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HomePanoramaKriminalität

Polizeipsychologe zu Fall Silvio S.: Er hat sich mit seinen Fantasien beschäftigt


Profiler zu Kindermörder Silvio S.
"Exzessive Beschäftigung mit seinen Fantasien"

Von t-online
Aktualisiert am 26.07.2016Lesedauer: 5 Min.
"Verwirklichung auf einer immer höheren Stufe": Kindermörder Silvio S. "übte" mit Puppen.Vergrößern des Bildes"Verwirklichung auf einer immer höheren Stufe": Kindermörder Silvio S. "übte" mit Puppen. (Quelle: Polizei/dpa-bilder)
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Adolf Gallwitz ist Polizeipsychologe und Profiler an der Polizeischochschule Villingen-Schwennigen. Gallwitz schrieb mehrere Bücher mit Titeln wie: "Kinderfreunde - Kindermörder". t-online.de sprach mit dem Experten über den Fall Silvio S.

Herr Professor Gallwitz, heute ist der Kindermörder Silvio S. verurteilt worden. Den Angehörigen seiner Opfer sagte er, seine Tat tue ihm unendlich leid. Kann man ihm das abnehmen?

Mir liegen keine Anhaltspunkte für einen psychopathischen Täter vor – also für einen, dem im Prinzip alles völlig egal ist. Insofern würde ich das schon als eine ehrliche Äußerung ansehen.

Er soll Folterutensilien und "Übungspuppen" gehortet haben. Was für eine Art Täter ist er?

Grundsätzlich sehe ich einen Tätertyp aus dem Bereich "sexuell ausweichender Täter". Das sind Erwachsene oder junge Männer, die ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben - die ihre Opfer nach Verfügbarkeit, also situationsmotiviert, auswählen. Was diese Vorbereitungen und Materialien angeht, die er sich beschafft hat, bedeutet das: Er hat sich exzessiv mit seinen Fantasien beschäftigt. Er hat auch geplant, sie auf einer immer höheren Stufe zu verwirklichen. Das ist ein Problem, das wir bei allen Tätern haben. Aber nicht alle kommen zur Ausführung.

Wie fängt das an?

Es gibt unterschiedliche Stufen: Wir haben Täter, da spielt sich alles im Kopf ab. Wir haben Täter, die beschäftigen sich mit Produkten der Kinderpornografie in Form von Schriften und Bildern. Die nächste Ebene sind dann Filme. In der darauffolgenden Stufe macht man selbst Filme mit lebensechten Puppen. Die höchste Stufe ist die Ausführung an Menschen. Das sind die Steigerungsstufen. Hier haben wir jemanden, der Spuren hinterlassen hat, schon bevor er Übergriffe begangen hat.

Gibt es da eine hohe Dunkelziffer an Gefährdern?

Auf alle Fälle.

Wie hoch schätzen Sie die ein?

Wenn man sieht, dass ein beachtlicher Anteil von Menschen angibt, sie seien als Kinder sexuell missbraucht worden, dann müssen diese Täter ja irgendwo herkommen. Deshalb müssen wir davon ausgehen: Die einfachste Möglichkeit, Täter zu erwischen, ist der Bereich Kinderpornografie. Da gibt es eine interessante Studie aus den USA. Demnach hat ein hoher Prozentsatz der Täter, die nur wegen Kinderpornografie verurteilt worden sind, auch schon vorher viele Übergriffe an Kindern begangen. Das heißt: Wir erwischen Täter leichter über Kinderpornografie, als über sexuelle Übergriffe. Zumindest, wenn es dabei nicht zu Verdeckungsmorden kommt. Aber davon abgesehen, haben wir auch noch einige Fälle in Deutschland, in denen das Verschwinden von Kindern nicht aufgeklärt wurde.

Ist die Lust auf Kinder angeboren oder "erwirbt" man die – beispielsweise durch selbst erlebten Missbrauch?

Ich würde sagen, der eigene Missbrauch ist eigentlich die kleinste Ursache. Das ist so ein bisschen eine Rechtfertigung. Pauschal gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, in der Kindheit missbraucht zu werden, liegt bei den Jungs bei rund zehn Prozent. Das ist schon eine beachtliche Gruppe. Wenn man da zufällig darunter fällt und später beim eigenen Missbrauch erwischt wird, dann ist es natürlich nahe liegend, dass man diese Tatsache bei der Begutachtung auch angibt. Ich würde keinen großen Zusammenhang sehen. Ich sehe da eine ganz andere Entwicklung und die hat mit der Persönlichkeit zu tun. Weil der sexuelle Übergriff zum Nachteil von ganz kleinen Kindern vor allen Dingen wenig mit dem zu tun, hat, was Erwachsene als Sexualität empfinden. Da geht es mehr um Kontrolle und Macht und vor allem auch um Handlungen, die sich kein gleichaltriger Erwachsener auch nur annähernd gefallen lassen würde.

Verstehe ich Sie richtig: Meist ist es mehr erworben, als angeboren?

