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Basaksehir Istanbul: Der Klub, bei dem Erdogan auf der Tribüne klatscht

Leipzig-Gegner Basaksehir  

Der Klub, bei dem Erdogan auf der Tribüne klatscht

Von Alexander Kohne

20.10.2020, 18:17 Uhr
Basaksehir Istanbul: Der Klub, bei dem Erdogan auf der Tribüne klatscht. Klatschend auf der Tribüne: Recep Tayyip Erdogan (2. v. r.) beim Besuch von Basaksehirs Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Brügge im August 2017. Damals verpassen die Istanbuler die Königsklasse noch. Doch nun sind sie als Meister automatisch qualifiziert und spielen in einer Gruppe mit Leipzig, Paris und ManUnited. (Quelle: imago images/Depo Photos)

Klatschend auf der Tribüne: Recep Tayyip Erdogan (2. v. r.) beim Besuch von Basaksehirs Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Brügge im August 2017. Damals verpassen die Istanbuler die Königsklasse noch. Doch nun sind sie als Meister automatisch qualifiziert und spielen in einer Gruppe mit Leipzig, Paris und ManUnited. (Quelle: Depo Photos/imago images)

Leipzigs Champions-League-Gegner Basaksehir ist der aktuell wohl ungewöhnlichste Verein der Türkei. Einerseits wird er als Retortenklub kritisiert, andererseits mischt er den türkischen Fußball mit einer unkonventionellen Transferstrategie mächtig auf.

Das Trikot mit der Nummer zwölf hat im "Fatih Terim"-Stadion im Westen Istanbuls eine besondere Bedeutung. Auf dem orangen Jersey steht ein prominenter Name: Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Regierungschef hat es bei einem Prominentenkick zur Eröffnung der Arena im Jahr 2014 getragen.

Seitdem wird die Zwölf beim Medipol Basaksehir Futbol Kulübü aus Istanbul nicht mehr vergeben und ist quasi für Erdogan reserviert. Dass eine Rückennummer nach einem einzigen Einsatz bei einem sportlich unbedeutenden Eröffnungsspiel nicht mehr vergeben wird, dürfte im europäischen Fußball einmalig sein. Doch nicht nur das macht Basaksehir, das am Dienstag um 21.00 Uhr in der Champions League bei RB Leipzig antritt (im Liveticker von t-online), ungewöhnlich.

Präsident am Ball: Recep Tayyip Erdogan beim Eröffnungsspiel des Basaksehir-Stadions 2014. (Quelle: AFP/Ozan Köse)Präsident am Ball: Recep Tayyip Erdogan beim Eröffnungsspiel des Basaksehir-Stadions 2014. (Quelle: Ozan Köse/AFP)

Durch den aufstrebenden Klub aus dem Westen der Bosporus-Metropole ist es im türkischen Fußball in den vergangenen Jahren zu tektonischen Verschiebungen gekommen. Die drei über Jahrzehnte übermächtig erscheinenden Stadtnachbarn Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas, welche zwischen 1985 und 2019 34 von 35 Meisterschaften unter sich ausmachten, haben ihre Vormachtstellung verloren. Nach zwei zweiten und einem dritten Platz holte Basaksehir im vergangenen Sommer erstmals den Titel der Süper Lig.

Eine besondere Genugtuung für Erdogan. Wobei: "Erdogan ist Fener-Fan, das ist sein Lieblingsverein, aber er wird ständig mit Basaksehir in Verbindung gebracht," erklärte der türkische Journalist und Süper-Lig-Kenner Murat Öztürk 2017 im Gespräch mit t-online. Doch nach dem Titelgewinn Basaksehirs gratulierte Erdogan dem Klub via Twitter und lud das Team zu sich in den Präsidentschaftspalast nach Ankara ein. Nach eigenen Aussagen war er auch an der Gründung des Vereins beteiligt und zeigt sich immer mal wieder im Stadion.

Überhaupt sind Fußball und Politik bei Basaksehir eng verbunden. Vereinsboss Göksel Gümüsdag – übrigens Mitglied der Regierungspartei AKP und mit einer Nichte von Erdogans Frau verheiratet – macht daraus auch keinen Hehl: "Es ist normal, dass die Mannschaft mit unserem Staatspräsidenten in Verbindung gebracht wird. Das macht uns glücklich", sagte er.

Lange Jahre Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung

Zu tun hat das auch mit der besonderen Geschichte des amtierenden türkischen Meisters. Ursprünglich war das heutige Basaksehir eine Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung, die bereits 2007 als Istanbul BB in die Süper Lig aufgestiegen war und erst 2014 ihren heutigen Namen erhielt. Danach erfolgte mithilfe zugkräftiger Sponsoren ein märchenhafter Aufstieg, an dem regierungsnahe Kreise wohl nicht ganz unbeteiligt waren. 

