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  • Harari zur Pandemie: "Corona hat das Potential, die Welt besser zu machen"


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"Im schlimmsten Fall kollabiert unsere Weltordnung"

  • Florian Harms
  • Marc von L√ľbke-Schwarz
Von Marc von L√ľpke und Florian Harms

Aktualisiert am 23.10.2020Lesedauer: 12 Min.
Yuval Noah Harari: Das Coronavirus ist eine große, aber nicht die einzige Gefahr, die uns derzeit droht, sagt der israelische Historiker im t-online-Gespräch.
Yuval Noah Harari: Das Coronavirus ist eine große, aber nicht die einzige Gefahr, die uns derzeit droht, sagt der israelische Historiker im t-online-Gespräch. (Quelle: Olivier Middendorp)
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Das Coronavirus ersch√ľttert die Welt, ist aber nicht mehr die einzige globale Gefahr: Der Historiker Yuval Noah Harari erkl√§rt im t-online-Interview, warum der Menschheit jetzt die totale √úberwachung droht.

Die Corona-Krise stellt die Welt auf den Kopf, aber sie markiert m√∂glicherweise nur den Anfang einer neuen √Ąra: die der totalen √úberwachung aller Menschen. Sagt Yuval Noah Harari, einer der profiliertesten Vordenker unserer Zeit. Was jetzt noch wie Science-Fiction klingt, k√∂nnte schon bald Wirklichkeit werden ‚Äď und dabei k√∂nnte es nicht bleiben.

Der israelische Historiker und Bestsellerautor h√§lt es f√ľr denkbar, dass sich die Menschheit angesichts des dramatischen technologischen Fortschritts aufspaltet: in wenige Privilegierte, die alle Reicht√ľmer und Vorteile neuer Technologien nutzen k√∂nnen, und in eine riesige "nutzlose Kaste" von Menschen, die irgendwann aus dem Lauf der Geschichte verschwindet.

Was wir heute tun können, um nicht nur die Corona-Krise zu meistern, sondern auch die Gefahren der Zukunft abzuwehren, beantwortet Harari im Gespräch mit t-online:

t-online: Professor Harari, seit Monaten leidet die Welt unter der Corona-Pandemie. Wie sehr wird diese Krise Politik, Wirtschaft und auch unser Sozialleben verändern?

Yuval Noah Harari: Historisch betrachtet ist diese Pandemie nicht so gefährlich wie die Seuchen der Vergangenheit. Das Coronavirus ist nicht der Schwarze Tod aus dem Mittelalter und auch nicht die Spanische Grippe von 1918, die waren aus medizinischer Perspektive gesehen weitaus desaströser. Die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie könnten allerdings enorm sein: Im schlimmsten Fall kollabiert unsere Weltordnung. Oder sie wird zumindest weiter destabilisiert.

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Werfen wir also einen kurzen Blick in die Zukunft: Woran werden sich die Menschen erinnern, wenn sie in 50 Jahren an diese Epidemie zur√ľckdenken?

In 50 Jahren werden sich die Menschen gar nicht so sehr an die Epidemie selbst erinnern. Stattdessen werden sie sagen: Dies war der Moment, an dem die digitale Revolution Wirklichkeit wurde.

Weil viele Menschen seit Beginn der Corona-Krise von zu Hause per Internet arbeiten, mit ihren Freunden kommunizieren und auch digital ihre Freizeit verbringen?

Genau, die Menschheit verständigt sich jetzt darauf, einen Großteil ihres Lebens online zu verbringen. Das hat Vorteile, birgt aber auch eine Gefahr: Im schlimmsten Fall werden sich die Menschen in 50 Jahren daran erinnern, dass im Jahr 2020 mithilfe der Digitalisierung die allgegenwärtige Überwachung durch den Staat begann.

