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Historiker zu Corona: "Wir ahnten nicht, was Mikroorganismen uns antun können"

INTERVIEWKampf gegen Seuchen  

"Corona demonstriert uns, wie naiv wir waren"

21.02.2021, 12:14 Uhr
Historiker zu Corona: "Wir ahnten nicht, was Mikroorganismen uns antun können". Robert Koch, Tuberkelbazillen und Spritze (Bildcollage t-online): Über die Fortschitte der Medizin im "Goldenen Zeitalter" spricht Experte Ronald D. Gerste im t-online-Gespräch.  (Quelle: imago images/Science Photo Library)

Robert Koch, Tuberkelbazillen und Spritze (Bildcollage t-online): Über die Fortschitte der Medizin im "Goldenen Zeitalter" spricht Experte Ronald D. Gerste im t-online-Gespräch. (Quelle: Science Photo Library/imago images)

Verheerende Seuchen suchten die Menschheit stets heim, dann gelangen der Medizin im "Goldenen Zeitalter" große Durchbrüche. Experte Ronald D. Gerste erklärt, warum Corona uns nun so überrascht hat.

t-online: Herr Gerste, heute fürchten wir uns vor dem Coronavirus und seinen Mutanten, noch vor nicht allzu langer Zeit suchten zahlreiche andere Infektionskrankheiten die Menschheit heim. Von welchen Erregern ging die größte Bedrohung aus?

Ronald D. Gerste: An verheerenden Seuchen gab es keinen Mangel, die Welt war aus heutiger Sicht ein sehr gefährlicher Ort. Vor rund 150 Jahren wüteten zum Beispiel die Pocken in Deutschland, es war eine furchtbare Epidemie, die damals weit mehr als 100.000 Tote forderte.

Schon 1796 hatte der britische Arzt Edward Jenner allerdings die moderne Schutzimpfung gegen die Pocken entwickelt.

Es war eine bahnbrechende Entdeckung. Aber bis die Pockenimpfung die Bevölkerung umfassend zu schützen vermochte, dauerte es seine Zeit.

1874 führte das Deutsche Reich eine Impfpflicht gegen die Pocken ein. Bei Zuwiderhandlungen brachten Polizisten bisweilen Kinder gegen den Willen der Eltern zur Impfung.

Die Pocken wurden zu Recht als gewaltige Bedrohung angesehen. Selbst wer überlebte, war oft durch Narben entstellt. Tatsächlich gelang es mithilfe umfangreicher Impfprogramme schließlich, die Seuche spätestens 1980 weltweit auszurotten. Es war ein Meilenstein der Medizin. Aber so erfolgreich der Kampf gegen diesen Erreger war, so schwierig war er gegen andere Krankheiten.

Welche waren diese beispielsweise?

Die sogenannte Weiße Pest war überaus gefürchtet, genau wie die "Asiatische Hydra".

Ronald D. Gerste, 1957 in Magdeburg geboren, ist promovierter Mediziner und Historiker. Er lebt in der Nähe der amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. und schreibt regelmäßig als Korrespondent für deutschsprachige Medien. Weiterhin ist Gerste Autor zahlreicher Bücher zur US-Geschichte wie auch zur Geschichte der Medizin. Gerade erschien sein neuestes Werk "Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840–1914".

Also Tuberkulose und Cholera?

Genau. Es kam im 19. Jahrhundert in Deutschland immer wieder zu Ausbrüchen der Cholera, 1892 konnte sie in Hamburg nur mit schärfsten Hygiene-Maßnahmen eingedämmt werden. Die Tuberkulose ist heute hingegen fast aus unserem Bewusstsein verschwunden: Sie galt früher als Krankheit vor allem der Jungen und Schönen, die bei Ausbruch gewissermaßen dahinschwanden. Daher auch die Bezeichnung Schwindsucht. Aber in Wirklichkeit war der Tod an Tuberkulose genauso erbärmlich wie der an jeder anderen Infektionskrankheit. Und die Krankheit tötete Reiche und Arme selbstverständlich ohne Unterschied.

Während die Tuberkulose ein großes gesellschaftliches Thema war, wurde eine andere gefährliche Krankheit eher beschwiegen.

Sie meinen die Syphilis? Natürlich, es ist eine vor allem sexuell übertragbare Krankheit, unter der auch sehr angesehene Leute wie etwa der berühmte Musiker Frédéric Chopin oder der Vater von Winston Churchill litten. Es gibt eine interessante Anekdote in dem wunderbaren Hollywood-Klassiker "Dr. Ehrlich's Magic Bullet" (Deutsch: "Paul Ehrlich – Ein Leben für die Forschung"): Paul Ehrlich, der als Mediziner eine Behandlung der Syphilis entwickeln wollte, plante einst auf einem Empfang mit wohlhabenden Leuten Gelder für seine Forschung einzuwerben. Dort wurde er gefragt, welche Krankheit er denn bekämpfen wolle. "Syphilis", sagte Ehrlich. Worauf alle Anwesenden schleunigst das Weite suchten.

