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Schnee-Chaos in Deutschland: "So eine Wetterlage kommt selten vor"

INTERVIEWExtremwetter in Deutschland  

Meteorologin: Schnee und Kälte bleiben uns lange erhalten

09.02.2021, 10:14 Uhr
Wetter-Kolumne im Video: Wo am Dienstag neuer Schnee kommt

Auch am Dienstag bleibt es in zahlreichen Regionen Deutschlands winterlich. Der "Lake-Effekt" etwa bringt der Ostseeküste stellenweise viel Neuschnee. In anderen Gegenden lässt sich sogar die Sonne blicken. (Quelle: t-online)

So geht das Extrem-Wetter weiter: Wo der Schnee ab Dienstag mehr und wo es besonders frostig wird, erklärt Michaela Koschak im Video. (Quelle: t-online)


Deutschland ächzt unter Schneemassen und arktischen Temperaturen. Normales Wetter oder Katastrophe und Klimakrise? t-online-Wetterexpertin Michaela Koschak ordnet die Wetterlage ein.

Ein Polarwirbel kollabiert und in Deutschland kommt es zu einem heftigen Wintereinbruch. Von Chaos und Katastrophe ist zu lesen. Und auch das Wort "Klimakrise" fällt oft. Doch wieviel hat das derzeitige Wetter mit dem Klima wirklich zu tun? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Winter und der Klimakrise? t-online-Wetterexpertin und Meteorologin Michaela Koschak erklärt im Interview das Wetterphänomen und seine Folgen.

Deutschland leidet derzeit unter extremen Wetterbedingungen. Ist das, was wir jetzt erleben, eine Auswirkung oder Folge der Klimakrise? Viele verbinden mit Klimakrise ja eher Erderwärmung als klirrende Kälte.

Michaela Koschak: Durch die globale Erderwärmung kommt es zu mehr Wetterextremen, das stimmt, aber ein Wetterereignis allein ist noch nicht der Klimawandel. Solche Wintereinbrüche wie im Moment gab es schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten und wird es auch in Zukunft immer mal wieder geben. Allerdings sieht man schon, dass es durch den Klimawandel zu "eingefahrenen" Wetterlagen kommt. Das heißt, wir haben über Wochen hinweg nur Hochdruckgebiete oder wie im Moment die Luftmassengrenzen. Die ständigen Wetterwechsel wie früher gibt es immer seltener. Der Jetstream, ein Starkwindband in der Höhe, macht unser Wetter und der wird durch die globale Erderwärmung langsamer. Dadurch halten sich Wetterlagen bei uns längere Zeit. So werden wir noch eine Weile frieren müssen, denn das Kältehoch was sich in den nächsten Tagen hier einnisten wird, macht es sich so richtig bequem und hält und hält. Allerdings gab es auch früher wochenlange Kältephasen und wie gesagt, die außergewöhnlichen Schneefälle der letzten Tage sind nur ein einzelnes Wetterereignis.

Schneestürme und Dauerfrost im Norden, frühlingshafte Wärme im Süden: Wie ungewöhnlich ist die derzeitige Wetterlage in Deutschland?

So eine Wetterlage kommt wirklich selten vor und gab es bei uns schon seit Jahren nicht mehr. Derzeit stoßen zwei sehr extreme Luftmassen genau über Deutschland aufeinander. Im Februar kann die Luft kaum kälter sein, die uns da aus Norden erreicht. Und auch die feuchte Warmluft aus Süden, die das Tiefdruckgebiet "Tristan" mit sich brachte, ist ungewöhnlich mild. Am Sonntag gab es im Osten Deutschlands eisige Höchstwerte von -7 Grad, an den Alpen mit Föhn dagegen frühlingshafte 15 Grad. Wenn diese unterschiedlichen Luftmassen direkt aufeinanderprallen, dann passiert viel Wetter – so wie wir es gerade erleben. Es ähnelt der Wetterlage im Winter 1978/79, dort dauerte der Schneefall aber noch deutlich länger an und der Eisregen war heftiger. 

