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Corona-Ausbruch auf Sylt: Wie normal ist die Insel noch?

Von Jannis Große

Aktualisiert am 15.01.2022Lesedauer: 5 Min.
Ein SpaziergÀnger blickt auf das Meer: An diesem Donnerstag ist nur wenig los am Strand von Westerland.
Ein SpaziergĂ€nger blickt auf das Meer: An diesem Donnerstag ist nur wenig los am Strand von Westerland. (Quelle: Jannis Große)
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Nach einem Corona-Ausbruch auf Sylt und explodierenden Infektionszahlen auf der Insel haben viele Hotel- und Gastronomiebetriebe geschlossen. Ein Tagesbesuch zeigt: Die Insel ruht. Doch von einer Geisterinsel will hier kaum einer sprechen.

Es ist ein kalter Wintermorgen auf Sylt. Die Straßen in Westerland sind noch leer. Zwei Mitarbeiter eines SchreibwarengeschĂ€fts schieben die Aussteller mit Postkarten und Zeitungen aus dem Laden nach draußen. Auf der Titelseite einer Hamburger Lokalzeitung steht "Wegen Omikron: Restaurants im Winterschlaf". Auch die Nordseeinsel hat in den vergangenen Tagen Schlagzeilen mit ihrem "Teil-Lockdown" gemacht. Eine VerkĂ€uferin des SchreibwarengeschĂ€fts kann das nicht nachvollziehen. "Nach Weihnachten und Silvester ist es hier immer etwas ruhiger, das hat nichts mit einem Lockdown zu tun", sagt sie.

Das berĂŒhmte Hotel "Stadt Hamburg" in Westerland liegt direkt neben dem SchreibwarengeschĂ€ft. Das Hotel hat bis auf Weiteres geschlossen, wie an der TĂŒr des Bistros zu lesen ist. Es war eines der ersten Hotels der 18.000-Einwohner-Insel, das wegen der aktuellen Lage und infizierter Mitarbeiter schließen musste. Sprechen will vor Ort an diesem Tag niemand mit uns. Aber die Betreiber hoffen offenbar, Ende Januar wieder öffnen zu können. Zumindest kann man ab dem 23. Januar wieder Übernachtungen dort buchen. Viele weitere touristische Betriebe auf Sylt haben derzeit vorĂŒbergehend geschlossen – einige wegen Corona unter den Mitarbeitenden, andere wegen Urlaubs.

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Eine leere Straße in Westerland: Rechts ist das Hotel Stadt Hamburg zu sehen.
Eine leere Straße in Westerland: Rechts ist das Hotel Stadt Hamburg zu sehen, das coronabedingt als eines der ersten schließen musste. (Quelle: Jannis Große)

Sylt im Corona-Januar: "Momentan nicht viel los"

Ein Mitarbeiter des Restaurants "Kompass" verteilt Felle auf den StĂŒhlen des Außenbereichs. Der Betrieb ist geöffnet – man hoffe, dass das so bleibt und es keinen Coronafall im Personal geben wird. "Hier sind jetzt fast alle geboostert', sagt er. Aber wegen des schlechten Wetters, der geschlossenen Hotels und der Jahreszeit sei "momentan nicht viel los".

Am Strand in Westerland, wo sich im Sommer Hunderte Menschen tummeln, weht ein eisiger Wind. Sechs Grad Celsius zeigt eine Anzeige an der Promenade. Vereinzelte SpaziergĂ€nger sieht man entlang des Strandes, die MĂŒtzen tief ins Gesicht gezogen. Das Tosen der Wellen ist an diesem grauen Tag wenig einladend.

Ein paar Touristen spazieren an der Sylter Promenade: Viele Insulaner beschreiben die Lage als normal.
Ein paar Touristen spazieren an der Sylter Promenade: Viele Insulaner beschreiben die Lage als normal. (Quelle: Jannis Große)

In Westerland selbst herrscht winterliche Stimmung. In der FußgĂ€ngerzone gehen einzelne Menschen einkaufen. Restaurants sind mit Lichterketten dekoriert. Immer wieder kreuzen Busse, Taxis und FahrschĂŒler die FußgĂ€ngerzone. Gegen Mittag fĂŒllen sich hier die Außenbereiche der Restaurants. Mit Winterjacke und Schal sitzen die Menschen dort und trinken Kaffee, Tee oder Bier. Eine Drogerie verkauft Tassen und Metallschilder als Souvenirs. Am Rathaus ist ein Corona-Testzentrum eingerichtet. Am Bahnhof in Westerland gibt es gleich zwei davon.

