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"Bei Impfstoffen hat Deutschland einen fatalen Fehler gemacht"

  • Marc von LĂŒbke-Schwarz
Von Marc von LĂŒpke

25.03.2021Lesedauer: 6 Min.
Corona-Impfung in Dresden: Bei der Beschaffung von Vakzinen sind Fehler begangen worden, sagt Experte Philipp Osten.
Corona-Impfung in Dresden: Bei der Beschaffung von Vakzinen sind Fehler begangen worden, sagt Experte Philipp Osten. (Quelle: Robert Michael/dpa-bilder)
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MĂŒhsam kĂ€mpft sich Deutschland durch die Corona-Krise. Historiker Philipp Osten erklĂ€rt, welche Fehler gemacht wurden. Und warum die Politik mehr auf die Wissenschaft hören sollte.

t-online: Professor Osten, seit mehr als einem Jahr leidet Deutschland mittlerweile unter der Corona-Pandemie. Nun drohte kurzfristig Anfang April fĂŒr ein paar Tage die fast vollstĂ€ndige Stilllegung des öffentlichen Lebens, um die dritte Welle zu brechen. Was lief schief in der deutschen Strategie?

Philipp Osten: Eine zentrale Schwierigkeit besteht darin, dass wir noch nicht einmal die zweite Welle ĂŒberstanden haben.

Impfstoffe gegen das Coronavirus standen in bemerkenswert kurzer Zeit zur VerfĂŒgung, nur wird in Deutschland quĂ€lend langsam geimpft aufgrund der geringen Menge an Vakzinen.

Die Entwicklung der Impfstoffe war ohne Frage schnell und effektiv. Das Problem bestand am Ende des letzten Jahres aber tatsÀchlich darin, welche Strategie bei den Impfungen zu verfolgen war: Impft man zunÀchst die durch das Virus besonders gefÀhrdeten Gruppen? Oder die Menschen, die das Virus besonders stark durch ihre MobilitÀt verbreiten?

Bei Corona sind dies jeweils die Alten und die Jungen.

Genau. Da man am Anfang nicht wusste, ob die Impfstoffe tatsĂ€chlich eine Übertragung unterbinden, priorisierte man die Impfung der vulnerablen Gruppe, um möglichst viele Leben zu retten. Aus wissenschaftlicher Sicht war es eine absolut vernĂŒnftige Entscheidung.

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Mangelware ist Impfstoff aber auch heute noch in Deutschland, erst recht, wenn man das Impftempo in Israel, Großbritannien und den USA betrachtet.

Betrachten wir doch einmal, was gut gelaufen ist in Deutschland: Binnen kĂŒrzester Zeit wurden im ganzen Land Impfzentren errichtet, in denen viele Tausende jeden Tag geimpft werden könnten. Aber: Bei den Impfstoffen hat Deutschland einen fatalen Fehler gemacht. Genau wie die EuropĂ€ische Union. Man wollte abwarten, welches der sich in Entwicklung befindlichen Vakzine das beste wĂ€re. Nun stellt sich heraus, dass alle Impfstoffe effektiv schĂŒtzen, zudem machen Studien große Hoffnung, dass sie auch die Übertragung des Virus eindĂ€mmen. Jetzt wĂ€re es eigentlich sinnvoll, möglichst schnell Alt und Jung zu impfen.

Philipp Osten, Jahrgang 1970, ist Medizinhistoriker. Er leitet seit 2017 das Institut fĂŒr Geschichte und Ethik der Medizin am UniversitĂ€tsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zugleich ist Osten Direktor des Medizinhistorischen Museums Hamburg. Der Wissenschaftler ist Experte fĂŒr die Geschichte der Seuchen wie der GesundheitsaufklĂ€rung.

Womit wir wieder bei den zu wenig beschafften Vakzinen wĂ€ren. Die EuropĂ€ische Union wĂ€re also klĂŒger beraten gewesen, sich große Kontingente aller Impfstoffhersteller zu sichern – egal, zu welchem Preis?

Europa hat bei den Impfstoffen an der falschen Stelle gespart. Das muss man klar sagen: Es hĂ€tte viel mehr Geld in Impfstoffe gesteckt werden mĂŒssen. Auch zu deutlich höheren Preisen, falls notwendig. Denn ein Problem mit dem Coronavirus wurde außer Acht gelassen ...

... die Mutationen?

