• Home
  • Politik
  • Kolumne - Lamya Kaddor
  • Impfgegner und Corona-Leugner: Wie geschichtsvergessen kann man sein?


Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Wie geschichtsvergessen kann man sein?

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 17.12.2020Lesedauer: 5 Min.
Ein Demonstrant auf einer "Querdenken"-Demonstration in D├╝sseldorf gegen Impfungen: "Impfgegner und Corona-Leugner haben nichts Originelles", meint t-online-Kolumnistin Lamya Kaddor.
Ein Demonstrant auf einer "Querdenken"-Demonstration in D├╝sseldorf gegen Impfungen: "Impfgegner und Corona-Leugner haben nichts Originelles", meint t-online-Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: /imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild f├╝r einen TextDrosten zeigt "Querdenker" anSymbolbild f├╝r einen TextSch├╝sse bei Geldtransporter-├ťberfallSymbolbild f├╝r ein VideoKritik an Scholz: Sprecherin reagiertSymbolbild f├╝r einen TextSch├╝lerin fehlt Punkt zum perfekten AbiSymbolbild f├╝r einen TextNeue ARD-Partnerin f├╝r SchweinsteigerSymbolbild f├╝r einen TextFrau wochenlang an See misshandeltSymbolbild f├╝r ein VideoAbgetrennter Kopf in Bonn: neue DetailsSymbolbild f├╝r einen TextWie lange d├╝rfen Benziner noch fahren?Symbolbild f├╝r ein VideoBis zu 50 Liter Regen pro QuadratmeterSymbolbild f├╝r einen TextSensationstransfer vor AbschlussSymbolbild f├╝r einen TextDirndl bei G7-Gipfel? S├Âder sauerSymbolbild f├╝r einen Watson TeaserPocher fordert heftiges SchmerzensgeldSymbolbild f├╝r einen TextSchlechtes H├Âren erh├Âht das Demenzrisiko

Die "Querdenken"-Bewegung macht Stimmung gegen Impfungen in der Corona-Pandemie. Das sei ignorant und unvern├╝nftig, meint t-online-Kolumnistin Lamya Kaddor. Die Geschichte lehre uns Demut.

Es liegt in der Natur der Sache. Wer am lautesten gegen Corona-Ma├čnahmen und Impfstoffe wettert, war selbst bisher nicht betroffen von einer Ansteckung, kennt keine schwerer Erkrankten im engeren Familien- und Bekanntenkreis oder hat eine Infektion nur ohne Symptome bzw. mit mildem Krankheitsverlauf erlebt. Selbst jetzt angesichts von Rekorden bei t├Ąglichen Infektions- und Todeszahlen dr├Ąngen die Unverbesserlichen immer noch mit allen juristischen Mitteln auf die Stra├čen. Fast eintausend Tote in 24 Stunden. Und eine s├Ąchsische Klinik best├Ątigt Triage. Was f├╝r eine erschreckende Entwicklung bei jedem einzelnen Schicksal.

Die Ignoranten k├Ânnten einen Moment dar├╝ber nachdenken, welche gl├╝cklichen Lebensumst├Ąnde ihnen ihre Unvernunft ├╝berhaupt erst erm├Âglichen. Ohne den Fortschritt in der Medizin und ohne die ├Âkonomische Stabilit├Ąt in diesem Land w├Ąren die "Querdenkerinnen" und "Querdenker" gar nicht imstande dazu. Demut ist ein guter Ratgeber, und die Geschichte lehrt uns Demut. W├Ąre das SARS-CoV-2-Virus ein paar Generationen fr├╝her ausgebrochen, h├Ątte es ein Massensterben verursacht.

Die Seuchen der Vergangenheit

Als sich ab 1889 die sogenannte "Russische Grippe" nach Asien und Europa ausbreitete, hinterlie├č sie wohl bis zu eine Million Todesopfer. Die ├ärzte damals waren heillos ├╝berfordert, nur ansatzweise verstanden sie die ├ťbertragungsketten.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
BBC-Moderatorin Deborah James ist tot
Deborah James: Die krebskranke Moderatorin verabschiedete sich in einem emotionalen Post von ihren Fans.


