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IAA 2019: Ist die Automesse wirklich so grün?

MEINUNGVor Ort nachgeprüft  

IAA 2019: Beginnt hier wirklich die Mobilität von morgen?

12.09.2019, 18:25 Uhr | Ralf Bielefeldt, t-online.de

 (Quelle: dpa)
IAA zwischen SUV-Boom und Elektro-Zukunft

Greenpeace pumpt vor den Toren der IAA einen riesigen CO2-Ballon auf. Für die Umweltschützer werden auf der Frankfurter Messe "Klimakiller" gefeiert. Drinnen versuchen sich die Hersteller an einem Spagat. (Quelle: dpa)

Zwischen SUV-Boom und Elektro-Zukunft: Das sind die neuen Autos auf der IAA und darum gibt es Protest. (Quelle: dpa)


Noch nie war eine Automesse grüner und sauberer als die IAA – heißt es jedenfalls. Aber ist das wirklich so? Oder ist alles nur Show? Ob die blumigen Hersteller-Versprechen stimmen – t-online.de hat es überprüft.

Die Mobilität von morgen beginnt heute auf der IAA. Mit diesen salbungsvollen Worten beendete Bernhard Mattes am Donnerstagvormittag seine offizielle Eröffnungsrede zur IAA 2019. Dass es sich dabei laut klassischer Zählweise um die 68. IAA handelt, lässt der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie auch bei dieser Gelegenheit unerwähnt. Denn, so erfuhr Ehrengast Kanzlerin Merkel samt Würdenträger-Gefolge: "Sie erleben heute eine IAA, wie es sie noch nie gab: dialogisch, vielfältig, erlebnisorientiert und weit über die Sphäre des Automobils herausschauend", so Mattes.

Fangen wir also bei null an und schauen uns die 1. IAA nach der 67. IAA mal genauer an in Hinblick auf die Frage: Wie grün und nachhaltig und vor allem greifbar ist sie denn nun, die von wirklich jedem – Hersteller, Zulieferer, Umweltorganisationen, Politiker – vor seinen Karren gespannte und damit schon heute reichlich überstrapazierte Mobilität der Zukunft?

2020 wird das Jahr der E-Autos

Die gute Nachricht: Auf keiner anderen Automesse zuvor wurden jemals so viele "echte" und vor allem bezahlbare Elektroautos vorgestellt. Keine naheliegenden Concept-Cars oder abgedrehten E-Boliden, nein, serienreife E-Autos, die sich jeder leisten kann, der mag. Bei rund 20.000 Euro geht der Spaß los, abzüglich 4000 Euro Elektroprämie, anteiliger Mehrwertsteuerersparnis und oft auch noch lokaler Prämien von Stromversorgern oder aus sonstigen Töpfen. So gesehen liefert die Automobilindustrie einfach mal ab: 2020 wird das Jahr der Elektroautos, haben auf zurückliegenden Automessen alle großen Hersteller kolportiert, die – anders als beispielsweise Nissan – noch keine serienreifen E-Autos für Normalverdiener im Portfolio hatten. Und so wird es denn auch tatsächlich sein. Zack-bum-peng, als säßen wir in einer Zeitmaschine.

Mini Cooper SE: Der Elektro-Zwerg wird mindestens 32.500 Euro kosten. (Quelle: Hersteller)Mini Cooper SE: Der Elektro-Zwerg wird mindestens 32.500 Euro kosten. (Quelle: Hersteller)

Am Start ab 2020 – also in einem greifbaren Zeitraum ab September 2019 – sind brandneue Elektromodelle wie der knuffige Honda e und Volkswagens Käfer-Golf-Nachfolger ID.3, die beide einzig für den batterie-elektrischen Betrieb konzipiert wurden. Dazu elektrische Ableger wie MINI SE und das Trio Seat Mii electric, Skoda Citigo e iV und Volkswagen e-up, die allesamt bereits als Großserien-Verbrenner auf dem Markt sind. Plus Volumenmodell-Neuauflagen wie die sechste Generation Opel Corsa und die zweite Generation 208 von IAA-Schwänzer Peugeot. Beide treten als Konzerngevatter vom Start weg mit konventionellem und rein elektrischem Antrieb an. Smart verbannt Benziner ab sofort komplett aus dem Programm und baut nur noch E-Autos, zwei- und viertürig.

