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Tönnies-Eklat von 2013: Warum dieser Mitarbeiter irgendwann zustach

Fall von 2013 zeigt Abgründe  

Warum der Tönnies-Mitarbeiter Dariusz K. irgendwann zustach

Von Lars Wienand, Noah Platschko

23.07.2020, 11:21 Uhr
Tönnies-Eklat von 2013: Warum dieser Mitarbeiter irgendwann zustach. Mobbing und Sklaventreiberei: Die Arbeitsbedingungen bei Tönnies in Weißenfels führten dazu, dass ein Arbeiter dem Vorarbeiter in Messer in die Flanke rammte und dafür nur mild bestraft wurde. (Symbolfoto, Archiv) (Quelle: imago images/Marco Stepniak/biky)

Mobbing und Sklaventreiberei: Die Arbeitsbedingungen bei Tönnies in Weißenfels führten dazu, dass ein Arbeiter dem Vorarbeiter in Messer in die Flanke rammte und dafür nur mild bestraft wurde. (Symbolfoto, Archiv) (Quelle: Marco Stepniak/biky/imago images)

Vor sieben Jahren erstach der Tönnies-Mitarbeiter Dariusz K. beinahe seinen Vorgesetzten, der ihn zuvor lange malträtiert hatte. Hat sich die Situation seitdem verbessert? Im Gespräch mit t-online.de zeigt sich K. skeptisch. 

Am 29. Mai 2013 kommt es bei Dariusz K. (Name von der Redaktion geändert) zu einer Entladung, die für seinen Chef fast tödlich geendet wäre: K. rammt an diesem Tag seinem Vorgesetzen die 14 Zentimeter lange Klinge eines Fleischerwerkzeugs zwischen dessen zehnte und elfte Rippe. Der Vorgesetzte, Marcin T. (Name von der Redaktion geändert) hatte ihm kurz zuvor mit einem Faustschlag eine Platzwunde verpasst.

Der Boxhieb ist nur eine Episode in einer Herrschaft des Schreckens, die Marcin T. in der Tönnies-Fleischfabrik in Weißenfels aufgerichtet hat,  wie der Prozess um den Fall gezeigt hat und wie Dariusz K. im Gespräch mit t-online.de berichtet. K ist damals angestellt über einen Subunternehmer bei Tönnies und bekommt regelmäßig T.s gehässige Freude daran spüren, Untergebene zu beleidigen und zu erniedrigen. Zum Spaß wirft T. Fleischstücke und Eis nach den Menschen, die am Band Schweine zerlegen. Dabei kann er offenbar agieren, fast wie er will. Er ist die Schnittstelle zwischen der Leiharbeitsfirma, deren Chefs und dem Tönnies-Werk. "Beschwerden der Arbeiter [über Marcin T.] bei dessen deutschen Vorgesetzten waren ihnen nur sehr eingeschränkt möglich", hielt das Gericht fest. 

Ein Paar flüchtete vor dem alltäglichen Terror

Die Tönnies Fleischfabriken, deutscher Branchenführer in der Fleischwirtschaft, und die Arbeitsmethoden der Branche stehen im Moment besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Der Fall von K. wirft dort ein besonders erschreckendes Schlaglicht. Christoph Rühlmann, einer der beiden Verteidiger von K., sagt heute: "Viele der Umstände, von denen man jetzt hört, haben wir im Prozess bereits kritisiert. Pferchartige Unterkunft, Schikanen, Ausbeutung." Im Prozess formulierte sein Kollege Janusch Nagel es drastischer: "Dort werden nicht nur Schweine zerlegt, sondern das ist ein richtiger Sauladen.“ 

K. war Wanderarbeiter in der europäischen Fleischindustrie. England und Italien waren seine ersten Stationen im Ausland, dann Rheda-Wiedenbrück, schließlich Weißenfels. Mit fünf weiteren Polen wohnte er in drei Zimmern, die die Leiharbeitsfirma ihnen vermietete. Was er über die Verhältnisse in der Fabrik erzählte, hatten zunächst auch seine Anwälte angezweifelt. Ihm hatte der Vorarbeiter etwa auch die Schnürsenkel zusammengebunden oder von hinten eine Tüte über den Kopf gezogen. "Es klang sehr abenteuerlich", sagt Anwalt Nagel zu t-online.de. 

