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Kurz vor dem Herbst: Das Coronavirus ist wieder auf dem Vormarsch

Von Laura Stresing

Aktualisiert am 26.08.2020Lesedauer: 6 Min.
Passanten mit Alltagsmaske: Die Fallzahlen steigen wieder. Wie gefÀhrlich ist die Situation kurz vor dem Herbst?
Passanten mit Alltagsmaske: Die Fallzahlen steigen wieder. Wie gefÀhrlich ist die Situation kurz vor dem Herbst? (Quelle: Ralph Peters/T-Online-bilder)
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Neuinfektionen, 7-Tage-Inzidenz und R-Wert: In den Zahlen zur Coronavirus-Epidemie zeichnen sich kurz vor dem Herbst einige beunruhigende Trends ab. Trotzdem ist die Ausgangslage eine andere als noch im FrĂŒhjahr. Wo stehen wir heute und warum sehen manche Beobachter akuten Handlungsbedarf? Eine Datenanalyse.

Manche haben Angst vor einer zweiten Welle. Andere glauben, sie ist lÀngst da. Unstrittig ist: Die aktuellen Entwicklungen in der Coronavirus-Epidemie in Deutschland bereiten den Experten Sorgen und erhöhen den Handlungsdruck auf die Politik.


Corona-Alltag: Diese Fauxpas unterliefen Politikern

Stephan Weil (SPD), Markus Söder (CSU), Werner Kogler, (VizeprĂ€sident von Österreich), Jens Spahn (CDU), Armin Laschet (CDU), Daniel GĂŒnther (CDU) (v.l.o.n.r.u.): Immer wieder sorgte es fĂŒr Belustigung, wie schwer sich manche Politiker mit den Masken tun – besonders Laschets Masken-Fauxpas sorgte fĂŒr Aufsehen.
Der Luxemburger Außenminister Jean Asselborn und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nehmen bei ihrem Treffen auf der BrĂŒcke ĂŒber die Mosel ihren Mundschutz ab: Dass Maas nun wieder fliegt, sorgte fĂŒr Kritik.
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Ein Blick in die Daten zeigt, warum das Robert Koch-Institut (RKI) wieder zu mehr Vorsicht mahnt und manche LĂ€nderchefs und Minister ihre Strategie ĂŒberdenken.

1. Die Zahl der Neuinfektionen steigt

Nach Wochen, in denen nur einzelne, scheinbar leicht zu kontrollierende AusbrĂŒche fĂŒr Schlagzeilen sorgten, steigen die Fallzahlen der registrierten Covid-19-Erkrankungen seit Mitte Juli wieder deutlich stĂ€rker an. Am 21. August meldeten die GesundheitsĂ€mter mehr als 2.000 neue Coronavirus-Infektionen an einem einzigen Tag.

Die Aussagekraft solcher Spitzenwerte ist zwar begrenzt, da sich unter der Woche die Nachmeldungen von den Wochenenden hĂ€ufen. Berechnet man jedoch den Durchschnitt fĂŒr die jeweils letzten sieben Tage, zeigt die Kurve immer noch einen anhaltenden Trend nach oben.

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Das RKI fĂŒhrt den Anstieg unter anderem auf vermehrte Ansteckungen bei Feiern im Familien- und Freundeskreis und im Urlaub zurĂŒck.

2. Mehr Tests – und mehr positive Befunde

Die Zahl der durchgefĂŒhrten Corona-Tests spielt ebenfalls eine Rolle, denn je mehr getestet wird, desto eher werden FĂ€lle von der Statistik erfasst. Letztendlich mĂŒssen wir aber immer davon ausgehen, dass es zu jedem Zeitpunkt der Epidemie mehr Infektionen gab, als offiziell gezĂ€hlt wurden. Die Frage ist nur, wie hoch die Dunkelziffer ist.


Deutschland testet vergleichsweise viel. Zuletzt fielen knapp ein Prozent der durchgefĂŒhrten Labortests positiv aus. Das ist eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Juli und ein Zeichen dafĂŒr, dass es tatsĂ€chlich eine objektive Zunahme im Infektionsgeschehen gibt.

