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Lockerungen der Corona-Kontaktsperre: Wenn wir so weitermachen, dann gute Nacht


Was heute wichtig ist
Wenn wir so weitermachen, dann gute Nacht

MeinungVon Florian Harms

Aktualisiert am 24.04.2020Lesedauer: 7 Min.
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In Gelsenkirchen ist der Shopping-Trubel wieder ausgebrochen.Vergrößern des Bildes
In Gelsenkirchen ist der Shopping-Trubel wieder ausgebrochen. (Quelle: Martin Meissner/ap)

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WAS WAR?

Jede Epoche hat ihre Weltordnung. Ein Konzert der Großmächte hat es mal gegeben, einen Eisernen Vorhang, und nach dem Ende der Sowjetunion meinten manche Zeitgenossen sogar, das "Ende der Geschichte" anbrechen zu sehen. Das hatte sich bald erledigt, in jüngster Zeit beschwor man eher die Bipolarität zwischen Amerika und China. Nun wird die globale Ordnung wieder einmal durchgeschüttelt, und die Welt nimmt eine neue Gestalt an. Begeben wir uns also auf eine Rundreise und sehen uns die Szenerie an.

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Den ersten Teil der neuen Corona-Welt finden wir gleich vor unserer Haustür: In Deutschland meinen wir die Seuche im Griff zu haben, die Sonne wärmt uns Haut und Herz, das Leben scheint schon wieder ganz passabel zu sein. Zwar gibt es täglich mehr als 2.000 neuentdeckte Infektionen. Aber viele Leute sorgen sich inzwischen weniger um die Gesundheit als vielmehr um die Wirtschaft und debattieren darüber, wie man den Laden ruck-zuck wieder öffnen kann. Mancher legt dabei eine bemerkenswerte Logik an den Tag, beispielsweise der Alles-nicht-so-schlimm-Armin aus Düsseldorf. Erst ließ er die Einkaufszentren wieder öffnen, dann befand er: "Wenn die Jugendlichen jetzt alle in Shopping-Malls gehen oder sich in Parks treffen, statt auf den Sportplatz zu gehen, ist das ja auch nicht Sinn der Sache." Also will er auch die Sportanlagen öffnen. Mit dem ersten Schachzug gleich den Vorwand für den nächsten liefern: So sieht sie aus, die Laschet-Logik. Es ist nicht schwer zu erraten, was als Nächstes kommt. Sind erst einmal die Sportplätze wieder auf, ist es bis zum Fußballstadion nur ein kurzer Weg. Die sieben Bundesligavereine in Nordrhein-Westfalen helfen argumentativ gerne nach.

Während sich der NRW-Ministerpräsident auf dem Weg zur CDU-Parteichefkandidatur in den Vordergrund spielt und Herr Lindner und Herr Gauland kräftig mitstürmen, spielt die Faktenlage eine immer kleinere Rolle. Dabei ist sie so simpel: Kommen viele Menschen auf engem Raum zusammen – beim Fußball-Zweikampf, vorm Joghurt-Regal oder am Kassenautomaten – steigt das Risiko durch eine Corona-Tröpfcheninfektion enorm, und auch eine Maske bietet dagegen keinen vollständigen Schutz. Neu-Infizierte tragen das Virus dann in ihre Familien, ihren Freundes- und Landkreis. So setzt die Pandemie ihren Vernichtungsfeldzug fort. Aber man kann natürlich die Augen davor verschließen und die Ohren auch. Dann muss man die Kanzlerin nicht hören, die gestern die Lockerungsübungen der Bundesländer als "zu forsch" geißelte. Auch den Berliner Charité-Virologen Christian Drosten muss man dann nicht hören, der sorgenvoll sagte, er "bedauere es sehr, dass wir drauf und dran sind, unseren Vorsprung zu verspielen". Beherzt und ziemlich blauäugig: Das ist die Lage im ersten Teil der Corona-Welt.

Für den zweiten Teil reisen wir nach Peking. Dort werden die Schutzmaßnahmen gerade wieder verschärft. Wer aus Bus, Zug oder Flugzeug steigt, egal woher er kommt, wird sowieso für zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen. Das reiche ihnen aber nicht mehr, bekunden die Behörden jetzt, und verordnen aus dem Ausland zurückkehrenden Chinesen, nach der strikten Quarantäne eine weitere Woche in "häuslicher Beobachtung" zu bleiben. So gehen die asiatischen Länder vor, die das Virus in seiner ganzen Wucht erlebten – und dem Frieden nicht trauen.

