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"Ich versuche, zu überleben"

Von Miriam Hollstein

Aktualisiert am 21.06.2022Lesedauer: 4 Min.
Die russische Journalistin Marina Owsjannikowa kurz vor ihrer Flucht aus Russland.
Die russische Journalistin Marina Owsjannikowa kurz vor ihrer Flucht aus Russland. (Quelle: Mikhail Japaridze/TASS/imago-images-bilder)
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Die russische Journalistin Marina Owsjannikowa wurde weltberühmt, als sie im Staatsfernsehen mit einem Plakat gegen den Krieg in der Ukraine protestierte. Doch nicht alle feiern sie für ihren Mut.

Sie sieht nicht aus wie jemand, der Weltgeschichte schreiben wollte. Fast ein wenig scheu wirkt Marina Oswjannikowa beim Treffen in Berlin. Die russische Journalistin ist Ehrengast auf dem "Women's Forum for the Economy & Society", einem internationalen Forum, das kurz vor dem G-7-Gipfel auf die Perspektive der Frauen in globalen Konflikten aufmerksam machen will. Drei Monate ist es her, dass sie in einer Livesendung des russischen Staatssenders Perwy kanal, ihrem damaligen Arbeitgeber, ein Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine hochhob. Seither steht ihr Leben kopf: Die zweifache Mutter verlor ihren Job, musste Land und Familie verlassen und um ihre Sicherheit fürchten. Wie es ihr heute geht und was sie für die Zukunft plant, erzählt sie im Interview mit t-online.

t-online: Wie geht es Ihnen, Frau Owsjannikowa?

Marina Owsjannikowa: Ich freue mich sehr, am "Women's Forum" teilzunehmen. Ich habe sehr beeindruckende Erfahrungen gemacht. Früher habe ich als Journalistin in Russland gearbeitet und weiß, was dort los ist. Vor zwei Wochen bin ich in die Ukraine gereist und habe mit eigenen Augen gesehen, was dort passiert. Ich habe Luftangriffe miterlebt und verstehe nun, wie sich die ukrainischen Frauen und Kinder fühlen.

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Wie kam es zu Ihrer Reise in die Ukraine?

Ich bin als freie Journalistin dorthin gereist.

Sie haben Russland verlassen. Wo leben Sie zurzeit?

An verschiedenen Orten. Die Situation ist momentan absurd. Die russischen Behörden wollen mir die Staatsbürgerschaft entziehen und mich ins Gefängnis stecken. Aber auch die ukrainischen Behörden wollten mich ins Gefängnis stecken, weil ich für sie eine frühere Propagandistin bin. Ich hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet, aber ich kann die Gefühle der Ukrainer verstehen. Es ist alles unser Fehler, der Fehler der Russen. Wir sind für diese Situation verantwortlich. Die Ukrainer unterscheiden nicht zwischen guten Russen und bösen Russen. Und ich stecke inmitten dieses Informationskrieges. Das ist für mich eine sehr harte Situation. Ich versuche, zu überleben.

Marina Oswjannikowa (links) und t-online-Redakteurin Miriam Hollstein: "Ich habe nie Propagandatexte geschrieben", so Oswjannikowa im t-online-Interview.
Marina Oswjannikowa (links) und t-online-Redakteurin Miriam Hollstein: "Ich habe nie Propagandatexte geschrieben", so Oswjannikowa im t-online-Interview. (Quelle: T-Online-bilder)

Haben Sie damit gerechnet, als Sie Ihren Protest planten?

Nein, damit habe ich niemals gerechnet. Am Anfang haben mir ganz viele gesagt, dass ich eine "Heldin" sei. Doch inzwischen hat sich die Situation geändert. Ganz viele Menschen sagen nun, ich sei eine "Propagandistin". Aber das stimmt nicht. Meine Arbeit war technisch. Ich habe nie Propagandatexte geschrieben und nie als Nachrichtensprecherin gearbeitet.

Hat Sie die Kritik überrascht?

Ja, vor allem in der Ukraine. Denn ich wollte mit meiner Reise die Propagandamaschine des Kremls zerschlagen, wollte meinen Landsleuten zeigen, was wirklich in der Ukraine geschieht, etwa die Kriegsverbrechen in Butscha. Ich hatte gehofft, ein Interview mit Präsident Selenskyj führen zu können. Ich hatte gute Absichten. Aber momentan ist das nicht möglich.