Ronald D. Gerste: Der Historiker und Mediziner ist Autor zahlreicher Bücher. (Quelle: Jacqueline Gerste)Ronald D. Gerste: Der Historiker und Mediziner ist Autor zahlreicher Bücher. (Quelle: Jacqueline Gerste)

Sein Medikament "Salvarsan", im Prinzip die erste Chemotherapie, konnte Ehrlich gleichwohl bis zur Marktreife 1910 entwickeln und damit die Syphilis behandelbar machen.

Ja. Aber der Preis war hoch. Salvarsan beinhaltet Arsen, das wiederum giftig ist.

Das Jahr 1910 markiert fast schon das Ende des "Goldenen Zeitalters der Medizin" von 1840 bis 1914, das Sie in Ihrem neuen Buch beschreiben. Ein Zeitalter, in dem die Entwicklung aller medizinischen Disziplinen bahnbrechende Fortschritte gemacht hat. Welche Leistungen haben Sie besonders beeindruckt?

Herausragend ist ein Ereignis, das am 16. Oktober 1846 in Boston stattgefunden hat. William Thomas Green Morton, eigentlich ein Zahnarzt, vollführte an diesem Tag etwas ganz Neues an einem jungen Mann namens Gilbert Abbot, der unter einem gutartigen Tumor am Kiefer litt und von dem berühmten Chirurgen John Collins Warren operiert wurde.

Was war das Außergewöhnliche daran?

Morton hatte Gilbert zuvor erfolgreich mittels Äther betäubt. So selbstverständlich uns eine Narkose heute erscheint, damals war es eine Revolution. Wir machen uns heute kaum Vorstellungen davon, wie schmerzhaft und risikoreich Operationen früher für die Patienten gewesen sind, die sie ohne Betäubung aushalten mussten. Morton wird bis heute zu Recht als Begründer der modernen Narkose verehrt. Aber auch vielen anderen Medizinern gebührt Respekt.

Wem zum Beispiel?

Der Name Ignaz Semmelweis gehört hier genannt, ein Chirurg und Geburtshelfer, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine revolutionäre Neuerung auf der Geburtsstation seiner Klinik in Wien eingeführt hat: Und zwar, dass sich die Ärzte die Hände waschen mussten, bevor sie ihre Patientinnen berührten. Denn Semmelweis war aufgefallen, dass ein eklatanter Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene der Mediziner und der hohen Todesrate von Müttern durch das sogenannte Kindbettfieber bestand.

Semmelweis wurde später als der "Retter der Mütter" berühmt.

Zu Recht. Jeder, der heute operiert wird, sollte auch Joseph Lister dankbar sein. 1865 wurde ein kleiner Junge zu ihm gebracht, der einen offenen Bruch am Bein erlitten hatte. Normalerweise hätte der Arzt zur Knochensäge gegriffen, der Junge wäre Zeit seines Lebens mit einem amputierten Bein ein Invalide gewesen.

Weil sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit der gefürchtete Wundbrand eingesetzte hätte, wenn das Bein nicht abgenommen worden wäre?

Genau. Lister reinigte die Wunde aber immer wieder mit Karbolsäure, auch der Verband war damit getränkt. Und das Wunder geschah: Der Wundbrand blieb aus, das Bein des Jungen war gerettet. Es war die Geburtsstunde der Antisepsis.

Durch viele Schritte wie diesen kamen die Mediziner und Biologen auch der tatsächlichen Bedrohung auf die Spur: den winzig kleinen Erregern, die uns Menschen krank machen können.

Es war einfach die Zeit großer Entdeckungen auf dem Gebiet der Medizin und der Biologie. Früher hatte man unter anderem geglaubt, das sogenannte Miasmen die Menschen krank machen würden. Also krankheitserregende Stoffe, die durch Fäulnisprozesse in Wasser und Luft entstünden. Als die Mikroskope immer ausgefeilter wurden, identifizierte man dann die wahren Schuldigen: winzige Bakterien und Viren.

Noch berühmter wurde etwa Robert Koch 1882, als er den Tuberkelbazillus als Erreger der Tuberkulose identifizierte.

Dafür hat er später auch den Nobelpreis erhalten hat. Denn wenn ein Krankheitserreger ausgemacht ist, kann man mit Gegenmaßnahmen beginnen. Wilhelm I. hatte über eine Vorlesung von Koch mit Vorführung am Mikroskop gehört. Danach sagte der Kaiser sinngemäß, dass der Feind ja nun erkannt sei. Aber wie könne man ihn besiegen? Das war sehr preußisch ausgedrückt, aber im Prinzip natürlich richtig.

