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So viel Stalin steckt in Wladimir Putin: Gefürchteter Diktator als Vorbild?


Tod des Diktators 1953
So viel Stalin steckt in Wladimir Putin


Aktualisiert am 05.03.2023Lesedauer: 5 Min.
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Wladimir Putin und Josef Stalin: In mancher Hinsicht dient der 1953 verstorbene Sowjetdiktator Russlands heutigem Machthaber als Vorbild.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin und Josef Stalin: In mancher Hinsicht dient der 1953 verstorbene Sowjetdiktator Russlands heutigem Machthaber als Vorbild. (Quelle: ZUMA Wire/ullstein bild/Uf/t-online/imago-images-bilder)

Wladimir Putin eifert dem "großen" Zaren Russlands nach. Aber auch einem Mann, der die Sowjetunion auf den Gipfel ihrer Macht geführt hat: Josef Stalin. Vor 70 Jahren starb der Diktator.

Kaum ein Mann der russischen Geschichte war derart gefürchtet wie Josef Stalin. Doch am 1. März 1953 war der nahezu allmächtige Diktator der Sowjetunion vollkommen hilflos. Zusammengesunken auf dem Boden seiner Datscha entdeckten die Bodyguards den 74-jährigen, ein Schlaganfall hatte ihn ereilt.

Was sollten sie tun? Diese Frage stellten sich die Angehörigen von Stalins Entourage, darunter sein späterer Nachfolger Nikita Chruschtschow und Geheimdienstchef Lawrenti Beria. In dem Klima der Angst, das Stalin erzeugt hatte, konnte sich jegliche Entscheidung schnell als verhängnisvoll erweisen.

"Ironie der Geschichte"

Als verhängnisvoll erwies sich auch eine der letzten Schandtaten, die Stalin zum Ende seines Lebens ersonnen hatte: die sogenannte Ärzteverschwörung, nach der vor allem jüdische Mediziner Stalin angeblich nach dem Leben getrachtet hätten. Völliger Unsinn, aber mit Folgen für den Diktator selbst. Ein Großteil der Ärzte, die ihn nun hätten behandeln können, war weggesperrt.

"Eine Ironie der Geschichte – Stalin wurde so zu einem der letzten Opfer des von ihm selbst geschaffenen Stalinismus", befindet der Historiker und Russlandexperte Stefan Creuzberger. Am 5. März 1953 starb der Diktator, der die Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Höhepunkt ihrer Macht geführt hatte. Vom Pazifik bis an die Elbe reichte das sowjetische Imperium mitsamt der Moskau hörigen Satellitenstaaten wie etwa der DDR.

Dort sollte 1989 ein KGB-Offizier den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Eisernen Vorhangs miterleben. Wladimir Putin lautet sein Name. "Für Putin brach eine Welt zusammen", sagt Stefan Creuzberger, der im vergangenen Jahr das Buch "Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung" veröffentlicht hat. "Für ihn war die DDR eine Art Kriegstrophäe, die die Sowjetunion für das Opfer von rund 27 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg erworben hatte."

Dies nun einfach aufzugeben zugunsten einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten? Für Putin ein Unding. Ebenso wie die Implosion der Sowjetunion 1991, für Russlands heutigen Präsidenten die "größte geopolitische Katastrophe" des vergangenen Jahrhunderts. Eine "Katastrophe", die Putin "korrigieren" will.

Pakt mit dem Todfeind

In Bekundungen eifert der starke Mann im Kreml immer wieder den als "groß" betitelten Herrscherpersönlichkeiten des Zarenreichs nach, wie Peter I. oder Katharina II. Doch auch Stalin, der die Sowjetunion ab 1927 für mehr als ein Vierteljahrhundert beherrschte, spielt dabei eine gewichtige Rolle. Denn Putin, seit mehr als 20 Jahren Herr im Kreml, denkt bei seinem Eroberungskrieg eher in den Dimensionen Stalins.

"Putin sieht sich durchaus in einer Tradition mit Stalin", erklärt Stefan Creuzberger. "Dieser hat in der Tat aus der früheren Regionalmacht Sowjetunion zunächst eine Großmacht, dann nach Ende des Zweiten Weltkriegs gar eine Supermacht geformt."

Um dieses Ziel zu erreichen, war Stalin nahezu jedes Mittel recht. Er paktierte 1939 mit dem Bolschewistenhasser Adolf Hitler, marschierte wie dieser noch im gleichen Jahr in Polen ein – und ließ im Frühjahr des Jahres 1940 Tausende gefangene polnische Offiziere beim Massaker von Katyn umbringen.

Die immer noch stark agrarisch geprägte Sowjetunion hatte Stalin bereits in den Zwanzigerjahren auf Industrialisierungskurs getrimmt. Wie? Durch Skrupellosigkeit und unter Einsatz extremer Gewalt.

"Stalin setzte die Industrialisierung des Landes wie auch die Kollektivierung der Landwirtschaft ohne Rücksicht auf Menschenleben durch und fern jeder ökonomischen Rationalität", sagt Stefan Creuzberger. Das gefürchtete Lagersystem Gulag diente neben der Disziplinierung der Bevölkerung auch der "Zurverfügungstellung" von Arbeitskräften.