, geboren 1976, lehrt Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit. Seine B√ľcher "Eine kurze Geschichte der Menschheit", "Homo Deus" und "21 Lektionen f√ľr das 21. Jahrhundert" sind internationale Bestseller. Diese Woche erscheint Hararis neue Graphic Novel "Sapiens. Der Aufstieg" im Verlag C.H. Beck.

Wirklich? In China war die Überwachung der Bevölkerung durch die Behörden doch schon vor Ausbruch der Corona-Krise weit fortgeschritten. Aber in Westeuropa sieht es doch ganz anders aus.

Sie haben recht, demokratische, pluralistische Gesellschaften widersetzen sich dieser Art der Kontrolle der Bev√∂lkerung ‚Äď noch. Aber angesichts der Corona-Epidemie k√∂nnten auch die liberalen Demokratien ihre Abneigung gegen die √úberwachung ihrer B√ľrger ablegen. Eine 24-Stunden-Kontrolle ist in unserer zunehmend digitalen Welt √ľberhaupt kein Problem mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Szenario eintreten wird. Aber ich habe die Bef√ľrchtung, dass die totale Kontrolle eine Folge der Corona-Krise werden k√∂nnte. Viele Dinge, die im Westen noch vor einem Jahr undenkbar waren, sind durch die Pandemie nun auch dort pl√∂tzlich akzeptabel geworden.

Was denn?

Beispielweise die Speicherung von Gesundheitsdaten, die Angabe von Namen und Adressen, wenn man ein Restaurant besucht, und die Vorschrift, wie viele Menschen man zu einer privaten Feier zu sich nach Hause einladen darf. Die meisten Leute akzeptieren das gegenwärtig. Überwachung per se ist ja auch nichts Schlechtes.

Wo lauert dann die Gefahr?

√úberwachung ist die beste Verteidigung gegen Epidemien. Fr√ľher war nur eine oberfl√§chliche Kontrolle der Menschen m√∂glich, aber unsere heutigen technologischen M√∂glichkeiten gehen viel weiter. Sie k√∂nnen wortw√∂rtlich in die K√∂rper der Menschen blicken und feststellen, ob jemand krank ist. In China wird das bereits praktiziert, dort speichern Apps die wichtigsten Gesundheitsdaten der B√ľrger, und der Staat kann sie auslesen und massenhaft vergleichen. Vordergr√ľndig ist das praktisch: Je fr√ľher eine Epidemie entdeckt wird, desto einfacher l√§sst sie sich stoppen. Aber wir m√ľssen vorsichtig sein: Was in einer Weltregion ausprobiert wird, wird irgendwann auch in andere Regionen vordringen. Die totalit√§re Versuchung ist in Zeiten von Corona gro√ü.

Yuval Noah Harari: Der israelische Historiker ist ein gefragter Deuter der Zukunft.
Yuval Noah Harari: Der israelische Historiker ist ein gefragter Deuter der Zukunft. (Quelle: Fabian Sommer/dpa-bilder)

Bitte konkreter: Wo sehen Sie eine totalitäre Tendenz?

Zum Beispiel darin, dass China seine Strategie gegen Corona als Erfolg wertet. Es ist also damit zu rechnen, dass das Regime die angewandten Methoden verfeinert, ausweitet und auch in andere L√§nder √ľbertr√§gt. Eine st√§ndige biometrische √úberwachung der Bev√∂lkerung w√ľrde es erlauben, auch andere Gefahren als Covid-19 zu entdecken. Etwa die allj√§hrliche Grippe oder Krebserkrankungen. Vom gesundheitspolitischen Standpunkt her gesehen ist das eine positive Entwicklung. Die entscheidende Frage ist, wie mit dieser Verantwortung umgegangen wird. Denn vollst√§ndige √úberwachung kann eben nicht nur zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge genutzt werden.

Sondern auch f√ľr eine l√ľckenlose Kontrolle der Menschen?

Genau, und zwar weltweit.

Moment, Sie meinen aller Menschen?

