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  • Ukraine-Krieg: Jetzt auch noch China – die Lage spitzt sich zu


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Jetzt auch noch China

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 27.04.2022Lesedauer: 6 Min.
Chinesischer Kampfjet startet von einem Flugzeugträger.
Chinesischer Kampfjet startet von einem Flugzeugträger. (Quelle: imago-images-bilder)
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Die Lage spitzt sich zu. Fast fünf Tagesanbruch-Jahre lang habe ich diese Floskel erfolgreich vermieden, heute komme ich nicht um sie herum. Seit neun Wochen toben die Kämpfe in der Ukraine, kommen täglich neue Grausamkeiten ans Licht, rotiert die Politik nahezu ausschließlich um diesen Konflikt. Trotz pausenloser Krisenbeschäftigung ist kein Ende der Eskalation in Sicht, im Gegenteil: Europa verstrickt sich immer weiter in die Kriegswirren, auf einen Schlag folgt der nächste. Ich bin nicht der einzige Beobachter, der sich in diesen Tagen an Christopher Clarks epochales Werk "Die Schlafwandler" erinnert fühlt. Darin beschreibt der Historiker, wie Europas Mächte durch Engstirnigkeit, Militarismus und Überheblichkeit in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs schlitterten.

Kann sich die Geschichte womöglich doch wiederholen? Russland brüstete sich gestern damit, große Teile der Ost- und Südukraine erobert zu haben. Auch aus Transnistrien, dem von der Republik Moldau abtrünnigen Gebiet, gibt es Berichte über Angriffe – russische Soldaten sind dort in Gefechtsbereitschaft. Die Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien will Moskau schon heute einstellen. Derweil rollen Lastwagen mit Kanonen, Haubitzen, Mörsern und Drohnen aus Beständen der USA und europäischer Staaten in die Ukraine. Auch die Bundesregierung hat sich nun dazu durchgerungen, selbst Panzer zu liefern. Und US-Außenminister Antony Blinken wirft Putin vor, gar nicht mehr an einer diplomatischen Lösung des Konflikts interessiert zu sein.

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In Europa brennt ein Feuer, und sämtliche Umstehenden werfen immer mehr Scheite hinein, sodass die Flammen höher und höher schlagen.

Gibt es wirklich keinen Ausweg aus der Eskalationsspirale? Immerhin eine gute Nachricht erreichte uns in den vergangenen Stunden: Nach dem Besuch von UN-Generalsekretär António Guterres stimmt der Kremlchef zu, dass die im Stahlwerk von Mariupol ausharrenden Zivilisten mithilfe der Vereinten Nationen evakuiert werden. Es ist nur ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber er zeigt: Es braucht viel mehr Diplomatie, um die grausame Logik dieses Krieges aufzubrechen. Waffen allein können das nicht.

Auch den UN-Generalsekretär empfing Putin an seinem meterlangen Tisch.
Auch den UN-Generalsekretär empfing Putin an seinem meterlangen Tisch. (Quelle: Vladimir Astapkovich/TASS-POOL/dpa-bilder)

Alle Augen starren auf die Ukraine, doch auch 8.000 Kilometer weiter im Osten schwelt ein Konflikt, der sich zu einer Weltkrise ausweiten könnte: Chinas Präsident Xi Jinping will sich den Nachbarn Taiwan einverleiben – wenn nötig mit Gewalt.

Die Parallelen zum Russland-Ukraine-Konflikt sind verblüffend. Auch Taiwan, eine Insel von der Größe Baden-Württembergs, wird seit Jahren von seinem übermächtigen Nachbarn bedroht. Auch Taiwan muss sich der ständigen Behauptung seines Gegners erwehren, es sei doch gar kein Land, sondern gehöre in Wahrheit seinem großen Bruder. Auch Taiwan ist von Washington aufgerüstet worden und strotzt nun vor Waffen.

Europa hätte mit seinen eigenen Krisen eigentlich genug zu tun. Doch die angespannte Lage vor Chinas Küste lässt sich nicht ignorieren, nur weil sie auf der anderen Seite des Globus stattfindet. Am laufenden Band schickt Peking Kampfjets in den Luftraum um Taiwan, doch der eigentliche Adressat befindet sich weiter weg: Es ist Washington. Die Geschicke Taiwans entscheiden über Amerikas Anspruch, im pazifischen Raum der Boss zu sein. Selbst in den notorisch gespaltenen USA besteht parteiübergreifend Einigkeit darüber, dass man sich in einem strategischen Konkurrenzkampf mit China befindet. Sein Ausgang entscheidet darüber, ob Demokratie oder Diktatur das 21. Jahrhundert dominieren wird. An der Seegrenze zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland wird das Ringen der Blöcke ausgetragen – so wie einst am Grenzzaun zwischen BRD und DDR.

Umso größer ist die Frage, wie wohl die Schlüsse aussehen, die Xi Jinping aus dem Krieg in der Ukraine zieht. Einige Beobachter glauben, Chinas Präsident werde das russische Debakel als Warnung verstehen. Er müsse mit Überraschung zur Kenntnis genommen haben, wie schnell die träge westliche Welt zum Schulterschluss fähig ist. Ein Hagel an Sanktionen hat den Aggressor getroffen, Waffenhilfe erreicht die attackierte Nation, zahlenmäßig überlegene Angreifer mussten beim Rückzug ihre ausgebrannten Panzer zurücklassen. Als Einladung, Putin mit einer vergleichbaren Aktion nachzueifern, kann Herr Xi das ukrainische Drama eigentlich nicht deuten.

