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Gleicher Lohn? So erfahren Sie, was Ihre Kollegen verdienen


Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?  

So finden Sie heraus, wie viel Geld Ihre Kollegen verdienen

31.03.2021, 13:10 Uhr
Gleicher Lohn? So erfahren Sie, was Ihre Kollegen verdienen. Arbeitskollegen sitzen am Schreibtisch (Symbolbild): Trotz Entgeltgleichheitsgebot verdienen Frauen im gleichen Job weniger Geld. (Quelle: Getty Images/Tom Werner)

Arbeitskollegen sitzen am Schreibtisch (Symbolbild): Trotz Entgeltgleichheitsgebot verdienen Frauen im gleichen Job weniger Geld. (Quelle: Tom Werner/Getty Images)

Selbst bei gleicher Tätigkeit und vergleichbarer Qualifikation bekommen Frauen im Schnitt 6 Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Ein Schritt, um das zu ändern, ist das Entgelttransparenzgesetz. Was es kann und wie Sie es nutzen.

In Deutschland gilt eigentlich das Entgeltgleichheitsgebot. Das heißt, Arbeitgeber dürfen für gleiche oder gleichwertige Arbeit nicht deshalb weniger Lohn oder Gehalt zahlen, weil die oder der Angestellte ein bestimmtes Geschlecht hat. 

Trotzdem geht das Einkommen von Frauen und Männern in der Realität selbst dann auseinander, wenn beide in gleichwertiger Position die gleiche Leistung und Qualifikation einbringen. 6 Prozent beträgt diese Lohnlücke, im Fachjargon "bereinigter Gender-Pay-Gap" genannt.

Die Vermutung liegt nahe, dass zumindest ein Teil dieser Lücke auf Diskriminierung zurückzuführen ist. Aber auch Erwerbsunterbrechungen und phasenweise Teilzeit könnten den Verdienstunterschied erklären. Mehr zum Unterschied zwischen bereinigtem und unbereinigtem Gender-Pay-Gap lesen Sie hier.

Abhilfe schaffen soll das sogenannte Entgelttransparenzgesetz. Es erlaubt bestimmten Arbeitnehmern, Auskunft darüber einzuholen, was ihre Kollegen verdienen. Wir erklären, wer diesen Auskunftsanspruch hat, wie Sie ihn nutzen und warum es rechtens sein kann, wenn ein Unternehmen keinen gleichen Lohn für gleiche Arbeit zahlt.

Was ist das Entgelttransparenzgesetz?

Das Entgelttransparenzgesetz (EntgTranspG), mit vollem Namen "Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen", soll Beschäftigte dabei unterstützen, ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit besser durchzusetzen. In der Praxis hilft es damit vor allem Frauen. Es gilt seit dem 6. Januar 2018 und umfasst drei Bausteine:

  • Einen individuellen Auskunftsanspruch für Beschäftigte,
  • die Aufforderung an Arbeitgeber, die Entgeltstrukturen im Betrieb zu prüfen,
  • die Pflicht der Arbeitgeber, über den Stand der Gleichstellung und Entgeltgleichheit zu berichten.

Das Gesetz soll ungerechtfertigte Einkommensunterschiede offenlegen, die unter anderem nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten sind. So soll das Gesetz auch helfen, die Lohnlücke zu schließen. Was damit hingegen nicht möglich ist: Auskunft über das individuelle Gehalt einzelner Kollegen zu erhalten (mehr dazu unten).

Gut zu wissen: Das Auskunftsrecht gilt auch für Selbstständige, die ihr Einkommen vorwiegend von einem Arbeitgeber beziehen. Dazu hat das Bundesarbeitsgericht im Sommer 2020 ein Grundsatzurteil gefällt (8 AZR 145/19).

Für welche Unternehmen gilt der Auskunftsanspruch?

Der im Entgelttransparenzgesetz verankerte Auskunftsanspruch gilt für private und öffentliche Unternehmen mit mindestens 200 Beschäftigten. Um von ihm Gebrauch machen zu können, müssen in Ihrem Betrieb mindestens sechs Angestellte des anderen Geschlechts in gleicher oder gleichwertiger Position arbeiten. 

Diese sechs Leute bilden die Vergleichsgruppe, für die der Arbeitgeber dann das sogenannte Vergleichsgehalt ermitteln muss. Das heißt, Sie können daraus keine Rückschlüsse auf das Gehalt einzelner Kolleginnen oder Kollegen ziehen. 

Im Gegenzug erfahren auch die Beschäftigten der Vergleichsgruppe nicht, was Sie verdienen. Als Messwert nutzt man den Median, einen Mittelwert, der nicht mit dem Durchschnitt zu verwechseln ist. Darüber hinaus muss der Arbeitgeber erklären, nach welchen Kriterien und nach welchem Verfahren die Gehälter festgelegt sind.

