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"Corona demonstriert uns, wie naiv wir waren"

  • Marc von L├╝bke-Schwarz
Von Marc von L├╝pke

Aktualisiert am 21.02.2021Lesedauer: 7 Min.
Robert Koch, Tuberkelbazillen und Spritze (Bildcollage t-online): ├ťber die Fortschitte der Medizin im "Goldenen Zeitalter" spricht Experte Ronald D. Gerste im t-online-Gespr├Ąch.
Robert Koch, Tuberkelbazillen und Spritze (Bildcollage t-online): ├ťber die Fortschitte der Medizin im "Goldenen Zeitalter" spricht Experte Ronald D. Gerste im t-online-Gespr├Ąch. (Quelle: Science Photo Library/imago-images-bilder)
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Verheerende Seuchen suchten die Menschheit stets heim, dann gelangen der Medizin im "Goldenen Zeitalter" gro├če Durchbr├╝che. Experte Ronald D. Gerste erkl├Ąrt, warum Corona uns nun so ├╝berrascht hat.

t-online: Herr Gerste, heute f├╝rchten wir uns vor dem Coronavirus und seinen Mutanten, noch vor nicht allzu langer Zeit suchten zahlreiche andere Infektionskrankheiten die Menschheit heim. Von welchen Erregern ging die gr├Â├čte Bedrohung aus?

Ronald D. Gerste: An verheerenden Seuchen gab es keinen Mangel, die Welt war aus heutiger Sicht ein sehr gef├Ąhrlicher Ort. Vor rund 150 Jahren w├╝teten zum Beispiel die Pocken in Deutschland, es war eine furchtbare Epidemie, die damals weit mehr als 100.000 Tote forderte.

Schon 1796 hatte der britische Arzt Edward Jenner allerdings die moderne Schutzimpfung gegen die Pocken entwickelt.

Es war eine bahnbrechende Entdeckung. Aber bis die Pockenimpfung die Bev├Âlkerung umfassend zu sch├╝tzen vermochte, dauerte es seine Zeit.

1874 f├╝hrte das Deutsche Reich eine Impfpflicht gegen die Pocken ein. Bei Zuwiderhandlungen brachten Polizisten bisweilen Kinder gegen den Willen der Eltern zur Impfung.

Die Pocken wurden zu Recht als gewaltige Bedrohung angesehen. Selbst wer ├╝berlebte, war oft durch Narben entstellt. Tats├Ąchlich gelang es mithilfe umfangreicher Impfprogramme schlie├člich, die Seuche sp├Ątestens 1980 weltweit auszurotten. Es war ein Meilenstein der Medizin. Aber so erfolgreich der Kampf gegen diesen Erreger war, so schwierig war er gegen andere Krankheiten.

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Welche waren diese beispielsweise?

Die sogenannte Wei├če Pest war ├╝beraus gef├╝rchtet, genau wie die "Asiatische Hydra".

Ronald D. Gerste, 1957 in Magdeburg geboren, ist promovierter Mediziner und Historiker. Er lebt in der N├Ąhe der amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. und schreibt regelm├Ą├čig als Korrespondent f├╝r deutschsprachige Medien. Weiterhin ist Gerste Autor zahlreicher B├╝cher zur US-Geschichte wie auch zur Geschichte der Medizin. Gerade erschien sein neuestes Werk "Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840ÔÇô1914".

Also Tuberkulose und Cholera?

Genau. Es kam im 19. Jahrhundert in Deutschland immer wieder zu Ausbr├╝chen der Cholera, 1892 konnte sie in Hamburg nur mit sch├Ąrfsten Hygiene-Ma├čnahmen einged├Ąmmt werden. Die Tuberkulose ist heute hingegen fast aus unserem Bewusstsein verschwunden: Sie galt fr├╝her als Krankheit vor allem der Jungen und Sch├Ânen, die bei Ausbruch gewisserma├čen dahinschwanden. Daher auch die Bezeichnung Schwindsucht. Aber in Wirklichkeit war der Tod an Tuberkulose genauso erb├Ąrmlich wie der an jeder anderen Infektionskrankheit. Und die Krankheit t├Âtete Reiche und Arme selbstverst├Ąndlich ohne Unterschied.

