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Neonazis machten fĂŒr "Querdenken" die Drecksarbeit

  • Lars Wienand
  • Jonas Mueller-Töwe
Von Lars Wienand, Jonas Mueller-Töwe

Aktualisiert am 09.11.2020Lesedauer: 3 Min.
Angriffe auf die Polizei: Die "Querdenker" bahnten sich in Leipzig den Weg. AngefĂŒhrt wurden sie von bekannten Neonazis.
Angriffe auf die Polizei: Die "Querdenker" bahnten sich in Leipzig den Weg. AngefĂŒhrt wurden sie von bekannten Neonazis. (Quelle: Kai Pfaffenbach/Reuters-bilder)
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Die Organisatoren weisen VorwĂŒrfe, sie seien fĂŒr die Eskalation der Gewalt am Samstag verantwortlich,

Gisela M. ist Vorsitzende eines Hilfsvereins fĂŒr Kinder, Aktivistin fĂŒr Tierrechte – und Kritikerin der Corona-Maßnahmen. Am Sonntag postete sie auf Instagram ein Foto von der Leipziger "Querdenker"-Demonstration mit den Hashtags "#Freiheit #Frieden #Liebe". In einer Telegram-Gruppe schrieb sie: "Die Menschen in Schwarz haben es möglich gemacht, dass wir losgelaufen sind." Mit "Menschen in Schwarz" meint sie: Hooligans und Neonazis.


"Querdenken"-Demo in Leipzig: Tausende ohne Abstand

Festnahmen in Leipzig: Die Polizei hat mehrere Demonstranten in Gewahrsam genommen.
Auseinandersetzungen zwischen Teilnehmern der "Querdenken"-Demonstrationen und der Polizei: Es wurden unter anderem Bengalos gezĂŒndet.
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"Querdenker"-Lob fĂŒr die Rechtsextremisten

Die Tierrechtsaktivistin heißt nicht Gisela M. Ihr richtiger Name spielt aber keine Rolle, sie soll hier nur ein Beispiel dafĂŒr sein, dass es nicht falsch sein muss, wenn die "Querdenker" den Vorwurf zurĂŒckweisen, sie seien rechtsextrem. GrĂŒnder Michael Ballweg empört sich sogar, dass "eine friedliche Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft ungerechtfertigt kriminalisiert und stigmatisiert wird". Das entspricht dem Selbstbild vieler Demonstranten, die eher als Friedenstrommler daherkommen und mit Henna im Haar und Luftballons oder Kerzen in der Hand.

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Allerdings nahmen viele Teilnehmer offenbar gerne in Kauf, dass Hooligans und Rechtsextreme fĂŒr sie Drecksarbeit machen. In der Telegram-Gruppe, in der auch Gisela M. postete, schrieb eine Krankenschwester etwa: "Ohne unsere Hooligans, unsere Jugend, hĂ€tte der Spaziergang nicht stattgefunden." Der von den "Querdenkern" ersehnte Demozug ĂŒber den Leipziger Innenstadtring war nur möglich, weil die Polizei unter immer stĂ€rkerem Druck den Weg frei machte. Obwohl der Aufzug — anders als die große Versammlung zuvor — vom Oberverwaltungsgericht Bautzen verboten worden war.

ParteifunktionÀre heizten ein

In der ersten Reihe bei der Konfrontation mit der Polizei standen dabei deutschlandweit bekannte Neonazis. Videomaterial zeigt dort FunktionĂ€re der Partei "Die Rechte", der vom Verfassungsschutz eine "ideologische Wesensverwandtschaft zum historischen Nationalsozialismus" attestiert wird. Die FĂŒhrungskader Sven Skoda und Michael BrĂŒck standen mit Mikrofonen vor Polizeiabsperrungen und heizten ihren maskierten Begleitern ein.

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In der Partei organisieren sich verbotene Kameradschaften. Viele der FunktionĂ€re sind vorbestraft und als gewaltbereit bekannt. Bundesweit erregte die Kleinstpartei immer wieder Aufsehen: Im Dortmunder Stadtrat wollte sie per Antrag wissen, wie viele Menschen jĂŒdischen Glaubens in der Stadt leben. Dort wurde sie unter anderem durch den Neonazi-Altkader Siegfried Borchardt vertreten, der aufgrund seiner TĂ€towierungen als "SS-Siggi" bekannt ist.

