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Putin versteht nur diese Sprache


Putin versteht nur diese Sprache

  • Peter Schink
Von Peter Schink

Aktualisiert am 25.03.2022Lesedauer: 5 Min.
Meinung
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Wladimir Putin: Der russische Präsident versteht nur eine Sprache.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin: Der russische Präsident versteht nur eine Sprache. (Quelle: imago-images-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

mein neunjähriger Sohn berichtete gestern, in der Schule werde geplant, Briefe an Wladimir Putin zu schreiben. Und sagte gleich dazu, das bringe doch eh nichts. Es ist erschreckend, wie realistisch Kinder die Situation einschätzen. Und welche Ohnmacht aus solchen Sätzen spricht.

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Briefeschreiben wird Putin nicht aufhalten, Krieg zu führen. Es ist ihm auch egal, mit welcher Härte seine Generäle gegen zivile Ziele vorgehen. Gegen Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen. Alle Mittel scheinen ihm recht zu sein.

Die USA warnen, Putin könnte auch Chemiewaffen, biologische Waffen oder taktische Nuklearwaffen einsetzen – Berichte aus der Ukraine lassen selbiges befürchten. Auf Twitter kursieren Bilder, die die Verlegung von Kriegsgerät zeigen sollen, mit dem taktische Atomwaffen abgefeuert werden können. Wieder andere Quellen berichten glaubhaft, dass Chemiewaffen bereits in die Ukraine transportiert wurden.

Putin ist es zuzutrauen.

In Brüssel versuchten die für drei Gipfel von G7, Nato und EU angereisten Politiker gestern entschlossen zu wirken. Ohnmachtsgefühle dürfen bei solchen Treffen nicht aufkommen. Die von der Ukraine geforderten Panzer und Kampfflugzeuge wird es nicht geben. Dafür andere Waffen, Details nennt man da lieber nicht vor der Kamera. Nur so viel: Man sei unter anderem dabei, den Ukrainern Luftabwehrsysteme mit großer Reichweite zu beschaffen.

Wie also erkläre ich meinem Sohn, was wir (nicht) tun können? Ich habe ihm gesagt, dass Deutschland nicht einfach in den Krieg eingreifen kann. Niemand wolle riskieren, in einen Krieg mit einer Atommacht gezogen zu werden.

Was aber, wenn Russland in der Ukraine tatsächlich Chemiewaffen oder taktische Atomwaffen einsetzt? Könnte die Welt weiter zusehen? In der Abschlusserklärung des Nato-Gipfels heißt es dazu: "Jegliche Verwendung chemischer oder biologischer Waffen durch Russland wäre inakzeptabel und würde schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen." Doch schon Mitte Februar hieß es von der Nato, ein Einmarsch in die Ukraine werde "schwerwiegende Konsequenzen" haben. Die Formulierung nutzt sich ab.

Mangelt es Stoltenberg an schärferen Warnungen? Womöglich will er sie nicht aussprechen. Es bleibt also beim Grundsatz: Wir unterstützen die Ukraine, aber wir greifen nicht selbst in den Konflikt ein. Es gibt keine klare rote Linie.

Kritiker sagen, dem Westen fehle es an Härte. Und fordern eine Flugverbotszone oder ein direktes Eingreifen der Nato.

Doch die Argumentation ist verkürzt. Wir sollten nicht unterschätzen, dass wir bereits wirkungsvoll in den Krieg eingegriffen haben. Zwei Hebel hat der Westen gefunden, gegen die Putin bislang machtlos ist: Zum einen die Waffenlieferungen an die Ukraine, zum anderen wirtschaftliche Daumenschrauben. Beides zeigt Wirkung, beide Methoden wirken aber indirekt und mit Zeitverzug.

Wir haben Putin mit Klarheit und Härte aufgezeigt, dass er den Krieg nicht gewinnen wird. Die Ukraine zu unterwerfen, kann ihm nicht mehr gelingen. Die russische Offensive ist quasi zum Erliegen gekommen, die Sanktionen schwächen Russland nachhaltig, Putins Machtgefüge gerät womöglich bereits ins Wanken.

Völlig unklar ist jedoch, wie der russische Präsident in den nächsten Tagen und Wochen reagieren wird. Da wird eines zum Problem: Es fehlt dem Westen (und der Ukraine) an einer Gesprächsbasis, auf der Verhandlungen aufbauen können.

