité Berlin
  • Gespräch mit Jürgen Gerhards, Soziologe an der FU Berlin
  • Gespräch mit Epidemiologe Markus Scholz, Epidemiologe Leipzig
  • Gespräch mit Wolfgang Schroeder, Politik-Experte Universität Kassel
  • Gespräch mit Ilka Hoffmann, GEW
  • NDR-Podcast: Coronavirus-Update vom 1. September
  • Die Zeit: Diesen Winter noch
  • weitere Quellen
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