Ja, aller Menschen. Wir sind heute in der Lage, die perfekte Diktatur zu errichten. Es w√§re ein autorit√§res Regime, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat. Eine Diktatur, die schlimmer w√§re als Nazideutschland oder die Sowjetunion unter Josef Stalin, ist heute denkbar. Im 20. Jahrhundert war jedes totalit√§re Regime noch durch eine grundlegende technologische Grenze eingeschr√§nkt. Pro Kopf gerechnet verf√ľgte wahrscheinlich kein Geheimdienst √ľber mehr Mitarbeiter zur √úberwachung der Bev√∂lkerung als die ostdeutsche Staatssicherheit. Aber selbst die Stasi hatte nicht genug Personal, um jeden DDR-B√ľrger rund um die Uhr √ľberwachen zu k√∂nnen.

Von dem gigantischen Berg an Papier, den jede √úberwachung nach sich zog, ganz zu schweigen.

Richtig, aber die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts machen das nun m√∂glich. Man braucht keinen Spion mehr auf der Stra√üe, der die Menschen √ľberwacht. Stattdessen gibt es Kameras, Mikrofone oder Sensoren. Die Auswertung der Datenmengen kann eine K√ľnstliche Intelligenz √ľbernehmen, die sogar berechnen kann, wie sich ein √úberwachter in Zukunft wahrscheinlich verhalten wird. Zum ersten Mal in der Geschichte ist totale √úberwachung m√∂glich. Man kann mehr √ľber die Menschen erfahren, als sie selbst √ľber sich wissen. Das ist die eigentliche Gefahr, die die aktuelle Krise mit sich bringt: Dass die digitale √úberwachungstechnologie durch die Gesundheitskrise weltweit legitimiert wird ‚Äď auch in demokratischen Gesellschaften, die sich zuvor der √úberwachung widersetzt haben.

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Aber Staaten wie etwa Deutschland haben strenge Datenschutzgesetze.

Schon, aber nichts ist unumstößlich. Es kommt auf das Ausmaß der Krise an. Im Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Privatsphäre werden die Menschen fast immer bereit sein, letztere zu opfern.

Das klingt so abstrakt, machen Sie es bitte mal konkreter.

Nehmen wir an, die Corona-Lage versch√§rft sich nun weiter. Oder irgendwann gibt es eine andere gef√§hrliche Pandemie. Dann k√∂nnten Regierungen und B√ľrger vor die Wahl gestellt werden: Entweder man macht einen erneuten Lockdown, die Wirtschaft leidet massiv, und im schlimmsten Fall verlieren Sie so wie Tausende andere Menschen Ihre Arbeit. Oder Sie willigen ein, dass der Staat Sie ab sofort vollst√§ndig √ľberwachen darf, um bei einem Kontakt mit einem Infizierten sofort einschreiten zu k√∂nnen. Wie w√ľrden Sie sich entscheiden?

Wir ahnen: M√∂glicherweise w√ľrden viele Menschen die zweite Option w√§hlen.

Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Und zwar in Westeuropa genauso wie in China. Das ist bedrohlich! Ich bin in keiner Weise gegen die Verbesserung der Gesundheitspr√§vention durch √úberwachung. Aber sie muss immer ausgewogen und an demokratische Regeln gebunden sein. Wenn die Regierung die √úberwachung der B√ľrger verst√§rkt, dann m√ľssen folglich die B√ľrger die Kontrolle der Regierung versch√§rfen. Alle erhobenen Gesundheitsdaten d√ľrfen also nur jenen Beh√∂rden zur Verf√ľgung stehen, die sich der Bek√§mpfung von Epidemien widmen. Alle anderen d√ľrfen sie weder sehen noch verwenden ‚Äď sonst ist die Versuchung zu gro√ü, sie auch f√ľr andere Zwecke zu nutzen. Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass wir Menschen dazu neigen, alles zu tun, was wir tun k√∂nnen.