W├Ąhrend die Tuberkulose ein gro├čes gesellschaftliches Thema war, wurde eine andere gef├Ąhrliche Krankheit eher beschwiegen.

Sie meinen die Syphilis? Nat├╝rlich, es ist eine vor allem sexuell ├╝bertragbare Krankheit, unter der auch sehr angesehene Leute wie etwa der ber├╝hmte Musiker Fr├ęd├ęric Chopin oder der Vater von Winston Churchill litten. Es gibt eine interessante Anekdote in dem wunderbaren Hollywood-Klassiker "Dr. Ehrlich's Magic Bullet" (Deutsch: "Paul Ehrlich ÔÇô Ein Leben f├╝r die Forschung"): Paul Ehrlich, der als Mediziner eine Behandlung der Syphilis entwickeln wollte, plante einst auf einem Empfang mit wohlhabenden Leuten Gelder f├╝r seine Forschung einzuwerben. Dort wurde er gefragt, welche Krankheit er denn bek├Ąmpfen wolle. "Syphilis", sagte Ehrlich. Worauf alle Anwesenden schleunigst das Weite suchten.

Ronald D. Gerste: Der Historiker und Mediziner ist Autor zahlreicher B├╝cher.
Ronald D. Gerste: Der Historiker und Mediziner ist Autor zahlreicher B├╝cher. (Quelle: Jacqueline Gerste)

Sein Medikament "Salvarsan", im Prinzip die erste Chemotherapie, konnte Ehrlich gleichwohl bis zur Marktreife 1910 entwickeln und damit die Syphilis behandelbar machen.

Ja. Aber der Preis war hoch. Salvarsan beinhaltet Arsen, das wiederum giftig ist.

Das Jahr 1910 markiert fast schon das Ende des "Goldenen Zeitalters der Medizin" von 1840 bis 1914, das Sie in Ihrem neuen Buch beschreiben. Ein Zeitalter, in dem die Entwicklung aller medizinischen Disziplinen bahnbrechende Fortschritte gemacht hat. Welche Leistungen haben Sie besonders beeindruckt?

Herausragend ist ein Ereignis, das am 16. Oktober 1846 in Boston stattgefunden hat. William Thomas Green Morton, eigentlich ein Zahnarzt, vollf├╝hrte an diesem Tag etwas ganz Neues an einem jungen Mann namens Gilbert Abbot, der unter einem gutartigen Tumor am Kiefer litt und von dem ber├╝hmten Chirurgen John Collins Warren operiert wurde.

Was war das Au├čergew├Âhnliche daran?

Morton hatte Gilbert zuvor erfolgreich mittels ├äther bet├Ąubt. So selbstverst├Ąndlich uns eine Narkose heute erscheint, damals war es eine Revolution. Wir machen uns heute kaum Vorstellungen davon, wie schmerzhaft und risikoreich Operationen fr├╝her f├╝r die Patienten gewesen sind, die sie ohne Bet├Ąubung aushalten mussten. Morton wird bis heute zu Recht als Begr├╝nder der modernen Narkose verehrt. Aber auch vielen anderen Medizinern geb├╝hrt Respekt.

Wem zum Beispiel?

Der Name Ignaz Semmelweis geh├Ârt hier genannt, ein Chirurg und Geburtshelfer, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine revolution├Ąre Neuerung auf der Geburtsstation seiner Klinik in Wien eingef├╝hrt hat: Und zwar, dass sich die ├ärzte die H├Ąnde waschen mussten, bevor sie ihre Patientinnen ber├╝hrten. Denn Semmelweis war aufgefallen, dass ein eklatanter Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene der Mediziner und der hohen Todesrate von M├╝ttern durch das sogenannte Kindbettfieber bestand.

Semmelweis wurde sp├Ąter als der "Retter der M├╝tter" ber├╝hmt.

Zu Recht. Jeder, der heute operiert wird, sollte auch Joseph Lister dankbar sein. 1865 wurde ein kleiner Junge zu ihm gebracht, der einen offenen Bruch am Bein erlitten hatte. Normalerweise h├Ątte der Arzt zur Knochens├Ąge gegriffen, der Junge w├Ąre Zeit seines Lebens mit einem amputierten Bein ein Invalide gewesen.