 
Welche Rolle bei der derzeitigen Extremwetterlage spielt der Polarwirbel, von dem immer wieder zu lesen ist, "er sei zusammengebrochen"?

Ja, es gab einen sogenannten Polarwirbelsplit in diesem Winter, was sich auch auf unser Wetter ausgewirkt hat. Normalerweise existiert in der Stratosphäre, das heißt in 10 bis 50 Kilometer Höhe im Winter über dem Nordpol ein geschlossener Kaltluftwirbel, der Polarwirbel. Ab und zu kommt es vor, dass der gestört wird. Die Westwinde, die es in der Polarregion jetzt eigentlich gibt, verwandeln sich in Ostwind und stören das ganze System. Warum das so ist, kann auch die Wissenschaft noch nicht so richtig sagen. Möglicherweise hängt es mit dem Klimaphänomen "La Nina" zusammen. Klar ist, auch in der unteren Atmosphäre kommt es dadurch zu Störungen und unser Wetter kann dadurch beeinflusst werden, wie im Moment.

 
Könnte dieser "Zusammenbruch" langfristige Auswirkungen auf unser Wetter haben?

Das ist schwierig zu beantworten. Wie gesagt, der Zusammenbruch des Polarwirbels ist noch nicht gut erforscht. Der derzeitige heftige Wintereinbruch, den es schon seit Jahren bei uns nicht mehr gab, scheint mit diesem Polarwirbelsplit zusammenzuhängen. Mehr kann man da seriös nichts zu sagen, das wären unwissenschaftliche Spekulationen.

Michaela Koschak hat an der FU Berlin Meteorologie studiert und ist vielen aus dem Fernsehen bekannt. Unter anderem für Sat.1, MDR und NDR hat die 43-Jährige das Wetter präsentiert. Außerdem ist sie Buchautorin. Koschak arbeitet seit 2019 als Wetter-Kolumnistin für t-online und kommentiert und erklärt regelmäßig Wetterphänomene. In ihrer aktuellen Video-Kolumne sehen Sie, wie sie das Wettergeschehen der kommenden Tage einschätzt.

Gibt es bei diesem Phänomen irgendeinen Zusammenhang mit den schwindenden Eisflächen in der Arktis?

Nachgewiesen ist hier noch kein Zusammenhang. Klar ist, dass das Eis in der Arktis rasant schnell schmilzt. Im September 2019 erreichte die vereiste Arktisfläche mit 3,9 Millionen Quadratkilometern die zweitkleinste Ausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen 1979. Zwar baut sich dünnes Eis in kalten Jahren schnell wieder auf, es ist jedoch sehr empfindlich gegenüber warmen Sommern. Wissenschaftler rechnen damit, dass die zentrale Arktis etwa ab 2040 im Sommer weitgehend eisfrei sein könnte und damit schiffbar sein wird, falls wir an den globalen Emissionen nichts ändern. Der Grund dafür ist, dass Richtung Nordpol die Erderwärmung doppelt so schnell voranschreitet wie im globalen Durchschnitt. Während sich in den letzten 100 Jahren die Erde im Schnitt um etwa ein Grad erwärmt hat, sind es in den nördlichen Breiten über zwei Grad, wie das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven errechnet hat. Dabei wird die Erwärmung durch das schmelzende Eis verstärkt, da eisfreie Flächen dunkel sind und so das Sonnenlicht nicht reflektieren, sondern absorbieren, also die Sonnenwärme aufnehmen. Das Schmelzen des restlichen Eises wird also beschleunigt, wodurch der Meeresspiegel ansteigen wird. Es ist also ein sich selbst verstärkender Prozess. Allgemein gilt dieses Phänomen als eines der Kipp-Punkte in der Klimakrise, was irgendwann nicht mehr aufzuhalten ist.