Yuval Noah Harari: In seinem neuen Buch erklärt der Historiker die Geschichte der Menschheit.
Yuval Noah Harari: In seinem neuen Buch erklärt der Historiker die Geschichte der Menschheit. (Quelle: Auszug aus 'Sapiens': Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen, Verlag C.H. Beck)

Diese These findet sich auch in Ihrem neuen Buch, das Sie in diesen Tagen veröffentlichen: In Ihrer Graphic Novel, einer Art historischem Comic, befassen Sie sich mit dem Aufstieg des Homo sapiens. Zu welchem Urteil sind Sie gelangt, haben wir etwas aus den Erfahrungen unserer Vorfahren gelernt?

Wir k√∂nnen aus der Geschichte vor allem lernen, welche langfristigen Fehler wir gemacht haben. Das begann schon ganz am Anfang. Viele Leute halten bis heute die landwirtschaftliche Revolution vor rund 10.000 Jahren, als die Menschen sich von J√§gern und Sammlern zu Bauern entwickelten, f√ľr eine gro√üe Verbesserung. Tats√§chlich machte sie das Leben der meisten Menschen viel, viel schlimmer. Das Leben eines durchschnittlichen Bauern im alten √Ągypten oder sp√§ter im mittelalterlichen Deutschland war wesentlich h√§rter als das eines J√§gers und Sammlers vor rund 300.000 Jahren. Denn der immense Wohlstand, der durch die Sesshaftwerdung und die Landwirtschaft erarbeitet wurde, kam nur einer winzigen Elite zugute. Die machte es sich in Pal√§sten gem√ľtlich, w√§hrend der Rest der Menschen darbte und von Krankheiten und Konflikten geplagt wurde. Erst im 20. Jahrhundert kam es f√ľr die "normalen" Menschen wieder zu einer nennenswerten Verbesserung ihres Lebensstandards und einer Verl√§ngerung ihrer Lebenserwartung.

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Stehen wir heute erneut an einem Scheidepunkt? Auch digitaler Wandel und Automatisierung könnten die Menschheit in Profiteure und Abgehängte teilen.

Das ist in der Tat eine Gefahr. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass alle Menschen von den Vorteilen der Digitalisierung und Automatisierung profitieren werden.

In unserem letzten Interview vor zwei Jahren haben Sie das Risiko beschrieben, dass die Biotechnologie eine Kaste von "Supermenschen" hervorbringen könnte, während der Rest der Menschheit zu einer "nutzlosen" Kaste deklassiert wird.

Im schlimmsten Fall werden Teile der Menschheit sogar verschwinden. In meinem neuen Buch f√ľhre ich das aus: Vor 50.000 Jahren gab es neben dem Homo sapiens mindestens f√ľnf weitere menschliche Arten auf der Erde. Als sich unsere Vorfahren aber auf dem Planeten ausbreiteten, verschwanden alle diese anderen Menschenarten. Haben wir sie in der ersten ethnischen S√§uberung der Geschichte ausgel√∂scht? Oder verschwanden sie allm√§hlich, weil der Homo sapiens ihnen √ľberlegen war? Das wissen wir nicht genau. Was wir aber wissen: Heute gibt es eine neue Art von Entit√§t auf der Welt: die K√ľnstliche Intelligenz. Diese KI k√∂nnte uns das antun, was wir den Neandertalern angetan haben.

Im Videogespräch mit Yuval Noah Harari: Der Historiker warnt vor der Gefahr totaler Überwachung.
Im Videogespräch mit Yuval Noah Harari: Der Historiker warnt vor der Gefahr totaler Überwachung. (Quelle: T-Online-bilder)

K√ľnstliche Intelligenz k√∂nnte uns am Ende ausrotten?