Ein Patient wird von William Thomas Green Morton narkotisiert: Für Patienten war die Betäubung eine große Erleichterung. (Quelle: ullstein bild/Roger-Viollet)Ein Patient wird von William Thomas Green Morton narkotisiert: Für Patienten war die Betäubung eine große Erleichterung. (Quelle: Roger-Viollet/ullstein bild)

Tatsächlich wurde die winzigen "Feinde" immer nachhaltiger bekämpft: Seit 1885 gibt es eine Schutzimpfung gegen Tollwut, seit 1896 gegen Typhus…

… und diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Zum Glück muss heute zum Beispiel niemand mehr erleben, wie kleine Kinder jämmerlich in ihren Betten an der Diphtherie ersticken. Das hat die Menschheit vor allem Emil von Behring zu verdanken, der um 1890 ein Heilserum entwickelt hat. Rund 50.000 Kinder sind bis dahin im Deutschen Reich jedes Jahr an der Diphterie gestorben.

Es ist erstaunlich, wie viele bahnbrechende Entdeckungen und Entwicklungen die Medizin in dieser Zeit vollbracht hat.

Der ganze Zeitraum war insgesamt eine Epoche ungeheuren Fortschritts. Allein die Eisenbahn veränderte die Welt in einem nicht geahnten Maß, die Industrialisierung war im wahrsten Sinne des Wortes eine Revolution. Es war wie ein gigantischer Adrenalinstoß für die gesamte Gesellschaft, der immer neue Erkenntnisse hervorbrachte. Wir blicken heute zurück auf ein Zeitalter unglaublichen Fortschrittsglaubens, dem die Lebensangst späterer Generationen völlig fremd gewesen ist. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass manche Wissenschaftler die Grenzen von Ethik und Moral auch deutlich überschritten haben.

Wie Robert Koch, der für seine Zwangsbehandlungen von an der Schlafkrankheit erkrankten Afrikanern heute sehr umstritten ist?

Dieses traurige Kapitel wäre ein Beispiel.

Wie sehr spielten Zufall und Glück damals eine Rolle?

Eine nicht zu unterschätzende. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, gab seinem Freund Carl Koller einmal den Hinweis, dass Kokain die Zunge betäubt. Beide haben die Droge im Selbstexperiment erprobt, wenn man das so sagen kann. Koller hatte dann eine gute Idee: Denn den gleichen betäubenden Effekt hat Kokain, wenn man es aufs Auge träufelt. Damit war die Lokalanästhesie begründet. Und Operationen am Auge sehr vereinfacht, die ohne Betäubung sehr riskant sind.

Spanische Grippe 1918: Die Pandemie kostete Millionen Menschen das Leben. (Quelle: imago images/Photo12/Ann Ronan)Spanische Grippe 1918: Die Pandemie kostete Millionen Menschen das Leben. (Quelle: Photo12/Ann Ronan/imago images)

All die medizinischen Fortschritte der Vergangenheit haben dazu geführt, dass wir in der Gegenwart zumindest in den westlichen Ländern in medizinischer Hinsicht ein weitaus sichereres Leben führen als es unsere Vorfahren taten. Nun führt uns das Coronavirus eindrücklich vor Augen, dass wir weit weniger gegen eine Pandemie gewappnet sind, als uns lieb ist.

Corona demonstriert uns, wie naiv wir waren. Wir hatten kein Gespür mehr, wie eklatant Viren und Bakterien unser Leben beeinflussen können. Wir ahnten nicht, was Mikroorganismen uns antun können. So sehr die Menschheit diesen Planeten auch dominiert, nun zeigt uns ein kleines Virus die Grenzen auf. In meinem Buch komme ich auf den berühmten Roman von H.G. Wells zu sprechen…

…"Krieg der Welten" von 1898?

Ebendieser. Darin überfällt eine außerirdische Kriegsmaschinerie die Erde, die Menschheit hat den Invasoren nichts entgegenzusetzen. Wer aber stoppt die Eindringlinge? Die irdischen Mikroben, gegen die das Immunsystem der Aliens machtlos ist. Die Menschheit hat sich das Recht, auf diesem Planeten zu leben, mühsam erkämpft gegen Erreger aller Art. Der Preis, den unsere Vorfahren dafür gezahlt haben, sind Milliarden an Toten, die allen denkbaren Krankheiten im Laufe der Jahrtausende zum Opfer gefallen sind.

Nun hat die Wissenschaft im Kampf gegen Corona innerhalb kürzester Zeit unglaubliche Leistungen vollbracht.

Dass wir bereits über Impfstoffe verfügen, ist wirklich eine Sensation. Die Pharmaindustrie wird oft gescholten, immer wieder auch berechtigt, aber das ist eine fraglos große Leistung. Nun steht aber die nächste große Herausforderung an: Milliarden Menschen müssen geimpft werden. Bei der Corona-Pandemie sehen wir im Vergleich zur Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 trotz aller Einschnitte auch, wie weit unser Wissen fortgeschritten ist: Damals gab es keine vergleichbaren Maßnahmen, weder in Bezug auf Lockdowns noch auf Impfungen. Man wusste auch noch gar nicht, dass ein Virus der Auslöser war. Heute können wir hingegen viele Menschenleben retten.

Werden wir denn eine nachhaltige Lehre aus der Corona-Pandemie ziehen, wenn sie vorbei ist?

Das Händeschütteln wird sicher der Vergangenheit angehören, vermute ich.

Herr Gerste, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Ronald Gerste per Videokonferenz

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