Ski-Langläufer in der Innenstadt von Erfurt: Deutschland erlebt einen heftigen Wintereinbruch. Ist das noch normales Winterwetter oder schon eine Folge der Klimakrise? (Quelle: dpa/Martin Schutt)Ski-Langläufer in der Innenstadt von Erfurt: Deutschland erlebt einen heftigen Wintereinbruch. Ist das noch normales Winterwetter oder schon eine Folge der Klimakrise? (Quelle: Martin Schutt/dpa)

Extreme Winter gab es also auch schon früher. Dennoch liest man in diesen Tagen häufig von "Schnee-" oder "Winterchaos", von "Katastrophenwinter" oder Ähnlichem. Ist dieser Winter – bisher – in irgendeiner Weise unnormal? Oder kommt vielen das nur so vor, weil sie einen Winter mit viel Schnee und tagelanger, eisiger Kälte lange nicht mehr erlebt haben?

Ja, in den letzten Jahren waren fast alle Winter deutlich zu mild und überhaupt nicht winterlich. Vor allem alle Flachlandbewohner unter uns kennen Schnee schippen, eisige Kälte und sein Auto in einer Schneewehe stecken sehen überhaupt nicht mehr und können damit schlecht umgehen – weil sie es einfach nicht mehr gewohnt sind. Als wir Kinder waren, gab es fast in jedem Winter einige Wochen Schnee. Viele Kinder heutzutage kennen es kaum, vor dem Haus einen Schneemann zu bauen oder richtig rodeln zu gehen. Die Winter sind allgemein milder geworden. Es ist nachgewiesen, dass es weniger Frost- und Schneetage gibt. Dennoch ist es im Moment kein "Katastrophenwinter". An diesem Wochenende hat es außergewöhnlich viel geschneit und es wird jetzt auch noch einen ganze Weile unnormal kalt sein. Aber es ist Winter, wir leben in Deutschland und nicht in Spanien und da kommen so kalte Phasen bei der richtigen Verteilung der Hoch- und Tiefdruckgebiete immer mal wieder vor. Der Winter 2020/21 ist ja noch nicht vorbei. Der Dezember war verbreitet deutlich zu mild, der Januar leicht unterkühlt. Der Februar wird recht sicher deutlich zu kalt ausfallen. Wenn man sich aber dann wieder den Durchschnitt aller drei Monate anschaut, wird dieser Winter aber wahrscheinlich nicht sehr von der Norm abweichen, sondern einmal nicht deutlich zu mild sein, wie die letzten Winter.

In den letzten Tagen wurde im Zusammenhang mit den extremen Schneefällen oft vom "Lake Effekt" gesprochen. Können Sie kurz erklären, was damit gemeint ist?

Ja, diesen "Lake Effekt" wird es in den nächsten Tagen an der Ostsee geben. Das heißt, es werden sich Schneeschauerstraßen bilden, in denen erstaunliche Schneehöhen zusammenkommen. Es wird also Landstriche geben, wo es immer wieder heftig schneit und nur ein paar Kilometer weiter passiert gar nichts. Es ist also ein sehr regional begrenztes Phänomen. Der Grund dafür ist extrem kalte Luft, die über die deutlich mildere Ostsee weht. Wasserdampf steigt dann über dem Meer auf, gefriert und kommt an Land als Schnee wieder herunter. Der Name "Lake Effekt" kommt aus Nordamerika, wo über den großen Seen ("Great Lakes") dieses Phänomen sehr häufig auftritt.

Ein Ausblick auf für viele angenehmere Temperaturen: Sagt der bisherige Verlauf dieses Winters irgendetwas darüber aus, wie der Sommer werden könnte?

Nein, da kann man gar nichts sagen. Solche Langzeitprognosen sind unseriös. Lassen Sie uns erstmal durch die nächsten kalten Tage kommen. 

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Michaela Koschak

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