Ich bin kein Prophet, aber es ist denkbar. Es h√§ngt von den Entscheidungen ab, die wir in den kommenden Monaten und Jahren treffen. Alles ist m√∂glich. Die Corona-Krise kann dazu genutzt werden, um Hass zwischen den Staaten zu sch√ľren, wie es beispielsweise US-Pr√§sident Trump tut. Ebenso k√∂nnten manche L√§nder, die fr√ľh einen Impfstoff entwickeln, diesen Vorteil nutzen, um politische Dominanz √ľber Staaten aufzubauen, die noch kein Serum besitzen. Andererseits k√∂nnte die Krise dazu f√ľhren, dass Staaten bei der Bek√§mpfung des Virus besser kooperieren. Corona hat durchaus das Potenzial, die Welt besser zu machen ‚Äď wenn wir uns aktiv daf√ľr entscheiden. Es w√§re ein Weckruf f√ľr die Menschheit, dass Zusammenarbeit allen hilft und wir lernen k√∂nnen, zuk√ľnftige Krisen besser zu bew√§ltigen.

Wir Menschen bezeichnen uns selbst als Homo sapiens, als "weiser Mensch". Sollten wir nicht längst die Erkenntnis gewonnen haben, dass Kooperation besser ist als Konflikt?

In der Tat sind die Beziehungen der Menschen zueinander in unserer Gegenwart besser als jemals zuvor in den vergangenen 10.000 Jahren ‚Äď trotz aller Kriege und Konflikte, trotz Fake News und Populismus.

Also besteht Hoffnung?

Hoffnung besteht immer. Heutzutage sterben auf dem Globus mehr Menschen, weil sie zu viel essen, als weil sie zu wenig zu essen haben. Es sterben mehr Menschen an ihren Alterserscheinungen als an Infektionskrankheiten. Wir Menschen haben gelernt, effizient zusammenzuarbeiten, wir tauschen Ideen und Wissen aus. Wir d√ľrfen nicht immer nur auf das Negative in der Welt schauen, sondern wir m√ľssen erkennen: Wenn jedes Individuum sich besser verh√§lt, wird auch die Welt besser. Es ist kein Naturgesetz, dass wir uns bekriegen m√ľssen. Wenn es zu Konflikten kommt, dann liegt das einzig und allein an unserem Verhalten ‚Äď und an der Art und Weise, wie wir Technologie einsetzen.

Also sind neue Technologien der Schl√ľssel zu unserem Gl√ľck?

Technologien können unser Leben retten und sie können uns zerstören. Das ist heute nicht anders als vor Jahrtausenden. Wissen Sie, welches Werkzeug vor Tausenden von Jahren einen wahrhaftigen Durchbruch bewirkt hat?

Der Faustkeil?

Nein, die Nadel, der vielleicht untersch√§tzteste Gegenstand, den der Homo sapiens je geschaffen hat. Mithilfe der Nadel konnten unsere Vorfahren, die aus Afrika stammten, die n√∂rdlichen Teile Europas und Asiens kolonisieren und den Neandertaler verdr√§ngen, auch in dem Gebiet, auf dem heute Deutschland liegt. Mithilfe dieses kleinen Instruments konnten sie sich in kalten Gebieten sch√ľtzende Kleidung aus Fellen und Tierh√§uten n√§hen. Auf diese Weise erreichte der Homo sapiens auch Amerika ‚Äď was der Neandertaler und die die anderen menschlichen Arten niemals geschafft hatten.

Jagddarstellung: F√ľr Yuval Noah Harari ist der Homo sapiens eine t√∂dliche Spezies.
Jagddarstellung: F√ľr Yuval Noah Harari ist der Homo sapiens eine t√∂dliche Spezies. (Quelle: Auszug aus 'Sapiens': Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen, Verlag C.H. Beck)

Wir halten fest: Wir können froh sein, dass unsere Vorfahren die Nadel erfunden haben.

Die Nadel war eine ungemein n√ľtzliche Erfindung ‚Äď aber zugleich erm√∂glichte sie riesige Massaker.

Wie bitte, die Nadel?