Andere Analysten meinen, dass umgekehrt ein Schuh draus werde: Die USA seien vom Erfolg des ukrainischen Widerstands gegen Russland ermutigt, nun auch in Asien ruppiger aufzutreten und ihre Unterstützung für Taiwan zu verstärken – auch so könnten Xi Jinpings Strategen die Lage interpretieren. Per Salamitaktik würde Pekings Einfluss im eigenen Hinterhof Scheibchen für Scheibchen reduziert. Handeln, bevor es zu spät ist, laute deshalb die chinesische Devise. Und da selbst der russische Wirtschaftswinzling den westlichen Sanktionen einigermaßen standzuhalten scheint, hätte ein Gigant wie China wenig zu befürchten.

Sowohl in Russland als auch in China sind die Gedankengänge im Oberstübchen des Oberbefehlshabers für den Rest der Welt ein Rätsel. Man kann beobachten, analysieren, aus der kleinsten Regung der Augenbraue komplexe Schlussfolgerungen ziehen – und wird trotzdem nur bei Spekulationen enden. Sollte Taiwan jetzt so schnell wie möglich seine Verteidigung verstärken? Oder provoziert das den Riesen nebenan erst recht zu einem Angriff, während ein Verständigungskurs die Katastrophe verhindern könnte? Sollte es den Umbau zur Berufsarmee stoppen und die Wehrpflicht wieder ausbauen – oder lieber nicht? Es ist kein Wunder, dass in Taiwan die Köpfe rauchen.

Das Gehirn sollten allerdings auch wir im Westen einschalten. Denn das Ratespiel, was die Diktatoren in Moskau und Peking noch so alles vorhaben könnten, lässt sich durch zwei einfache Leitsätze verkürzen. Erstens: Was möglich ist, kann eintreten. Zweitens: Was der Machthaber sagt, kann auch so gemeint sein. Ist militärische Aggression denkbar? Und sagt das sogar der Präsident? Dann ist das Szenario nicht länger abseitige Theorie. Das gilt erst recht, wenn jemand einen Koffer mit Atomraketen-Codes besitzt.

Eine weitere Erkenntnis kommt hinzu: China ist eben doch nicht Russland, und Taiwan nicht die Ukraine. Eine Insel im Westpazifik lässt sich nicht mit Lkw-Ladungen versorgen, die erst über die Grenze rollen, während der Krieg schon tobt. Und erst recht kann man der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nicht Paroli bieten, wenn man die Dinge bis zur letzten Minute schleifen lässt und erst dann eilig eine Zeitenwende ausruft. Am Schicksal Taiwans kann sich das Ringen um die globale Führungsrolle entscheiden: Demokratie oder Diktatur, Freiheit oder Unterdrückung. China hat an seiner Strategie jahrzehntelang gefeilt und offensive Optionen entwickelt. Einen europäisch-amerikanischen Notfallplan dagegen gibt es nicht. Es wird höchste Zeit.

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Ab nach Osten

Kanzler Olaf Scholz macht den Anfang: Er reist heute zum Antrittsbesuch nach Japan, das mit China ebenfalls über Kreuz liegt. Weil die Uhren dort anders ticken und der Flug 14 Stunden dauert, kommt er erst morgen an, um Premierminister Fumio Kishida zu treffen. In der Gruppe der führenden demokratischen Wirtschaftsmächte G7 spielt Japan eine wichtige Rolle. Deutschland hat in diesem Jahr den Vorsitz und richtet im Juni den G7-Gipfel in Bayern aus. Ich ahne, dass wir Journalisten den Kanzler auf dem langen Flug trotzdem vor allem mit Fragen zu seiner Strategie im Ukraine-Konflikt löchern werden.


Was lesen?

Ist Putin verrückt? Keinesfalls, der Kremlchef weiß sehr genau, was er tut, erklärt der Osteuropa-Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski im Interview mit meinem Kollegen Marc von Lüpke. Wie der Ukraine-Krieg enden könnte und warum die Vorsicht des Kanzlers weise ist, lesen Sie hier.


Deutschland schickt nun doch schwere Waffen in die Ukraine: Der Gepard-Panzer soll zur Flugabwehr dienen. Doch bis die Kolosse einsatzbereit sind, könnte es noch Monate dauern, erläutert der Rüstungsexperte Lars Winkelsdorf im Gespräch mit meiner Kollegin Liesa Wölm.


Wie schnell kommt Deutschland vom russischen Öl los? Robert Habeck verkündete gestern den großen Durchbruch – leider etwas zu früh, berichtet unser Korrespondent Fabian Reinbold, der den Vizekanzler nach Warschau begleitet hat.


Gerhard Schröder will seine Loyalität zum Kriegsherrn Putin nicht aufgeben. Warum ist er so stur? Die Antwort ist wohl simpel, berichten unsere Reporter Johannes Bebermeier, Miriam Hollstein und Marc von Lüpke.


Was amĂĽsiert mich?

Der liebe Mario Lars hat sich eine Frage gestellt.

(Quelle: Mario Lars)
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Autonome Demo beim G20-Gipfel 2017: Wie beeinflusst der Krieg die Gewaltbereitschaft?


Ich wĂĽnsche Ihnen einen kreativen Tag. Morgen schreibt Camilla Kohrs den Tagesanbruch, von mir lesen Sie am Freitag wieder.

Herzliche GrĂĽĂźe

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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