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Champions-League-Finale 2015: Darum gewinnt Juventus Turin

Darum gewinnt Juventus die CL  

Die Herrscher über Mystik und Geschichte kehren nach Berlin zurück

05.06.2015, 06:04 Uhr | t-online.de

Champions-League-Finale 2015: Darum gewinnt Juventus Turin. Die Stars von Juventus Turin wollen in Berlin das ganz große Ding drehen: Andrea Pirlo, Gigi Buffon Andrea Barzagli (v.l.n.r.). (Quelle: imago/Image Photo)

Die Stars von Juventus Turin wollen in Berlin das ganz große Ding drehen: Andrea Pirlo, Gigi Buffon Andrea Barzagli (v.l.n.r.). (Quelle: Image Photo/imago)

Von Florian Haupt

Das Halbfinale bei Real Madrid war gerade erst abgepfiffen, einige Juventus-Spieler feierten noch auf dem Rasen, da machte Carlo Ancelotti den Anfang: "Barcelona ist der Favorit im Finale", sagte der mittlerweile entlassene Trainer der Spanier. Mit Ausnahme von Fabio Capello ("Die Chancen stehen 50:50") ist nicht bekannt, dass irgendein nennenswerter Fachmann seither eine gegenteilige Meinung geäußert hätte. Barcelona gilt als Favorit – und das ist genau das, was Juventus mag. (Lesen Sie hier, warum der FC Barcelona gewinnt)

Der Mythos von den italienischen Mannschaften, die gegen alle Wahrscheinlichkeit den Triumph erstreiten, ist altbekannt. Die letzten beiden WM-Titel wurden nach diesem Muster erspielt. 1982 kam Italien mit dem von einem Wettskandal gebrandmarkten Juventus-Profi Paolo Rossi als hässliches Entlein, mogelte sich mit drei Unentschieden durch die Vorrunde und senkte seine Sympathiewerte durch Claudio Gentiles rustikal-brutale Manndeckung gegen Diego Maradona ins Bodenlose – bis es mit drei Rossi-Toren plötzlich eine der besten brasilianischen Mannschaften aller Zeiten entzauberte. Der Rest, unter anderem das Finale gegen Deutschland, war Formsache.

Rückkehr nach Berlin

Die Geschichte von 2006 dürfte noch präsenter sein: Im Vorbereitungslager wurde die Squadra Azzurra wegen des heraufziehenden Manipulationsskandals um Juventus Turin von den eigenen Tifosi ausgebuht. Ein paar Wochen später brachte sie aus Deutschland den WM-Pokal mit nach Hause. Das Endspiel gegen Frankreich fand, na klar, im Olympiastadion Berlin statt, ein gewisser Gigi Buffon hütete das Tor, seinerseits vor dem Turnier wegen des Verdachts verbotener Wetten noch mehrfach von der Staatsanwaltschaft verhört, und ein gewisser Andrea Pirlo führte Regie im Mittelfeld. Berlin, Juventus, Buffon, Pirlo – alle sind auch jetzt wieder mit von der Partie.

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    Sagen wir es also mal folgendermaßen: Natürlich ist Barcelona fußballerisch gesehen Favorit. Aber die Mystik, die spricht für die Juventus.

    Vidal macht Juventus Hoffnung

    Zumal die Champions-League-Saison der Italiener bisher nach klassischem Schema läuft. Ein 0:0 am letzten Gruppenspieltag gegen Atlético Madrid sicherte gerade so eben den entscheidenden Punkt Vorsprung auf Olympiakos Piräus für das Erreichen des Achtelfinals. Dort überzeugte die Juve gegen Borussia Dortmund, was allerdings diese Saison keine allzu große Kunst gewesen zu sein scheint. Im Viertelfinale musste dann ein unberechtigter Elfmeter herhalten, um AS Monaco mit 1:0 und 0:0 zu eliminieren. Kaum verwunderlich, dass die Anhänger in Madrid vor dem Halbfinale dachten, ein Traumlos erhalten zu haben. Bis die Juve im Hinspiel kühn attackierte, im Rückspiel kühl auf ihre Chance wartete und durchaus zurecht ins Finale einzog.