  • Wir sehen uns wirtschaftlich am längeren Hebel, Putin hält den Westen für schwach.
  • Die Nato agiert deeskalierend, Putin eskaliert weiter.
  • Die Ukraine zeigt sich betont offen für Verhandlungen, Putin verzögert sie.
  • Putin äußert sich stets aggressiv, wir reagieren allenfalls irritiert.
  • Putin führt einen konventionellen Krieg, die Ukraine taktiert intelligent und agil.

Im Ergebnis versteht keine Seite das Denken und Handeln der anderen. Doch beide Seiten werden eine gemeinsame Basis und Sprache finden müssen.

Anders ausgedrückt: Putin muss den Westen und die Ukraine wieder als respektable Gesprächspartner behandeln. Wir müssen verstehen, wann Putin meint davon profitieren zu können, den Krieg zu beenden. Das klingt absurd. Aber anders ist einem Mann nicht beizukommen, der glaubt, im 21. Jahrhundert durch einen Krieg ein ruhmreiches, strahlendes Russland erschaffen zu können.


Die Kinder des Krieges

Die gestrige Meldung der Unicef hat Putin vermutlich nicht erreicht: Die Organisation geht davon aus, dass von den 7,5 Millionen ukrainischen Kindern inzwischen etwa 4,3 Millionen auf der Flucht sind. Mehr als die Hälfte aller Kinder. Unicef-Chefin Catherine Russell warnte, der Krieg werde Auswirkungen auf eine ganze Generation haben.

Auch in unserer Nachbarschaft leben jetzt mehrere ukrainische Kinder. Die meisten von ihnen kamen aus Kiew und umliegenden Orten. Mein Sohn spielt Fußball mit ihnen, dabei sprechen sie nicht einmal eine gemeinsame Sprache. Wenn ich sie sehe, frage ich mich, in welche Heimat sie jemals zurückkehren werden.

Wladimir Putin ist selbst Vater. Es ist mir unbegreiflich.


Entscheidung an der Saar

Am Sonntag wird gewählt. Der Landtagswahlkampf im kleinen Saarland geriet durch die erdrückende Weltlage ziemlich in den Hintergrund. Doch das Ergebnis am Sonntag zeichnet sich überraschend deutlich ab, wenn die Wahlforscher nicht falschliegen.

Die CDU von Amtsinhaber Tobias Hans liegt mit 28 Prozent überdeutlich hinter der SPD mit 41 Prozent. Seine Herausforderin Anke Rehlinger äußert sich selbst zurückhaltend, aber bei der Frage, wen die Wählerinnen und Wähler favorisieren, kommt Rehlinger auf 57 Prozent, nur 30 Prozent sprechen sich für Hans aus.

Kommt es tatsächlich so, wäre nach Sonntag im Saarland rechnerisch nicht nur eine große Koalition denkbar, sondern auch Zweierbündnisse mit der SPD. Vor fünf Jahren undenkbar.

Der Wahlkampf im Saarland war nicht bundespolitisch geprägt, der Verlust ist also kaum Friedrich Merz anzulasten. Umgekehrt aber war in Saarbrücken auch kein Rückenwind durch den neuen Parteivorsitzenden spürbar.


Was lesen?

Die Ampel hat wegen der hohen Energiepreise ein Entlastungspaket vorgestellt, das helfen wird. Doch ein grundlegendes Problem bleibt, kommentiert mein Kollege Tim Kummert.


Dringend sucht die Bundesregierung nach neuen Energielieferanten. Unter den Ländern mit großen Gasreserven ist die Liste der autoritären Regime lang. Eine Demokratie hat die Regierung bisher nicht auf dem Schirm, erklären Experten im Gespräch mit meiner Kollegin Annika Leister.

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Die Rolling Stones genießen bis heute Starruhm. Im Jahr 1969 geschah allerdings etwas, was die Bandgeschichte sehr belastete. Mein Kollege Marc von Lüpke hat den Moment noch einmal aus dem Archiv geholt.


Was mich amüsiert

Die Industrie freut sich über das Entlastungspaket der Regierung.

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Morgen hören Sie im Tagesanbruch am Wochenende die Kollegen Florian Harms, Fabian Reinbold und Sebastian Späth.

Ihr

Peter Schink
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de

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