Einen Lockdown mit Gesch├Ąftsschlie├čungen, Ausgangssperren, Reisewarnungen etc. bei gleichzeitiger Versorgung der abgeriegelten Bev├Âlkerung gab es damals nicht und er h├Ątte unter den gegebenen Alltagsbedingungen weder konsequent ├╝berwacht noch durchgesetzt werden k├Ânnen. Selbstquarant├Ąne lie├č sich angesichts beengter Wohnverh├Ąltnisse vieler Arbeiter schlecht umsetzen, Bauern in entlegenen Dorfschaften erreichten die Warnungen oft gar nicht oder zu sp├Ąt. An "Novemberhilfen" oder ├ähnliches w├Ąre kaum zu denken gewesen. Daf├╝r sollte man dann zum Beispiel Brandy trinken oder Whiskey, rieten die ├ärzte.

1918/19 bei der verheerenden "Spanischen Grippe" st├╝mperten manche Mediziner damit herum, Patienten Kampfer├Âl zu injizieren; das erinnert fatal an Donald Trumps Idee, Menschen Desinfektionsmittel gegen Covid-19 zu spritzen. Statt kostenloser FFP2-Masken, die sich 27 Millionen Menschen aus Corona-Risikogruppen seit dieser Woche in Apotheken abholen k├Ânnen, hielten sich die Menschen vor lauter Verzweiflung in Eukalyptus├Âl getr├Ąnkte Taschent├╝cher vors Gesicht.

Erste Massenimpfung im Zweiten Weltkrieg

Unternehmer-Scharlatane nutzten die Lage aus und schalteten Werbeanzeigen, in denen sie ihre Produkte kurzerhand zu Hilfsmitteln gegen die Epidemie verkl├Ąrten: Pl├Âtzlich galt Fleischextrakt von Bovril als Abwehrmittel, und kein Robert Koch-Institut (RKI) und keine Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren da, um solchen Stuss zu entlarven.

Grippe-Impfstoffe gab es noch nicht, blo├č den Wunsch danach, was die Forschung anschob. Die britischen Virologen Christopher Andrewes, Patrick Laidlaw und Wilson Smith brauchten jedoch 14 Jahre, bis sie 1933 das menschliche Grippevirus isolieren, sprich entdecken konnten. Weitere Jahre dauerte es bis zur Entwicklung eines Influenza-Impfstoffs. Die ersten Tests an Menschen verliefen wenig ├╝berraschend wenig erfolgversprechend. Viele erkrankten. Im Zweiten Weltkrieg dann, also rund 20 Jahre sp├Ąter, kam es zu ersten Massenimpfungen.

Heute schafft es die Welt in ein paar Monaten, gleich zu mehreren potenziellen Impfstoffen zu gelangen ÔÇô in einigen Staaten sind die Impfkampagnen bereits angelaufen. Gro├če Nationen wie die USA und Gro├čbritannien spritzen Biontech/Pfizer, Russland Sputnik V und China Sinopharm. Die EU wird wohl am Montag die Zulassung erteilen. Emil von Behring, Seuchenforscher und erster Tr├Ąger des Medizinnobelpreises, hatte nur ein kleines Team zur Verf├╝gung, und bis seine Forschungen die Welt umrundeten, vergingen Wochen und Monate. Heute arbeiten Forscherkolonnen weltweit und teils in Echtzeit miteinander zusammen.

Angst vor Impfpflicht wird gesch├╝rt

Selbst die Idiotie der Corona-Rebellen l├Ąsst sich durch den Blick in die Geschichte entlarven. Sie w├Ąhnen sich durch vermeintlich "alternative" Medien im Netz aufgekl├Ąrt. Sie glauben, sie seien die einzig wahren Erleuchteten, die die vermeintlich sinistren Machenschaften erkennen, die die vermeintlich "M├Ąchtigen" dank der Globalisierung des 21. Jahrhunderts weltweit schmieden. Dabei gab schon vor Hunderten Jahren Impfgegner und Verschw├Ârungsschwurbler. Die Pocken, eine der schlimmsten Gei├čeln der Menschheit mit Sterblichkeitsraten von bis zu 30 Prozent, rafften noch im 20. Jahrhundert rund 400 Millionen Menschen dahin.

