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Lockerung der Corona-Regeln: Der Leichtsinn hat begonnen

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Corona: Der Leichtsinn hat begonnen

21.04.2020, 06:01 Uhr
Lockerung der Corona-Regeln: Der Leichtsinn hat begonnen. Gut besuchte Einkaufsstraße gestern in Köln.  (Quelle: dpa/Oliver Berg)

Gut besuchte Einkaufsstraße gestern in Köln. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Wir neigen dazu, Gefahren erst dann ernst zu nehmen, wenn sie nicht mehr zu übersehen sind. Also holen wir das Fernrohr raus: In einer Seniorenwohnanlage in Nordrhein-Westfalen sterben 50 Bewohner, in einem Pflegeheim in Schleswig-Holstein sind es 65. Bundesweit fallen 800 Menschen dem Coronavirus zum Opfer – an einem einzigen Tag. Die Zahl der Infizierten schnellt in die Höhe: 200.000, 250.000, 300.000. Viele Krankenhäuser können keine Patienten mehr aufnehmen, auf den Intensivstationen ringen Hunderte mit dem Tod. Im Englischen Garten in München, im Hamburger Stadtpark, im Berliner Tiergarten und am Frankfurter Mainufer stehen Notlazarette, an den Eingängen wechseln sich Kranken- mit Leichenwagen ab. Die Bundesregierung hat den unbefristeten Notstand ausgerufen. In ganz Deutschland gilt eine strikte Ausgangssperre, alle Bürger dürfen ihre Wohnungen nur noch mit Passierschein und maximal eine Stunde täglich verlassen. In den Straßen patrouillieren Bundeswehrsoldaten und Polizisten. Wer die Regeln missachtet, wird festgenommen. Die deutschen Wirtschaftszahlen fallen ins Bodenlose, die Insolvenzmeldungen überschlagen sich. Zigtausend Angestellte verlieren ihre Arbeit, binnen Wochen wird das Werk ganzer Generationen vernichtet.

Nein, das alles WAR nicht, zum Glück. So schlimm steht es nicht um Deutschland. Aber so schlimm kann es kommen, wenn wir im Kampf gegen das Coronavirus Fehler machen. Und wir sind drauf und dran, das zu tun. Weil wir in eine gefährliche Falle tappen: den Leichtsinn. Seitdem die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten Lockerungen der Kontaktsperre beschlossen haben, hat ein gefährlicher Wettlauf begonnen: Jeden Tag kommt nun irgendein Politiker oder Wirtschaftsvertreter um die Ecke und fordert eine weitere Ausnahme für sein Bundesland, seinen Wahlkreis oder seine Branche. Man kommt mit dem Protokollieren kaum noch hinterher: CDU-Kanzlerkandidatenkandidat Armin Laschet profiliert sich als Freiheitskämpfer und sperrt neben Geschäften und Safariparks auch Möbelhäuser und Babymärkte wieder auf. Bundesministerin Franziska Giffey sorgt sich um Familien und möchte Spielplätze freigeben. Die Landesregierung in Rheinland-Pfalz hält es für eine gute Idee, Parteiveranstaltungen abzuhalten und Einkaufszentren zu öffnen. Schleswig-Holsteins Landesfürst Daniel Günther läutet die Urlaubssaison ein und möchte "den Tourismus wieder hochfahren". Prompt wittern Fluglinien ihre Chance und überlegen, wie sie Passagiere befördern können, notfalls halt mit Maske, aber bitte in vollbesetzten Maschinen. Die Bundesliga-Vereine lassen sich nicht lumpen und tüfteln an der Rückkehr in den Geisterspielbetrieb. FDP-Schlachtross Wolfgang Kubicki nutzt die Gunst der Stunde und bläst zum Halali auf die Kanzlerin: Die "maßt sich in der Corona-Krise Regelungskompetenzen an, die sie nicht hat", wettert er.

Die Folgen all der Lockerungsübungen sind vielerorts in Deutschland zu besichtigen: Man trifft sich wieder mit Freunden, hockt grüppchenweise im Park, feiert Corona-Partys, drängt sich durch die Einkaufsstraßen, plant Kurzreisen. Die Politik macht den Sound, die Leute machen was draus, und alle gemeinsam machen den Fehler.




Es geschieht genau das, wovor Virologen seit Wochen warnen: Der Ausgangssperre überdrüssig, stürzen sich viele Bürger in die Sorglosigkeit, die geradewegs in die zweite Corona-Welle münden kann. Anders als zu Beginn der Pandemie wären diese Ausbrüche jedoch nicht auf einzelne Orte wie Heinsberg oder Tirschenreuth beschränkt. Inzwischen hat sich das Virus im ganzen Land verbreitet, die zweite Welle könnte daher binnen Tagen die gesamte Deutschlandkarte rot einfärben. Die Zahl der asymptomatischen Fälle liegt einer Studie aus England zufolge bei 42 Prozent. Viele Menschen tragen also das Virus in sich, ohne dass sie unter Husten, Fieber oder Lungenschmerzen leiden. Ansteckend sind sie trotzdem. Alle anderen Infizierten sind an dem Tag, bevor die Symptome einsetzen, am stärksten ansteckend. Pumperlgesunde Infizierte bergen für ihre Mitmenschen also das größte Risiko.

