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Tödliche Tanzwut: Rätselhafte Krankheit aus 1518 – gibt es sie auch heute noch?


Rätselhafte Krankheit um 1518
Als sich die Menschen buchstäblich zu Tode tanzten

Von Angelika Franz

Aktualisiert am 03.04.2022Lesedauer: 5 Min.
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"Tanzsüchtige": Diesen Kupferstich fertigte Hendrik Hondius nach einer Zeichnung des Künstlers Pieter Bruegels dem Älteren (1564). Der Titel lautet: Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck".Vergrößern des Bildes
"Tanzsüchtige"?: Diesen Kupferstich fertigte Hendrik Hondius nach einer Zeichnung des Künstlers Pieter Bruegels d. Ä. (1564). Der Titel lautet: "Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck". (Quelle: gemeinfrei/wikimedia (Pieter Bruegel d. Ä. - Das gesamte graphische Werk. Wien-München: Schroll))

Pest und Lepra quälten unsere Vorfahren, doch vor Jahrhunderten trat eine weitere ominöse Krankheit auf: die Tanzwut. Betroffene tanzten, bis die Füße bluteten, viele starben. Was steckte dahinter?

An einem warmen Sommertag des Jahres 1518 verspürte Frau Troffea den unbändigen Drang, zu tanzen. Sie verließ ihr Haus in Straßburg und begann, trippelnd und hüpfend durch die Gassen der Stadt zu ziehen. Anfangs erntete sie nur erstaunte Blicke, mitunter auch Mitleid.

Doch bald schloss eine weitere Frau sich ihr an, dann noch eine und noch eine. Einmal angefangen, konnten die Tänzerinnen ihre Bewegungen nicht mehr stoppen – auch nicht, als die Sonne unterging und der Mond die merkwürdige Prozession in sein kaltes Licht tauchte und ebenso wenig, als die Sonne wieder über den Dächern der Stadt erschien. Tag um Tag ging das so.

"Überhitztes Blut"

Als eine Woche vorbei war, tanzen bereits 34 weitere Personen – die meisten von ihnen Frauen – durch Straßburg. Nach einem Monat war der Pulk der Tänzer auf 400 angewachsen – und ein Ende war noch lange nicht in Sicht. Die Menschen tanzten so lange, bis ihre blutigen Füße nachgaben und sie zuckend vor Erschöpfung zusammenbrachen.

Sechs Tage und sechs Nächte dauerte es bei Frau Troffea, bis sie kollabierte. Ob sie überlebte, ist nicht bekannt. Der Spuk jedenfalls ging auch ohne sie weiter. Auf dem Höhepunkt der sogenannten Tanzwut von Straßburg sackten jeden Tag 15 Menschen tot zusammen, die Körper ausgemergelt, dehydriert von der Sommerhitze.

Die Obersten der Stadt waren ratlos. Es müsse am "überhitzten Blut" liegen, mutmaßten die konsultierten Ärzte und verordneten ein höchst fragwürdiges Gegenmittel. Die Betroffenen, empfahlen sie, sollten angehalten werden, noch mehr zu tanzen, um die Tanzwut "abzuschütteln". Hastig wurden Trommler und Pfeiffer bestellt und die Stadt räumte zwei Hallen sowie den Getreidemarkt und stellte zusätzlich noch eine Bühne bereit, auf der die Tänzer sich austoben konnten.

Aber keine der Maßnahmen half. Erst Anfang September ebbte die Tanzwut ab und keine neuen Tänzer gesellten sich mehr zu den Reihen der Betroffenen. Die Tanzwut war zu diesem Zeitpunkt allerdings kein neues Phänomen. Immer wieder war es bereits in den vergangenen Jahrhunderten zu derartigen Ausbrüchen gekommen, die größten davon 1374 in Aachen und 1463 in der Eifel.

Wie diese Krankheit die Zeigenossen beschäftigte, illustriert auch ein Kupferstich des Künstlers Hendrik Hondius, der einer Zeichnung des berühmten Malers Pieter Bruegels dem Älteren von 1564 nacheiferte. Der Titel lautet "Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck" und zeigt wohl Tanzsüchtige.

Warum ausgerechnet Schuhe?

Der Ausbruch der Tanzwut in Straßburg im Jahr 1518 sollte zwar der letzte große sein, vereinzelt flackerte sie jedoch noch lange hier und dort wieder auf. Was den kollektiven Tanzdrang auslöste, ist bis heute nicht restlos erforscht. Die Symptome sind rätselhaft: Augenzeugen des Ausbruchs in Aachen berichteten davon, dass die Tanzenden eine ausgeprägte Aversion gegen spitz zulaufende Schuhe zeigten – und gegen die Farbe Rot. Sie würden in einem "Meer aus Blut ertrinken", hätten viele von ihnen verzweifelt geschrien.