Nagel machte dann in Polen weitere frühere Mitarbeiter ausfindig. Ein Ehepaar berichtete im Prozess davon, wie es förmlich geflüchtet war aus Weißenfels wegen des alltäglichen Terrors durch den Vorarbeiter. Diese Schilderungen widersprachen völlig dem, was noch in Weißenfels beschäftigte Leiharbeiter aussagten. 

Fleischindustrie baut massiv um

Von K. darf man keine Analyse erwarten, wie sehr die Konstruktion der Firma in der Firma mit unklaren Verantwortlichkeiten in die Eskalation führte. "Die Gegebenheiten im Unternehmen waren nicht sehr gut", sagt er dazu. "Aber es war natürlich auch meine Schuld – und vor allem die Schuld desjenigen, der mich attackiert hat." Er glaube auch, dass sich die Situation inzwischen verbessert habe. Allerdings stießen Arbeitsschutzbehörden in NRW Ende 2019 bei Kontrollen in 30 Betrieben in 26 auf teils gravierende Verstöße.

Leiharbeiter in der Fleischindustrie soll es 2021 nicht mehr geben. Tönnies hat am Montag auch ein Sofortprogramm verkündet, um nach dem großen Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück und unter besonderer Beobachtung zu arbeiten. Dabei sollen in Rheda-Wiedenbrück zum 30. September pilotweise 1.000 Werkvertragsbeschäftigte in die Tönnies Unternehmensgruppe übernommen werden, Tönnies stellt auch Wohnmöglichkeiten.

Binnen sechs Monaten sollen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung fest angestellt werden. Und das, wo derzeit nach eigenen Angaben konzernweit 9.333 der 18.734 Beschäftigten von Subunternehmen kommen.

Sieben Jahre Haft standen als Strafe im Raum

Das Unternehmen will aber keine Angaben machen, welche Konsequenzen gezogen wurden, nachdem der Prozess unhaltbare Zustände in Weißenfels gezeigt hatte. Ein Sprecher teilte mit: "Hierzu werden wir uns nicht öffentlich äußern. Der Fall wurde gerichtlich aufgearbeitet." 

Dabei war im Werk sogar versucht worden, den Zwischenfall mit dem lebensbedrohlichen Stich zu vertuschen, wie der Prozess zeigte. Danach wurde lediglich der Notarzt gerufen, und der schwer verletzte Vorarbeiter gab in der Klinik an, einen "Arbeitsunfall" erlitten zu haben. Die Ärzte wurden misstrauisch. Erst als Polizisten dann nachfragten, berichtete der Verletzte von der Messerattacke.

Im Tönnies-Werk wurde Dariusz K. noch am Abend der Tat rausgeworfen. "Was sollte ich machen? Ich bin zurück nach Polen", berichtete er t-online.de. Dort wurde er Monate später verhaftet.

Als der Prozess begann, standen sieben Jahre Gefängnis wegen versuchten Totschlags im Raum, sagen seine Anwälte. Nach den Schilderungen zur Tat und den Umständen in dem Werk verurteilte die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Halle Dariusz Z. zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung, und das "nur" wegen gefährlicher Körperverletzung. Anzulasten sei ihm hauptsächlich die Schwere der Verletzungen.

Dariusz K. musste dann aber doch für einige Monate ins Gefängnis. Als Bewährungsauflage hätte er ein Schmerzensgeld von 1.500 Euro an seinen ehemaligen Vorgesetzten zahlen müssen. Dariusz K. sagt dazu: "Lieber wollte ich die Strafe absitzen, als ihm noch Geld zu geben." 

Verwendete Quellen:

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