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Neuer Corona-Richtwert? RKI plant offenbar Hospitalisierung als Leitindikator

Politik diskutiert über Inzidenz  

Kommt jetzt ein neuer Pandemie-Richtwert?

12.07.2021, 12:24 Uhr | dpa, rtr

Neuer Corona-Richtwert? RKI plant offenbar Hospitalisierung als Leitindikator. Public Viewing in Essen: Bei niedriger Inzidenz sind wieder mehr Freiheiten möglich – doch wie lange? (Quelle: imago images/Jochen Tack)

Public Viewing in Essen: Bei niedriger Inzidenz sind wieder mehr Freiheiten möglich – doch wie lange? (Quelle: Jochen Tack/imago images)

Ist die Sieben-Tages-Inzidenz noch der richtige Wert, um Pandemie-Einschränkungen zu rechtfertigen? Genau darüber streitet die Politik. Fachleute sind sich in einem Punkt einig. Ein Überblick.

Gebannt schaut Deutschland auf die Inzidenz. Für viele war sie lange die maßgebliche Größe in der Corona-Pandemie: Bleibt der Sommer entspannt und ist sogar ein Ende aller Maßnahmen in Sicht – oder sind wieder Einschränkungen nötig? Nach langem und steilem Sinkflug steigt die Inzidenz nun wieder etwas, in anderen europäischen Ländern sogar deutlich. Gleichzeitig branden zusammen mit Öffnungsforderungen erneut Zweifel auf, wie aussagekräftig die Kennziffer noch ist.

Zur Einordnung des Pandemiegeschehens in Deutschland will das Robert Koch-Institut (RKI) einem Medienbericht zufolge die Hospitalisierung als zusätzlichen Leitindikator einführen. Das berichtete die "Bild" unter Berufung auf eine interne Präsentation des RKI. Eine solche Praxis würde eine Abkehr vom Inzidenzwert als wichtigste Kennzahl der Corona-Politik bedeuten.


Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans hatte ebenfalls angeregt,  neben dem Inzidenzwert andere Faktoren bei der Beurteilung der Corona-Pandemie hinzuziehen und lehnte eine Bundesnotbremse beim Wert von 100 ab. "Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir in diesem Herbst nicht allein auf die Inzidenz starren", sagt der CDU-Politiker im ZDF. Dass die Werte derzeit wegen der Delta-Variante nach oben gehen, sehe man in ganz Europa. "Wichtig ist, dass wir verstärkt Faktoren in Betracht ziehen wie zum Beispiel die Belastung des Gesundheitswesens, die Belegung der Intensivstationen, die Art und Weise wie Patientinnen und Patienten ankommen – all das muss eine Rolle spielen."

Hans halte es für falsch, eine Regelung wie die Bundesnotbremse ab einer Inzidenz von 100 nochmals "zu zünden." Er sehe auch nicht, dass das komme. Zwingend sei es dagegen, den Impffortschritt voranzutreiben. Anreize wie eine Lotterie seien dabei "definitiv eine Option". 

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder positioniert sich anders als seine Kollegen. Er will von der Sieben-Tage-Inzidenz zur Beurteilung der Corona-Lage vorerst nicht abrücken. Dies hielte er für verfrüht, sagte der CSU-Chef am Montag beim Besuch des Münchner Impfzentrums. Es sei aber "sehr sinnvoll", etwa die Corona-Krankenhaus-Zahlen dazu in Relation zu setzen und zudem einen Koeffizienten zu finden, der die hohe Zahl der Geimpften berücksichtige. Vielleicht müsse man Grenzwerte auch erhöhen.

"Müssen weitere Kriterien definieren"

Der niedersächsische CDU-Politiker und stellvertretende Ministerpräsident Bernd Althusmann stellte die Inzidenzzahl als zentralen Maßstab für die Überwachung des Pandemiegeschehens ebenfalls in Frage. "Bei fortschreitendem Impf- und Testgeschehen reicht die Inzidenz in ihrer bisherigen Berechnung nicht aus", sagte er. "Angesichts der vielen Virus-Varianten und des Umstands, dass unklar ist, ob und in welchem Maß auch Geimpfte das Virus noch übertragen können, müssen wir weitere Kriterien definieren und in einem neuen Wert abbilden."