Weil sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit der gef├╝rchtete Wundbrand eingesetzte h├Ątte, wenn das Bein nicht abgenommen worden w├Ąre?

Genau. Lister reinigte die Wunde aber immer wieder mit Karbols├Ąure, auch der Verband war damit getr├Ąnkt. Und das Wunder geschah: Der Wundbrand blieb aus, das Bein des Jungen war gerettet. Es war die Geburtsstunde der Antisepsis.

Durch viele Schritte wie diesen kamen die Mediziner und Biologen auch der tats├Ąchlichen Bedrohung auf die Spur: den winzig kleinen Erregern, die uns Menschen krank machen k├Ânnen.

Es war einfach die Zeit gro├čer Entdeckungen auf dem Gebiet der Medizin und der Biologie. Fr├╝her hatte man unter anderem geglaubt, das sogenannte Miasmen die Menschen krank machen w├╝rden. Also krankheitserregende Stoffe, die durch F├Ąulnisprozesse in Wasser und Luft entst├╝nden. Als die Mikroskope immer ausgefeilter wurden, identifizierte man dann die wahren Schuldigen: winzige Bakterien und Viren.

Noch ber├╝hmter wurde etwa Robert Koch 1882, als er den Tuberkelbazillus als Erreger der Tuberkulose identifizierte.

Daf├╝r hat er sp├Ąter auch den Nobelpreis erhalten hat. Denn wenn ein Krankheitserreger ausgemacht ist, kann man mit Gegenma├čnahmen beginnen. Wilhelm I. hatte ├╝ber eine Vorlesung von Koch mit Vorf├╝hrung am Mikroskop geh├Ârt. Danach sagte der Kaiser sinngem├Ą├č, dass der Feind ja nun erkannt sei. Aber wie k├Ânne man ihn besiegen? Das war sehr preu├čisch ausgedr├╝ckt, aber im Prinzip nat├╝rlich richtig.

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Ein Patient wird von William Thomas Green Morton narkotisiert: F├╝r Patienten war die Bet├Ąubung eine gro├če Erleichterung.
Ein Patient wird von William Thomas Green Morton narkotisiert: F├╝r Patienten war die Bet├Ąubung eine gro├če Erleichterung. (Quelle: Roger-Viollet/ullstein-bild)

Tats├Ąchlich wurde die winzigen "Feinde" immer nachhaltiger bek├Ąmpft: Seit 1885 gibt es eine Schutzimpfung gegen Tollwut, seit 1896 gegen TyphusÔÇŽ

ÔÇŽ und diese Liste l├Ąsst sich noch lange fortsetzen. Zum Gl├╝ck muss heute zum Beispiel niemand mehr erleben, wie kleine Kinder j├Ąmmerlich in ihren Betten an der Diphtherie ersticken. Das hat die Menschheit vor allem Emil von Behring zu verdanken, der um 1890 ein Heilserum entwickelt hat. Rund 50.000 Kinder sind bis dahin im Deutschen Reich jedes Jahr an der Diphterie gestorben.

Es ist erstaunlich, wie viele bahnbrechende Entdeckungen und Entwicklungen die Medizin in dieser Zeit vollbracht hat.

Der ganze Zeitraum war insgesamt eine Epoche ungeheuren Fortschritts. Allein die Eisenbahn ver├Ąnderte die Welt in einem nicht geahnten Ma├č, die Industrialisierung war im wahrsten Sinne des Wortes eine Revolution. Es war wie ein gigantischer Adrenalinsto├č f├╝r die gesamte Gesellschaft, der immer neue Erkenntnisse hervorbrachte. Wir blicken heute zur├╝ck auf ein Zeitalter unglaublichen Fortschrittsglaubens, dem die Lebensangst sp├Ąterer Generationen v├Âllig fremd gewesen ist. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass manche Wissenschaftler die Grenzen von Ethik und Moral auch deutlich ├╝berschritten haben.

