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Kampfsport-Forscher Robert Claus: Wie extreme Rechte für den Umsturz trainieren

INTERVIEWKampfsport-Forscher  

"Letztlich ist das nationalsozialistische Kampfvorbereitung"

Von Saskia Leidinger

15.11.2020, 20:26 Uhr
Kampfsport-Forscher Robert Claus: Wie extreme Rechte für den Umsturz trainieren. Ein Schlagstock, eine Machete, Kampfhandschuhe: Bei einer Razzia in der Hooligan-, Kampfsport- und rechtsextremistischen Szene im Raum Cottbus wurden diese Gegenstände gefunden.  (Quelle: imago images/Martin Müller)

Ein Schlagstock, eine Machete, Kampfhandschuhe: Bei einer Razzia in der Hooligan-, Kampfsport- und rechtsextremistischen Szene im Raum Cottbus wurden diese Gegenstände gefunden. (Quelle: Martin Müller/imago images)

Die Bedrohung durch Rechtsextreme hat in den letzten Jahren zugenommen. Das liegt auch an der Professionalisierung im Kampfsport, sagt Wissenschaftler Robert Claus und warnt: Die Rechten trainieren für den Umsturz. 

Sie stehen an vorderster Linie und attackieren Polizisten mit Pyrotechnik: Rechtsextreme hatten bei der "Querdenken"-Demo vergangenen Sonntag in Leipzig den Corona-Gegnern den erhofften Durchmarsch ermöglicht. Gruppen wie "Die Rechte", die NPD oder "Der III. Weg" warben für die Veranstaltung und hatten Anhänger mobilisiert, nach Leipzig zu kommen. Eine ähnliche Anziehungskraft auf die gewaltbereite rechtsextreme Szene hatte neben der Berliner "Querdenker"-Demo im August zuletzt nur der sogenannte "Schweigemarsch" der AfD in Chemnitz 2018 ausgeübt.

Rechte feiern Attacke auf Polizisten

Ein Polizist wurde bei Ausschreitungen damals von einem Rechtsextremen zu Boden gebracht – mit einer Technik, die sonst nur in Kampfsport-Arenen zu finden ist, dem sogenannten "Double Leg Takedown". Dabei werden beide Beine eines Gegners umfasst und dieser dann zu Boden geworfen. Die Szene können Sie hier sehen:

In der rechten Szene wurde die Attacke gefeiert, für die Polizei sei die Tat dagegen ein Weckruf gewesen, schreibt Rechtsextremismus-Forscher Robert Claus in seinem Buch "Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainieren". Die Attacke verdeutlicht, auf welches Problem die demokratischen Kräfte in Deutschland zusteuern.

Robert Claus (li.) und Michael Gabriel (re.): Im Sportausschuss des Deutschen Bundestag berichteten Sie über Rechtsextremismus im Fußball.    (Quelle: imago images/Christian Ditsch)Robert Claus (li.) und Michael Gabriel (re.): Im Sportausschuss des Deutschen Bundestag berichteten Sie über Rechtsextremismus im Fußball. (Quelle: Christian Ditsch/imago images)Robert Claus wurde 1983 in Rostock geboren. Als Wissenschaftler beschäftigt sich Claus unter anderem mit den Themen Rechtsextremismus und Männlichkeitsforschung. Er ist ebenfalls Mitglied der Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit. 

"Wenn die Polizei in voller Montur und voller Mannschaftsstärke nicht mehr fähig ist, gut trainierte Neonazis zurückzudrängen, dann stellt das natürlich ein Stück weit das staatliche Gewaltmonopol infrage", sagt Claus im Interview mit t-online. Der Wissenschaftler sieht zudem eine zunehmende Professionalisierung kampfbereiter Neonazis.

"Das ist nationalsozialistische Kampfvorbereitung"

"Es gibt kaum noch eine extrem rechte Organisation, die nicht etwas mit Kampfsport macht", stellt Claus fest. In den letzten Jahren wurden von Rechtsextremen zunehmend Kampfsportstudios und passende Bekleidungslabels gegründet. Das spült den Gruppen Geld in die Kassen und bildet ihre Mitglieder in diversen Kampfkünsten aus. Dahinter steht ein Plan, erklärt der Experte: "Das Ziel ist, eine nationale Wehrhaftigkeit herzustellen und rassistische Gewalt ausüben zu können. Letztlich ist das nationalsozialistische Kampfvorbereitung."

Für einige mündete die Vorbereitung bereits in reale Kriegserfahrung. "Über den Kampfsport wurden Neonazis für den Krieg in der Ukraine rekrutiert und kämpften dort für das Asow-Regiment, das faschistische Regiment der ukrainischen Armee", so Claus.

Verbotene Veranstaltung im Sachsen

Dass sich Rechtsextreme in Europa miteinander vernetzen und dadurch auch im Bereich des Kampfsports professioneller werden, ist eine Entwicklung, die es erst seit einigen Jahren gibt. "Noch vor ungefähr zehn, 15 Jahren konnten deutsche und osteuropäische Neonazis sehr wenig miteinander anfangen, weil die deutschen Nazis auf die Osteuropäer sehr despektierlich geschaut haben", sagt Claus. Heute gibt es ein europäisches Netzwerk militanter Neonazis, die sich unter anderem auf auf Kampfsportevents treffen.