Eine Theorie ist, dass die Betroffenen größere Mengen Mutterkorn konsumiert hätten. Das Mutterkorn (Secale cornutum) ist ein Pilz, der Getreide – vorzugsweise Roggen – befällt. Er enthält über 80 teilweise hochgiftige Alkaloide sowie Lysergsäure, die zur Herstellung von LSD dienen kann.

Heute wird er zum Großteil bei der Verarbeitung aus dem befallenen Getreide entfernt, doch im im 16. Jahrhundert stellte die Mutterkornvergiftung noch eine ernstzunehmende Bedrohung dar. "Antoniusfeuer" wurde der Zustand genannt, in den die Erkrankten verfielen: Die Haut begann zu kribbeln, Finger und Zehen starben ab, dann setzten Kopfschmerzen, Übelkeit und Ohrensausen ein.

Bald gaben die Kranken nur noch wirre Sätze und Laute von sich. Die schlimmsten Fälle endeten mit Herz- oder Atemstillstand. Auch der Biss der Schwarzen Witwe (Latrodectus tredecimguttatus) geriet unter Verdacht, Auslöser für die Tanzwut zu sein, da er Schweißausbrüche und Muskelkrämpfe verursacht. Fälschlicherweise übertrug sich diese Vermutung sogar auf die Apulische Tarantel (Lycosa tarantula), deren Biss jedoch deutlich harmloser ist als der einer Schwarzen Witwe.

Krankheit des Geistes

Als Gegengift zum Spinnenbiss verschrieben Ärzte noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Tarantella, einen schnellen Tanz im 3/8- oder 6/8-Takt. Musiker wurden ins Haus der Gebissenen entsandt und sollten so lange spielen, bis die Kranken das Leiden ausgeschwitzt hätten. Allerdings erklären weder die Mutterkorn-These noch die Spinnen-Theorie, warum vornehmlich Frauen an der Tanzwut erkrankten oder was ihre Abneigung gegen spitze Schuhe und rote Farbe verursachte.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist keine physische, sondern eine psychologische: Die Tanzenden wurden von einer Massenhysterie (Mass Psychogenic Illness, kurz MPI) ergriffen. MPI tritt hauptsächlich in homogenen Gruppen vor allem in Stresssituationen auf und führt zu körperlichen Symptomen, ohne dass es dafür eine medizinische Grundlage gäbe.

Es muss nicht immer der Drang zum Tanzen sein – oft sind es auch Schwindel, Juckreiz, Lähmungserscheinungen oder Hautausschlag, die sich ohne rationale Erklärung epidemieartig ausbreiten. Der Befall ist immer ansteckend. Nach und nach greifen die Symptome um sich und erfassen Familien, Arbeitskollegen oder Schulklassen.

Stress gab es in den Jahren der großen Tanzwutausbrüche zuhauf. Bevor beispielsweise die Krankheit im Jahr 1374 Aachen heimsuchte, hatte die gesamte umliegende Region bereits eine der verheerendsten Flutkatastrophen des Jahrhunderts erlebt. Auf ihrem Höhepunkt ergoss der Rhein sich zudem über Stadtmauern anliegender Städte, in den Straßen trieben verendete Pferde mit aufgeblähten Bäuchen.

Immer wieder Ausbrüche

Auch Straßburg hatte in dem Jahrzehnt vor dem Ausbruch der Tanzwut unter den Launen der Natur gelitten. Außergewöhnliche Kälte führte zu Ernteausfällen, in deren Folge Massen von hungrigen Landwirten und Weinbauern Zuflucht in der Stadt suchten. Je enger die Menschen dort aber zusammenrückten, desto schneller konnten sich Pest, Lepra und Syphilis ausbreiten.

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Die Phobie vor spitzen Schuhen oder der Farbe Rot ist damit zwar immer noch nicht erklärt, wohl aber die Zielgruppe der Krankheit: Vor allem junge Kinder, Jugendliche und Frauen neigen dazu, Opfer von MPI zu werden. Bis heute kommt es immer wieder zu gut dokumentierten Fällen. 1962 steckten sich die Schülerinnen einer Missionsschule im heutigen Tansania gegenseitig mit unerklärlichen Lach- und Weinkrämpfen sowie starken Angstzuständen an.

Schnell griffen die Attacken um sich und befielen schließlich rund 1.000 Menschen in der Region, die meisten von ihnen Mädchen und junge Frauen. Nur drei Jahre später wurden 141 Schüler im englischen Blackburn ohne erkennbare Ursache Opfer von Ohnmachtsattacken und Übelkeit, 85 von ihnen mussten gar im Krankenhaus behandelt werden.

Und noch 2002 traf es eine Schule im US-Bundesstaat North Carolina, wo rund ein Dutzend Opfer aus dem Nichts heraus schlaganfallähnliche Symptome und Schwindel zeigten. Der Ausbruch setzte ein halbes Jahr lang das Cheerleaderteam der Schule außer Gefecht, dem über die Hälfte der betroffenen Mädchen angehörten.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es irrtümlich, dass der Rhein die Aachener Stadtmauern überspült hätte. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Verwendete Quellen
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