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Corona-Talk bei "Markus Lanz": "Länder lassen Spahn am langen Arm verhungern"

Corona-Talk bei "Markus Lanz"  

"Die Länder lassen Spahn am langen Arm verhungern"

Eine TV-Kritik von Nina Jerzy

19.03.2021, 08:39 Uhr
Corona-Talk bei "Markus Lanz": "Länder lassen Spahn am langen Arm verhungern". Der JU-Vorsitzende Tilman Kuban (Archivbild) hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Schutz genommen. (Quelle: imago images)

Der JU-Vorsitzende Tilman Kuban (Archivbild) hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Schutz genommen. (Quelle: imago images)

Der Chef der Jungen Union macht die Länder für fehlende Corona-Testmöglichkeiten verantwortlich. Spahn werde am langen Arm verhungert gelassen, behauptete Kuban bei "Lanz". Als ob es in der Krise um Spahn geht.

Die Gäste

  • Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe

  • Alexander Kekulé, Virologe

  • Tilman Kuban (CDU), Bundesvorsitzender der Jungen Union

  • Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen"

  • Cerstin Gammelin, "Süddeutsche Zeitung"

Chefs von Partei-Jugendorganisationen dürfen es sich nur vorübergehend mit der Parteispitze verderben, wenn sie im Apparat etwas werden wollen. Siehe Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert. Tilman Kuban (CDU), Bundesvorsitzender der Jungen Union, sprang da vorbildlich am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in die Bresche. Das machte er so beherzt, dass dabei gleich Parteifreunde in Ländern und Kommunen dran glauben mussten.

"Ich finde, dass er als Bundesgesundheitsminister einen guten Job macht", hatte Kuban zunächst recht allgemein über Spahn gesagt. Immer wieder wurde der JU-Bundesvorsitzender dann aber zwischen Impfdebakel und Maskenaffäre gedrängt, für die Union Rede und Antwort zu stehen. Unter den hartnäckigen Nachfragen von Lanz knickte er schließlich ein und ging vom eingeübt-unverbindlichen "Viele Köche haben den Brei verdorben" zu echten Schuldzuweisungen über.

Kuban verteidigt Spahn und greift Länder an

Spahn werde mit Blick auf mangelnde Testkapazitäten momentan Unrecht getan, meinte der JU-Chef und behauptete plötzlich: "Bei der Frage der Testung sorgen gerade auch viele dafür, dass er am langen Arm verhungert lassen wird." Warum?, hakte der erstaunte Gastgeber nach. "Weil er nicht für den Aufbau der Testzentren zuständig ist. Er kann gar nichts machen", zeichnete Kuban das Bild eines in dieser Frage weitgehend hilflosen Bundesgesundheitsministers. Spahn habe 500 Millionen Corona-Tests reserviert. Für die Beschaffung und den Aufbau der Testzentren seien aber die Länder zuständig.

"Und dort werden sich die ganze Zeit die Verantwortungen hin- und hergeschoben, anstatt dass man auch die Möglichkeiten sucht und sagt: Ja los, Hands on. Wir hatten doch die Testzentren alle schon", sagte Kuban und verwies auf Testzentren für Reiserückkehrer im vergangenen Jahr. "Dass wir es nicht schaffen, innerhalb eines Monats diese Testzentren aufzubauen, das ist doch ein Armutszeugnis", sagte er an die Adresse der Bundesländer. "Wir haben die Tests in Deutschland, wir brauchen die Zentren."

Kuban verteidigte auch Spahns Entscheidung, den Impfstoff von Astrazeneca nach der Warnung des Paul-Ehrlich-Instituts vorübergehend zurückzuziehen. Am Donnerstag hatte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA den Impfstoff schließlich als sicher und wirksam bezeichnet. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nahm Spahn hier ebenfalls vor Kritik in Schutz, sagte jedoch: "Ich hätte den Impfstopp nicht gemacht." Denn er habe das grüne Licht der EMA erwartet und sei sehr zufrieden mit deren Entscheidung.