Elektrisch fahren für kleines Geld

Seat Mii Electric: Den Kleinwagen gibt es künftig nicht mehr mit Verbrennungsmotor. (Quelle: Hersteller)Seat Mii Electric: Den Kleinwagen gibt es künftig nicht mehr mit Verbrennungsmotor. (Quelle: Hersteller)

Der Einstieg wird einem leicht gemacht: 145 Euro Leasingrate im Monat begehren beispielsweise Skoda und Seat für ihre E-Knirpse, die Anzahlung wird per E-Prämie getilgt. Für 14 Euro mehr im Monat kann es auch ein e-up! sein. Wer kaufen möchte, kriegt den Seat Mii electric ab 20.650 Euro. Abzüglich staatlichem Umweltbonus und Hersteller-Anteil kostet der spanische Stromer hierzulande genau genommen 16.300 Euro, der tschechische Zwilling 300 Euro mehr.

Wie easy und lautlos Stromer fahren, kann auf der 1. New IAA jeder selbst ausprobieren. Und sollte es tunlichst auch machen, um zu begreifen: Elektro tut gar nicht weh und ist gar nicht schwer, im Gegenteil, elektrisch Gas geben macht richtig Spaß! Auch Marken, die keinen Stand haben auf der IAA wie Tesla oder Renault, sind beim Schaulaufen dabei. "Elektromobilität ist Alltag", wirbt der französische Hersteller für den Zoe, Deutschlands meistverkauftes E-Auto. Nissan hat weltweit schon mehr als 400.000 Leaf verkauft, mittlerweile mit bis zu 385 km Reichweite. BMW ist mit dem i3 für viele Lifestyle-Benchmark. All das wird gern vergessen von denen, die greinen: Gibt ja keine E-Autos. Und die kommen ja nicht weit.

Mumpitz. E-Mobilität ist auf der IAA angenehm unaufgeregt präsent, nahezu "normal". Angesagte kompakte SUV wie den Hyundai Kona Elektro gibt es in zwei Leistungsstufen (136 PS/204 PS) mit jeweils eigener Batterie (39,2 kWh/64 kWh). Die praxistaugliche Reichweite: 289 bis 449 Kilometer nach WLTP-Norm. Pünktlich zur IAA sinkt der Startpreis des E-Kona um 200 Euro auf 34.400 Euro. Ab 26.900 Euro gibt es alternativ den neuen Kona Hybrid. Damit ist er das nächste Hyundai-Modell, das alle Antriebsarten bietet. Der modifizierte Ioniq Elektro startet im Herbst 2019. Dann kann auch der erste Plug-in-Hybrid von Skoda bestellt werden: Das Flaggschiff Superb fährt künftig als Limousine und Combi mit 1,4 TSI plus 85-kW-Elektromotor vor. Gemeinsam leisten sie 218 PS und schaffen bis zu 850 km. Rein elektrisch sind es maximal 56 km. Preis: dienstwagenfreundliche 41.590 Euro bzw. 42.490 Euro (Combi) – minus E-Prämie.

Träumen muss erlaubt sein, auch elektrisch

Über 700 PS und in weniger als einer halben Stunde geladen: Der neue Porsche Taycan soll 2020 ausgeliefert werden. (Quelle: dpa)Über 700 PS und in weniger als einer halben Stunde geladen: Der neue Porsche Taycan soll 2020 ausgeliefert werden. (Quelle: dpa)

Porsche schießt den E-Vogel ab auf der IAA mit dem Taycan. Bis zu 761 PS, bis zu 412 km Reichweite, ultrakurze Ladezeiten (80 Prozent in 22 Minuten) dank neuer 800-Volt-Ladetechnologie. Ein technologischer Traum. Ab 2020 lieferbar, CO2-neutral gefertigt. Für wenigstens 152.136 Euro. Träumen muss auf Automessen wie im Leben erlaubt sein, auch von SUVs wie dem Porsche Cayenne E-Hybrid Coupé (ab 95.968 Euro) oder Cayenne Turbo S E-Hybrid (ab 172.604 Euro). Oder dem Mercedes-AMG GLE 53 4MATIC+ Coupé mit Segelfunktion und 435 PS, ab November 2019 bestellbar.