Wir reisen weiter in den dritten Teil der Corona-Welt und steigen in Neuseeland aus. Ohne Zeit zu vergeuden, hat dort Premierministerin Jacinda Ardern die Notbremse gezogen und das Land in den vollständigen Stillstand geschickt. Ausnahmen: keine. Zustimmung in der Bevölkerung: riesig. Die Wirtschaft: hat um den sofortigen Shutdown sogar gebettelt. Wochenlang war das Land dicht, obwohl zu Beginn der Krise gerade einmal 102 Infektionen verzeichnet worden waren. "Aber das hatte Italien auch mal", erklärte Frau Ardern der Bevölkerung, und die sah das ein. Was dabei herausgekommen ist? Die Gesamtzahl der neuseeländischen Corona-Toten beträgt heute: 14. Die Premierministerin spricht mit jeder Familie, die ein Opfer zu beklagen hat, persönlich am Telefon. Kommende Woche werden die harten Regeln langsam gelockert.

Viele Schritte, die in Neuseeland unternommen wurden, ähneln denen bei uns. Doch der Schein trügt. Während sich in Deutschland die Ansteckungen immer noch unkontrollierbar fortsetzen, zählt Neuseeland gerade einmal sechs Neuinfektionen. Die Zahl der Infektionen, deren Ursprung noch nicht exakt geklärt ist, beträgt, und jetzt halten Sie sich bitte fest: zwei. Ja, Neuseeland kann den Laden tatsächlich wieder aufmachen.

Wenn wir uns nun in den vierten Teil der Welt begeben, dann verfliegt das kurzzeitige Hochgefühl noch vor der Ankunft. Namen wie Jemen oder Kongo stehen nun auf der Landkarte. Das Herz der Finsternis: So hat der Schriftsteller Joseph Conrad einst das Zentrum Afrikas genannt, halb vergessen und missbraucht von den Mächtigen aus Übersee und jenen vor Ort. Inzwischen passt der düstere Titel auch auf die kriegszerfressenen Regionen Asiens und Arabiens. Schon vor der Ankunft des Coronavirus hatten diese Länder grassierenden Krankheiten nichts entgegenzusetzen, da es Gesundheitssysteme, die diesen Namen verdienen, dort nicht gibt. Immerhin: Weil das Reisen dort meist langsam und beschwerlich vonstattengeht, breitet sich auch der Erreger gemächlicher aus. Aber das ändert nichts. Er hat freie Bahn, und er wird Schreckliches anrichten.

Den fünften Teil der Welt finden wir dort, wo man die Barrikaden gegen das Virus durchaus hätte errichten können: Alles halb so wild, posaunte der Boris, alles Fake News, ergänzte der Donald. Die schlimmen Nachrichten aus Italien flimmerten da schon längst über die Bildschirme. 50.000 Tote später versammeln sich in den USA nun die Rechten aus dem Trump-Lager zu Demos und fordern, dichtgedrängt die Banner schwenkend, die sofortige Aufhebung aller Abstands- und Eindämmungsregeln. Politisierung und Verleugnung: Wir können live zusehen, wohin das führt. Geradewegs auf den Friedhof.

So teilt sich die Welt in diesen seltsamen Zeiten auf. Wenn wir nun auf unsere Rundreise zurückblicken, fällt etwas auf: Die vorteilhafte Kategorie, in der Deutschland sich verortet, ist eigentlich gar keine. Denn in Wahrheit befinden wir uns in einer Zeit des Übergangs. Gut vorangekommen waren wir auf dem Weg, den auch Neuseeland beschritten hat – aber jetzt sucht die Mehrheit sich ein neues Ziel: bisschen lockerer sein! Alles nicht so schlimm! Aufmachen, aufmachen! Schon nach mancher Krise in Deutschlands wechselhafter Geschichte sind die Briten und die Amerikaner uns ein Vorbild gewesen. Auch jetzt rücken wir also näher an sie heran. Und, wie zu befürchten ist, bald auch die Zahlen.