Das "Women's Forum for the Economy & Society" (Frauenforum für Wirtschaft und Gesellschaft) wurde 2005 im französischen Deauville gegründet. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die Sicht von Frauen auf globale Fragen sichtbar zu machen. Zum Abschluss seines zweitägigen Treffens in Berlin sprach es unter Leitung seiner Präsidentin Anne-Gabrielle Heilbronner elf Empfehlungen an die G7-Staatenführer aus, die Ende der Woche auf Schloss Elmau in Bayern zusammenkommen. Zu den Forderungen zählt eine feministische Friedensdiplomatie, ein inklusives Gesundheitssystem, welches die Bedürfnisse von Frauen besonders berücksichtigt, und die Förderung von mehr Geschlechtergerechtigkeit für Berufe der Zukunft.

Gibt es für Russen Möglichkeiten, Informationen über die tatsächliche Lage in der Ukraine zu erhalten?

Nein. Die Russen leben inzwischen in einem absoluten Vakuum. Alle unabhängigen Medien sind geblockt, Facebook funktioniert nicht mehr. Die russischen Behörden haben sogar angefangen, VPN zu blockieren...

Also geschützte Netzwerkverbindungen, mit denen man auf offiziell geblockte Seiten Zugriff hat ...

Als ich das letzte Mal mit meinem Sohn sprach, sagte er: "VPN funktioniert nicht mehr, ich kann Google nicht mehr nutzen, nur noch Kreml-Informationen."

Steht die Mehrheit der Bevölkerung hinter Putins Krieg?

Das ist eine schwierige Frage. Viele Menschen haben dort eine Art Gehirnwäsche hinter sich. Putin hat alle unabhängigen Medien in Russland zerstört. Im russischen Staatsfernsehen ist alles schwarz-weiß. Die Menschen fangen an, das zu glauben; sie hassen alle Ukrainer, alle Europäer, alle Amerikaner.

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Wie ist das bei Ihrer Familie und Ihren Freunden?

Meine Freunde haben in der Regel liberale und oppositionelle Ansichten. Mit meiner Familie ist es schwieriger. Mein Ex-Mann arbeitet für den Propagandakanal RT. Er hat eine völlig andere Sicht auf die Dinge, hat mich angezeigt und mir damit gedroht, dass ich meine Kinder nie wiedersehen werde. Er beeinflusst meinen Sohn, der bei ihm lebt. Meine Mutter hat mich nach meiner Protestaktion eine "Verräterin" genannt, weil sie der Staatspropaganda glaubt.

In Berlin demonstrieren ukrainische Demonstranten vor dem Axel-Springer-Verlag gegen Marina Owsjannikowa. Der Sender "Welt" hatte sie als Korrespondentin gewonnen; inzwischen ist sie dort nicht mehr tätig.
In Berlin demonstrieren ukrainische Demonstranten vor dem Axel-Springer-Verlag gegen Marina Owsjannikowa. Der Sender "Welt" hatte sie als Korrespondentin gewonnen; inzwischen ist sie dort nicht mehr tätig. (Quelle: K.M.Krause/imago-images-bilder)

Denken Sie manchmal, dass der Preis, den Sie für Ihren Protest gezahlt haben, zu hoch war?

Nein. Ich dachte, dass ich nach meinem Protest ins Gefängnis geworfen würde. Aber ich bin immer noch frei. Ich habe viele Probleme, aber meine Situation ist besser als die von ukrainischen Flüchtlingen. Ich bekomme viel internationale Unterstützung.

Was planen Sie für die Zukunft?

Ich weiß es nicht. Ich suche nach einem neuen Job. Ich möchte mit meinen Mitteln für eine bessere Zukunft kämpfen. Ich bin eine Patriotin. Ich würde gern nach Russland zurückkehren, aber das ist momentan nicht möglich. Ich würde sofort verhaftet werden, wäre in Gefahr. Meine Freunde scherzen manchmal darüber, wenn ich mit ihnen telefoniere: "Was würdest du bevorzugen? Gift oder einen Autounfall?" Putin zerstört das ganze Land. Russland erinnert inzwischen an Nordkorea. Die russischen Kinder haben keine Zukunft mehr.

Welche Rolle können Frauen bei der Beendigung des Krieges in der Ukraine spielen?

Es ist absolut notwendig, Frauen in die Friedensverhandlungen einzubinden. Die russische Regierung besteht nur aus Männern. Und diese denken nur in Machtkategorien. Wir müssen andere Wege finden, um diese Situation zu lösen.

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Von Fabian Reinbold
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