Lamborghini Sián: Zwei-Millionen-Euro-Renner mit ein bisschen E-Unterstützung. (Quelle: dpa/Frank Rumpenhorst)Lamborghini Sián: Zwei-Millionen-Euro-Renner mit ein bisschen E-Unterstützung. (Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa)

Auch bei superabgefahrenen Supersportlern wie dem Lamborghini Sián FKP 37 geht heutzutage nix mehr ohne Elektrifizierung. Die bereits ausverkaufte Zwei-Millionen-Euro-Flunder (plus Steuern) beherbergt den weltweit ersten Superkondensator zur Hybridisierung. Elektrische Unterstützung als Zusatzpower oder Rekuperationsergebnis ist schlichtweg Stand der Technik. In allen Segmenten. Zulieferer wie ZF treiben das Thema gezielt voran mit ihren neuen Getrieben. Auf der IAA zeigt der Technologiekonzern zum Beispiel das Concept-Car EVplus. Der Plug-in-Hybrid im BMW-3er-Gewand schafft mehr als 100 km rein elektrisch und passt skalierbar in alle kompakten Modelle.

Ladesäulen-Konsortium wächst

Das Thema Laden treiben die Hersteller ebenfalls massiv voran, auch darüber gibt es reichlich zu erfahren auf der IAA. Volkswagen beispielsweise drückt die Universal-Wallbox (Type 2-Ladekabel, 11 kW Ladeleistung) für alle ID-Modelle ab 399 Euro auf den Markt, das Auto dazu startet bei "unter 30.000 Euro", abzüglich E-Prämie. Zum Ionity-Ladesäulen-Konsortium gehört jetzt auch die Hyundai Motor Group. Damit ziehen ab sofort BMW Group, Daimler AG, Ford Motor Company sowie Volkswagen, Audi und Porsche an einem Ladestrang.

"Mobilität bewegt nicht nur Menschen und Güter, Mobilität bewegt auch Gemüter", sagt VDA-Boss Mattes. Und ergänzt: "Der Weg in eine nachhaltige und individuelle Mobilität der Zukunft ist die tiefgreifendste Transformation, die unsere Branche je bewältigen musste." Mattes ist überzeugt: "Individuelle Mobilität und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Digitalisierungstechnologien können einen erheblichen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen im Verkehr leisten, bei der Verkehrsvermeidung helfen, Verkehrsflüsse optimieren und Verkehrsträgers besser auslasten. All das trägt zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr bei." Und ist Thema diverser Symposien und Zukunfts-Vordenker-Veranstaltungen im Umfeld der IAA wie beispielsweise der me Convention von Mercedes-Benz und South by Southwest (SXSW).
 

 
"Wir tun, was wir können. Und wir können viel", wirbt Bernhard Mattes für VDA und IAA. "Das ist hier zu erleben und in Kürze in den Autohäusern auch zu bestellen." Dort entscheide sich, ob die Transformation der Mobilität im politisch vorgegeben Zeitrahmen gelingt. Grünen-Chef Robert Habeck will das Tempo dabei verschärfen: Er verlangt ein grundlegendes Umsteuern in der deutschen Auto-Politik. "Es braucht die klare gesetzliche Vorgabe, dass ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden. Bis dahin müssen jährlich steigende Quoten für emissionsfreie Autos den Weg ebnen", sagte Habeck der "Rheinischen Post" (Donnerstagausgabe). Eine Kfz-Steuer-Reform solle zudem kleine, energiearme Autos belohnen – und Energiefresser wie schwere SUVs deutlich höher besteuern. Habeck: "Das gilt nicht nur für den CO2-Ausstoß, sondern für den gesamten Energieverbrauch – also auch bei E-Autos." Irgendwo muss die wegideologisierte Mineralölsteuer ja herkommen.

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