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Der Klub, bei dem Erdogan auf der Trib├╝ne klatscht

  • T-Online
Von Alexander Kohne

Aktualisiert am 20.10.2020Lesedauer: 4 Min.
Klatschend auf der Trib├╝ne: Recep Tayyip Erdogan (2. v. r.) beim Besuch von Basaksehirs Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Br├╝gge im August 2017. Damals verpassen die Istanbuler die K├Ânigsklasse noch. Doch nun sind sie als Meister automatisch qualifiziert und spielen in einer Gruppe mit Leipzig, Paris und ManUnited.
Klatschend auf der Trib├╝ne: Recep Tayyip Erdogan (2. v. r.) beim Besuch von Basaksehirs Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Br├╝gge im August 2017. Damals verpassen die Istanbuler die K├Ânigsklasse noch. Doch nun sind sie als Meister automatisch qualifiziert und spielen in einer Gruppe mit Leipzig, Paris und ManUnited. (Quelle: Depo Photos/imago-images-bilder)
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Leipzigs Champions-League-Gegner Basaksehir ist der aktuell wohl ungew├Âhnlichste Verein der T├╝rkei. Einerseits wird er als Retortenklub kritisiert, andererseits mischt er den t├╝rkischen Fu├čball mit einer unkonventionellen Transferstrategie m├Ąchtig auf.

Das Trikot mit der Nummer zw├Âlf hat im "Fatih Terim"-Stadion im Westen Istanbuls eine besondere Bedeutung. Auf dem orangen Jersey steht ein prominenter Name: Recep Tayyip Erdogan. Der t├╝rkische Regierungschef hat es bei einem Prominentenkick zur Er├Âffnung der Arena im Jahr 2014 getragen.

Seitdem wird die Zw├Âlf beim Medipol Basaksehir Futbol Kul├╝b├╝ aus Istanbul nicht mehr vergeben und ist quasi f├╝r Erdogan reserviert. Dass eine R├╝ckennummer nach einem einzigen Einsatz bei einem sportlich unbedeutenden Er├Âffnungsspiel nicht mehr vergeben wird, d├╝rfte im europ├Ąischen Fu├čball einmalig sein. Doch nicht nur das macht Basaksehir, das am Dienstag um 21.00 Uhr in der Champions League bei RB Leipzig antritt (im Liveticker von t-online), ungew├Âhnlich.

Pr├Ąsident am Ball: Recep Tayyip Erdogan beim Er├Âffnungsspiel des Basaksehir-Stadions 2014.
Pr├Ąsident am Ball: Recep Tayyip Erdogan beim Er├Âffnungsspiel des Basaksehir-Stadions 2014. (Quelle: Ozan K├Âse/AFP-bilder)

Durch den aufstrebenden Klub aus dem Westen der Bosporus-Metropole ist es im t├╝rkischen Fu├čball in den vergangenen Jahren zu tektonischen Verschiebungen gekommen. Die drei ├╝ber Jahrzehnte ├╝berm├Ąchtig erscheinenden Stadtnachbarn Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas, welche zwischen 1985 und 2019 34 von 35 Meisterschaften unter sich ausmachten, haben ihre Vormachtstellung verloren. Nach zwei zweiten und einem dritten Platz holte Basaksehir im vergangenen Sommer erstmals den Titel der S├╝per Lig.

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Eine besondere Genugtuung f├╝r Erdogan. Wobei: "Erdogan ist Fener-Fan, das ist sein Lieblingsverein, aber er wird st├Ąndig mit Basaksehir in Verbindung gebracht," erkl├Ąrte der t├╝rkische Journalist und S├╝per-Lig-Kenner Murat ├ľzt├╝rk 2017 im Gespr├Ąch mit t-online. Doch nach dem Titelgewinn Basaksehirs gratulierte Erdogan dem Klub via Twitter und lud das Team zu sich in den Pr├Ąsidentschaftspalast nach Ankara ein. Nach eigenen Aussagen war er auch an der Gr├╝ndung des Vereins beteiligt und zeigt sich immer mal wieder im Stadion.

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├ťberhaupt sind Fu├čball und Politik bei Basaksehir eng verbunden. Vereinsboss G├Âksel G├╝m├╝sdag ÔÇô ├╝brigens Mitglied der Regierungspartei AKP und mit einer Nichte von Erdogans Frau verheiratet ÔÇô macht daraus auch keinen Hehl: "Es ist normal, dass die Mannschaft mit unserem Staatspr├Ąsidenten in Verbindung gebracht wird. Das macht uns gl├╝cklich", sagte er.

Lange Jahre Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung

Zu tun hat das auch mit der besonderen Geschichte des amtierenden t├╝rkischen Meisters. Urspr├╝nglich war das heutige Basaksehir eine Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung, die bereits 2007 als Istanbul BB in die S├╝per Lig aufgestiegen war und erst 2014 ihren heutigen Namen erhielt. Danach erfolgte mithilfe zugkr├Ąftiger Sponsoren ein m├Ąrchenhafter Aufstieg, an dem regierungsnahe Kreise wohl nicht ganz unbeteiligt waren.

