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Tierpark Berlin: Eisbären bedroht? Das steckt wirklich hinter der Aktion


Aufregung um Video
Moderator bedroht Eisbären: "Sie können mich dafür gerne hassen"


Aktualisiert am 28.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Die Eisbären Hertha und Tonja (Archivbild): Sie waren keiner wirklichen Bedrohung ausgesetzt. Was steckt hinter der Aktion?Vergrößern des Bildes
Die Eisbären Hertha und Tonja (Archivbild): Was steckt hinter der vermeintlichen Bedrohungslage? (Quelle: Olaf Wagner/imago-images-bilder)

Sollte ein Eisbär im Berliner Tierpark Ziel eines Angriffs werden? Erst war die Aufregung um ein Video groß, doch dann stellte sich heraus: Die Aktion diente einem ganz anderen Zweck.

Den Eisbären schmilzt das Eis unter den Pfoten weg. Durch die Klimakrise verlieren sie ihren natürlichen Lebensraum. Ein weiterer Feind: der Mensch. Jährlich sterben Hunderte Eisbären durch die Jagd, wie die Organisation Pro Wildlife berichtet. Auf die Bedrohung der Tiere machte Journalist und Filmemacher Michel Abdollahi am Montag auf besonders drastische Weise aufmerksam.

In einem Telegramkanal für Jäger postete er ein Video von sich vor dem Berliner Tierpark. "Ich werde der erste Typ sein, der in Europa einen Eisbären erschießt", sagte er in die Kamera und hielt Pfeil und Bogen hoch. Ziel des vermeintlichen Angriffs sollte die fünfjährige Eisbärendame Hertha werden. Der Berliner Tierpark sagte am Dienstag ohne Begründung den geplanten "Eisbären-Talk" ab, sperrte das Gehege, die Polizei leitete Ermittlungen ein (lesen Sie hier mehr dazu).

Doch nun wird bekannt: Abdollahi hatte die drastische Aktion gemeinsam mit dem Berliner Tierpark geplant. Der Anlass: der "Welttag des Eisbären" am 27. Februar. Nach Aussage von Philine Hachmeister vom Tierpark Berlin sollte die inszenierte Bedrohungslage ein Weckruf sein – "um die Welt wachzurütteln" und sie für die Bedrohung der Eisbären zu sensibilisieren. So hieß es am Mittwochvormittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz des Tierparks und Abdollahis.

"Es gibt keine Aktion, die hart genug ist"

Abdollahi hatte bereits vor der Pressekonferenz im Gespräch mit t-online gemahnt: "Es gibt keine Aktion, die hart genug ist, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Es geht um unsere Existenz." Nichts habe mehr Sinn, wenn man den Klimawandel nicht bekämpfe. Der Journalist wurde nach eigenen Berichten mit dem Leid der Eisbären in Kanada konfrontiert. Dorthin reiste er für eine Dokumentation über "seltsame Orte". Eine Eisbär-Fotosafari sollte Teil des Films werden. Doch vor Ort lernte Abdollahi viel über die Jagd auf Eisbären und darüber, wie die Klimakrise die Tiere bedroht – und der Filmemacher änderte seine Pläne für die Doku.

Die Aktion vor dem Berliner Tierpark war Teil von Abdollahis Vorhaben, auf die bedrohten Eisbären aufmerksam zu machen. "Die Jagd ist das, was Menschen triggert", sagte er t-online. Auf die Jagd eines einzelnen Eisbären würden die Menschen sehr emotional reagieren. Weniger im Fokus steht dem Journalisten zufolge aber die Bedrohung der gesamten Art. "Hertha kennen die Leute aus dem Berliner Tierpark, aber was ist mit den Eisbären, die keinen Namen haben?", fragte er.

Auf Kritik an der Aktion, die auch die Polizei auf den Plan gerufen hatte, reagierte Abdollahi bei der Pressekonferenz mit Verständnis. "Sie können mich dafür gerne hassen, dass wir eine Finte gelegt haben." Doch es sei inzwischen nicht mehr möglich, mit konventionellen Mitteln auf die Klimakrise und ihre Folgen aufmerksam zu machen. "Hertha gehört zu den ganz wenigen Eisbären in der Welt, die nicht bedroht sind, weil sie in einem Zoo sitzt." Die Menschen sorgten mit ihrer Lebensweise dafür, dass die Tiere am Nordpol sterben. "Wenn der Eisbär ins Wasser plumpst, weil das arktische Eis geschmolzen ist, ist es zu spät", so der Journalist.

"Hoffentlich nichts Schlimmes"

Auf Instagram war tatsächlich zu bemerken, wie sich Nutzer um die Berliner Eisbären sorgten. Unter dem Beitrag des abgesagten "Eisbären-Talks" schrieb etwa ein User: "Hoffentlich nichts Schlimmes." Ein anderer fragte: "Oje, was ist denn da passiert?".

Dass es Abdollahi gelungen ist, große Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, zeigte sich auch auf der Pressekonferenz. Journalisten kritisierten, dass die Ressourcen der Polizei für ein solches "Fake-Video" missbraucht worden seien. Zuvor hatte der Filmemacher bestätigt, dass die Polizei vor der Veröffentlichung des Videos nicht darüber informiert worden sei, dass keine wirkliche Bedrohung für die Tiere bestand. "Aber ich habe überhaupt kein Schuldbewusstsein, wenn es um den Klimawandel geht", so Abdollahi. "Der menschengemachte Klimawandel ist die wahre Gewalt, die ausgeübt wird, und nicht, dass da jemand mit einer Attrappe vor einem Zoo rumfuchtelt", rechtfertige er seine Aktion.

Laut seiner Aussage habe er nur wenige Minuten nach der Einleitung der Ermittlungen mit der Polizei telefoniert und die Sachlage geklärt. Die Beamten hätten ihn in seinem Vorhaben, auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen, bestärkt. Doch bei der nächsten Aktion solle er sich im Voraus melden, um unnötige Ermittlungen zu vermeiden.

Auch der Tierpark Berlin reagierte auf die Kritik, von der Aktion gewusst, doch den Eindruck erweckt zu haben, dass wirklich eine Bedrohungslage bestehe. "Wir wollten keine Falschinformationen streuen, deshalb haben wir den 'Eisbären-Talk' auch ohne Begründung abgesagt", sagte Hachmeister auf der Pressekonferenz.

26.000 Eisbären weltweit

Laut Pro Wildlife leben weltweit noch 26.000 Eisbären. Wissenschaftler gehen demnach davon aus, dass alleine die Erderwärmung den Eisbärenbestand bis 2050 um mehr als 30 Prozent reduzieren wird. "Mit dem Rückgang des Meereises infolge des Klimawandels schrumpft auch die Lebensgrundlage der Polarbären: Sie können weniger Robben jagen – immer mehr Tiere verhungern, auch die Fortpflanzungsrate verringert sich. Die Erderwärmung wird damit zukünftig zur Hauptbedrohung für die Eisbären", heißt es auf der Website der Organisation.

Auch der Schiffsverkehr bedrohe die Tiere – und eben die Jäger. Rund 800 Tiere sollen durch die Jagd jährlich getötet werden, davon die meisten in Kanada, wo die Jagd auf die Tiere legal ist. Die Eisbären werden zur Trophäe oder ihr Fell wird verkauft. "Trotz rückläufiger Bestände scheiterten zwei Versuche, Eisbären international streng zu schützen und den internationalen Handel mit Eisbären zu verbieten, vor allem am Widerstand Kanadas und der EU", kritisiert Pro Wildlife.

Verwendete Quellen
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