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Wie die Pest die Lebensqualität verbesserte

Von Angelika Franz

13.01.2019Lesedauer: 4 Min.
Ritter, Tod und Teufel: Eine neue Studie lässt neue Schlüsse über das Leben im Mittelalter zu.
Ritter, Tod und Teufel: Eine neue Studie lässt neue Schlüsse über das Leben im Mittelalter zu. (Quelle: Albrecht Dürer/ullstein-bild)
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Das frühe Mittelalter gilt als dunkle Epoche. Teils zu Unrecht, wie Forscher nun beweisen. Sie belegen, wie Politik, Gewaltmonopole und das Wetter die Gesundheit der Menschheit beeinflussen.

Unsere Vorstellung von Gesundheit im Mittelalter ist meist recht gruselig. Dunkle, feuchte, enge Häuser, verqualmt vom Rauch offener Herdfeuer, machten allein das Atmen zum Gesundheitsrisiko. Die körperliche Arbeit war hart und schon kleine Kinder mussten auf dem Feld und in den Werkstätten zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, statt zur Schule zu gehen.

Dazu kamen Kreuzzüge und Kriege, von denen die Menschen, wenn überhaupt, dann als Invaliden zurückkehrten. Und Frauen war sowieso vorbestimmt, bei der Geburt eines ihrer zahlreichen Kinder zu sterben. Doch wie schlecht stand es wirklich um die Gesundheit der Europäer im Mittelalter? Welche Leiden, Krankheiten und Todesursachen können Anthropologen aus ihren Knochen lesen? Und gab es nicht vielleicht auch Zeiten, in denen die Bevölkerung durchatmen konnte, zu denen es ihr besser ging?

Team aus zahlreichen Fachdisziplinen

Um diese Fragen zu beantworten, hat ein Team aus 75 Wirtschaftswissenschaftlern, Archäologen und Anthropologen erstmals in einer bioarchäologischen Überblicksstudie Daten zur menschlichen Gesundheit in Europa aus 2.000 Jahren zusammengetragen. Ihre Ergebnisse haben sie nun in dem Buch "The Backbone of Europe – Health, Diet, Work and Violence over Two Millennia" veröffentlicht. Dabei mussten sie feststellen: So finster, wie die "Dunklen Jahrhunderte" des Mittelalters dargestellt werden, waren sie letzten Endes nicht immer.

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"Triumph des Todes" von Pieter Bruegel dem Älteren (um 1562): Das Gemälde zeigt das Wüten der Pest.
"Triumph des Todes" von Pieter Bruegel dem Älteren (um 1562): Das Gemälde zeigt das Wüten der Pest. (Quelle: Pieter Bruegel der Ältere/ullstein-bild)

Im Gegenteil – besonders im Frühmittelalter, in den Jahren zwischen 500 und 1.000 nach Christus, erfreuten die Europäer sich sogar weitaus besserer Gesundheit als in den Jahrhunderten danach. Und das galt nicht nur für die Könige und reichen Ritter, sondern auch den Bauern und Leibeigenen ging es zum Teil sogar weitaus besser als ihren Nachfahren zur Neuzeit.

Der schwarze Tod

Für die Studie hat das Team um den Wirtschaftshistoriker Professor Jörg Baten von der Universität Tübingen, Richard H. Steckel und Clark Spencer Larsen von der Ohio State University sowie Charlotte A. Roberts von der University of Durham eine gewaltige Datenmenge verarbeitet. Ein gesamtes Jahrzehnt lang untersuchten und vermaßen sie mehr als 15.000 Skelette. Die Toten stammten aus mehr als 100 Regionen Europas und wurden zwischen dem 3. Jahrhundert n. Chr. und Mitte des 19. Jahrhunderts beigesetzt.

Wie gesund oder ungesund hatten die Toten sich ernährt? Wie gut waren ihre Zähne? Gab es Spuren schwerer körperlicher Belastung? Chronische Krankheiten? Knochenbrüche? Schädelverletzungen? Und woran waren sie letzten Endes eigentlich gestorben?

