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Ndrangheta: Größter Mafia-Prozess seit Jahrzehnten startet in Italien

'Ndrangheta vor Gericht  

Prozess gegen mächtigste Mafia-Organisation der Welt startet

13.01.2021, 11:44 Uhr | AFP, dpa, ds

Ndrangheta: Größter Mafia-Prozess seit Jahrzehnten startet in Italien. Staatsanwalt Nicola Gratteri: Erwartet wird, dass das Verfahren ein bis zwei Jahre dauert. (Quelle: Reuters/Yara Nardi)

Staatsanwalt Nicola Gratteri: Erwartet wird, dass das Verfahren ein bis zwei Jahre dauert. (Quelle: Yara Nardi/Reuters)

Die 'Ndrangheta aus Kalabrien gilt als mächtige und sehr brutale Mafia-Organisation. Wer gegen sie ermittelt, lebt oft gefährlich. Nun startet ein Prozess gegen Hunderte Mitglieder – ein historisches Verfahren.

In Italien beginnt am Mittwoch einer der größten Mafia-Prozesse seit Jahrzehnten. In der süditalienischen Region Kalabrien wird hunderten mutmaßlichen Mitgliedern und Komplizen der 'Ndrangheta der Prozess gemacht, die als Italiens mächtigste Mafia-Organisation gilt. Experten sehen den Prozess in der süditalienischen Stadt Lamezia Terme als ein Signal des Staates: Die Justiz kann damit Stärke gegen die Organisierte Kriminalität zeigen. Erwartet wird, dass das Verfahren ein bis zwei Jahre dauert.

Für die Verhandlungen in der Stadt in Kalabrien wurde extra ein Gebäude hergerichtet. Es wurde Ende 2020 vom italienischen Justizminister Alfonso Bonafede der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Den Beschuldigten werden Mafia-Zugehörigkeit, Mord, illegaler Waffenbesitz, Drogenhandel, Erpressung, Geldwucher und vieles mehr vorgeworfen. Vielen drohen bei einer Verurteilung hohe Haftstrafen. Erwartet werden etwa 900 Zeugen, darunter ehemalige Mafia-Leute, die bereit sind, das sogenannte Gesetz des Schweigens, die Omertà, zu brechen. Die wichtigsten Fakten zum historischen Prozess: 

Die Ursprünge der Organisation

Der Name der 'Ndrangheta stammt nach Angaben der Kriminologin Anna Sergi von der englischen University of Essex aus dem Griechischen. Das griechische Wort "andranghateia" steht für eine Gruppe von "Ehrenmännern", das Wort "andrangatho" für militärisches Kämpfen.

Die Wurzeln der Gruppe, die in Italien erst seit 2010 offiziell als Mafia-Organisation eingestuft ist, reichen bis ins Jahr 1861 zurück. Weithin bekannt wurde die 'Ndrangheta in den 1980er und 90er Jahren durch eine Serie von Entführungen in ganz Italien. Auch die Entführung eines Enkels von US-Ölmilliardär John Paul Getty in den 70er Jahren soll auf das Konto der 'Ndrangheta gehen.

Ndrangheta ist auf allen Kontinenten aktiv

Der Richter Roberto Di Bella, der sich seit fast 30 Jahren mit der kalabrischen Mafia beschäftigt, nennt die 'Ndrangheta "die vielleicht mächtigste kriminelle Vereinigung der Welt". Sei sei aber mit Sicherheit am weitesten verbreitet – bis auf alle fünf Kontinente. Zu ihren Betätigungsfeldern gehören Drogenhandel, Erpressung, Geldwäsche und illegale Müllentsorgung.

Dabei stützt sich die 'Ndrangheta – stärker als andere Mafia-Organisationen – auf Familienstrukturen und Blutsverwandtschaft. Diese Struktur sorgt für starken Zusammenhalt, "weil es nur wenige Abtrünnige gibt", wie Di Bella sagt.

Die daraus resultierende Verlässlichkeit macht die 'Ndrangheta zu einem beliebten Geschäftspartner für kolumbianische oder mexikanische Drogenkartelle, die beim Drogenhandel in Europa mit ihr zusammenarbeiten.

Mit den immensen Einnahmen aus dem Drogenhandel könne sich die 'Ndrangheta "alles kaufen", sagt Di Bella – etwa Restaurants und andere Betriebe. Damit "verseuche" sie die Wirtschaft in Italien und anderen Ländern.

Organisation macht einen Milliardenumsatz im Jahr

Die italienischen Behörden schätzen, dass die 'Ndrangheta weltweit rund 20.000 Mitglieder hat. Über ihre genauen Strukturen und ihr Vermögen ist aber nur wenig bekannt. Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri, der wegen seiner Ermittlungen gegen die 'Ndrangheta seit mehr als 30 Jahren unter Polizeischutz steht, schätzt ihren Jahresumsatz auf mehr als 50 Milliarden Euro – ein Großteil davon stammt demnach aus dem Kokainhandel.

Verbrechen auch in Deutschland

In Deutschland machte die 'Ndrangheta vor allem durch eine brutale Bluttat Schlagzeilen: Im August 2007 wurden in Duisburg vor dem italienischen Restaurant "Da Bruno" sechs Männer erschossen, die Täter richteten ihre Opfer mit 54 Schüssen hin. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der Sechsfachmord blutiger Höhepunkt einer jahrelangen Fehde zwischen verfeindeten Clans der 'Ndrangheta aus dem kalabrischen Ort San Luca.

Ermittler arbeiten an einem verbrannten Auto, in dem drei verbrannte Leichen in Süditalien, gefunden wurden. Berichten zufolge wurde ein dreijähriger Junge angeblich von rivalisierenden 'Ndrangheta-Mafia-Banden getötet.  (Quelle: dpa/Francesco Arena/ANSA/EPA)Ermittler arbeiten an einem verbrannten Auto, in dem drei verbrannte Leichen in Süditalien, gefunden wurden. Berichten zufolge wurde ein dreijähriger Junge angeblich von rivalisierenden 'Ndrangheta-Mafia-Banden getötet. (Quelle: Francesco Arena/ANSA/EPA/dpa)

Eine Welt voll grausamer Morde

Die 'Ndrangheta ist wegen ihrer "Grausamkeit und Brutalität gefürchtet", wie Gratteri sagt. Erst vor einigen Tagen sorgten Berichte über den Mord an der 42-jährigen Maria Chindamo für Entsetzen: Die kalabrische Geschäftsfrau wurde den Berichten zufolge im Jahr 2016 ermordet, weil sie sich geweigert hatte, ein Grundstück an einen Nachbarn mit Verbindungen zur 'Ndrangheta abzugeben. Chindamos Leiche wurde demnach an Schweine verfüttert.

Die 'Ndrangheta wird auch für die Ermordung dutzender Kinder verantwortlich gemacht. Für Entsetzen sorgte 2014 etwa der Mord an dem dreijährigen Nicola "Coco" Campolongo, der zusammen mit seinem Großvater durch einen Kopfschuss getötet wurde. Bei einem Besuch in Kalabrien erklärte Papst Franziskus kurz darauf alle Mafiosi für exkommuniziert.

Vor über einem Jahr, im Dezember 2019, hatten rund 2.500 Polizisten bei einer der größter Operationen gegen die Mafia seit den 1980er Jahren mehr als 300 Menschen festgenommen. Darunter waren Unternehmer, Juristen und Politiker. Auch in Deutschland, der Schweiz und Bulgarien wurde ermittelt.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen AFP, dpa

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