Besonders beunruhigend: Bei den Reihentestungen mit Personen, die eine eher geringe Infektionswahrscheinlichkeit haben, die weder Symptome zeigen, noch einen nachgewiesenen Risikokontakt hatten, wĂŒrde man eigentlich davon ausgehen, dass der Anteil der positiven Befunde niedriger ausfĂ€llt. Doch das Gegenteil ist der Fall.

3. Die TestkapazitÀten sind bald erschöpft

Derzeit liegt Deutschland knapp hinter Italien, wo ein Prozent der Befunde positiv ausfÀllt. Nach EinschÀtzung der WHO ist eine Positivrate im niedrigen einstelligen Bereich ein Hinweis darauf, dass ein Land die Epidemie im Griff hat.

Trotz dieses "Erfolgs" ist die aktuelle Teststrategie umstritten. Die Gesundheitsminister haben sich jetzt darauf verstĂ€ndigt, die kostenlosen Pflichttests fĂŒr ReiserĂŒckkehrer wieder einzustellen. Der Grund: Die Labore stoßen an ihre Grenzen. Die KapazitĂ€ten werden jetzt an anderer Stelle dringender gebraucht, beispielsweise fĂŒr das Umfeld von Risikopatienten und in der Pflege. Mit anderen Worten: Es gibt auch ohne Partytouristen genug VerdachtsfĂ€lle und TestanlĂ€sse, sodass wieder stĂ€rker priorisiert werden muss.

Auslastung der Testlabore nach Kalenderwoche. Quelle: RKI, ALM e.V.
Auslastung der Testlabore nach Kalenderwoche. Quelle: RKI, ALM e.V. (Quelle: Datawrapper/T-Online-bilder)

Wir merken also zum zweiten Mal in der Pandemie: Gewissenhaftes Testen muss man sich erst mal leisten können. Je mehr FĂ€lle es gibt, desto mehr TestkapazitĂ€ten werden benötigt, um das Virus wieder einzufangen. Die Zahl der absoluten FĂ€lle sind Teil der Gleichung – nicht ihr Ergebnis.

4. Statt einzelner Hotspots gibt es ĂŒberall AusbrĂŒche

Auch in der geografischen Verteilung der FĂ€lle zeigt sich eine bedenkliche Entwicklung. Statt einzelner Hotspots gibt es jetzt viele AusbrĂŒche gleichzeitig. Der Vergleich der sogenannten 7-Tage-Inzidenz im Juli und August macht den Unterschied deutlich.

Im August verzeichnen viele Landkreise mehr FĂ€lle innerhalb einer Woche als noch im Juli. Quelle: RKI
Im August verzeichnen viele Landkreise mehr FĂ€lle innerhalb einer Woche als noch im Juli. Quelle: RKI (Quelle: Datawrapper/T-Online-bilder)

Mitte Juli gab es mehr als 100 Landkreise, in denen ĂŒber eine Woche hinweg keine neuen Covid-19-FĂ€lle aufgetreten sind. Diese Zahl ist laut dem aktuellen Situationsbericht auf gerade einmal 15 zusammengeschrumpft. Dem gegenĂŒber stehen nun 16 Landkreise, die die kritische Schwelle von 25 Neuinfektionen ĂŒberschreiten.

Die gute Nachricht ist: Die Lage scheint in weiten Teilen gut beherrschbar. 126 Landkreise melden eine immer noch geringe Inzidenz von weniger als fĂŒnf FĂ€llen je 100.000 Einwohner. Insgesamt zahlt sich aus, dass viele Menschen ihre sozialen Kontakte reduziert haben, Großveranstaltungen verboten sind und (illegale) Feierlichkeiten die Ausnahme bleiben.

5. Das Altersprofil hat sich verÀndert

Die Menschen, bei denen heute Covid-19 diagnostiziert wird, sind deutlich jĂŒnger als die positiv getesteten Patienten aus dem FrĂŒhjahr. Inzwischen machen die unter 30-JĂ€hrigen etwa die HĂ€lfte der registrierten Neuinfektionen aus, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 30 Prozent betrĂ€gt.

