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Ukraine soll erste Lieferung von Munition aus Tschechien erhalten


Tschechische Initiative für die Ukraine
Jetzt kommt Bewegung in ein "heikles Thema"


Aktualisiert am 31.05.2024Lesedauer: 4 Min.
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Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen: Russland profitiert aktuell vom Munitionsmangel der Ukraine.Vergrößern des Bildes
Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen: Russland profitiert aktuell vom Munitionsmangel der Ukraine. (Quelle: RFE/RL/Serhii Nuzhnenko/reuters)

Tschechien will die Ukraine gemeinsam mit Partnerstaaten mit Hunderttausenden Artilleriegeschossen versorgen. Noch wurde nichts geliefert – doch das soll sich ändern.

Die Situation an der Front im Krieg in der Ukraine ist brutal. Drohnen schwirren ohne Pause in der Luft und decken beinahe jede Bewegung der Soldaten auf. Artilleriegranaten prasseln währenddessen auf die Stellungen der Truppen ein und jeden Moment könnten tonnenschwere Gleitbomben der russischen Luftwaffe einschlagen, die ganze Häuserblöcke zum Einsturz bringen.

Die Ukraine hat in ihrer Verteidigung gegen die russischen Angreifer drei Hauptprobleme: Es mangelt an frischem Personal, gut ausgebauten Verteidigungsstellungen und einem ausreichenden Nachschub an Munition – vor allem für die Artillerie.

Was das etwa für die ukrainischen Verteidiger bedeutet, schildert ein Soldat eines Marinekorps, der derzeit im Gebiet Charkiw stationiert ist: "Von 6 Uhr bis 15 Uhr feuerten die Russen jede Minute zwischen sechs und zwölf Artilleriegranaten ab. Jede Minute, ohne Pause", schreibt er auf der Plattform X. Dazu seien fünf Gleitbomben auf die ukrainischen Stellungen abgeworfen worden. "Unsere Streitkräfte erwiderten das Feuer", fügt er hinzu. In der gleichen Zeit seien von den Ukrainern rund 25 bis 35 Mörsergranaten, zehn bis 20 Artilleriegranaten und 15 bis 20 Geschosse durch Raketenwerfer abgefeuert worden. "So viel zum Thema Artillerieüberlegenheit."

Video | Russischer Panzertransport in Flammen
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Quelle: t-online

Eine von Tschechien im Februar angestoßene Initiative soll den Mangel an Artilleriemunition zumindest zeitweise ändern: Bis zu 1,5 Millionen Geschosse hat das Land auf dem Weltmarkt ausfindig gemacht. Gemeinsam mit weiteren Unterstützern sollen die Geschosse eingekauft und an die Ukraine geliefert werden. Mehr dazu lesen Sie hier.

Seit Februar ist es zunächst stiller geworden um den tschechischen Vorstoß, nun kommt jedoch wieder Bewegung in die Initiative. Am Donnerstag kommen die Außenminister der Nato-Staaten in Prag zusammen. Dabei soll auch die Initiative des tschechischen Premierministers Petr Fiala besprochen werden. Wie also steht es um den Munitionsnachschub für die Ukraine?

Schon am Dienstag hatte sich der tschechische Premier Fiala in Prag unter anderem mit seinem ukrainischen Amtskollegen Denys Schmyhal getroffen. Im Anschluss überbrachte der Tscheche dann positive Nachrichten für die Ukraine: Die erste Lieferung von 155-Millimeter-Artilleriegranaten stehe kurz bevor, schon im Juni sollen Zehntausende Geschosse geliefert werden.

Deutschland mit 580 Millionen Euro beteiligt

Insgesamt hätten inzwischen 15 EU- und Nato-Staaten rund 1,6 Milliarden Euro für das Vorhaben zugesagt – darunter auch Deutschland. Mit rund 580 Millionen Euro übernimmt die Bundesrepublik den größten Anteil an der Initiative. Nach anfänglichem Zögern schloss sich auch Frankreich an. Präsident Emmanuel Macron hatte zunächst darauf gepocht, dass die Munition ausschließlich in Europa beschafft werden solle. Nun aber würden Verhandlungen mit Ländern in Asien, Afrika und Süd- sowie Nordamerika geführt, berichtet der "Deutschlandfunk".

