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HomeSportFußballKolumne - Stefan Effenberg

Deutsche Nationalmannschaft in der Krise: Große Fehler von Julian Nagelsmann


Das hat Rudi Völler nie gebraucht

Von Stefan Effenberg

Aktualisiert am 24.11.2023Lesedauer: 6 Min.
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Julian Nagelsmann: Der Bundestrainer sieht im Verteidigen eine Schwäche seiner Mannschaft.Vergrößern des Bildes
Julian Nagelsmann: Der Bundestrainer konnte mit seinem Team nicht an die Leistungen aus dem Oktober anknüpfen. (Quelle: IMAGO/Herbertz / Nico Herbertz)

Die deutsche Nationalmannschaft enttäuscht zum Jahresabschluss. Dabei macht Julian Nagelsmann keine gute Figur – denn der neue Bundestrainer begeht gleich mehrere Fehler, die er unbedingt korrigieren muss.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis aus den letzten beiden Länderspielen für mich persönlich: Das 2:3 gegen die Türkei und das 0:2 gegen Österreich haben mich nicht mal mehr geschockt. Früher haben mir solche Niederlagen – bei allem Respekt für die Gegner – sehr weh getan. Mittlerweile aber verfolge ich solche Ergebnisse der deutschen Nationalelf relativ kühl. Die Türken haben am Samstag verdient gewonnen, die Österreicher haben am Dienstag hochverdient gewonnen. Wenn du gegen die Nummern 38 und 25 der Welt hintereinander verlierst und dabei auch noch insgesamt fünf Tore kassierst, musst du dir endlich klarmachen: Das ist die Realität. Da steht der deutsche Fußball aktuell. Weit entfernt von der Weltspitze, in der wir über so viele Jahre waren. Zur Erinnerung: Wir liegen in der Weltrangliste aktuell nur noch auf Platz 16.

Der Respekt, den andere Mannschaften vor uns hatten, ist in den letzten Jahren komplett verloren gegangen – und das wird immer wieder deutlich, wenn man sieht, wie die Gegner uns gegenüber auftreten. Da ist nichts mehr da von "Oh, da sind die Deutschen" oder "Wir müssen unbedingt aufpassen". Diesen Respekt musst du dir immer wieder erarbeiten durch Siege, durch Erfolge, und das fehlt nun schon seit Jahren, auch durch die letzten Turniere. Heute denken sich unsere Gegner: "Wir spielen jetzt mal schön Fußball, weil wir das sowieso besser können als die." So sind auch zuvor schon die Mexikaner beim 2:2 gegen uns aufgetreten, zeitweise auch die USA, auch wenn es da noch zu einem 3:1-Sieg gereicht hat.

Ich habe extreme Zweifel

Aber: Vielleicht können wir aktuell einfach nicht mehr erwarten. Natürlich hat man sich viel vom Trainerwechsel zu Julian Nagelsmann erhofft – obwohl ich ganz ehrlich sagen muss: Auch seine ersten beiden Spiele als Bundestrainer haben mich nicht vom Hocker gerissen. Wenn er dann jetzt nach dem Türkei-Spiel sagt, man solle nicht alles schwarzmalen – das tun wir ja auch nicht. Nicht nur, wer Ahnung vom Fußball hat, sieht doch, in welcher Verfassung sich die deutsche Mannschaft gerade befindet. Nach Niederlagen gegen die Türkei oder Österreich kann ich doch nicht die rosarote Brille aufsetzen und mir alles schönreden.

Wenn ich mir die letzten Auftritte der deutschen Mannschaft so ansehe, dann habe ich einfach extreme Zweifel, dass sich das in den nächsten sechs Monaten noch dermaßen verbessert, dass wir uns wirklich auf die Europameisterschaft freuen können.

Es fängt schon bei der Aufstellung an. Mal ist es eine Dreierkette in der Verteidigung, dann wieder eine Viererkette. Ein Jonathan Tah spielt bei Bayer Leverkusen unglaublich stabil in der Innenverteidigung, ist einer der Hauptverantwortlichen für den aktuellen Erfolg der Mannschaft – und wird in der Nationalmannschaft gegen Österreich auf die rechte Außenbahn geschoben, auf der er sich offensichtlich nicht wohlfühlt. Das kann ich nicht verstehen.

"Belastungssteuerung" darf es nicht geben

Überhaupt ist diese Viererkette nicht so zusammengestellt, dass sie wirklich Stabilität bringt. Wenn das Leistungsprinzip gilt, dann muss Tah in der Innenverteidigung gesetzt sein. Und dann sollte Nagelsmann auch mal über Stuttgarts Waldemar Anton nachdenken. Auch bei Kai Havertz ist mir das zu inkonsequent: Gegen die Türkei musste er als Linksverteidiger spielen, wurde danach für seine Leistung von Nagelsmann als "Weltklasse" gelobt – und im nächsten Spiel gegen Österreich nach 52 Minuten dann doch wieder weiter nach rechts vorne gezogen. Wenn ich von der Leistung eines Spielers auf einer Position aber voll überzeugt bin, dann lasse ich ihn doch aber auch dort spielen, Platzverweis für Leroy Sané hin oder her. Das ergibt für mich alles keinen Sinn.

