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Wut auf Putin löst absurde Aktionen gegen Russen aus

  • Lars Wienand
Von Miriam Hollstein, Lars Wienand

03.03.2022Lesedauer: 4 Min.
Demo gegen Putin in MĂŒnchen: Neben friedlichen Protesten wie hier gibt es auch immer hĂ€ufiger Attacken gegen russische MitbĂŒrger.
Demo gegen Putin in MĂŒnchen: Neben friedlichen Protesten wie hier gibt es auch immer hĂ€ufiger Attacken gegen russische MitbĂŒrger. (Quelle: IMAGO/Wolfgang Maria Weber)
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Putins Krieg gegen die Ukraine hat die Welt in Aufruhr versetzt. Doch die berechtigte Wut auf das Regime in Moskau fĂŒhrt auch immer hĂ€ufiger zu fragwĂŒrdigen Aktionen gegen Russen im Alltag.

Paolo Nori steht die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Am Dienstag postete der italienische Schriftsteller ein Video auf Instagram, in dem er darĂŒber berichtete, dass die UniversitĂ€t Mailand-Bicocca eines seiner Seminare "verschieben" werde. Der Grund: Der Kurs sollte sich mit dem russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski befassen.


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Vor der Kamera las Nori aus dem Absageschreiben der UniversitĂ€t vor. Mit der vorlĂ€ufigen Absage solle "jede Kontroverse, insbesondere interne, in Zeiten starker Spannungen" vermieden werden, hieß es darin.

Dostojewski (1821–1881) ist einer der bekanntesten Schriftsteller Russlands. Seine Werke wie "Schuld und SĂŒhne", "Der Idiot" und "Die BrĂŒder Karamasow" sind Weltliteratur, wurden in Hollywood verfilmt. Zugleich war er Vertreter eines atheistischen Sozialismus, wurde zwischenzeitlich zum Tode verurteilt und in ein sibirisches Lager gesteckt.

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Seine Ideen und seine RadikalitÀt machen ihn bis heute auch bei Nationalisten populÀr. Zu seinem 200. Geburtstag im vergangenen November feierte der russische PrÀsident Wladimir Putin ihn als "genialen Denker und Patrioten Russlands".

All diese Aspekte sind lĂ€ngst erforscht und bekannt. Sie sind Teil jedes Seminars ĂŒber Dostojewski. Ihn deshalb vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs "canceln" zu wollen, wie der politische Kampfbegriff heißt, mutet abwegig an.

Entsprechend empört zeigt sich Nori im Video. Er fĂŒhrt noch weitere Beispiele an: Etwa das eines russischen regierungskritischen Journalisten, der von einer Veranstaltung in Italien wieder ausgeladen worden sei. Weil er Russe ist.

Attacken auf Chinesen nach Ausbruch von Corona

Wenn internationale Krisen auch in weiten Teilen der Bevölkerung Beachtung finden, fĂŒhrt dies immer zu zwei Reaktionen: Zu beeindruckenden und oft sehr kreativen SolidaritĂ€tsbekundungen mit den Opfern der Konflikte – und zu völlig ĂŒberzogenen Verhaltensweisen bis hin zu pauschalen Angriffen auf all jene, die als Angehörige des "TĂ€terlandes" wahrgenommen werden.

Nachdem sich aus dem chinesischen Wuhan weltweit das Coronavirus ausgebreitet hatte, hĂ€uften sich Berichte von Chinesinnen und Chinesen in Deutschland und anderen LĂ€ndern, die in der Öffentlichkeit beschimpft und attackiert wurden. Diesmal sind es russische BĂŒrger und BĂŒrgerinnen, die im Ausland leben und teilweise undifferenziert zur Zielscheibe werden. Ein paar Beispiele:

  • Ein Restaurant im baden-wĂŒrttembergischen Bietigheim erklĂ€rte GĂ€ste mit russischem Pass kurzerhand fĂŒr "unerwĂŒnscht". "Es ist uns bewusst, dass der 'normale' russische StaatsbĂŒrger keine Schuld an den kriminellen Handlungen der russischen Regierung trĂ€gt", lautete die ErklĂ€rung auf der Homepage des Restaurants. Man wolle aber ein Zeichen setzen: "Dies ist unser Beitrag, damit unsere Kinder in einem friedlichen Europa leben können." Nach massiven Protesten und Drohungen löschte der Betreiber die Botschaft und bat auf der Homepage des Restaurants um Entschuldigung. Die GaststĂ€tte wird derzeit aus Sorge vor Angriffen von der Polizei ĂŒberwacht.
  • Eine MĂŒnchner Klinikdirektorin teilte in einer E-Mail mit, sie werde keine russischen Patienten (aus dem Ausland) mehr aufnehmen. Als Grund nannte sie die Politik des "offenbar geistig gestörten Autokraten Putin". Nun mag es sinnvoll erscheinen, die Sanktionen gegen Russland durch die Verweigerung von Dienstleistungen in anderen Bereichen zu unterstĂŒtzen. In der Medizin gilt freilich die eiserne Regel, dass die NationalitĂ€t bei der Behandlung eines Patienten keine Rolle spielen darf – lediglich die Frage, ob die Behandlung medizinisch notwendig ist. Die Direktorin hat ihre AnkĂŒndigung inzwischen zurĂŒckgenommen.
  • Im nordrhein-westfĂ€lischen Oberhausen wurde ein russisches LebensmittelgeschĂ€ft mit Farbbeuteln verschmiert. Ein Video davon kursiert in den sozialen Netzwerken. Die Polizei Oberhausen bestĂ€tigte t-online den Vorfall. Da ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden könne, habe der Staatsschutz der Polizei die Ermittlungen ĂŒbernommen.
  • Der aus Russland stammende deutsche Schriftsteller Wladimir Kaminer berichtet, dass er Drohbriefe erhĂ€lt: "'Sehr geehrter Russe', schreibt mir Ewald D. 'Hoffentlich haben Sie Ihre Koffer schon gepackt; Sie sind bei uns eine unerwĂŒnschte Person. Hauen Sie ab, solange es noch gesittet zugeht. Nur ein toter Russe ist ein guter Russe.'" Kaminer lebt seit ĂŒber 30 Jahren in Deutschland und hat Putin immer wieder öffentlich kritisiert. Bereits in der Krim-Krise 2014 schrieb er, dass er sich fĂŒr sein Land und dessen Politik schĂ€me.
  • Aber auch die russische Kultur ist betroffen. So sagte die Polnische Nationaloper in Warschau die geplante AuffĂŒhrung von "Boris Godunow" fĂŒr April ab. In einer schriftlichen ErklĂ€rung schrieb Direktor Waldemar Dabrowski: "Wir haben unseren Sitz in Warschau, einer Stadt, die noch sehr lebhaft die ersten Bomben in Erinnerung hat, die im Zweiten Weltkrieg aus dem Himmel fielen. Wir sind tief betroffen vom Krieg in der Ukraine und dem Leid der ukrainischen Bevölkerung. Wir bewundern den Heldenmut der Ukrainer, die aufgestanden sind, um ihr Land zu verteidigen." Deshalb habe man sich entschlossen, die Premiere der Oper und weitere AuffĂŒhrungen abzusagen. Man hoffe, die VorfĂŒhrungen in "Friedenszeiten" nachholen zu können.

Der Komponist Boris Petrowitsch Musorgksy, der die Oper komponiert hat, ist wie Dostojewski seit fast 150 Jahren tot. "Boris Godunow" gilt als eines der wichtigsten Werke in der Entwicklungsgeschichte der Oper. Ein Thema darin ist der Missbrauch von Macht und die IrrefĂŒhrung des Volkes.

Im Fall des italienischen Schriftstellers Paolo Nori und seinem abgesagten Dostojewski-Seminar schien sich zunÀchst eine Lösung abzuzeichnen. Nach einem Sturm der Empörung zeigte sich die UniversitÀtsleitung bereit, den Kurs doch zuzulassen.

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Doch inzwischen hat Nori selbst abgesagt. Er begrĂŒndete seinen Schritt damit, dass die UniversitĂ€t von ihm verlangt habe, neben Dostojewski auch noch ĂŒber einen ukrainischen Schriftsteller zu sprechen.

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