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FĂ€uste, Flaschen, Pyrotechnik

Es waren vor allem Rechtsextreme wie diese, die den "Querdenkern" den erhofften Durchmarsch ermöglichten. Denn nicht nur "Die Rechte" hatte nach Leipzig mobilisiert. Auch NPD und "Dritter Weg" warben fĂŒr die Veranstaltung und waren vor Ort. Eine Ă€hnliche Anziehungskraft auf die gewaltbereite rechtsextreme Szene hatte neben der Berliner "Querdenker"-Demo im August zuletzt nur der sogenannte "Schweigemarsch" der AfD in Chemnitz ausgeĂŒbt.

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Das Verbot des Demonstrationszuges in Leipzig hinderte "Querdenken" nicht daran, die Demonstranten der kurz zuvor aufgelösten Versammlung in die entsprechende Richtung zu lenken. Man habe "gehört, dass viele Versammlungsteilnehmer Richtung Innenstadtring laufen", postete "Querdenken" in seinen KanĂ€le. Und Erfurts "Querdenken"-Sprecher Arno NiederlĂ€nder lud per Megafon ein, "auf eigene Verantwortung mit uns" ĂŒber den Ring zu gehen. "Wir benötigen kein endloses Gequatsche auf irgendwelchen BĂŒhnen."

https://twitter.com/democ_de/status/1325091993106702336

Der Mann ist schon vorher aufgefallen: NiederlÀnder hatte auf einer Kundgebung in Schmalkalden aufgerufen, "nicht vor den RathÀusern und LandratsÀmtern zu demonstrieren, sondern endlich hineinzugehen und die Verbrecher herauszuholen". Ballweg erklÀrte zugleich: "Querdenken" werde "immer friedlich, freiheitlich und ohne Gewalt vorgehen".

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FĂŒr den Durchmarsch sorgten dann maßgeblich Neonazis, mit denen das BĂŒndnis angeblich nichts zu tun haben will. Denn als an den Polizeiabsperrungen fĂŒr den Marsch eigentlich Schluss war, attackierten nicht nur, aber vor allem sie in vorderster Reihe die Polizisten mit FĂ€usten, Flaschen und Pyrotechnik — wĂ€hrend dahinter Menschen wie Kinderhilfsaktivistin Gisela M. drĂ€ngten. Nach Stunden, in denen das mittlerweile fast typische Spektrum aus Esoterikern und Verschwörungsideologen in Leipzig das Bild dominierte und Gruppen etwa von der NPD nicht sonderlich auffielen, hatten die organisierten extremistischen Gruppen jetzt ihren Auftritt. Sie hatten ihre Geduld verloren.

NPD mittendrin: Der frĂŒhere Bundesvorsitzende und Europaabgeordnete Udo Voigt am Rande der Leipziger "Querdenken"-Kundgebung. Das Bild wurde in einem Telegram-Kanal "gegen den Corona-Wahnsinn" verbreitet. "Querdenken"-Anwalt Ralf Ludwig fand die NPD-Teilnahme gut: Man hole sie so "in die Mitte der Gesellschaft zurĂŒck", behauptete er am Sonntag.
NPD mittendrin: Der frĂŒhere Bundesvorsitzende und Europaabgeordnete Udo Voigt am Rande der Leipziger "Querdenken"-Kundgebung. Das Bild wurde in einem Telegram-Kanal "gegen den Corona-Wahnsinn" verbreitet. "Querdenken"-Anwalt Ralf Ludwig fand die NPD-Teilnahme gut: Man hole sie so "in die Mitte der Gesellschaft zurĂŒck", behauptete er am Sonntag.

Vielleicht zeigt sich das am deutlichsten im Videofazit eines FunktionĂ€rs der Neonazi-Partei "Die Rechte": "Mit FriedenstĂ€nzen und Herzchenbildern wird man das BRD-Regime und die Corona-Regelungen definitiv nicht stoppen", sagte er. Das Geschehen am Samstag gehe in die richtige Richtung. "Aber der esoterische Touch genauso wie das Pazifistische sind halt nichts, womit man in diesem System irgendwas verĂ€ndern wird." FĂŒr Gisela M. und ihre Mitstreiter ist die neonazistische Gewalt offenbar akzeptabel.

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  • Bastian Brauns
Von Miriam Hollstein, Bastian Brauns
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