Polizisten neben einer Absperrung (2019): Nach der endgültigen Absage der Neonazi-Veranstaltung Kampf der Nibelungen diskutieren Neonazis mit der Polizei. (Quelle: imago images/ Future Image)Polizisten neben einer Absperrung (2019): Nach der endgültigen Absage der Neonazi-Veranstaltung Kampf der Nibelungen diskutieren Neonazis mit der Polizei. (Quelle: Future Image/imago images)

Das größte rechtsextreme Event dieser Art in West-Europa ist "Der Kampf der Nibelungen" (KdN). Dieses fand seit 2013 unter anderem in der sächsischen Stadt Ostritz statt. 2019 wurde die Veranstaltung verboten und auch in diesem Jahr durfte das internationale Kampfsportevent nicht stattfinden. Doch durch die Vernetzung sei eine Verlegung des Events ins Ausland jederzeit möglich, sagt Claus.  

13.000 gewaltbereite Rechtsextreme

Der KdN ist nur ein Beispiel für Szeneevents, doch daran lässt sich ableiten, wie viele kampfsporterprobte Rechtsextreme es in Deutschland geben muss. Claus geht davon aus, dass der KdN in Deutschland auf etwa 120 Neonazis zurückgreifen kann, die auf Wettkampfniveau trainieren und sich in Kämpfen mit anderen messen. Daraus folgert er, dass es hunderte, wenn nicht sogar tausende Rechtsextreme in Deutschland gibt, die in Kampfsportstudios trainieren. "Nicht jeder, der hier regelmäßig zum Training geht, absolviert auch professionelle Wettkämpfe." Der Verfassungsschutz zählt 32.080 Rechtsextremisten in Deutschland. 13.000 davon werden als gewaltorientiert eingestuft.

Doch die Kampfsportstudios werden nicht nur genutzt, um Kämpfer auszubilden, auch der Nachwuchs wird dadurch für die eigene Ideologie gewonnen. So bietet die rechtsextreme Organisation "Der III. Weg" Selbstverteidigungskurse für Kinder an. Was vermeintlich harmlos klingt, ist allerdings perfekt geeignet für die Ziele der Rechtsextremisten, sagt Claus: "Selbstverteidigung heißt ja, dass man einen stärkeren Gegner in kürzester Zeit kampfunfähig machen kann. Das bedeutet, Selbstverteidigungstechniken sind für den Straßenkampf bestens geeignet, wenn sie entsprechend trainiert werden." Vor allem "Der III. Weg" gibt sich laut Verfassungsschutz in der Öffentlichkeit als "Kümmerer" und verschleiert so seine nationalsozialistische Ausrichtung.

Zwielichtige, kriminelle und verfassungsfeindliche Gruppen

Auf den ersten Blick ist es für Außenstehende deshalb schwer zu erkennen, ob ein Kampfsportstudio seriös ist, oder sich dahinter eine rechtsextreme Ideologie verbirgt. Kampfsportinteressierte können sich an die örtlichen Behörden oder Beratungsstellen wenden, wenn sie Zweifel an einem Studio hätten, rät Claus. Doch der Experte nimmt auch die Verbände in die Pflicht: "Kampfsport hat viele positive Potenziale. Allerdings zieht das Gewaltpotenzial auch zwielichtige, kriminelle und verfassungsfeindliche Gruppen an. Deswegen ist der ganze Kampfsport generell aufgerufen, sich damit stärker auseinanderzusetzen."

Max Schmeling mit Hitlergruß 1935: Der Boxer hatte ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Er ließ sich instrumentalisieren, hielt jedoch an seinem jüdischen Manager und Freunden fest. (Quelle: imago images)Max Schmeling mit Hitlergruß 1935: Der Boxer hatte ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Er ließ sich instrumentalisieren, hielt jedoch an seinem jüdischen Manager und Freunden fest. (Quelle: imago images)

So wird beim "Kampf der Nibelungen" K1, eine Form des Kickboxens, Boxen und Mixed Martial Arts (MMA) angeboten. Beide deutschen MMA-Verbände und ein großer Kickboxverband haben sich von der Veranstaltung distanziert. Anders sieht es beim deutschen Boxverband aus, sagt Claus und ergänzt: "Die Geschichte des Verbandes im Nationalsozialismus ist bis heute nicht aufgearbeitet."

Rechte Kampfsportler machen in Thailand Urlaub

Bei den beliebten MMA-Kämpfen darf geschlagen und getreten werden, auch auf Gegner, die bereits am Boden liegen. Dabei setzt sich MMA aus den verschiedensten Kampfsportarten wie Karate, Taekwondo oder Jiu-Jitsu zusammen. Alles Kampfkünste, die aus mehreren Ländern der Welt stammen und sich in MMA vereinen. Im Grunde ein Widerspruch zur rechtsextremen Ideologie, denn dass MMA überhaupt entstehen konnte, setzt Migration voraus – und diese wird durch Neonazis abgelehnt.

"Extrem rechte Ideologie ist zutiefst rassistisch, gewaltvoll und sozialdarwinistisch. Doch in der Realität wird der elitäre, völkische Anspruch durchaus brüchig gelebt", erklärt Claus diese ideologische Inkonsequenz. Mehr noch, einige Neonazis fahren sogar nach Thailand, um mit asiatischen MMA-Sportlern zu trainieren und sich gegen sie zu messen. Der Rassismus trete hier ein Stück weit in den Hintergrund, wichtig sei die Gewalt, sagt Claus. Gewalt, die wie in Chemnitz und Leipzig auf deutsche Straßen gelangen kann.

Verwendete Quellen:

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