Mir ist aber noch etwas anderes in den Spielen aufgefallen: An der Körpersprache der Spieler war ablesbar, dass offenbar große Unzufriedenheit vorherrscht. Ein Beispiel ist Leroy Sané. Natürlich darf ihm so ein Ausraster nicht passieren, aber das war zumindest mal Emotion, die er gezeigt hat – als einziger.

Gegen Österreich saß dann auch Joshua Kimmich auf der Bank, nachdem er gegen die Türkei noch gestartet war – wie soll sich so denn eine Mannschaft einspielen können, wenn in zwei Spielen so viele Veränderungen vorgenommen werden? In einer so sportlich angespannten Situation sollte man nicht über "Belastungssteuerung" reden – es geht einzig und allein um eine gute Präsentation und das Ergebnis. Die Jungs müssen dort eingesetzt werden, wo sie auch im Verein ihre Qualitäten und Stärken ausspielen können. Nur dann kann es funktionieren.

Dann fehlt dir die Lust

So erklärt sich nämlich auch der Leistungsunterschied vieler Spieler zwischen Verein und Nationalmannschaft. Sané glänzt im offensiv ausgerichteten Spiel der Bayern, auch dank kongenialer Partner wie Harry Kane oder Kingsley Coman. In der DFB-Elf ist das ganz anders. Ihm fehlt dieser kongeniale Partner – Niclas Füllkrug hängt bis auf ein, zwei Szenen meist komplett in der Luft –, und: Er muss extrem viel nach hinten arbeiten. Wenn du deine Stärken in der Offensive hast, aber unglaublich viel in die Rückwärtsbewegung und ins Spiel gegen den Ball investieren musst, dann fehlt dir irgendwann die Power – und auch die Lust.

Oder auch Havertz. Ich erinnere mich, wie ich in der Nationalmannschaft drei-, viermal nach außen geschoben wurde und rechter Verteidiger spielen musste. Ich habe mich dort keine einzige Minute wohlgefühlt, bin danach zu Berti Vogts und habe ihm gesagt: "Ich bin Mittelfeldspieler. Also lasst mich auch dort spielen – oder ladet mich nicht mehr ein."

 
 
 
 
 
 
 

Das reicht alles so einfach nicht. Die Mannschaft funktioniert nicht als Mannschaft. Da ist keine Freude, kein Zusammenhalt erkennbar. Es fehlt auch dieser Wille, den Gegner zu bekämpfen. Dabei sollte gerade diese Tugenden eigentlich jeder Spieler an den Tag legen, um auch stolz vom Platz gehen zu können im Wissen, alles gegeben zu haben. Diese Spielertypen haben wir auch im Kader, nur spielen sie entweder auf falschen Positionen – oder gar nicht. Das muss ein Bundestrainer erkennen, das erwarte ich von ihm.

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Ich habe den Eindruck, dass Nagelsmann zu viel überlegt und sich zu sehr in seinen eigenen Ideen gefällt. Man sieht es ja am Beispiel Havertz: "Weltklasse" war seine Leistung als Linksverteidiger lange nicht, da liegen Welten zwischen Nagelsmanns Sicht und der Realität. Es kommt mir so vor, als ob die Spieler von ihm überfrachtet werden mit Erwartungen und Anweisungen. Wenn alles verkompliziert wird – und das war ja auch schon mal zu Nagelsmanns Zeit bei den Bayern Thema –, dann geht die Freude am Spiel verloren. Da fragen sich die Jungs doch: "Mein Gott, was mache ich hier?"

Ich muss immer schmunzeln, wenn die deutsche Bank gezeigt wird und dort Nagelsmann und sein Team mit gefühlt fünf Laptops sitzen. Ein Rudi Völler hat so etwas nie gebraucht, der hat seine Spieler mit der Kraft seiner Worte erreicht. Nagelsmann verliert sich zu sehr im Detail.

Was ist nun zu machen? Es könnte so einfach sein: Eine Viererkette mit Spielern auf ihren angestammten Positionen, Sechser davor mit Kimmich, dann zwei Achter in İlkay Gündoğan und Jamal Musiala, vorne Wirtz auf Links und Sané auf Rechts, und vorne dann entweder Füllkrug oder Havertz. Und vielleicht auch mal vermehrt auf die Jungen, die Neuen, die Hungrigen setzen, die eine Frische, eine Gier mitbringen. Ein Pascal Groß zum Beispiel, der das in seinen ersten Länderspielen sehr gut gemacht hat. Wenn dann auch noch der Fokus wieder auf die bewährten Dinge, auf die Grundlagen gerichtet wird, dann bin ich mir sicher: Schon in den nächsten Länderspielen im kommenden Jahr sehen wir eine ganz andere Mannschaft.

Man muss es aber leider sagen: Die anfängliche Hoffnung auf Besserung, die mit Julian Nagelsmann verbunden wurde, ist bis auf Weiteres komplett verflogen. Und das finde ich einfach schade.

Mir fällt kein Argument mehr dafür ein, dass es für uns noch mit einer erfolgreichen Heim-EM klappen kann. Nur ein Satz, für den ich gerne drei Euro ins Phrasenschwein zahle: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Transparenzhinweis
  • Stefan Effenberg ist Botschafter des FC Bayern München und sagt dazu: „Ich repräsentiere den FC Bayern, insbesondere im Ausland. Mein Engagement hat keinen Einfluss auf meine Kolumnen bei t-online. Hier setze ich mich weiterhin kritisch und unabhängig mit dem Fußball auseinander — auch und insbesondere mit dem FC Bayern.“
Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
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