Die Kanzlerin hat die Gefahr dieser Fakten erkannt und die Bevölkerung gestern in untypischer Deutlichkeit zur Vorsicht gemahnt: "Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen, sondern müssen wachsam und diszipliniert bleiben." Denn "die Situation, die wir jetzt haben, ist trügerisch." Die Folgen der jetzigen Lockerungen werden wir erst in 14 Tagen sehen: "Es wäre jammerschade, wenn wir sehenden Auges in einen Rückfall gehen." Und dann der Hieb gegen Laschet, Giffey, Günther und Co.: "Es kann auch ein Fehler sein, dass man zu schnell voranschreitet." Die "Öffnungsdiskussionsorgien" erhöhten das Risiko eines Rückfalls.

Klare Kante, klare Worte – aber kommen sie auch an? Es sieht nicht danach aus, dass die Kanzlerin ihren Kurs der Vorsicht weiter durchsetzen kann. Der Geist ist aus der Flasche, und die Flaschendreher machen munter weiter: Heute machen wir das auf und morgen dies und übermorgen jenes, hip, hip hurra! Diesen Enthusiasmus gefährlich zu nennen, ist keine Übertreibung. Man gönnt ja jeder Branche ihr Geschäft und jedem Politiker seinen Anderthalb-Minuten-Ruhm in der "Tagesschau". Aber wenn sie den Anschein erwecken, dass sie mit Menschenleben spielen, passt darauf nur ein Wort: Verantwortungslosigkeit. Sie sollten lieber mal einen Blick durchs Fernrohr werfen.

Belebte Fußgängerzone gestern in Kiel.  (Quelle: dpa/Gregor Fischer)Belebte Fußgängerzone gestern in Kiel. (Quelle: Gregor Fischer/dpa)

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ZITAT DES TAGES:

"Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit."

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern.

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 Der Preis der amerikanischen Rohölsorte West Texas Intermediate stürzte gestern ins Bodenlose. (Quelle: Screenshot/macrotrends.net) Der Preis der amerikanischen Rohölsorte West Texas Intermediate stürzte gestern ins Bodenlose. (Quelle: Screenshot/macrotrends.net)


Gestern Abend wurde Geschichte geschrieben. Der Ölpreis – dessen Höhenflüge einst 165 Dollar pro Fass erreichten – fiel auf 0. Ja, null. Und dann unter null. Zwischenzeitlich wurden minus 37 Dollar pro Barrel erreicht. Ein Verkäufer, der sein Rohöl loswerden will, musste dafür also auch noch bezahlen. Geht nicht? Geht doch, denn was wir da sehen, ist der Beginn der Krise in der Krise.

Die gute Nachricht zuerst: Das Chaos hat Grenzen. Nicht alle Preise für Rohöl haben die Achterbahnfahrt mitgemacht, sondern nur der, mit dem vor allem eine amerikanische Sorte gehandelt wird. West Texas Intermediate heißt die schwarze Brühe, kurz WTI, und das wollte gestern nun wirklich niemand mehr haben. Denn WTI wird nicht angeliefert und bei Übergabe bezahlt, gehandelt wird stattdessen eine Art Wertpapier, ein Anrecht auf künftige Lieferungen. Damit wird gezockt wie mit spekulativen Aktien: kaufen, auf steigenden Wert hoffen, verscherbeln und Kasse machen – oder eben, wenn es schiefgeht, einen Verlust. Die Kurse dieser "Futures" sind gestern in die Tiefe gerauscht. Ölhändler hatten sich verspekuliert. Und wer sich verzockt, der muss bluten. So einfach ist das im Kapitalismus.

Nun die schlechte Nachricht: Auf dem Markt für WTI geht es drunter und drüber, weil in den USA die Öltanks bis zum Anschlag voll sind. Spätestens Mitte Mai dürfte ihre Kapazität erschöpft sein. Na gut, denken Sie, da könnte man doch einfach weniger Öl fördern? Könnte man, ja – wenn der Ölmarkt nicht von einem Klub großer Lieferanten bestimmt würde: der OPEC, den Russen und noch ein paar anderen, den USA natürlich als größtem Produzenten weltweit. Man gluckt zusammen, verhandelt über Quoten, setzt Fördermengen fest und spielt ein bisschen Planwirtschaft. Gerade erst hat der größte Dealmaker aller Zeiten (ja, der Donald) einen supertollen Superkompromiss eingefädelt, bei dem die Russen und die Saudis die Ölpumpe langsamer laufen lassen. Gestern ist klar geworden, wie sehr sich die Herrschaften am Verhandlungstisch verheddert haben: Immer noch rauscht viel zu viel schwarzes Gold, Pardon: schwarzer Ramsch, in die Raffinerien.