Die große Überraschung der Studie war, dass besonders ein verheerendes Ereignis zur "Verbesserung" der Lebensqualität beitrug, zumindest für die Überlebenden: die Justinianische Pest. Diese gilt bis dato als Geißel der Menschheit, als größte Epidemie der Antike. Benannt nach dem römischen Kaiser Justinian (527–565), zu dessen Regierungszeit sie erstmals ausbrach, bahnte sich die Seuche von Ägypten aus einen Weg durch ganz Europa.

Nach der Pest kam die Kälte

Der Erreger Yersinia pestis jagte in mindestens 15 Wellen über den Kontinent, forderte zwischen der Atlantikküste im Westen und Mesopotamien im Osten bis zu 50 Millionen Todesopfer – und war möglicherweise sogar der Grund für den Untergang Ostroms.

Nach der letzten Pestwelle war Europa schließlich wie leer gefegt. Es ist eine zynische Rechnung: Wer jetzt noch am Leben war, hatte deutlich mehr Ressourcen zur Verfügung. Die Felder mussten weniger Menschen ernähren. Die Wälder waren voller Wild. Einige Wirtschaftswissenschaftler gehen sogar davon aus, dass die Löhne stiegen, weil Arbeitskräfte so rar geworden waren. Hinzu kam, dass die Überlebenden der Pestepidemien in der Regel ein kräftiges Immunsystem besaßen und generell besser gegen Krankheiten gewappnet waren. Den überlebenden Europäern ging es gesundheitlich gesehen selten so gut wie in den Generationen nach der Justinianischen Pest. Zum schrecklichen Preis der vielen Toten.

Kaum erholte sich jedoch die Bevölkerung, verschlechterte sich die Gesundheit. Je mehr Kinder überlebten, desto knapper wurden die nur begrenzt vorhandenen Nahrungsmittel. Vor allem aber litt Europa unter den Auswirkungen der sogenannten Kleinen Eiszeit, die vom 15. bis zum 19. Jahrhundert den Kontinent fest in ihrem Griff hielt. Eine Reihe von Vulkanausbrüchen schleuderte Asche in die Atmosphäre und verdunkelte damit die Sonne.

Ein "Jahr ohne Sommer"

Die Winter waren lang und hart, die Sommer nass und kühl. Kümmerliche Ernten verfaulten auf den Feldern. In den Alpen drangen die Gletscher so weit ins Tal vor, dass sie ganze Dörfer unter sich zerrieben. In London fror die Themse während vieler Winter so dauerhaft zu, dass auf ihrem Eis ein "Frostmarkt" abgehalten werden konnte. Im fernen Amerika trieb auf den Großen Seen manchmal das Eis sogar noch im Juni. Nachdem im Jahr 1815 der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen war, wurde das Klima so schlimm, dass 1816 gar als "Jahr ohne Sommer" in die Weltgeschichte einging.

Gemälde von Hendrick Avercamp (um 1608): Die Kleine Eiszeit sorgte dafür, dass viele Kanäle in den Niederlanden während der kühleren Jahreszeiten zugefroren waren.
Gemälde von Hendrick Avercamp (um 1608): Die Kleine Eiszeit sorgte dafür, dass viele Kanäle in den Niederlanden während der kühleren Jahreszeiten zugefroren waren. (Quelle: Hendrick Avercamp/ullstein-bild)

Es war aber nicht alles schlecht in diesen Jahrhunderten. Die Forscher stellten fest, dass die Skelette dieser Hungerjahre zwar Zeichen von Mangelernährung aufwiesen, aber auch deutlich weniger Spuren von Gewalt. Dies, folgern sie, sei der zunehmenden staatlichen Aktivität seit dem 15. Jahrhundert zu verdanken. Neue Regeln und Gesetze schufen Sicherheit und sorgten dafür, dass Konflikte nicht mehr körperlich ausgetragen werden mussten.


Am Ende zeigt sich: Gesundheit ist ein fragiles Gut. Seuchen und Klimaschwankungen können sie ebenso beeinflussen wie wirtschaftliche Faktoren und politische Entscheidungen. Die Studie ist damit ein wertvolles Lehrstück der Geschichte – für die Zukunft unserer Gesundheit. Und zum Wohle aller Menschen.

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