Der größte Teil ist auf alle Fälle erworben. Diese kleinen Anteile von angeborenen Komponenten im Zusammenhang mit sexuellen Präferenzen werden immer noch sehr kritisch diskutiert - auch im Bereich Homosexualität. Da gibt es auch Theorien, nach denen mütterliche DNA eine Rolle spielt. Aber es ist nie so, dass man sagen kann: Ich habe das von Geburt an und deshalb kann ich nichts dafür.

Kann man solche Neigungen rechtzeitig erkennen oder ist das wie mit Amokläufern, die vor der Tat oft recht unauffällig sind?

Man kann vielleicht schon erkennen, dass jemand eine gewisse Neigung zum Umgang mit sehr jungen Menschen hat. Oft haben wir Täter gehabt, deren Berufswahl sie automatisch in die Umgebung von Kindern geführt hat. Eien Tat vorherzusehen, ist nicht ganz so einfach.

Es gibt Studien, laut denen solche Verbrechen an Kindern in den 70er Jahren bis zu 17 Mal im Jahr vorgekommen seien. Heute dagegen seien sie auf ein bis zwei Fälle im Jahr zurückgegangen. Können Sie diese Zahlen bestätigen?

Ich versuche mal, es ganz diplomatisch zu sagen: Ich empfinde solche Zahlenvergleiche als Blödsinn. Das Hellfeld ist viel zu gering, als dass man feststellen kann, ob etwas ab- oder zunimmt. Bei einer beachtlichen Zahl von langzeitvermissten Kindern und einer deutlichen Zahl von ungeklärten Kindermorden, kann man nicht sagen: Das sind jetzt zwei oder fünf mehr in einem Jahr. Das halte ich im ganzen Bereich der Sexualdelikte für problematisch. Was wir sicher wissen, ist, dass wir rund 50.000 regelmäßige Konsumenten von verbotener Kinderpornografie haben und dass wir 100- bis 150.000 Sextouristen im Jahr haben, die aus Deutschland in andere Länder reisen, wo sie an mehreren Kindern pro Urlaubsaufenthalt sexuelle Übergriffe begehen. Da haben wir richtige Präferenzen von der Dominikanischen Republik bis hin nach Sri Lanka oder Indien. Wir haben Bereiche im europäischen Ausland, wo man mit dem Auto nicht ganz so weit fahren muss. Das sind Fakten. Wenn wir dann so tun, als ob bei uns alle das restliche Jahr über wieder zufrieden sind, halte ich das für ein bisschen zynisch. Rund zwei Prozent der Männer haben pädosexuelle Neigungen. Nicht alle werden straffällig.

Wie sieht es bei Frauen aus?

Bei Frauen ist natürlich die Dunkelziffer noch höher. Einer Frau, die mit ihrem Sohn bis zum 14. Lebensjahr in einem großen Doppelbett schläft, wird man weniger sexuellen Missbrauch unterstellen, als man das beispielsweise bei einem Vater macht. Frauen haben eine größere Nähe zu Pflegeverhalten. Aber wir haben natürlich auch Verurteilungen. Wir haben vor wenigen Jahren schon eine Großmutter verurteilt. Frauen sind genauso Täterinnen. Oft sind sie aber auch Mittäterinnen mit einem missbrauchenden Mann.

Was raten Sie Helikopter-Eltern, die ihre Kinder ohnehin schon mit dem Auto praktisch überallhin fahren?

Was die Erziehung zur Selbstständigkeit und zur Gefahrenerkennung betrifft, ist das natürlich vollkommen kontraproduktiv. Die Kinder müssen lernen, zu erkennen: Was gibt es für Gefahren, wo kann man sich Hilfe holen. Das lerne ich nicht, wenn nicht Eltern ständig rumfahren. Das ist keine Alternative, ganz im Gegenteil.

Also lieber nicht fahren, sondern üben und sprechen?

Ja, üben und viel sprechen. Man darf das auch ruhig thematisieren: Was hat dieser Silvio S. gemacht? Warum könnte dir das nicht passieren? Man erzeugt dadurch keine Angst. Ängste haben oft damit zu tun, dass die Eltern nicht darüber sprechen wollen.

Noch mal generell: Was ist Pädopilie?

Der Begriff ist etwas problematisch. Heute spricht man vor allem von Pädosexualität und Pädokriminalität. Aber allein dieser Zeitraum zwischen Geburt und 14. Lebensjahr ist viel zu vielfältig, um nicht auch von einer Vielfalt von unterschiedlichen Tätern zu sprechen. Es ist ein Unterschied, ob jemand dreijährige oder zehnjährige Kinder auswählt. Oder dass er einen Faible für Formate wie Germany’s Next Topmodel hat. Wir sprechen immer von „der“ Neigung. Da gibt es aber vollkommen unterschiedliche Projektionsflächen und Beuteschemata – sowie vollkommen unterschiedliche Tätertypen. Wenn Kinder über 14 sind, lassen die Täter sie jedenfalls fallen, wie faules Obst. Deshalb ist es auch falsch von Pädophilie zu sprechen, denn das bedeutet ja Kinderliebe.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer




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