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Ukraine-Krieg: Russlands Kriegspläne – Geht Putin jetzt aufs Ganze?


Bericht über Russlands Kriegspläne
Geht Putin jetzt aufs Ganze?


Aktualisiert am 28.03.2024Lesedauer: 5 Min.
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Ein zerstörtes Wohnhaus: Laut der Polizei hat es schwere Angriffe auf Charkiw gegeben. (Quelle: reuters)

Die Region Charkiw könnte bald in den Fokus einer russischen Offensive rücken. Das berichten Insider aus dem Kreml. Die Ukraine bereitet sich vor.

Nach seinem proklamierten Sieg bei den Scheinwahlen zur russischen Präsidentschaft wähnt sich Wladimir Putin fest im Sattel der Macht. Und er hat ein Ziel klar vor Augen: Der Kremlchef will seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine gewinnen – koste es, was es wolle.

Was genau ein Sieg für Putin sein könnte, ist jedoch auch mehr als zwei Jahre nach Beginn der Invasion nicht ganz klar. Will er sich das ganze Land einverleiben oder gibt sich Russlands Präsident mit der vollständigen Eroberung der illegal annektierten Gebiete Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk zufrieden? Ein Bericht des unabhängigen russischen Mediums "Meduza" legt nahe, dass Putin zwei Optionen für ein Ende des Kriegs haben könnte.

Das Medium beruft sich dabei auf Quellen im Kreml, die in der Frage über Putins Pläne gespalten sind. Eine Fraktion geht offenbar davon aus, dass der russische Präsident – bestärkt durch die gescheiterte ukrainische Offensive des vergangenen Jahres und den Munitionsmangel von Kiews Truppen – nun bereit sei, "bis zum Sieg zu gehen, sogar bis nach Kiew". Dabei würde Putin demnach auch vor einer erneuten Mobilisierung, einer weiteren Umstellung auf Kriegswirtschaft und einer Eskalation mit dem Westen nicht zurückschrecken, heißt es. "Er hält an seinen Prinzipien fest", zitiert "Meduza" die anonyme Quelle.

Video | Russisches Staatsfernsehen veröffentlicht Fake-Video
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Quelle: t-online

Reicht Putin die Eroberung Charkiws?

Andere Kreml-Insider gehen davon aus, dass Putin "realistischere Ziele" habe: So könnte der Kremlchef die Eroberung der Stadt Charkiw ins Auge gefasst haben. Sollte das gelingen, würde Putin seinen Angriffskrieg "schrittweise beenden", berichtet "Meduza". Das würde Putins Aussagen von Mitte März entsprechen, entlang der russisch-ukrainischen Grenze eine "Sicherheitszone" einrichten zu wollen. Die Eroberung Charkiws wäre zudem ein "symbolischer Sieg": Vor der russischen Invasion lebten rund 1,4 Millionen Menschen in der Stadt, ein großer Teil von ihnen spricht Russisch. Charkiw liegt rund 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Das zweite Szenario sei laut den Quellen in der Präsidialverwaltung "sehr wahrscheinlich", schreibt "Meduza". Man wisse jedoch nicht, ob bereits ein Befehl für eine großangelegte Offensive auf die Millionenstadt erteilt wurde. Möglicherweise würde auch das eine neuerliche Mobilisierungswelle erfordern. Bereits im September 2022 hatte der russische Präsident eine Teilmobilmachung ausgerufen. Zehntausende Russen verließen daraufhin das Land aus Furcht, eingezogen zu werden. Danach hatte Putin auf weitere Mobilisierungswellen verzichtet und vor allem auf finanzielle Anreize gesetzt, um Soldaten für den Fronteinsatz zu gewinnen.

Russland fehlen womöglich 300.000 frische Soldaten

Offenbar soll selbst die Terrorattacke auf die Konzerthalle Crocus City Hall bei Moskau am vergangenen Freitag keinen Einfluss auf die Pläne Putins haben, wie "Meduza" berichtet. Vielmehr sei bereits alles für eine erneute Mobilisierungswelle vorbereitet. Wann sie umgesetzt werde, sei "nur eine Frage der Situation an der Front", heißt es.

Zudem scheint Putins Vorgehensweise zur Gewinnung frischer Kräfte für die Front nicht mehr zu funktionieren. Das unabhängige russische Medium "Verstka" berichtet unter Berufung auf einen Mitarbeiter eines Moskauer Rekrutierungszentrums, dass die Zahl an Freiwilligen stark abgenommen habe. Bis September 2023 seien täglich bis zu 600 Männer in das Büro gekommen, seitdem würden es immer weniger werden – zuletzt nur noch etwa 30 Personen am Tag. Laut "Verstka" ist diese Entwicklung landesweit zu beobachten.

