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Warum jetzt alles an den ukrainischen Artilleristen hängt

Von dpa
Aktualisiert am 19.11.2022Lesedauer: 4 Min.
Ukrainische Soldaten feuern aus einer von den USA gelieferten Haubitze M777.
Ukrainische Soldaten feuern aus einer von den USA gelieferten Haubitze M777. (Quelle: Libkos)
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Die Ukraine könnte nach der Befreiung von Cherson die Stadt Saporischschja als nächstes Ziel ins Auge fassen. Doch hier wäre der russische Widerstand wesentlich größer.

Das russische Verteidigungsministerium hat am Freitag die Einnahme der Ortschaft Opytne nur wenige Kilometer nördlich der Großstadt Donezk vermeldet. Da die Front dort seit 2014 verläuft, sind die Stellungen auf beiden Seiten gut ausgebaut, Geländegewinne entsprechend klein und mit hohen Verlusten verbunden.

Dennoch versucht die russische Seite auch an anderer Stelle im Gebiet Donezk, die Initiative an sich zu reißen. Kremlchef Wladimir Putin habe seinem Kommandeur in der Ukraine, General Sergej Surowikin, den Rückzug aus Cherson hinter den Fluss Dnipro nur unter der Bedingung erlaubt, im Gegenzug dafür das gesamte Gebiet Donezk im Osten der Ukraine zu erobern, mutmaßen die Experten des Institute for the Study of War (ISW) in Washington.

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Von Cherson in die Ostukraine

Die durch den Abzug aus Cherson frei gewordenen Kräfte hat Russland teilweise bereits eilig in die Ostukraine verlegt, um dort die Angriffe zu verstärken. Neben den Kämpfen vor Donezk versuchen die russischen Einheiten, auch im Norden bei der Kleinstadt Bachmut den Verteidigungsriegel um das Ballungsgebiet zwischen Slowjansk und Kramatorsk zu knacken. Im Süden wollen sie bei Wuhledar die Front aufrollen.

Dort ist ihnen mit der Einnahme der Ortschaft Pawliwka aber womöglich nur ein Pyrrhussieg gelungen. Die Ortschaft liegt im Tal und kann von den höher gelegenen Stellungen bei Wuhledar problemlos durch die Artillerie beschossen werden. Der russische Feldkommandeur Alexander Chodakowski klagte über hohe Verluste und nannte die Offensive verfrüht.

Die Lage um Cherson

Doch Moskau geht es offenbar darum, ukrainische Kräfte in der Verteidigung zu binden und Kiew seine Art der Kriegsführung aufzuzwingen. Diese zielt auf Abnutzung des Gegners – wie es monatelang im Donbass mit der Zerstörungswut der russischen Artillerie geschah. Die russischen Raketenangriffe, die landesweit die Energieversorgung der Ukraine lahmlegen, sind da wohl als flankierende Maßnahme gedacht, um die Bevölkerung kriegsmüde zu machen.

Momentum aufseiten der Ukraine

In kremlnahen Kreisen herrscht dem Vernehmen nach trotzdem Krisenstimmung: "Die Erkenntnis, dass wir den echten Krieg verloren haben, ist gekommen", zitiert das Internetportal "Meduza" anonym aus Unternehmerkreisen. Das Momentum liegt klar aufseiten der ukrainischen Armee. Sie eroberte nach Berechnung von Militärbeobachtern inzwischen über 50 Prozent des Territoriums zurück, das Russland nach dem Einmarsch am 24. Februar besetzt hatte.

Der ukrainische Generalstab um Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj steht nun vor der Frage, welche Schwachstelle der russischen Truppen er als Nächstes angreifen lässt. Auf das Überraschungsmoment vom Spätsommer, als die russische Militärführung die ukrainische arg unterschätzte und ihr komplexere Offensivoperationen nicht zutraute, kann Kiew allerdings nicht mehr setzen.

Entscheidungsschlacht ein Risiko

Wenn die ukrainische Führung eine Entscheidungsschlacht suchen sollte, gilt als wahrscheinlichste Stoßrichtung ein Vorstoß im Gebiet Saporischschja Richtung Süden auf das Asowsche Meer zu. Mit dem Vordringen zwischen der Kleinstadt Tokmak und dem Verkehrsknotenpunkt Polohy bis hin zur Hafenstadt Berdjansk könnte Kiew einen Keil zwischen die im Süden der Ukraine stationierten russischen Truppen treiben. Der Landkorridor zur 2014 annektierten Halbinsel Krim wäre unterbrochen.