Richtig. Das Coronavirus mutiert. Biologisch gesehen ist es ein normaler Vorgang, aber er birgt erhebliche Risiken fĂŒr uns Menschen. Daher ist es sehr wichtig zu impfen: Je weniger KrankheitsfĂ€lle es gibt, desto weniger Mutationen kursieren. In Großbritannien war ein Mensch knapp 150 Tage an Covid-19 erkrankt gewesen, er litt an einer ImmunschwĂ€che. WĂ€hrend dieser Zeit sind zehn Mutationen des Virus allein bei dieser Person festgestellt worden. Eine davon war die Variante N501Y, deren Untertyp auch als britische Mutation bekannt geworden ist.

Eben diese Mutation sorgt in Deutschland fĂŒr große BefĂŒrchtungen.

Und das zu Recht. Aber man muss bedenken, dass die Bezeichnung britische Mutante allein daher stammt, weil in Großbritannien frĂŒh und auch umfassend nach Mutationen gefahndet worden ist. So wurde B.1.1.7 entdeckt. In Deutschland haben das fast nur UniversitĂ€tskliniken getan. SelbstverstĂ€ndlich ist es aber auch hierzulande zu Mutationen gekommen, aber berĂŒchtigte Varianten wurden hier nicht so frĂŒh entdeckt.

Philipp Osten: Laut dem Medizinhistoriker ist die jetzige Corona-Krise beispiellos.
Philipp Osten: Laut dem Medizinhistoriker ist die jetzige Corona-Krise beispiellos. (Quelle: Rafael Heygster)

Die Neigung des Coronavirus zur Mutation macht dann aber eine zĂŒgige globale BekĂ€mpfung des Erregers nötig.

Impfnationalismus ist in der Tat bedenklich. Denn Mutationen können das Virus harmloser, aber auch gefĂ€hrlicher machen. Beispielsweise, wenn Impfstoffe sich als weniger effektiv oder gar als wirkungslos erweisen könnten. Allerdings haben wir auch GlĂŒck: Das Coronavirus neigt weit weniger zur Mutation als der Grippeerreger.

Wie lange werden das Coronavirus und seine Mutanten uns noch zu schaffen machen – wie lautet Ihre EinschĂ€tzung?

Die Menschheit wird Corona nicht loswerden. Die Liste der Krankheiten, mit der wir uns plagen, hat einen neuen Eintrag bekommen. Oder anders gesagt, Covid-19 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit endemisch werden.

Bitte erklÀren Sie das nÀher.

Immer grĂ¶ĂŸere Teile der Weltbevölkerung werden in den kommenden Monaten und Jahren gegen das Coronavirus geimpft werden. Nach einiger Zeit wird es allerdings wieder Menschen geben, die ĂŒber keinen Immunschutz verfĂŒgen – dies könnten vorwiegend Kinder sein. Covid-19 könnte also eine Kinderkrankheit werden. Allerdings wird die Medizin die Erkrankung aller Wahrscheinlichkeit nach im Griff haben, saisonale Impfungen gegen Corona und Impfungen fĂŒr Kinder wĂŒrden zur NormalitĂ€t.

Nun erwerben die Menschen auf zwei Arten ImmunitÀt gegen Krankheiten: durch Infektion und durch Impfungen. Was ist im Fall von Corona effektiver?

Dazu gibt es erste Erkenntnisse. Es sieht tatsĂ€chlich so aus, dass die Geimpften im Vorteil gegenĂŒber denjenigen sind, die die Krankheit durchlaufen haben.

Mallorca 2020: Bald könnten sich die StrĂ€nde wieder fĂŒllen.
Mallorca 2020: Bald könnten sich die StrĂ€nde wieder fĂŒllen. (Quelle: Enrique Calvo/Reuters-bilder)

Woran liegt das?

Die Impfstoffproduzenten haben die Vakzine so hergestellt, dass sie das Immunsystem höchst effektiv auf die Abwehr einer Coronavirus-Infektion vorbereiten.

Wir haben viel ĂŒber Impfstoffe gesprochen, Deutschland erwehrt sich der Pandemie bislang aber eher mit mehr oder weniger konsequenten Lockdowns: Wie effektiv ist diese Maßnahme?