So laufen trotz gedrosselter Produktion die Lager voll, weil in Krisenzeiten niemand noch mehr Öl braucht. Die Räder stehen still, die Fabrikschlote rauchen nicht mehr. Nun mag man einen kurzen Gedanken an die positiven Effekte für die Umwelt hegen, aber der verkehrt sich schnell ins Gegenteil: Die Turbulenzen auf dem Ölmarkt sind die Vorboten eines Sturms, der bald durch die Weltwirtschaft fegen wird. Ziehen wir uns warm an.

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WAS STEHT AN?

Ein Satellitenbild zeigt den Rauch der Waldbrände nahe der AKW-Ruine von Tschernobyl. (Quelle: Planet Labs Inc/dpa)Ein Satellitenbild zeigt den Rauch der Waldbrände nahe der AKW-Ruine von Tschernobyl. (Quelle: Planet Labs Inc/dpa)

Meine abenteuerlichste Reportagereise führte mich nicht in die Bürgerkriegsruinen Beiruts und auch nicht in die staubtrockenen Weiten der Sahara. Da war ich auch, aber riskanter war ein anderer Ort. Ein Tagesausflug nur, doch vergessen werde ich ihn nie: Gemeinsam mit einem Grüppchen unerschrockener Journalisten ließ ich mich Anfang der Nullerjahre in die Sperrzone um das Atomkraftwerk Tschernobyl führen. Die ukrainischen Behörden hatten sich in den Kopf gesetzt, dort ein Tourismusprogramm aufzubauen, die Vorbereitungen wollten wir uns genauer ansehen. Also sah ich den bröckelnden Sarkophag über dem Reaktor, tappte durch die Trümmer der Totenstadt Pripjat und blickte auf den kontaminierten Wald: Bäume, Sträucher, Moos, das noch jahrhundertelang radioaktiv strahlen wird. Ich erschauderte. 

An diesen Ausflug muss ich heute Morgen denken, wenn ich das Video meiner Kollegen Saskia Leidinger und Nicolas Lindken sehe: Zwar sind die Waldbrände nahe der Reaktorruine inzwischen weitgehend gelöscht – doch die Rauchschwaden ziehen nun nach Westeuropa. Bis nach Deutschland.

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Am heutigen Holocaust-Gedenktag wird der sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden gedacht. In Israel heulen um 9 Uhr die Sirenen, das Leben steht zwei Minuten lang still. Die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem überträgt auf ihrer Website die Videos von Überlebenden.

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WAS LESEN UND ANHÖREN?

"Es ist höchste Zeit, dass wir asiatischer werden", sagt Eckart von Hirschhausen.  (Quelle: imago images)"Es ist höchste Zeit, dass wir asiatischer werden", sagt Eckart von Hirschhausen. (Quelle: imago images)

Eckart von Hirschhausen ist Mediziner und Comedian. Mit meinem Kollegen Steven Sowa hat er in beiden Funktionen über die Folgen der Corona-Krise gesprochen. Prädikat: lesenswert. 

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Armut, Korruption, marode Gesundheitssysteme: Die meisten afrikanischen Staaten sind überhaupt nicht für den Ansturm des Coronavirus gewappnet. Warum wir Europäer jetzt die Pflicht zur Hilfe haben, erklärt ein kongolesischer Geistlicher in einem eindrucksvollen Interview mit der "FAZ". 

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Die EU-Länder haben sich auf Milliardenhilfen gegen die Corona-Schäden geeinigt – trotzdem geht der Streit um Eurobonds ebenso weiter wie um die Verteilung von Flüchtlingen. Europa ist krank, kommentiert mein Kollege Martin Trotz – und empfiehlt ein starkes Medikament.

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Die Corona-Krise ist eine enorme Herausforderung für Schüler, Eltern, Lehrer. Trotzdem wird sie positive Folgen haben, prophezeit die Lernforscherin Ulrike Cress in unserem Podcast "Tonspur Wissen": "Das wird einen großen Schub in der Digitalisierung geben." Allerdings werden nicht alle Kinder etwas davon haben. 

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In "Lang lebe die Königin" spielen Hannelore Elsner und Marlene Morreis Mutter und Tochter. (Quelle: BR/ARD Degeto/ORF/Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller)In "Lang lebe die Königin" spielen Hannelore Elsner und Marlene Morreis Mutter und Tochter. (Quelle: BR/ARD Degeto/ORF/Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller)

Das Eindrucksvollste, was ein Mensch nach seinem Tod hinterlassen kann, sind lebendige Erinnerungen in den Köpfen derjenigen, die noch ein wenig bleiben dürfen. Hannelore Elsner wird wohl noch in vielen Köpfen weiterleben, nicht nur dank des "Tatorts" am vergangenen Sonntag. Ihre Partnerin im Film "Lang lebe die Königin", Marlene Morreis, hat während der Dreharbeiten ein Tagebuch geführt. Meine Kolleginnen Janna Halbroth und Ricarda Heil durften es lesen.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Es ist wirklich schwer, im Homeoffice zu arbeiten. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie bitte mal hierhin und knipsen Sie den Ton an (auf dem Bild unten rechts). Ich wünsche Ihnen einen ungestörten Tag.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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