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Mir fällt dazu ein Vers von Heinrich Heine ein: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht."


WAS STEHT AN?

Weltweit rufen Jugendliche heute zu einem alternativen Klimastreik auf: Fridays For Future hat sich ins Internet verlagert und kündigt dort zahlreiche Aktionen an.

Die EU und Großbritannien beenden ihre erste Verhandlungsrunde über die künftigen Beziehungen nach der Brexit-Übergangsphase. EU-Unterhändler Michel Barnier will über Ergebnisse rund um das Handels- und Partnerschaftsabkommen berichten.


Vor fünf Jahren erschütterte ein Erdbeben das arme Nepal am Himalaja. Tagesanbruch-Leserin Marianne Grosspietsch hat die Katastrophe damals miterlebt: "Mein Sohn hielt mich unter dem Türsturz unserer Wohnung in Katmandu fest, so überlebten wir beide unbeschadet und konnten sofort Betroffenen helfen", berichtet sie mir. "Die Menschen in Nepal haben damals unfassbar viel erlitten: 8.800 Tote waren zu beklagen, Tausende waren verletzt, man spricht von 800.000 zerstörten Häusern. Noch lange sind nicht alle wieder aufgebaut." Frau Grosspietsch engagiert sich seit vielen Jahren für Arme und Leprakranke vor Ort und hat dort ein Hilfsprojekt aufgebaut. "Wir planten, im Herbst unser Zentrum mit erdbebensicheren Häusern für 155 Familien fertigzustellen. Nun aber stagniert das Leben wegen des Coronavirus auch in Nepal. Die Regierung hat ein striktes Ausgehverbot verhängt. Das verursacht unvorstellbare Not. Hunger und Durst quälen die ohnehin arme Bevölkerung: die kleinen Straßenhändler, die Wäscherinnen, die Friseure mit einem Spiegel an einem Baum und einem Stuhl davor, die Bettlerinnen, die Hilfsarbeiter am Bau. Sie alle leben sowieso von der Hand in den Mund. Sie haben keine Rücklagen und leiden nun seit vier Wochen an Hunger." Um ihnen helfen zu können, ist Frau Grosspietsch auf Spenden angewiesen.


WAS LESEN UND HÖREN?

Die Corona-Krise wird Deutschland in die größte Rezession der Nachkriegszeit stürzen. "Wir werden deshalb über kurz oder lang über Steuererhöhungen nachdenken müssen", sagt Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, in unserem Podcast "Tonspur Wissen". Anders seien die massiven Kosten, auch für die Gesundheit, nicht zu finanzieren. Warum er trotzdem dafür ist, bestimmte Steuern abzuschaffen, und warum es kurz vor der nächsten Bundestagswahl einen Wirtschafts-Boom geben könnte, erklärt er im Gespräch mit Moderatorin Ursula Weidenfeld.


Mehr als 100.000 Menschen sind in Deutschland nach einer Infektion mit dem Coronavirus genesen. Je nach Verlauf kann sich die Krankheit sehr unterschiedlich anfühlen. Meine Kollegin Charlotte Janus hat vier Geschichten von t-online.de-Lesern zusammengetragen, die an Covid-19 erkrankt waren und sich nun erholt haben.


Die Corona-Krise hat in den USA besonders heftige Folgen. Was macht die Amerikaner so anfällig? Und warum stehen plötzlich Luxusautos in den Schlangen der Essensausgaben? Die US-Ökonomin Annamaria Lusardi hat es unserem Korrespondenten Fabian Reinbold erklärt.


Videospiele können eine gute Möglichkeit sein, sich während der Epidemie zuhause die Zeit zu vertreiben. Besonders beliebt ist gerade der Kassenschlager "Animal Crossing". Mein Kollege Ali Roodsari hat sich das Spiel angetan und resümiert: Es ist der Inbegriff der Zeitverschwendung, bedient aber eine tiefe Sehnsucht von uns allen.


WAS AMÜSIERT MICH?

In diesen Tagen müssen wir ja alle Abstand halten. Da erinnert sich mancher gerne an die Zeit, als man Geheimnisse noch ganz einfach mit Nebensitzern teilen konnte.

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Freitag. Wenn Sie den Tagesanbruch abonniert haben, bekommen Sie morgen die Wochenendausgabe geschickt.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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