Zu Basaksehirs erstem Meistertitel wurde im heimischen Stadion ein übergroßes Trikot mit der Nummer zwölf und dem Namen des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan aufgehangen. (Quelle: imago images/Seskim Photo)Zu Basaksehirs erstem Meistertitel wurde im heimischen Stadion ein übergroßes Trikot mit der Nummer zwölf und dem Namen des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan aufgehangen. (Quelle: Seskim Photo/imago images)

Klub- und Namenssponsor Medipol betreibt in der Türkei beispielweise Krankenhäuser und hat beste Verbindungen zur AKP. 2014 wurde dem Verein ein nagelneues Stadion im namensgebenden Stadtviertel Basaksehir hingestellt. Voll ausgelastet ist die rund 17.000 Zuschauer fassende Arena allerdings sehr selten. Auch vor der Corona-Krise fanden im Schnitt nicht einmal 3.000 Leute den Weg ins "Fatih Terim"-Stadion – bei den drei großen Istanbuler Konkurrenten sind es zehn- bis dreizehnmal so viele. Nicht nur deshalb ist Basaksehir – ähnlich wie Gegner Leipzig – bei vielen Fans als Kunstprodukt verschrien und nicht unbedingt beliebt.

Özdemir: "Basaksehir ist ein Retortenverein"

Für den Bundestagsabgeordenten Cem Özdemir von den Grünen ist Basaksehir "ein Retortenverein, er steht bildlich für den Umbau der Türkei zu einer gleichförmigen Gesellschaft, die um den Präsidenten Erdogan herum gebaut wird", wie er der "Welt am Sonntag" sagte. "Da ist Basaksehir ein Symbol, das die Macht der traditionellen Klubs brechen soll."

Der ehemalige brasilianische Weltstar Robinho (l., neben dem Ex-Schalker Junior Caicara) holte mit Basaksehir im Sommer den türkischen Meistertitel. Danach wechselte er zurück in sein Heimatland. (Quelle: imago images/Seskim Photo)Der ehemalige brasilianische Weltstar Robinho (l., neben dem Ex-Schalker Junior Caicara) holte mit Basaksehir im Sommer den türkischen Meistertitel. Danach wechselte er zurück in sein Heimatland. (Quelle: Seskim Photo/imago images)

Sportlich ist das mit dem Gewinn der Meisterschaft bereits ein Stück weit gelungen. Verantwortlich war dafür auch eine kluge Transferpolitik. Verpflichtet wurden größtenteils ehemalige Stars im Spätherbst ihrer Karriere – so spielten in den vergangenen Jahren unter anderem Robinho (ehemals Real), Arda Turan (ehemals Atletico und Barcelona), Emre Belözoglu (ehemals Inter) oder Emmanuel Adebayor (ehemals ManCity und Arsenal) für Basaksehir.

Und auch, wenn viele der ganz großen Namen den Klub mittlerweile verlassen haben, ist auch das aktuelle Team geprägt von international erfahrenen Akteuren in ihren 30ern: vom stets grimmig dreinschauenden Abwehrchef Martin Skrtel (35) über den auf Schalke gescheiterten Junior Caicara (31) bis hin zu Top-Stürmer Edin Visca (30) und dem ehemaligen Hoffenheimer Demba Ba (35). Im letzten Pflichtspiel kam die Elf gar auf ein Durchschnittsalter von knapp 31 Jahren. Leipzig lag im Vergleich dazu bei etwa 24.

Trainer Okan Buruk ist mit Basaksehir schwach in die Saison gestartet. Aktuell ist das Team 20. Am Wochenende gab es gegen Trabzonspor immerhin den ersten Sieg in der Süper Lig. (Quelle: imago images/Dejan Obretkovic)Trainer Okan Buruk ist mit Basaksehir schwach in die Saison gestartet. Aktuell ist das Team 20. Am Wochenende gab es gegen Trabzonspor immerhin den ersten Sieg in der Süper Lig. (Quelle: Dejan Obretkovic/imago images)

Türkei-Experte: "Sie haben den Umbruch verpasst"

Doch nachdem Basaksehirs Wette auf einen "zweiten Frühling" erfahrener Akteure zuletzt immer wieder aufging, scheint es damit nun komplizierter zu werden. Nach fünf Partien liegt der Meister aktuell nur auf dem zweitletzten Tabellenplatz.

Für Türkei-Experte Fatih Demireli ist das wenig verwunderlich. "Sie haben in der Corona-Zeit den Umbruch verpasst", erklärt der Chefredakteur des Magazins "Socrates".

Dennoch steht Trainer Okan Buruk nicht zur Disposition. Während bei den medial deutlich präsenteren und emotional aufgeladenen Stadtrivalen "Gala", "Fener" und Besiktas wohl ganz andere Szenarien ablaufen würden, bleibt Klubchef Gümüsdag auffallend gelassen. Zum schwachen Saisonauftakt sagt er: "So etwas ist normal und kann passieren. Wir vertrauen unserem Trainer und unserem Team."

Verwendete Quellen:

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