Der Industrieverband BDI fordert von der Politik, bei den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mehr als nur den Inzidenzwert in den Blick zu nehmen, sondern vielmehr wissenschaftlich geprüfte Informationen zu den verschiedenen medizinischen Möglichkeiten hinzuzuziehen. "Politik muss mit Blick auf Testpflichten, Hygiene-, Impf- und Einreiseregelungen evidenzbasiert vorgehen", erklärt BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Für den Wiederaufschwung der Wirtschaft seien Planbarkeit und Verlässlichkeit entscheidende Stellhebel. Die Inzidenz allein dürfe bei einer hohen Impfquote in Deutschland nicht mehr das Maß aller Dinge sein. "Essenziell ist und bleibt, das Impfen beherzt und mutig voranzutreiben."

Was der Anstieg des Inzidenzwerts bedeutet – und was nicht

Die Inzidenz gilt unter Experten weiterhin als Anzeiger dafür, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet. Die zentrale Frage sei, wie die stärkere Verbreitung des Virus zu interpretieren ist, sagte der Statistiker Helmut Küchenhoff von der Uni München. Der aktuelle Inzidenz-Anstieg sei zwar "vielleicht ein Grund für Nervosität, aber noch kein Grund, um Lockerungen zurückzunehmen". Man müsse erstmal abwarten, um die Auswirkungen auf die tatsächliche Zahl der Erkrankungen absehen zu können.

Viele Fachleute sind sich darin einig, dass mit zunehmendem Impfschutz in der Bevölkerung die Inzidenz in einem anderen Verhältnis zu schweren Verläufen steht als noch vor einigen Monaten. Wie groß dieser Unterschied ist, ist schwer einzuschätzen. Küchenhoff plädiert dafür, bei der Inzidenz in erster Linie auf die älteren Menschen zu blicken, da diese besonders anfällig für schwere Verläufe seien. Zuletzt war der Wert für Menschen ab 60 Jahren laut RKI-Daten weniger als halb so hoch wie in der Gesamtbevölkerung – und stieg laut Berechnungen Küchenhoffs zuletzt auch nicht. Das dürfte auch an der höheren Impfquote bei Älteren liegen.

Experte: Klinikneuaufnahmen stärker ins Visier nehmen

Das schon früh ausgegebene Ziel der Politik ist es, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und schwere Erkrankungen sowie Todesfälle zu vermeiden. Aus Sicht von Küchenhoff sollte man genau auf diese Parameter schauen – also beispielsweise wie viele Neuaufnahmen von Corona-Fällen es in Kliniken gibt. Das Bundesgesundheitsministerium gab am Sonntag bekannt, dass Krankenhäuser künftig verpflichtet werden sollen, alle Krankenhausneuaufnahmen wegen Corona zu melden. Bisher wird lediglich die Zahl der Intensivpatienten zentral erfasst.

Das Bundesgesundheitsministerium wies am Montag darauf hin, dass die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz auch weiterhin berücksichtigt werden wird. "Die Inzidenz war nie einziger Parameter, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen. Und sie ist und bleibt ein wichtiger Parameter", teilte ein Sprecher mit. Richtig sei aber auch, dass die Inzidenz bei steigender Impfquote an Aussagekraft verliere, fügte er hinzu. Zumal dann, wenn die besonders vulnerablen Gruppen bereits geimpft seien.

Die 7-Tage-Inzidenz war seit April kontinuierlich von fast 170 auf unter 5 gesunken. Seit einigen Tagen steigt sie wieder auf niedrigem Niveau. Am Sonntag gab das Robert Koch-Institut sie mit 6,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen an. Experten hatten den Anstieg unter anderem wegen der ansteckenderen Delta-Variante erwartet, die das Infektionsgeschehen in Deutschland mittlerweile dominiert. Gleichzeitig werden nur noch sehr wenige Corona-Tote gemeldet und die Zahl der Corona-Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, ist sehr stark zurückgegangen. Mehr als 42 Prozent der Bevölkerung sind bereits vollständig geimpft.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen dpa und Reuters 

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