Zu Basaksehirs erstem Meistertitel wurde im heimischen Stadion ein ├╝bergro├čes Trikot mit der Nummer zw├Âlf und dem Namen des t├╝rkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan aufgehangen.
Zu Basaksehirs erstem Meistertitel wurde im heimischen Stadion ein ├╝bergro├čes Trikot mit der Nummer zw├Âlf und dem Namen des t├╝rkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan aufgehangen. (Quelle: Seskim Photo/imago-images-bilder)

Klub- und Namenssponsor Medipol betreibt in der T├╝rkei beispielweise Krankenh├Ąuser und hat beste Verbindungen zur AKP. 2014 wurde dem Verein ein nagelneues Stadion im namensgebenden Stadtviertel Basaksehir hingestellt. Voll ausgelastet ist die rund 17.000 Zuschauer fassende Arena allerdings sehr selten. Auch vor der Corona-Krise fanden im Schnitt nicht einmal 3.000 Leute den Weg ins "Fatih Terim"-Stadion ÔÇô bei den drei gro├čen Istanbuler Konkurrenten sind es zehn- bis dreizehnmal so viele. Nicht nur deshalb ist Basaksehir ÔÇô ├Ąhnlich wie Gegner Leipzig ÔÇô bei vielen Fans als Kunstprodukt verschrien und nicht unbedingt beliebt.

├ľzdemir: "Basaksehir ist ein Retortenverein"

F├╝r den Bundestagsabgeordenten Cem ├ľzdemir von den Gr├╝nen ist Basaksehir "ein Retortenverein, er steht bildlich f├╝r den Umbau der T├╝rkei zu einer gleichf├Ârmigen Gesellschaft, die um den Pr├Ąsidenten Erdogan herum gebaut wird", wie er der "Welt am Sonntag" sagte. "Da ist Basaksehir ein Symbol, das die Macht der traditionellen Klubs brechen soll."

Der ehemalige brasilianische Weltstar Robinho (l., neben dem Ex-Schalker Junior Caicara) holte mit Basaksehir im Sommer den t├╝rkischen Meistertitel. Danach wechselte er zur├╝ck in sein Heimatland.
Der ehemalige brasilianische Weltstar Robinho (l., neben dem Ex-Schalker Junior Caicara) holte mit Basaksehir im Sommer den t├╝rkischen Meistertitel. Danach wechselte er zur├╝ck in sein Heimatland. (Quelle: Seskim Photo/imago-images-bilder)

Sportlich ist das mit dem Gewinn der Meisterschaft bereits ein St├╝ck weit gelungen. Verantwortlich war daf├╝r auch eine kluge Transferpolitik. Verpflichtet wurden gr├Â├čtenteils ehemalige Stars im Sp├Ątherbst ihrer Karriere ÔÇô so spielten in den vergangenen Jahren unter anderem Robinho (ehemals Real), Arda Turan (ehemals Atletico und Barcelona), Emre Bel├Âzoglu (ehemals Inter) oder Emmanuel Adebayor (ehemals ManCity und Arsenal) f├╝r Basaksehir.

Und auch, wenn viele der ganz gro├čen Namen den Klub mittlerweile verlassen haben, ist auch das aktuelle Team gepr├Ągt von international erfahrenen Akteuren in ihren 30ern: vom stets grimmig dreinschauenden Abwehrchef Martin Skrtel (35) ├╝ber den auf Schalke gescheiterten Junior Caicara (31) bis hin zu Top-St├╝rmer Edin Visca (30) und dem ehemaligen Hoffenheimer Demba Ba (35). Im letzten Pflichtspiel kam die Elf gar auf ein Durchschnittsalter von knapp 31 Jahren. Leipzig lag im Vergleich dazu bei etwa 24.

Trainer Okan Buruk ist mit Basaksehir schwach in die Saison gestartet. Aktuell ist das Team 20. Am Wochenende gab es gegen Trabzonspor immerhin den ersten Sieg in der S├╝per Lig.
Trainer Okan Buruk ist mit Basaksehir schwach in die Saison gestartet. Aktuell ist das Team 20. Am Wochenende gab es gegen Trabzonspor immerhin den ersten Sieg in der S├╝per Lig. (Quelle: Dejan Obretkovic/imago-images-bilder)

T├╝rkei-Experte: "Sie haben den Umbruch verpasst"

Doch nachdem Basaksehirs Wette auf einen "zweiten Fr├╝hling" erfahrener Akteure zuletzt immer wieder aufging, scheint es damit nun komplizierter zu werden. Nach f├╝nf Partien liegt der Meister aktuell nur auf dem zweitletzten Tabellenplatz.

F├╝r T├╝rkei-Experte Fatih Demireli ist das wenig verwunderlich. "Sie haben in der Corona-Zeit den Umbruch verpasst", erkl├Ąrt der Chefredakteur des Magazins "Socrates".

Dennoch steht Trainer Okan Buruk nicht zur Disposition. W├Ąhrend bei den medial deutlich pr├Ąsenteren und emotional aufgeladenen Stadtrivalen "Gala", "Fener" und Besiktas wohl ganz andere Szenarien ablaufen w├╝rden, bleibt Klubchef G├╝m├╝sdag auffallend gelassen. Zum schwachen Saisonauftakt sagt er: "So etwas ist normal und kann passieren. Wir vertrauen unserem Trainer und unserem Team."

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