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Das liegt nicht nur daran, dass die milden und asymptomatischen FĂ€lle unter Jugendlichen im Zuge der erweiterten Teststrategie eher erkannt werden. Die gesunkenen Hospitalisierungs- und Fallsterblichkeitsraten deuten darauf hin, dass junge Menschen tatsĂ€chlich hĂ€ufiger erkranken – vielleicht, weil sie unvorsichtiger sind.

Die Ă€lteren Risikogruppen können hingegen aktuell offenbar erfolgreich vor einer Ansteckung geschĂŒtzt werden. Die Zahl der schweren VerlĂ€ufe geht infolgedessen zurĂŒck. In den KrankenhĂ€usern und Intensivstationen ist trotz steigender Fallzahlen noch Platz. Der Anteil der Verstorbenen hat sich nach einem vorlĂ€ufigen Höhepunkt Ende Mai bei etwa 4 Prozent stabilisiert.

Doch je mehr FÀlle es gibt, desto schwerer lÀsst sich verhindern, dass das Virus in die Risikogruppen getragen wird, warnt das RKI. Hinzu kommt, dass bald auch in den letzten BundeslÀndern die Schulferien enden. Wie sich das auf die Fallstatistik auswirkt, bleibt abzuwarten. Doch die Hinweise verdichten sich: Kinder sind genauso ansteckend wie Erwachsene. Es ist nur bisher nicht so stark aufgefallen.

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6. Der R-Wert ist fĂŒr Wochen nicht mehr unter 1 gesunken

"Flatten the Curve", die Kurve flach halten. So lautete das im April und Mai ausgegebene Motto. EindrĂŒcklich rechnete die Kanzlerin vor, dass das Gesundheitssystem schon im Sommer an seine Belastungsgrenze stoßen wĂŒrde, wenn der R-Wert ĂŒber 1 bleibt und sich die Infektionszahlen weiter exponentiell entwickeln.

Das ist zum GlĂŒck nicht passiert. Doch im Juli und August ist der R-Wert erneut ĂŒber Wochen hinweg nicht mehr unter 1 gesunken. MĂŒsste man nicht lĂ€ngst wieder die Reißleine ziehen?

Der R-Wert lag im Juli und August mehrere Wochen lang bei ĂŒber 1. Quelle: RKI
Der R-Wert lag im Juli und August mehrere Wochen lang bei ĂŒber 1. Quelle: RKI (Quelle: Datawrapper/T-Online-bilder)

Ein R-Wert > 1 bedeutet: Im Schnitt steckt ein Infizierter etwas mehr als einen Menschen an – die Fallzahlen steigen. Ein R-Wert < 1 bedeutet: Das Virus wird zurĂŒckgedrĂ€ngt.

Aus 1.000 FĂ€llen werden bei R=1,2 innerhalb einer Generationszeit (derzeit geht man von vier Tagen aus) 1.200 FĂ€lle. Bei gleichbleibendem Tempo hĂ€tten wir im Oktober rein rechnerisch 10.000 neue FĂ€lle innerhalb weniger Tage. So weit wird es vermutlich nicht kommen. Der R-Wert ist schließlich keine Konstante und reagiert sensibel auf VerhaltensĂ€nderungen in der Bevölkerung. Schon eine kurzzeitige und lokal begrenzte Kontaktsperre kann die Trendwende bringen. Das gilt insbesondere bei einer insgesamt niedrigen Inzidenz. Die Zahl der Neuinfektionen bietet hier den entscheidenden Kontext.

Wie behalten wir die Lage im Griff?

Es gibt Hoffnung, dass die "zweite Welle" deutlich kontrollierter ablĂ€uft und dass es gelingt, die Epidemie dauerhaft in den Griff zu kriegen. Im Vergleich zum FrĂŒhjahr – und zu anderen LĂ€ndern – ist die Ausgangslage in Deutschland derzeit eigentlich gĂŒnstig.

