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Schweden: Brachte der "Skandia-Mann" Olof Palme um?

Neuer Verdacht  

Brachte der "Skandia-Mann" Olof Palme um?

Von Dietmar Seher

30.05.2018, 17:42 Uhr
Schweden: Brachte der "Skandia-Mann" Olof Palme um?.  (Quelle: Rolf Adlercreutz)

(Quelle: Rolf Adlercreutz)

1986 erschütterte der Mord am schwedischen Regierungschef Olof Palme die Welt. CIA und PKK standen im Verdacht, selbst die schwedische Polizei. Jetzt gibt es einen neuen Verdächtigen.    

Es ist eine Ermittlung der Superlative. 10.000 Zeugen wurden vernommen, 8.000 Spuren untersucht, rund 250 Meter Akten angelegt. Alles, um den Mörder des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme zu ermitteln, der am 28. Februar 1986 in Stockholm von einem Unbekannten erschossen worden ist. Seit 32 Jahren rätseln die Schweden, wer die Tat begangen hat.

Etwa die kurdische Partei PKK, die der Sozialdemokrat Palme als Terrorgruppe eingestuft hatte? Oder zog das südafrikanische Regime die Fäden, weil Palme das Apartheid-System ächten wollte? Waren es rechte Kreise in Skandinavien, die amerikanische CIA, der israelische Mossad oder gar die Palästinenser von der PLO? Und nicht zuletzt: Hatten sich die schwedischen Sicherheitsbehörden gegen den 59-jährigen Politiker verschworen?

Erster Zeuge am Tatort?

Jetzt berichtet das schwedische Magazin "Filter" basierend auf langjährigen Nachforschungen des Journalisten Thomas Pettersson von einer neuen heißen Spur. Der Tatverdächtige heißt Stig Engström. Ein der schwedischen Öffentlichkeit wohl bekannter Name. Engström war 1986 der erste Zeuge am Tatort.

Der Tatablauf gestaltete sich wie folgt: Am Abend des 28. Februar 1986 hatte Palme zusammen mit seiner Frau Lisbet im Kino einen Film angeschaut, nach 23.00 Uhr verließen sie das Lichtspielhaus. Auf ihrem Weg nach Hause lag das Ausstattungsgeschäft Dekorima. Vor dessen Schaufenster soll, so Zeugen später, ein Mann gewartet haben. Er holte das Paar ein und schoss Palme aus 30 Zentimeter Entfernung in den Rücken. Die Kugel zerfetzte die Aorta des Premiers.

Gänzlich neue Erkenntnisse

Stig Engström meldete sich nach dem Mord als Zeuge. Landesweit wurde er als der "Skandia-Mann" bekannt, einfach weil er in dem nahe liegenden "Skandia"-Gebäude bis spät in die Nacht Überstunden gemacht hatte. Viermal vernahmen Polizeibeamte Engström, später trat er immer wieder mit seiner Schilderung der verhängnisvollen Nacht im Fernsehen auf.

Nach langen Recherchen und offenbar gefüttert mit neuesten Erkenntnissen der Sonderkommission zum Mord an Palme berichtet das Magazin "Filter" nun gänzlich neue Erkenntnisse über Engström. Er hatte durch einen Freund nicht nur Zugang zu einem Exemplar der mutmaßlichen Tatwaffe, sondern war ein trainierter Schütze. Vor allem aber: Engström hatte laut "Filter" ein Motiv. Und zwar einen ausgeprägten Hass auf Palme und dessen sozialdemokratische Politik. Er soll dies auch immer wieder offen erklärt haben.

Erbitterte Gegner

Die Ermittlungen zum Mord an Olof Palme waren von Anfang an verworren: Mehr als 100 Personen galten im Laufe der Jahre als tatverdächtig. Palme, der Schweden elf Jahre lang regiert hatte, war umstritten: Im Inneren baute er den Sozialstaat massiv aus, finanziert durch höhere Steuern. In der Außenpolitik hatte er lange zuvor den Vietnam-Krieg der Amerikaner harsch kritisiert, wollte jetzt den Gesprächsfaden mit dem Ostblock aufnehmen. Palme hatte frenetisch applaudierende Freunde auf seiner Seite – und noch mehr erbitterte Gegner.

Hat die Wucht des Falles die Ermittler irritiert? Oder legten einige unter ihnen bewusst falsche Spuren? Ihre ersten kapitalen Fehler waren unmittelbar nach dem Eintreffen am Tatort passiert. Die Uhrzeit der beiden Schüsse, irgendwann zwischen 23.15 Uhr und 23.32 Uhr, wurde ungenau festgelegt. Der Tatort wiederum viel zu eng abgesteckt und abgesperrt. Zwei Geschosshülsen aus der Tatwaffe fanden Passanten am nächsten und übernächsten Tag außerhalb der gesperrten Zone.

Pannen, Pannen, Pannen

Anrufe in der Polizeizentrale wurden nicht durchgestellt, weder Fingerabdrücke sichergestellt noch Material, das nach heutigem Stand der Kriminaltechnik DNA-tauglich gewesen wäre. Dilettantisch entwickelten sich die Ermittlungen weiter: Bis heute ist unklar, ob eine Waffe vom Typ Smith and Wesson mit dem Kaliber 357, später aus einem See gefischt und einem Journalisten zugeschickt, die Mordwaffe war. Nie geklärt wurde zudem auch, warum Zeugen kurz nach den Schüssen zahlreiche Männer in der Umgebung des Tatorts mit Walkie Talkies gesehen haben.

Nicht nur deswegen wird bis heute über eine Tatbeteiligung der schwedischen Sicherheitsbehörden spekuliert. Chefermittler Hans Holmer musste zurücktreten, nachdem er erklärt hatte, er sei in der Tatnacht nicht in Stockholm gewesen. Als Holmers Chauffeur das Gegenteil erzählen wollte, fand man ihn kurz vor der Aussage tot auf. Weitgehend unwidersprochen blieb auch eine Behauptung, kurz vor dem Palme-Mord habe es eine Verabredung führender Polizisten beziehungsweise Militärs zum Putsch gegen die sozialdemokratische Regierung gegeben.

Unschuldiger verurteilt

Ein Mann namens Christer Petersson wurde schließlich von Lisbet Palme als Mörder ihres Mannes bei einer Gegenüberstellung identifiziert. Ein Trunkenbold und Drogensüchtiger, mit Schnurrbart und von großer Statur. Aber auch hier unterliefen den Fahndern so viele Fehler, dass der Mann 1990 freigelassen wurde. 2004 starb er – nach einem Unfall.

Der nun wieder in den Fokus der Ermittlungen getretene Stig Engström kann ebenfalls nicht mehr befragt werden. Im Jahr 2000 hat er sich das Leben genommen. Mit einer Schusswaffe.

Verwendete Quellen:

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