Wie Robert Koch, der f├╝r seine Zwangsbehandlungen von an der Schlafkrankheit erkrankten Afrikanern heute sehr umstritten ist?

Dieses traurige Kapitel w├Ąre ein Beispiel.

Wie sehr spielten Zufall und Gl├╝ck damals eine Rolle?

Eine nicht zu untersch├Ątzende. Sigmund Freud, der Begr├╝nder der Psychoanalyse, gab seinem Freund Carl Koller einmal den Hinweis, dass Kokain die Zunge bet├Ąubt. Beide haben die Droge im Selbstexperiment erprobt, wenn man das so sagen kann. Koller hatte dann eine gute Idee: Denn den gleichen bet├Ąubenden Effekt hat Kokain, wenn man es aufs Auge tr├Ąufelt. Damit war die Lokalan├Ąsthesie begr├╝ndet. Und Operationen am Auge sehr vereinfacht, die ohne Bet├Ąubung sehr riskant sind.

Spanische Grippe 1918: Die Pandemie kostete Millionen Menschen das Leben.
Spanische Grippe 1918: Die Pandemie kostete Millionen Menschen das Leben. (Quelle: Photo12/Ann Ronan/imago-images-bilder)

All die medizinischen Fortschritte der Vergangenheit haben dazu gef├╝hrt, dass wir in der Gegenwart zumindest in den westlichen L├Ąndern in medizinischer Hinsicht ein weitaus sichereres Leben f├╝hren als es unsere Vorfahren taten. Nun f├╝hrt uns das Coronavirus eindr├╝cklich vor Augen, dass wir weit weniger gegen eine Pandemie gewappnet sind, als uns lieb ist.

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Corona demonstriert uns, wie naiv wir waren. Wir hatten kein Gesp├╝r mehr, wie eklatant Viren und Bakterien unser Leben beeinflussen k├Ânnen. Wir ahnten nicht, was Mikroorganismen uns antun k├Ânnen. So sehr die Menschheit diesen Planeten auch dominiert, nun zeigt uns ein kleines Virus die Grenzen auf. In meinem Buch komme ich auf den ber├╝hmten Roman von H.G. Wells zu sprechenÔÇŽ

ÔÇŽ"Krieg der Welten" von 1898?

Ebendieser. Darin ├╝berf├Ąllt eine au├čerirdische Kriegsmaschinerie die Erde, die Menschheit hat den Invasoren nichts entgegenzusetzen. Wer aber stoppt die Eindringlinge? Die irdischen Mikroben, gegen die das Immunsystem der Aliens machtlos ist. Die Menschheit hat sich das Recht, auf diesem Planeten zu leben, m├╝hsam erk├Ąmpft gegen Erreger aller Art. Der Preis, den unsere Vorfahren daf├╝r gezahlt haben, sind Milliarden an Toten, die allen denkbaren Krankheiten im Laufe der Jahrtausende zum Opfer gefallen sind.

Nun hat die Wissenschaft im Kampf gegen Corona innerhalb k├╝rzester Zeit unglaubliche Leistungen vollbracht.

Dass wir bereits ├╝ber Impfstoffe verf├╝gen, ist wirklich eine Sensation. Die Pharmaindustrie wird oft gescholten, immer wieder auch berechtigt, aber das ist eine fraglos gro├če Leistung. Nun steht aber die n├Ąchste gro├če Herausforderung an: Milliarden Menschen m├╝ssen geimpft werden. Bei der Corona-Pandemie sehen wir im Vergleich zur Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 trotz aller Einschnitte auch, wie weit unser Wissen fortgeschritten ist: Damals gab es keine vergleichbaren Ma├čnahmen, weder in Bezug auf Lockdowns noch auf Impfungen. Man wusste auch noch gar nicht, dass ein Virus der Ausl├Âser war. Heute k├Ânnen wir hingegen viele Menschenleben retten.

Werden wir denn eine nachhaltige Lehre aus der Corona-Pandemie ziehen, wenn sie vorbei ist?

Das H├Ąndesch├╝tteln wird sicher der Vergangenheit angeh├Âren, vermute ich.

Herr Gerste, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

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