  • Die Zahlen steigen, aber sie steigen sehr viel langsamer als noch im MĂ€rz.
  • Dank der höheren TestkapazitĂ€ten haben wir heute vermutlich ein sehr viel genaueres Bild von der tatsĂ€chlichen Lage.
  • Wir wissen mehr ĂŒber das Virus und seine Übertragungswege. Die Rolle der Aerosole und Superspreading-Events ist inzwischen gut erforscht und macht deutlich, dass die grĂ¶ĂŸte Gefahr von geschlossenen, schlecht belĂŒfteten RĂ€umen und Menschenansammlungen ausgeht.
  • Viele Menschen passen ihr Verhalten an die Situation an und schrĂ€nken sich freiwillig ein und halten sich an die "AHA-Regeln" (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske).

Allerdings zeigt sich auch, dass die Politik nicht gĂ€nzlich auf Freiwilligkeit setzen kann. Die Klagen ĂŒber VerstĂ¶ĂŸe gegen Partyverbote und eine generelle NachlĂ€ssigkeit bei der Einhaltung von Abstandsregeln und Maskenpflicht nehmen zu. Einige LĂ€nder reagieren mit Kontrollen und Bußgeldern.

Schulen und GesundheitsÀmter brauchen Hilfe

In vielen Lebens- und Arbeitssituationen sind freiwilliger Verzicht und Abstandhalten jedoch keine Option. Das RKI bringt mehrere schwere AusbrĂŒche mit den Bedingungen in landwirtschaftlichen und fleischverarbeitenden Betrieben, sowie GemeinschaftsunterkĂŒnften und FlĂŒchtlingsheimen in Verbindung. Auch Bewohner und Mitarbeiter in KrankenhĂ€usern und Pflegeheimen sind einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Hier sind Arbeitgeber und Staat gefragt, fĂŒr ausreichenden Schutz zu sorgen – und die Erfahrungsberichte von Betroffenen legen nahe, dass hier noch viel Luft nach oben ist.

Auch fĂŒr die Schulen fehlt vielerorts ein funktionierendes Konzept, wie Unterricht unter Corona-Bedingungen stattfinden kann. Mit einem Brandbrief an die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen klagten Schulleiter zuletzt ĂŒber fehlendes Reinigungspersonal, Platzmangel und Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Ähnlich alarmierend Ă€ußern sich viele GesundheitsĂ€mter, die schon jetzt kaum mit dem Identifizieren und Isolieren aller FĂ€lle hinterherkommen. Hier macht sich auch die verschleppte Digitalisierung im öffentlichen Gesundheits- und Schulsystem bemerkbar.

"The Hammer and the Dance": Jetzt wird getanzt

Es wird Zeit, sich besser auf den Herbst vorzubereiten. Bund und LĂ€nder wollen gemeinsam nachjustieren. Doch die Vorstellungen, was kĂŒnftig verboten und was erlaubt sein soll und welche Maßnahmen ausgebaut oder zurĂŒckgefahren werden sollen, gehen teilweise weit auseinander.

Nach EinschĂ€tzung des Autors und Datenanalysten Tomas Pueyo besteht die Strategie der erfolgreichsten LĂ€nder im Umgang mit der Pandemie in einer Methode, die er als "The Hammer and the Dance" bezeichnet ("Der Hammer und der Tanz"). Der erstmals im MĂ€rz auf der Online-Plattform Medium veröffentlichte gleichnamige Aufsatz wurde in viele Sprachen ĂŒbersetzt und fand auch im Kanzleramt Beachtung.

Demnach folgen auf die notwendigen harten Einschnitte zu Beginn der Pandemie mehrere Phasen, in denen abwechselnd gelockert und verschÀrft wird. Die betroffenen LÀnder lernen schrittweise, mit der Pandemie umzugehen.

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In Deutschland sorgt nun aber der Föderalismus fĂŒr reichlich Trubel auf der TanzflĂ€che. Und wĂ€hrend die einen noch vorsichtig ihre Tanzschritte einstudieren, wollen die anderen den Hammer am liebsten gleich ganz beiseite legen.

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