Auch "Verstka" berichtet unter Berufung auf Quellen in der russischen Präsidialverwaltung, dass angesichts dessen und der möglichen Pläne für eine Offensive in Richtung Charkiw eine Mobilisierungswelle bevorstehe. Es würden 300.000 Mann fehlen, um die ukrainische Stadt anzugreifen. Die Mobilisierung soll erfahrene Soldaten, die bisher zum Grenzschutz eingesetzt werden, für die Offensive freimachen. Frisches Personal soll stattdessen an der südlichen Grenze Russlands stationiert werden.

Kremltruppen verstärken Angriffe auf Charkiw

Berichte darüber, dass für Putin eine Eroberung Charkiws in den Fokus rückt, sind nicht ganz neu. Bereits im Januar hatte die Ukraine vor einer russischen Offensive in der Region gewarnt. Mehr dazu lesen Sie hier. Und schon zu Beginn der russischen Invasion waren die Kremltruppen auf die Großstadt vorgerückt und hatten große Teile der gleichnamigen Region erobert. Die ukrainische Gegenoffensive im Herbst 2022 schlug die Angreifer dann jedoch zurück.

Russland war also bisher nie in der Lage, Charkiw einzunehmen. Die Stadt steht dennoch unter ständigem Beschuss, allein schon wegen ihrer Nähe zu Russland. In den vergangenen Tagen haben die russischen Attacken mit Drohnen und Raketen nochmals zugenommen. Über mehrere Nächte hat Russland schwere Luftangriffe geflogen, die vor allem die Energieinfrastruktur zum Ziel hatten.

Video | Erstmals seit 2022: Fliegerbombenangriff auf Charkiw
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Quelle: reuters

Zwangsevakuierungen im Gespräch

Die Stadt hatte besonders bei der Stromversorgung mit großen Einschränkungen zu kämpfen. Der Bürgermeister Charkiws, Ihow Terechow, erklärte am Sonntag im staatlichen Fernsehen, ein Wärmekraftwerk sowie alle elektrischen Umspannwerke seien zerstört worden. "Es gibt keine Antwort auf die Frage, wie lange die Reparaturarbeiten andauern werden", so Terechow. Laut seinen Angaben hatten lediglich 40 Prozent der Bevölkerung Strom, nur noch 60 Prozent wurden mit Wärme versorgt. Mittlerweile können alle Haushalte zumindest stundenweise wieder mit Strom versorgt werden, meldete der Betreiber des Stromnetzes am Montagabend.

Angesichts zunehmender Angriffe in der Region erwägt die Militärverwaltung Charkiws "Zwangsevakuierungen" in Zonen, die besonders stark unter russischem Feuer stehen, berichten mehrere ukrainische Medien übereinstimmend. Als besonders umkämpft gilt das Gebiet um die Stadt Kupjansk. Auch am Mittwoch hat es in dem Gebiet wieder Verletzte durch russische Artillerie- und Raketenangriffe gegeben. Drei Männer und eine Frau im Alter von über 50 Jahren seien in verschiedenen Städten und Dörfern verletzt worden, teilte Gouverneur Oleg Sinegubow am Mittwoch in Onlinediensten mit.

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Heftige Gefechte im Süden und Osten der Ukraine

Die ukrainische Luftwaffe erklärte unterdessen, Russland habe in der Nacht 13 Angriffsdrohnen iranischer Bauart auf die Ukraine abgefeuert. Davon seien zehn über der Region Charkiw, der benachbarten Region Sumy sowie in der Nähe der Hauptstadt Kiew abgeschossen worden. Wie Charkiw ist auch Kiew zuletzt wieder vermehrt zum Ziel massiver Luftangriffe der russischen Streitkräfte geworden. Zudem schlugen russische Raketen und Drohnen vor allem in der Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer und in Krywyi Rih in der Zentralukraine ein.

Auch an anderen Frontabschnitten halten die russischen Angriffe an. Besonders heftige Gefechte meldete der ukrainische Generalstab aus dem Ort Nowomychajliwka südlich von Donezk. Dort habe es am Dienstag 21 versuchte russische Vorstöße gegeben, teilte das Militär in Kiew mit. Insgesamt wurden an der fast 1.000 Kilometer langen Frontlinie durch die Ost- und Südukraine 51 Bodengefechte gemeldet.

Russische Unterstützung aus der Luft

Seit mittlerweile mehr als zwei Jahren wehrt die Ukraine eine groß angelegte russische Invasion ab. Bei den Kämpfen am Boden sind die ukrainischen Streitkräfte seit Monaten in der Defensive, was unter anderem am Mangel an Munition und Unterstützung aus der Luft liegt. Die russischen Truppen können mehr Soldaten und Material aufbieten, ihre Angriffe werden durch Bombardements aus der Luft unterstützt. Bei Nowomychajliwka im Gebiet Donezk versuchen die russischen Truppen, eine seit Langem bestehende vorgeschobene Position der Ukrainer einzunehmen.

Auch ausländische Beobachter wie das Institut für Kriegsstudien (ISW) in den USA bestätigten diese Kämpfe. Das ISW berichtete zudem von kleineren russischen Geländegewinnen jeweils westlich von Bachmut und von Awdijiwka.

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