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"Attentat hat eine Narbe in der Stadt hinterlassen"

dpa, Von Petra Buch

Aktualisiert am 28.07.2020Lesedauer: 4 Min.
TĂŒr zum GrundstĂŒck der Synagoge Halle/Saale: Thiele hatte die alte TĂŒr gefertigt.
TĂŒr zum GrundstĂŒck der Synagoge Halle/Saale: Thiele hatte die alte TĂŒr gefertigt. (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-bilder)
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Vor neun Monaten verhinderte die TĂŒr einer Synagoge in Halle, dass einem AttentĂ€ter noch mehr Menschen zum Opfer fallen. Nun ist sie ausgetauscht worden – und wird zum Symbol gegen den Hass.

Neun Monate nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle ist die mit Einschusslöchern versehene EingangstĂŒr zur Synagoge der JĂŒdischen Gemeinde ausgewechselt worden. In PrĂ€zisionsarbeit setzte der Dessauer Tischlermeister Thomas Thiele die neue TĂŒr ein. Er hat beide EichentĂŒren per Hand gefertigt. Mit gemischten GefĂŒhlen gehe er an die mehrstĂŒndige Arbeit, sagt er angesichts der Bedeutung der TĂŒr, die vielen Menschen in Todesangst am Ende das Leben gerettet hat.

Anschlag am 9. Oktober 2019

Thiele beschreibt sich als Handwerker mit Herzblut. Bescheiden tritt er auf. Doch mit seiner HĂ€nde Arbeit hat der 47-JĂ€hrige dazu beigetragen, dass mehr als 50 Menschen am 9. Oktober 2019 in der Synagoge nicht getötet wurden. Denn Thiele hat die TĂŒr gebaut, die dem terroristischen Anschlag eines Rechtsextremisten am höchsten jĂŒdischen Feiertag Jom Kippur standgehalten hat – wie durch ein Wunder, betont der Vorsitzende der JĂŒdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki.

Max Privorozki vor der alten SynagogentĂŒr, in der die Einschusslöcher zu sehen sind.
Max Privorozki vor der alten SynagogentĂŒr, in der die Einschusslöcher zu sehen sind. (Quelle: Axel Schmidt/Reuters-bilder)
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Zwei Menschen verloren an dem Tag dennoch ihr Leben, als der AttentĂ€ter eine 40 Jahre alte Passantin vor der Synagoge und einen 20-JĂ€hrigen in einem nahen Dönerimbiss kaltblĂŒtig erschoss. Mindestens zwei Menschen verletzte er auf seiner Flucht schwer, bevor er von der Polizei kilometerweit entfernt in einem Auto gestoppt werden konnte.

Die Emotionen kommen bei Privorozki wieder hoch, als der Handwerker die alte TĂŒr entfernt. Sie soll zentraler Bestandteil eines Mahnmals werden. Im Oktober dieses Jahres soll es fertig sein, gestaltet von einer jungen KĂŒnstlerin. OberbĂŒrgermeister Bernd Wiegand (parteilos) beschreibt seine GefĂŒhle so, als er am Tatort steht: "Es ist wie ein Film, der sich immer wieder wiederholt". Das Attentat habe eine Narbe in der Stadt hinterlassen. Ein Trauma sei es vor allem fĂŒr die Menschen, die Familien, die in dem Wohngebiet leben – unmittelbar TĂŒr an TĂŒr mit der Synagoge, schildert eine Anwohnerin.

"Bis heute nicht vorstellbar, was gewesen wÀre"

"Es ist fĂŒr mich bis heute nicht vorstellbar, was gewesen wĂ€re, wenn meine TĂŒr nicht gehalten hĂ€tte, wenn es noch mehr Opfer gegeben hĂ€tte", sagt Thiele mit belegter Stimme. Dabei legt er zugleich in Millimeterarbeit letzte Handgriffe an fĂŒr die neue, rund 160 Kilogramm schwere TĂŒr. "Das ist die stabilste TĂŒr, die ich je gebaut habe", sagt der gestandene Handwerker mit Schwielen an den HĂ€nden.

Immer wieder prĂŒft Thiele sorgsam und konzentriert, ob alles korrekt ist an der neuen, zusĂ€tzlichen Sicherheitstechnik. Er streicht sanft ĂŒber das dicke Eichenholz der zwei Meter hohen und 1,10 Meter breiten MassivtĂŒr. Viele schlaflose NĂ€chte habe er hinter sich, dass auch ja alles richtig wird. Optisch gleicht die SicherheitstĂŒr eins zu eins der TĂŒr, die er 2010 gebaut hatte.

Trauer, Fassungslosigkeit und Proteste

Deren Bild ging um die Welt – mit mehreren Einschusslöchern – mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Fotos davor. Menschen schrieben Briefe an die Hinterbliebenen der Opfer. Trauer, Fassungslosigkeit und Proteste von Tausenden Menschen gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bestimmten die Szenerie in Halle und andernorts.

Der heute 28 Jahre alte AttentĂ€ter steht nun vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger jĂŒdischen Glaubens" geplant zu haben.

Beschuldigter wegen Mordes angeklagt

Zu Prozessbeginn rĂ€umte der Beschuldigte die VorwĂŒrfe im Wesentlichen ein. Er macht auch vor Gericht keinen Hehl aus seiner rassistischen Ideologie. 13 Straftaten werden dem Angeklagten angelastet, darunter Mord und versuchter Mord.

Privorozki ist einer der mehr als 40 NebenklĂ€ger. Er erhofft sich von dem Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg AufklĂ€rung darĂŒber, wie ein Mensch zu einem fanatischen Antisemiten und Mörder wird, und welche praktischen und geistigen UnterstĂŒtzer er hatte. "Ich kann nicht glauben, dass er ein EinzeltĂ€ter war, es mĂŒssen Menschen davon gewusst haben – oder sie wollten es auch nicht glauben", sagt Privorozki. In der Nazi-Zeit hĂ€tten Menschen neben Konzentrationslagern und Krematorien gelebt. "Und sie wollten es nicht wissen, was dort passiert", sagt Privorozki.

Steinmeier: "Es ist ein Wunder"

Den Prozess versuchte der AttentĂ€ter zum Auftakt als BĂŒhne zu nutzen. Das Gericht mĂŒsse ihn in die Schranken weisen, meint der Tischlermeister, der die Berichte mit Fassungslosigkeit verfolgte. Seine TĂŒr – ĂŒber die BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache am 25. Dezember 2019 sagte: "Es ist ein Wunder, dass sie standgehalten hat. Dass nicht noch mehr Menschen diesem brutalen antisemitischen Anschlag zum Opfer gefallen sind – nicht noch mehr als die zwei, die ermordet worden sind."

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Hoffentlich mĂŒsse seine neue TĂŒr niemals zeigen, was sie kann – Leben retten, sagt der Tischlermeister. "Und ich hoffe, dass wir noch Zeiten erleben, dass wir die TĂŒr jederzeit öffnen können und jeder kann in die Synagoge", sagt Privorozki. Seit dem Anschlag bewacht die Polizei rund um die Uhr das GelĂ€nde der Synagoge.

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