Die Nadel. Als der Homo sapiens ‚Äď auch dank seiner selbst gen√§hten, warmen Kleidung ‚Äď vor etwa 15.000 Jahren Amerika erreichte, l√∂ste er eine der gr√∂√üten √∂kologischen Katastrophen der j√ľngeren Erdgeschichte aus. Es gab damals in Amerika noch eine bemerkenswerte Megafauna: Mammuts, Riesenbiber und allerlei andere Gesch√∂pfe. Die Menschen haben sie alle innerhalb weniger Tausend Jahre ausgerottet. Dasselbe machten sie auf dem australischen Kontinent und auch sonst √ľberall, wohin sie kamen. Der Mensch ist der schlimmste Serienkiller aller Zeiten. Ob eine neue Technologie gut oder schlecht ist, liegt also im Auge des Betrachters: Geh√∂rt man zu den √ľberlebenden Gewinnern oder zu den Ausgerotteten?

Aber es war doch nicht nur die Nadel, die den Homo sapiens zum Herrscher √ľber den Planeten gemacht hat.

Nein, eine andere menschliche Erfindung war noch wirkungsm√§chtiger: das Erz√§hlen von Geschichten. Nicht die Neandertaler, nicht die Schimpansen oder andere Spezies kontrollieren diese Welt, sondern wir. Und zwar deshalb, weil wir in viel gr√∂√üerer Zahl zusammenarbeiten k√∂nnen als andere. Aus diesem Grund waren wir in der Lage, Kathedralen zu errichten und Kreuzz√ľge zu f√ľhren. Die Basis f√ľr diese Form der Zusammenarbeit sind fiktive Geschichten, und die Religionen sind daf√ľr das beste Beispiel. Sie werden niemals eine Million Schimpansen √ľberzeugen k√∂nnen, gegen andere "b√∂se" Schimpansen am anderen Ende der Welt in einen Heiligen Krieg zu ziehen ‚Äď mit der vagen Aussicht, im Fall ihres vorzeitigen Ablebens im Himmel einen Haufen Bananen zu erhalten. Bei uns Menschen ist das anders. Wir erfinden Geschichten, und wir setzen sie ein, um andere Menschen an uns zu binden und von unseren Ideen zu √ľberzeugen.

Brauchen wir angesichts der existenzbedrohenden Klimakrise also eine neue Erzählung zur Rettung unserer Zivilisation?

Ja, und unsere menschliche Geschichte liefert uns die Lehre daf√ľr. In unserer Vergangenheit haben wir alle anderen menschlichen Arten ausgel√∂scht ‚Äď und jetzt sind wir sogar dabei, uns selbst zu zerst√∂ren. Wir brauchen also dringend eine neue Erz√§hlung. Eine, die in ihrer √úberzeugungskraft der gr√∂√üten menschlichen Erz√§hlung gleichkommt.

Mit Geschick unterwarf der Homo sapiens die Erde: Und nutzte die Naturwissenschaften f√ľr seine Zwecke.
Mit Geschick unterwarf der Homo sapiens die Erde: Und nutzte die Naturwissenschaften f√ľr seine Zwecke. (Quelle: Auszug aus 'Sapiens': Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen, Verlag C.H. Beck)

Welche ist das?

Das Geld. An nichts glauben die Menschen mehr als an Geld. Die besten Geschichtenerz√§hler der Welt sind nicht die Nobelpreistr√§ger f√ľr Literatur, sondern die f√ľr Wirtschaftswissenschaften. Sie √ľberzeugen Milliarden Menschen auf der ganzen Welt, einen Monat hart zu arbeiten, um am Ende ein paar Zettel in die Hand gedr√ľckt zu bekommen oder ein paar Zahlen auf dem Konto zu haben. Warum tun wir Menschen so etwas Unvern√ľnftiges? Weil wir glauben, was die Banker uns erz√§hlen.