Wie kann Putin aber einem Mann nacheifern, der unbestritten einer der grausamsten Tyrannen der Weltgeschichte war? Der Gulag, der 1936 entfesselte "Große Terror" und die zwar am Ende siegreiche, aber das Leben der eigenen Soldaten in keinster Weise schonende Art, in der Stalin seit 1941 den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg gegen die nationalsozialistischen Invasoren führen ließ – all das kostete Millionen das Leben.

Kontrolle ist Putin lieber

"Interessant ist bei Putin stets das, was er nicht in den Mittelpunkt stellt", sagt der Historiker Creuzberger. 2017 weihte Putin in Moskau mit der "Mauer der Trauer" ein Denkmal für die Opfer der stalinistischen Diktatur ein. Bei näherer Betrachtung erwies sich dieses Ereignis allerdings weniger als eine Aufarbeitung der Ära Stalin und der Verbrechen.

Nein, Putin hatte anderes im Sinn. Russlands Präsident verstand das Ereignis eher "als Schlussstrich" unter das Kapitel Stalin. "Damit bemächtigte sich Putin des Geschichtsdiskurses, der von da an endgültig unter zentrale Kontrolle gestellt ward", sagt Creuzberger. Die Zivilgesellschaft hatte sich aus Sicht des Kremls als viel zu unkontrollierbar erwiesen.

Überhaupt entspricht Putins Sicht auf Staat und Gesellschaft in gewisser Weise derjenigen Stalins. Das Individuum zählt darin wenig, auf das große Ganze kommt es dem Kreml an. Der jedes Jahr am 9. Mai in Moskau zelebrierte "Tag des Sieges" über das nationalsozialistische Deutschland demonstriert diese Haltung. Fast jede Familie in Russland und anderen Staaten der früheren Sowjetunion hat Angehörige, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten, wie es in Russland heißt, gekämpft und gelitten haben.

Beim "Tag des Sieges" wie auch bei der unter Putin von offizieller Seite gesteuerten Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" geht es allerdings weniger um das individuell erfahrene Leid. Vielmehr stehen Patriotismus und Opferbereitschaft im Mittelpunkt, die Bereitschaft, für "Russland" zum Märtyrer zu werden.

Griff in die historische Mottenkiste

"Es gab in Russland durchaus auch andere Phasen des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg, sowohl in der Öffentlichkeit generell, wie auch in der Geschichtswissenschaft", sagt Stefan Creuzberger. "Damit ist es allerdings vorbei". Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.

Auch wenn er nur ein Amateurhistoriker ist, so weiß Wladimir Putin doch um die Macht der Geschichte. Ebenso wie einst Josef Stalin. Nicht ohne Grund nannte dieser den Abwehrkampf gegen die Wehrmacht 1941 den "Großen Vaterländischen Krieg" – angelehnt an den "Vaterländischen Krieg", in dem Russland einst einem anderen Aggressor erfolgreich Widerstand geleistet hatte: Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, der 1812 mit seiner Grande Armée das Reich der Zaren bezwingen wollte.

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In der Gegenwart vermeidet Wladimir Putin in Bezug auf die von ihm attackierte Ukraine das Wort "Krieg", es handle sich vielmehr um eine "Spezialoperation". Wozu? Um "Nazis" in der ukrainischen Regierung auszuschalten, so die Argumentation des Kremls. Was völlig zu Recht als lächerlich erscheint, bedient in der russischen Öffentlichkeit ein Narrativ, das die Regierung den Menschen seit Jahren einimpft.

"Mit solchen 'Reizwörtern' kann man die Bevölkerung mobilisieren", bilanziert Forscher Creuzberger. "Dies umso mehr, je mehr sich Putin vom Autokraten zum Diktator entwickelte." Die russische Gesellschaft ist mehr und mehr abgeschottet, ein freier und offener Diskurs kaum noch möglich.

Ende ist programmiert

"Krieg ist Frieden", schrieb einst der britische Schriftsteller George Orwell in seinem Jahrhundertroman "1984". Für Putin ist der derzeitige Krieg gegen die Ukraine seine eigene Form der "Friedenssicherung", genau wie Josef Stalin einen Gürtel von hörigen Satellitenstaaten einst in Ost- und Mitteleuropa anlegte. Und dabei den Willen der Bevölkerung in Staaten wie Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beiseite fegte.

Immer wieder probten die Menschen im Ostblock den Aufstand, wenn das Machtzentrum Moskau in Unruhe war. So war es 1953 in der DDR, so war es 1956 in Ungarn. "Diese Tatsache ist selbstverständlich auch Wladimir Putin bewusst", sagt Stefan Creuzberger. "Und das flößt mächtig Furcht ein." Wie auch eine andere Wahrheit: Ewig wird Putin nicht regieren können. Wie es auch Josef Stalin nicht vermochte.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Persönliches Gespräch mit Stefan Creuzberger via Videokonferenz
  • Oleg Chlewnjuk: "Stalin. Eine Biographie", 3. Auflage, München 2015
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