Das Sylter Rathaus: Hier gibt es außerdem eine Corona-Teststelle.
Das Sylter Rathaus: Hier gibt es außerdem eine Corona-Teststelle. (Quelle: Jannis Große)

Die Pandemie scheinen viele hier sehr ernst zu nehmen. Nicht zuletzt, weil sie vom Tourismus leben, der stark durch Corona beeinflusst wird. So kontrolliert ein kleiner Computer beim Betreten einer BÀckerei in Westerland die Körpertemperatur der Kunden.

FĂŒr GaststĂ€tten gilt seit Mittwoch gemĂ€ĂŸ der Landesverordnung von Schleswig-Holstein 2G-plus. FĂŒr den Einzelhandel gilt mit Ausnahmen die 2G-Regelung. An nahezu jeder TĂŒr sind die geltenden Regeln ausgehĂ€ngt. GaststĂ€tten mĂŒssen zwischen 23 und 5 Uhr schließen. Diskotheken und Ă€hnliche Betriebe mĂŒssen seit dem 12. Januar in Schleswig-Holstein ganz geschlossen bleiben.

Die FußgĂ€ngerzone in Westerland: Ein paar Passanten bummeln durch die Innenstadt.
Die FußgĂ€ngerzone in Westerland: Ein paar Passanten bummeln durch die Innenstadt. (Quelle: Jannis Große)

Taxifahrer: "Leben hauptsÀchlich von den Touristen"

Das bekommt auch ein Taxifahrer zu spĂŒren, wie er im GesprĂ€ch mit t-online sagt. Bisher sei er von den hohen Coronazahlen wenig betroffen gewesen. "Aber jetzt, wo die GaststĂ€tten um 23 Uhr schließen mĂŒssen, wird abends weniger los sein", sagt er. Seit 2012 fĂ€hrt auf der Insel Taxi und hat davor schon unzĂ€hlige Jahre im Taxi rund um Hamburg verbracht.

"Wir mĂŒssen hier auf Sylt im Sommer so viel reinfahren, dass wir ĂŒber den Winter kommen. Wir leben schon hauptsĂ€chlich von den Touristen". Da spĂŒre man Corona und die vergangen Lockdowns dann schon finanziell. Die Touristen kĂ€men nicht mehr so hĂ€ufig fĂŒr kurze Zeit und hĂ€tten hĂ€ufiger selbst ein Auto dabei, sagt er. Im Januar sei aber immer wenig los. "Das geht dann mit dem Biikebrennen (traditionelles nordfriesisches Volksfest, Anm. d. Red.) im Februar wieder los".

Am Bahnhof in Westerland stehen wartende Taxis: Ein Fahrer berichtet t-online, dass das WintergeschÀft immer schwierig ist. Aktuell haben sie besonders wenig zu tun.
Am Bahnhof in Westerland stehen wartende Taxis: Ein Fahrer berichtet t-online, dass das WintergeschĂ€ft immer schwierig ist. Aktuell haben sie besonders wenig zu tun. (Quelle: Jannis Große)

Weihnachtsfeier als Superspreader-Event

Kurz vor dem Jahreswechsel stieg auf Sylt die Zahl der CoronafĂ€lle stark an. Nach Meldung des Landkreises befanden sich demnach am 11. Januar auf der Insel 480 Personen mit einer Covid-19 Erkrankung in Isolation. Weitere 617 Kontaktpersonen befanden sich in QuarantĂ€ne. Am Mittwoch musste die KindertagesstĂ€tte in Westerland schließen, nachdem ein Kind und eine Mitarbeiterin positiv getestet wurden.

Die hohen Fallzahlen und starke Ausbreitung der Corona-Infektionen liegen auch an der Omikron-Variante, die in Schleswig-Holstein seit rund zwei Wochen vorherrschend ist. Das Gesundheitsamt in Nordfriesland fĂŒhrt aufgrund der schnellen Ausbreitung die Kontaktverfolgung nun per SMS durch.

Laut verschiedenen Medienberichten geht die hohe Zahl der Infektionen auf eine Weihnachtsfeier im Club "Rotes Kliff" im Sylter Ort Kampen zurĂŒck. Gegen bis zu drei Besucher der Party ermittelt jetzt die Polizei wegen des Verdachts auf gefĂ€lschte ImpfpĂ€sse.