Dabei muss die ukrainische Armee mit ihrer präzisen, weitreichenden Artillerie nicht komplett bis zur Küste vordringen. Ausreichend wäre eine Frontverschiebung um gut 20 Kilometer nach Süden, um Feuerkontrolle bis zur Küste zu erlangen. Damit könnten die russischen Nachschublinien massiv gestört werden, die aus dem Donbass und von der Krim in die besetzten Teile der Gebiete Cherson und Saporischschja führen.

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Generalstabssprecher Olexij Hromow versicherte bereits, dass die ukrainische Artillerie von ihren Positionen am Dnipro die Landzugänge zur Krim kontrolliere. "Die ukrainischen Artilleristen tun alles Mögliche, um den Gegner mit der maximalen Reichweite ihrer Waffen zu treffen", beschrieb Hromow das Vorgehen. Damit könnten die ukrainischen Truppen, ähnlich wie im Nordwestteil des Gebietes Cherson, die russischen Besatzer durch beständigen Beschuss und eine beharrliche Erhöhung des Drucks langsam, aber sicher in eine Lage bringen, die sie zum nächsten Rückzug zwingt.

Ukrainische Soldaten angeblich ins Gebiet Saporischschja verlegt

Die Vorbereitungen für einen solchen Angriff laufen: Russische Beobachter schätzen, dass bis zu 40.000 ukrainische Soldaten bereits in das Gebiet Saporischschja verlegt wurden – teilweise auch schon aus Cherson, wo die Truppen nicht mehr gebraucht werden.

Allerdings birgt diese Entscheidungsschlacht für die Ukrainer gewaltige Risiken. Das russische Militär ist sich der strategischen Bedeutung Saporischschjas bewusst und hat sich ebenfalls vorbereitet. Truppen wurden – auch durch die Teilmobilmachung – verstärkt, erstmals in diesem Krieg haben die Russen schwere Verteidigungsstellungen ausgehoben.

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Zwar ermöglicht die dort vorherrschende Steppenlandschaft bei gutem Wetter ein schnelles Vorgehen, was für die dynamische Kriegsführung Kiews wichtig ist. Doch zugleich bietet sie angreifenden Truppen kaum Schutz, sodass sie auf große Entfernung von der Artillerie bekämpft werden können. Zudem bringen Herbst und Winter nun Regen, Schnee und Nebel, was die Gegend in eine Schlammlandschaft verwandelt und schnelle Offensivbewegungen behindert.

Das US-Militär ist daher skeptisch, dass ein schneller K.o. gelingt. "Die Wahrscheinlichkeit eines ukrainischen militärischen Sieges, definiert als Rauswurf der Russen aus der gesamten Ukraine, einschließlich der von ihnen beanspruchten Krim (...) ist in absehbarer Zeit nicht hoch", sagte US-Generalstabschef Mark Milley.

Alternative wäre eine Ermüdungstaktik

Daher könnte auch Kiew auf Abwarten und Nadelstichattacken setzen, um den Gegner zu ermüden. Durch die kürzeren Wege zwischen den einzelnen Frontabschnitten in Nord und Süd sind die Ukrainer im Vorteil, wenn es um Truppenverlegungen geht.

Im Nordosten, wo sie im September das Gebiet Charkiw fast komplett eroberten, ist die Offensive östlich von Kupjansk zum Erliegen gekommen. Mit frischen Kräften aus Cherson ließen sich hier ebenfalls Geländegewinne erzielen, auch wenn sie nicht von strategischer Bedeutung sind.

Wichtig wäre in dem Fall allerdings die psychologische Wirkung, denn die Moral der russischen Truppen ist nach den Rückzügen angeschlagen. Weitere Niederlagen könnten den Zersetzungsprozess beschleunigen.

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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  • Rahel Zahlmann
Von Rahel Zahlmann, Lara Schlick
ChersonDonezkKiewKramatorskMoskauRusslandSaporischschjaUSAUkraineWashingtonWladimir Putin

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