Dass ausgerechnet das kleine Tschechien eine solche Initiative aus dem Boden stampft, kommt nicht von ungefähr: Immerhin zählt das Land als Produzent von Artilleriemunition zu den drei führenden Staaten der Welt. In den vergangenen zwei Jahren hat Tschechien die Produktion von Artilleriegranaten verzehnfacht.

Der tschechische Ukraine-Beauftragte Tomáš Kopečný weist zudem auf die sozialistische Vergangenheit seines Landes hin: "Wir haben einen historischen Vorteil aus den sozialistischen 1960er- bis 1980er-Jahren", sagte er tschechischen Medien. Deswegen seien manche Regierungen eher bereit, mit Tschechien "über solch heikle Themen" zu verhandeln. "Außerdem sind unsere Firmen durch ihre Handelsbeziehungen der letzten 20 Jahre darüber informiert, wo und was sich zu welchem Preis kaufen lässt."

"Manche Staaten haben bis heute ihren Beitrag noch nicht geleistet"

Der polnische Präsident Andržej Duda versprach Unterstützung beim Transport der Artilleriegranaten. Er bezeichnete die Lage an der ukrainisch-russischen Front als schwierig. Russland habe die Initiative und bereite eine weitere große Offensive vor. Artillerie spiele eine große Rolle bei der Verteidigung dagegen. "Für das ukrainische Volk sind Waffen und Rüstungsgüter so entscheidend für das Überleben geworden wie Wasser, Essen und Luft", sagte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte.

Ein großes Problem der Initiative liegt beim Geld: Seitdem die tschechischen Pläne weltweit bekannt geworden sind, seien die Preise auf dem Weltmarkt deutlich gestiegen, erklärte Fiala vor dem Nato-Außenministertreffen. "Manche Staaten haben bis heute ihren Beitrag noch nicht geleistet", erklärte der Ukraine-Beauftragte Kopečný außerdem. Ob die avisierten 1,5 Millionen Geschosse deshalb tatsächlich geliefert werden können, ist deshalb unklar. Bisher sei das Geld für 500.000 Geschosse zusammengekommen, so Kopečný. "Wir könnten auch drei Millionen Geschosse bereitstellen – dies ist nur eine Frage der Finanzierung."

Russland produziert deutlich schneller als EU und USA

Russland ist derweil bei der Produktion von Artilleriegeschossen deutlich im Vorteil. Laut einer Untersuchung der Beratungsfirma Bain & Company, über die der Sender Sky News berichtet, produziert die russische Rüstungsindustrie dreimal schneller als die westlichen Unterstützer der Ukraine. Und dazu stellt Russland die Artilleriegeschosse zu einem Viertel der Kosten her. Mehr zur russischen Kriegswirtschaft lesen Sie hier.

Das Beratungsunternehmen hat dazu öffentliche Informationen ausgewertet. Demnach wird die russische Rüstungsindustrie in diesem Jahr bis zu 4,5 Millionen Artilleriegranaten herstellen. Die Europäer und die USA kommen zusammen derweil auf lediglich 1,3 Millionen Geschosse. Während jedes Geschoss in westlichen Produktionsstätten für rund 4.000 US-Dollar (rund 3.700 Euro) hergestellt würde, produziert Russland demnach eine 152-Millimeter-Granate für lediglich 1.000 US-Dollar (rund 930 Euro).

Die europäischen Rüstungsfirmen arbeiten schon länger daran, ihre Produktion anzukurbeln, kommen dabei jedoch eher schleppend voran. Der deutsche Konzern Rheinmetall zählt die Munitionssparte zu dem Bereich, der zuletzt am stärksten gewachsen ist. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Umsatz der Sparte um 70 Prozent auf 362 Millionen Euro gestiegen, teilte die Waffenschmiede Mitte Mai in Düsseldorf mit. Auch in Frankreich ist die Produktion von Artilleriegeschossen im vergangenen Jahr laut Medienberichten verdreifacht worden. An die Geschwindigkeit der russischen Industrie kommt man jedoch noch nicht heran.

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