Gegenwärtig haben wir den Eindruck, dass ziemlich viele Menschen auch allerlei Verschwörungstheorien glauben.

Kein Wunder. In Krisenzeiten verlangen Menschen umso mehr nach einfachen Gewissheiten. Es ist sehr kompliziert zu verstehen, was genau ein Virus ist, wie es sich vermehrt und wie es sich verbreitet. Da sind Verschw√∂rungstheorien f√ľr viele Menschen ein bequemer Weg, um das Problem vermeintlich zu verstehen, ohne sich vertieft mit ihm auseinandersetzen zu m√ľssen: Sie glauben, dass irgendwelche Regierungen oder Milliard√§re dieses Virus im Labor haben entwickeln lassen, um damit die Weltherrschaft an sich zu rei√üen. Absurd! Verschw√∂rungstheorien suggerieren, dass die ganze Welt von einer kleinen Elite kontrollierbar sei, dabei ist das vollkommen unrealistisch. Schaut man sich die Menschheitsgeschichte an, sieht man deutlich: Selbst die m√§chtigsten Regierungen sind oft ahnungslos, was geschieht. Sie machen Pl√§ne ‚Äď aber das genaue Gegenteil tritt ein.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Nehmen Sie die amerikanische Invasion im Irak 2003. Die USA behaupteten, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, und griffen ihn an: mit der st√§rksten Milit√§rmacht der Welt, unterst√ľtzt von zahlreichen Geheimdiensten mit modernster Technik, inklusive Satelliten. In Bagdad konnte niemand einen Kaffee auf der Terrasse trinken, ohne dass die CIA das mitbekam. Trotzdem ist der amerikanische Plan, den Irak im westlichen Sinne zu demokratisieren, v√∂llig gescheitert. Zahlreiche amerikanische Soldaten wurden verletzt oder get√∂tet, die Weltmacht USA wurde gedem√ľtigt, und heute kontrolliert ausgerechnet der Iran gro√üe Teile des Nachbarlandes. So gesehen war das eine echte historische Verschw√∂rung, die vollkommen scheiterte. Komplexe Machtpl√§ne bleiben selten im Verborgenen, und sie gl√ľcken auch nur selten. Jetzt zu glauben, dass ein paar machthungrige Milliard√§re mithilfe eines Virus die ganze Welt √ľbernehmen k√∂nnten, ist l√§cherlich.

Zum Abschluss noch einmal zur√ľck zu Ihrem neuen Buch: Als Historiker haben Sie mit Ihren Lesern bislang allein durch Worte kommuniziert. Ihre Graphic Novel basiert vor allem auf Bildern. Eine gro√üe Herausforderung f√ľr Sie als Autor?

Es war das Am√ľsanteste, was ich jemals in meiner akademischen Karriere gemacht habe. Und es war sehr, sehr kompliziert. Zum Gl√ľck hatte ich mit Daniel Casanave und David Vandermeulen zwei hochtalentierte Mitstreiter an meiner Seite. Zusammen haben wir alle akademischen Konventionen gebrochen. Wir erkl√§ren den Wettbewerb der verschiedenen menschlichen Arten im Buch mittels einer Reality-TV-Show. Wir machen Anleihen im Superheldengenre und bei den Detektivgeschichten. Einige Entscheidungen waren allerdings richtig knifflig zu treffen.

Welche?

Nehmen Sie unser Bild vom fr√ľhen Homo sapiens: In bisherigen Darstellungen in B√ľchern und Filmen sieht dieser Mensch fast immer wie ein moderner westeurop√§ischer Mann aus. Aber er kam ja aus Afrika. Und Frauen spielten eine sehr wichtige Rolle. Also haben wir die g√§ngigen Klischees aufgebrochen. Wir haben versucht, die Vergangenheit der Menschheit m√∂glichst spannend, aber objektiv und vorurteilsfrei wiederzugeben. Ich hoffe, es ist uns gelungen.

Professor Harari, vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch.

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