Lauterbach wirbt für Astrazeneca

Er ging angesichts aktueller Erkenntnisse davon aus, dass der Astrazeneca-Impfstoff tatsächlich die Ursache für die seltenen Thrombosen in Hirnvenen sein kann. "Das wird man irgendwann belegen", erwartete der per Webcam zugeschaltete Sozialdemokrat. Diese schwere Komplikation trete aber nur sehr selten auf, geschätzt bei einem von 100.000 Geimpften. Lauterbach unterstrich, dass Menschen mit Hang zu Thrombosen keine Angst vor Astrazeneca haben müssen. Die seltenen Komplikationen hätten "nichts mit der allgemeinen Thrombose zu tun, mit der zum Beispiel Ältere ein Problem haben". Lauterbach rechnete damit, dass sich der Impfstoff von dem aktuellen Imageschaden erholen wird. Hier müsse niemand Sorge haben, ein Präparat zweiter Klasse zu bekommen: "Alle Impfstoffe, die wir heute verwenden, sind Impfstoffe erster Klasse."

Virologe Alexander Kekulé hatte den Astrazeneca-Wirkstoff bei seinem letzten Besuch bei Lanz in die zweite Klasse degradiert, allerdings betont, dass er beim Reisen mit Bahn oder Flugzeug ja auch eine akzeptable Option darstellt. "Die EMA hat ein bisschen eine politische Entscheidung getroffen", sagte Kekulé nun (was Lauterbach sofort bestritt). Die Fragezeichen hätten auf die Schnelle gar nicht ausgeräumt werden können. Man wisse derzeit schlicht nicht, wie häufig solche schweren Komplikationen auftreten können, weil dazu die Daten fehlten. Er forderte dessen ungeachtet angesichts der steigenden Fallzahlen: "Impfen was das Zeug hält" und zwar angefangen bei den Ältesten und zunächst eine Dosis für jeden. So könnte es gelingen, trotz vieler Neuinfektion die Zahl der Todesfälle niedriger zu halten. "Wir haben die Chance verpasst, uns auf das Ende des Lockdowns vorzubereiten", kritisierte der Virologe von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auch mit Blick auf fehlende Konzepte für Schnelltests.

Maskenaffäre bei Lanz

Daran sind ja wie schon beschrieben nach Ansicht Kubans in erster Linie die Länder schuld. An anderer Stelle hatte er einen solchen Generalverdacht hingegen weit von sich gewiesen, und zwar, als es um den Vorwurf von SPD-Co-Chef Norbert Walter-Borjans ging, der Teilen der Union einen Hang zum Klüngel attestiert hatte. Das Problem beginnt offenbar bereits beim Nachwuchs. Lanz ließ fast genüsslich erst ein Foto des in der Maskenaffäre gestürzten CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel einblenden, seines Zeichens Ex-Vorsitzender der Jungen Union Baden-Württemberg. Dann folgte ein Bild Kubans mit Philipp Amthor, seines Zeichens weiterhin Schatzmeister der JU, der nach seinem Lobbyismus-Skandal jetzt in Mecklenburg-Vorpommern ein strahlendes Comeback feiert. "Wie kann die CDU so jemanden aufstellen?", fragte Journalistin Cerstin Gammelin entgeistert.

Kuban aber verteidigte Amthor wie es schon Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus in der Vorwoche bei Lanz getan hatte. Amthor habe sich nicht an der Not anderer Menschen bereichert und sei zudem "Hochstaplern" aufgesessen. Wäre es denn besser gewesen, wenn es keine Hochstapler gewesen wären?, wollte Lanz aufrichtig interessiert wissen. Kuban forderte ein hartes Durchgreifen gegen Abgeordnete, die ihr Mandat für wirtschaftliche Zwecke missbrauchen. Im Bundestag säßen so einige Leute mit "Fernuni-Master". "Die machen dann da eine Beratungsbude auf. Da frage ich mich was sollen die denn beraten? Da fällt mir nicht mehr viel zu ein", sagte Kuban. Er forderte: "Wenn ich Bundestagsabgeordneter bin, dann ist das mein Hauptberuf. Dann kann ich von dem Geld, was ich da bekomme, schon durchaus zweimal warm essen."

An dieser Aussage kann sich Kuban womöglich bald messen lassen. Der Niedersachse will nach seiner gescheiterten Kandidatur für das Europaparlament in diesem Jahr in den Bundestag. Der 33-Jährige findet vielleicht selbst, dass er dem Job als Chef der Jugendorganisation von CDU und CSU mittlerweile entwachsen ist. Das ist aber nicht der einzige Job, den er im Falle des Wahlsieges aufgeben müsste. Kuban ist seit 2016 Leiter Recht und Nachhaltigkeit bei den Unternehmerverbänden Niedersachsen, der Interessenvertretung für 95 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände des Bundeslandes.

Verwendete Quellen:

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