Die Reduzierung von sozialen Kontakten ist ein seit Urzeiten bewĂ€hrtes Mittel zur EindĂ€mmung von Krankheiten. Zugleich ist die Schließung von Schulen das effektivste Instrument zur SeuchenbekĂ€mpfung. Vom epidemiologischen Standpunkt aus gesehen, mĂŒsste das Land im Lockdown bleiben, bis zwei Drittel der Menschen geimpft sind. Ich weiß um den enormen sozialen und wirtschaftlichen Preis.

Und nicht zuletzt ist der politische Preis hoch, angesichts der VersÀumnisse von Bund und LÀndern.

Das ist wahr.

Nun sollte nach Willen der MinisterprĂ€sidentenrunde "Ruhe" etwa am GrĂŒndonnerstag die Corona-Lage etwas beruhigen, so durch die Schließung von LebensmittelgeschĂ€ften. Wie lautet Ihre EinschĂ€tzung zu der jetzt abgesagten Maßnahme?

Die Öffnung der SupermĂ€rkte nur am Karsamstag wĂ€re genau der falsche Schritt gewesen. Eigentlich mĂŒssten die Öffnungszeiten fĂŒr solche LĂ€den freigegeben werden, damit sich die Kunden darin maximal ĂŒber den Tag verteilen. Und nicht zu bestimmten Zeiten ballen. Die Absage der sogenannten Osterruhe war sicher ein Musterbeispiel vertrauensbildender Kommunikation. Dabei hĂ€tte ein möglichst umfassender Lockdown die kurzfristige Wirkung strenger EindĂ€mmungsmaßnahmen belegen können. Das Hin und Her zeigt: Die LĂŒcke zwischen Maßnahme und Durchsetzbarkeit ist grĂ¶ĂŸer geworden.

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Viele Menschen im Land sind der Lockdowns und des Stillstands mĂŒde. Wie groß ist das Vertrauen in Politik und Wissenschaft noch?

Die Menschen haben genug von den Lockdowns, das ist unstrittig. FĂŒr die Politik kann ich nicht sprechen, aber das Vertrauen in die Wissenschaft ist nach wie vor hoch. Was die Forschung in der letzten Zeit geleistet hat, ist enorm.

Welche Lehren werden wir aus der Corona-Krise ziehen?

Hoffentlich wird es mehr als nur eine Lehre sein. TatsĂ€chlich haben wir festgestellt, dass Impfstoffe in relativ kurzer Zeit entwickelt und produziert werden können. Das Genom des Coronavirus hatte China ja bereits im letzten Jahr sehr schnell zur VerfĂŒgung gestellt, damit konnte die Entwicklung sehr beschleunigt werden.

Es dauerte allerdings seine Zeit, bis sie die Zulassung erhielten.

Das hat auch seine Berechtigung, denn die PrĂŒfverfahren brauchen ihre Zeit. Nebenwirkungen der Vakzine mĂŒssen ausgeschlossen werden. Aber um auf den eigentlichen Punkt zurĂŒckzukommen: Der Bereich der Pflege innerhalb der Medizin sollte eine deutliche Aufwertung erfahren, dazu mĂŒsste unsere Volkswirtschaft deutlich verbesserte Strukturen zur BekĂ€mpfung einer erneuten Pandemie aufbauen und unterhalten.

Wo wir gerade bei Lehren aus der Corona-Krise sind: WĂ€hrend in Deutschland weiter Stillstand herrscht, werden insbesondere zu Ostern zahlreiche Flieger von hier gen Mallorca aufbrechen. Was halten Sie davon?

Nichts. Die österlichen Mallorca-Reisen sind zum Symbol politischen Versagens geworden. Man muss es deutlich sagen: Manche, die nach Mallorca reisen, werden nicht zurĂŒckkehren. Wahrscheinlich jedenfalls. Einige werden Infektionen nach Spanien tragen, andere sich dort infizieren. Tests hin oder her. Und zwei Wochen nach Ostern werden wir die Mallorca-FlĂŒge auch bei den Inzidenzwerten in Deutschland deutlich zu spĂŒren bekommen. Wegen der Flugreisen ist es nur wenigen Menschen zu vermitteln, dass sie nicht in abgeschiedenen Ferienwohnungen hierzulande Urlaub machen dĂŒrfen.

Das wiederum ist ein politisch sehr umstrittenes Thema.

Sie sagen es. Viele Entscheidungen basieren nicht auf wissenschaftlicher Expertise. Sie folgen politischem KalkĂŒl. Langfristig ist das keine kluge Strategie.

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Professor Osten, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

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