Mit der Entdeckung moderner Impfstoffe konnten die Pocken, auch Blattern genannt, nach 1967 binnen weniger Jahre ausgerottet werden. Bis es so weit war, wurden Impfstoffe aber durch Horrorgeschichten, gegr├╝ndete Zeitschriften und Vereine verteufelt. Sogar der Philosoph Immanuel Kant warnte zumindest anfangs davor, dass die von K├╝hen gewonnenen Vakzine (├╝brigens von Lateinisch f├╝r Kuh "vacca" abgeleitet) tierische Charakterz├╝ge auf den Menschen ├╝bertragen w├╝rden.

Heute wird Furcht vor einer Impf-"Pflicht" als angeblich neuer Form der ├ťberw├Ąltigung durch den Staat gesch├╝rt. Dabei wurde bereits 1801 in Bayern eine Impfpflicht verordnet. Ausgerechnet im Deutschen Kaiserreich, der Zeit, von der viele mit den Corona-Leugnern verb├╝ndete "Reichsb├╝rger" tr├Ąumen, wurde diese Pflicht im Reichsimpfgesetz von 1874 ausgeweitet. Und gewonnen werden konnte der Kampf gegen die Pocken erst durch eine Erneuerung dieser Impfpflicht.

Anti-Seuchen-Ma├čnahmen sind keine Erfindung der Neuzeit

Nicht einmal die AHA-Regeln, gegen die dieser Tage so heftig protestiert wird, sind eine Erfindung des "Merkel-Regimes". Sie sind seit Jahrhunderten Usus und geh├Âren zum Portfolio der Seuchenbek├Ąmpfung. Im Mittelalter kennt man von der Pest her die Idee, kranke Menschen von gesunden zu separieren ÔÇô und zwar 40 Tage lang; worauf der Ursprung des Wortes Quarant├Ąne verweist.

Dem islamischen Propheten Muhammad wurden schon im 9. Jahrhundert die Worte zugeschrieben, man solle nicht in eine Region reisen, von der man h├Âre, dass dort eine Seuche ausgebrochen sei, oder einer Region entfliehen, in der die Pest grassiere; nur sind Pestbeulen oder Pocken mit blo├čem Auge freilich einfacher zu erkennen als symptomlose Corona-Infizierungen, die dennoch t├Âdliche Krankheitsverl├Ąufe ausl├Âsen k├Ânnen.

Schon w├Ąhrend der ersten gro├čen Grippe-Epidemien wurden instinktiv Schulen, Fabriken, Theater etc. geschlossen. Selbst ohne die Geheimnisse von Aerosolpartikeln zu kennen, trugen einige schlaue Menschen vor hundert Jahren schon "Corona-Masken", um sich und andere zu sch├╝tzen. Nicht einmal dieser "Maulkorb" ist mithin eine Erfindung von irgendwelchen b├Âsen "Corona-M├Ąchten" des 21. Jahrhunderts.

Mehr Vertrauen als Zweifel

Impfgegner und Corona-Leugner haben nichts Originelles. Sie setzen einfach fort, was Menschen fr├╝her schon getan haben. Es scheint, als h├Ątten solche Ph├Ąnomene etwas mit unserer Natur als Mensch zu tun. Heute k├Ânnen wir wirkungsvolle Ma├čnahmen erreichen, aber viele weigern sich, diese zu nutzen. Wie geschichtsvergessen kann man sein?

Freilich soll sich niemand leichtfertig irgendwelche Mittel spritzen lassen. Deshalb ist es gut, wenn die europ├Ąische Arzneimittel-Agentur Ema die Corona-Impfstoffe gr├╝ndlich unter die Lupe nimmt. Aber nach einer profunden Pr├╝fung durch sie, durch ├ärztinnen und ├ärzte, Forschende und Institutionen verschiedener L├Ąnder, sollten die Zweifel dem Vertrauen weichen. Irgendwann wird die Gefahr, durch Impfung zu erkranken, kleiner als die Gefahr, durch die Pandemie zu sterben.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
COVID-19Donald TrumpEuropaLockdownQuerdenker
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website