Das Haus, in dem sich der Club Rotes Kliff und die GaststÀtte Dorfkrug befinden: Der Betrieb ist derzeit geschlossen.
Das Haus, in dem sich der Club Rotes Kliff und die GaststĂ€tte Dorfkrug befinden: Der Betrieb ist derzeit geschlossen. (Quelle: Jannis Große)

Die Treppe zum "Roten Kliff" ist an diesem Donnerstag mit einer Holzklappe verschlossen. Mitarbeiter sucht man hier vergebens. Auch das Restaurant Dorfkrug, das direkt daneben liegt, hat "aufgrund der besorgniserregenden Zahlen" auf der Insel vorerst geschlossen. Im Wintergarten des weißen Reetdach-Hauses liegt noch ein aufgepusteter goldene Ballon in der Form einer Zwei, vermutlich die Überreste einer Silvesterfeier. Drei Passanten bleiben kurz stehen, um die AnkĂŒndigungen am Eingang des Dorfkrugs anzuschauen.

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Auch im Rest des Ortes ist es ruhig: Sylt ist ein Urlaubsort außerhalb der Urlaubszeit. Dennoch gibt es wohl viel zu tun: Autos von Handwerkern, GĂ€rtnereien und Tourismusbetrieben fahren durch den Ort. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Sylt Marketing GmbH empfindet den Corona-Ausbruch nicht als verheerend fĂŒr die Insel. "Wir können hier ein ganz normales Leben sowohl fĂŒr Einheimische als auch fĂŒr GĂ€ste weiterhin aufrechterhalten", sagt Moritz Luft am Telefon. "Das heißt von einem selbst auferlegten Lockdown, wie in den Medien berichtet wird, sind wir hier weit, weit weg."

"Geschlossen bis 1. MĂ€rz" steht im Schaukasten des Sylter Beachhouse: Das Strandrestaurant ist wie viele andere Sylter Lokale in der Winterpause.
"Geschlossen bis 1. MĂ€rz" steht im Schaukasten des Sylter Beachhouse: Das Strandrestaurant ist wie viele andere Sylter Lokale in der Winterpause. (Quelle: Jannis Große)

Vermieterin: Lage fĂŒr uns völlig normal

Luft sieht auf Sylt nur ein "normales Infektionsgeschehen einer hochansteckenden Virus-Variante". Trotz verantwortungsvollen Umgangs könnten Betreiber nicht abschließend nachprĂŒfen, ob Nachweise der GĂ€ste gefĂ€lscht seien, sagt er. "Mit der hohen Ansteckung ist es natĂŒrlich so, dass einzelne Betriebe oder auch Regionen mal mehr und dann bald vielleicht auch wieder weniger betroffen sind."

Die Vermieterin einer Ferienwohnung aus Morsum, die anonym bleiben möchte, empfindet die aktuelle Lage ebenfalls als "völlig normal". Die Reservierungslage sei in dieser Jahreszeit immer schlechter, viele LĂ€den hĂ€tten ohnehin jeden Januar vorĂŒbergehend geschlossen. Sie empfinde in ihrem tĂ€glichen Leben keine EinschrĂ€nkungen, von einem Lockdown könne keine Rede sein.

Auch im Rantumer Restaurant Sansibar ist man nicht im Lockdown-Modus: Das Kult-Lokal hat normal geöffnet, abends sind die meisten Tische belegt, wenn auch der große Ansturm derzeit auszubleiben scheint. Nach einem Corona-Ausbruch hatte der Betrieb im November vorĂŒbergehend geschlossen, ist aber mittlerweile wieder offen.

Die Sansibar ist eines der bekanntesten Sylter Restaurants (Archivbild): Das in Rantum gelegene Lokal hat nach einer Corona-Pause im November wieder normal geöffnet.
Die Sansibar ist eines der bekanntesten Sylter Restaurants (Archivbild): Das in Rantum gelegene Lokal hat nach einer Corona-Pause im November wieder normal geöffnet. (Quelle: Manfred Segerer/imago-images-bilder)

Tourismus-Chef Moritz Luft plant derweil schon den Umgang mit den nĂ€chsten touristischen Events. Das Biikebrennen werde zum Beispiel in diesem Jahr live ĂŒbertragen. Absagen solcher Veranstaltungen seien die Insulaner schon gewohnt, sagt er. Und weiter: "Wir verlassen uns hier nicht auf Landes- oder Bundesregierung, sondern schauen selber, was Maßgaben fĂŒr unsere Ziele sind. Ansonsten wĂŒrden wir uns ziemlich alleingelassen fĂŒhlen."

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Die Sylter schauen also nach vorne. Es ist mittlerweile Abend geworden auf der Insel. Der Wind wird eisiger. Die Straßen sind leer. Und sie bleiben es vermutlich auch.

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