    "Über alle wurde immer gesagt, dass sie die Favoriten gegen uns seien", erklärte Mittelfeldmotor Arturo Vidal dieser Tage. "Und immer haben wir auf dem Platz etwas anderes bewiesen. Hoffen wir, dass es diesmal genauso läuft."

    Chiellini: "In Italien hätte Messi so ein Tor nicht geschossen"

    Der Glaube ist da bei den Juventini, darüber können auch die Girlanden nicht hinwegtäuschen, die den Stars des Gegners auch in Turin geflochten werden. "Die beste Mannschaft der Welt" sieht Buffon in Barcelona, zumal mit dem "Außerirdischen Messi". Viel schwerer werde es als gegen Real Madrid, bei 30 Prozent stünden die Chancen bloß für sein Team. Aber der Kapitän sagt auch: "Wir haben einige Waffen, um diese Partie für Barcelona unangenehm zu machen."

    Eine sehr traditionelle dieser Waffen hat Verteidiger Giorgio Chiellini benannt. "In Italien könnte Messi so ein Tor nicht erzielen", sagte er bezüglich des traumhaften Sololaufs des Argentiniers beim Pokalsieg voriges Wochenende gegen Athletic Bilbao. Ob er damit die taktische Klasse italienischer Abwehrreihen meinte oder ihre Bereitschaft zur harten Grätsche, ließ er offen. Fest steht, dass sein Verbund beim Halbfinal-Rückspiel in Madrid schon Cristiano Ronaldo annullierte. Der Weltfußballer des Jahres trat nur durch sein Elfmetertor in Erscheinung.

    Busquets warnt seine Teamkollegen

    Juventus’ größte Stärken liegen jedoch zweifelsohne dort, wo eigentlich Barcelona so gern dominiert: im Mittelfeld. Pirlo, Vidal, Paul Pogba und Claudio Marchisio bilden eine Reihe, der es weder an Physis noch an Technik, weder an taktischer Intelligenz noch an Torgefährlichkeit fehlt. "Wir müssen die Schlacht im Mittelfeld gewinnen, auch wenn wir einer weniger sind und Juventus sehr variabel spielt", warnt Sergio Busquets, dessen Barca wie immer im 4-3-3-System agieren wird. Juventus hingegen könnte mit seinem 4-4-2 starten – oder in einem 3-6-1, wenn Trainer Massimiliano Allegri drei Innenverteidiger aufbietet und die Außenverteidiger nach vorn zieht.

    "Meiner Meinung nach hatte es Barcelona noch nie mit so einer kompakten und abwehrstarken Mannschaft zu tun", orakelt Ex-Trainer Marcelo Lippi, der mit Juventus 1996 die Champions League gewann und mit Italien 2006 in Berlin die Weltmeisterschaft, in punkto Mystik also als sehr kompetent gelten darf. "Und Juventus hat auch die Qualität, nach einer Balleroberung sofort nach vorn zu spielen".

    Allegri kann alles riskieren

    Mit dieser Mischung hat Allegri es schon zu seinen Zeiten beim AC Mailand dem FC Barcelona immer ziemlich schwer gemacht. Von acht Partien gegeneinander verlor er nur vier, obwohl Barca da auch immer als Favorit ins Spiel ging. In seiner ersten Saison bei Juventus hat er mit dem ersten nationalen Double seit 1995 und dem ersten Champions-League-Finaleinzug seit 2003 sein Soll schon deutlich übererfüllt, er kann also gewissermaßen frei aufcoachen. "Es macht Spaß, so ein Finale taktisch vorzubereiten", sagt er, und das klingt schon wieder fast nach einer Drohung.

    Nicht dass Barcelona nicht ohnehin gewarnt wäre. Gegen eine italienische Mannschaft im Champions-League-Finale spielten die Katalanen zuletzt 1994. Die Elf von Johan Cruyff galt gegen Milan als Favorit. Das Spiel endete 0:4.

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