Median: Während beim Durchschnitt alle Werte addiert und dann durch die Anzahl der Werte geteilt werden, geht man beim Median anders vor: Man reiht die Werte auf und teilt sie dann an der Stelle, an der es genau gleich viele Werte größer und kleiner gibt. Ein zentraler Vorteil des Median: Er ist robust gegen Werte, die sich stark von den anderen unterscheiden. Ein Rechenbeispiel: Wir haben die Zahlen 1, 5, 8, 20, 30 vorliegen. Der Median dieser Zahlen ist 8, der Durchschnitt hingegen 12,8.

Für welche Unternehmen gelten Prüfverfahren und Berichtspflicht?

Diese Bausteine des Entgelttransparenzgesetzes gelten für private und öffentliche Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Arbeiten Sie in einer solchen Firma, muss Ihr Arbeitgeber nicht nur den mittleren Wert der Bruttogehälter der Vergleichsgruppe mitteilen, sondern einen Bericht über die Gehaltsstruktur im gesamten Unternehmen abgeben.

Wie nutze ich den Auskunftsanspruch?

Erste Anlaufstelle für Arbeitnehmer ist der Betriebsrat. Gibt es keinen, müssen Sie sich direkt an den Arbeitgeber wenden – anonym ist Ihre Anfrage dann aber nicht mehr. Das Gesetz schreibt die Text-, aber nicht die Schriftform vor. Eine E-Mail reicht also aus. Ein Musterformular des Bundesfamilienministeriums gibt es hier zum Download. In dem Antrag müssen Sie auch angeben, auf welche Vergleichsgruppe Sie sich beziehen, was Sie selbst verdienen und in welcher Position Sie arbeiten.

Bis wann muss der Chef antworten?

In der Regel innerhalb von drei Monaten. Arbeitgeber, die an einen Tarifvertrag gebunden sind oder ihn anwenden, unterliegen hingegen keiner Frist. Sie dürfen außerdem einfach auf die Tarifregelung verweisen, um zu erklären, nach welchem Verfahren die Gehälter festgelegt wurden.

Und was mache ich mit der Auskunft?

Erst einmal nichts. Zumindest nicht nach dem Entgelttransparenzgesetz, denn darin geht es nur um Informationen. Finden Sie mit seiner Hilfe etwa heraus, dass das Einkommen der Vergleichsgruppe höher ist als Ihres, ergeben sich daraus keine rechtlichen Folgen. Ihr Arbeitgeber schuldet Ihnen also beispielsweise nicht die offengelegte Lohndifferenz.

Das liegt daran, dass es durchaus Gründe geben kann, die unterschiedlich hohe Gehälter trotz gleichwertiger Tätigkeit rechtfertigen. Etwa wenn Fachkräftemangel herrscht und der Arbeitgeber jemanden nur deshalb einstellen konnte, weil er sie oder ihn mit einem höheren Gehalt gelockt hat.

Nur wenn eine Diskriminierung vorliegt – aufgrund von Geschlecht, aber auch Rasse, Religion, Weltanschauung, Alter oder Behinderung – ist das rechtlich relevant. Andernfalls ist es Sache des Arbeitgebers zu entscheiden, wie er Arbeit entlohnt.

Um herauszufinden, was der wahre Grund für die Lohnlücke ist, müssen Sie Klage einreichen. Im Januar 2021 urteilte das Bundesarbeitsgericht, dass der Arbeitgeber darlegen muss, warum nicht Diskriminierung der Grund für den geringeren Verdienst ist. Kann er das nicht, stehen die Chancen gut, dass er Ihnen die Lohndifferenz zahlen muss – und eine Entschädigung für die Diskriminierung (Az. 8 AZR 488/19).

Möchten Sie lieber nicht klagen, können Sie die Auskunft aber auch anderweitig nutzen: als Druckmittel in der nächsten Gehaltsverhandlung.

Was, wenn der Chef nicht reagiert oder die Auskunft ablehnt?

Gibt ein Arbeitgeber ohne Tarifbindung innerhalb der Frist keine Antwort, muss er bei einem eventuellen Gerichtsverfahren beweisen können, dass er die Arbeitnehmerin oder den Arbeitnehmer nicht benachteiligt hat.

Er kann den Antrag aber auch ablehnen, weil er die Tätigkeit nicht für gleichwertig hält. Dann muss er das nachvollziehbar begründen. "Die Darlegungs- und Beweislast im Prozess liegt am Ende bei dem Arbeitnehmer, es sei denn, der Arbeitgeber verletzt diese Auskunftsverpflichtung", sagt Nathalie Oberthür, Vorsitzende des Ausschusses Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Was, wenn mein Betrieb weniger als 200 Mitarbeiter hat?

Das Entgeltgleichheitsgebot gilt auch in Betrieben mit weniger als 200 Mitarbeitern. Das heißt, auch hier können Sie verlangen, dass Sie genauso bezahlt werden wie Ihre Kolleginnen oder Kollegen, die einer vergleichbaren Tätigkeit nachgehen. Allerdings haben Sie keinen Auskunftsanspruch, der Ihnen helfen könnte, mögliche Verdienstunterschiede transparent zu machen.

Haben Sie Zweifel daran, dass in Ihrem Betrieb Entgeltgleichheit herrscht, bleibt Ihnen daher nur, das Gespräch mit Ihrem Arbeitgeber zu suchen. Wenn vorhanden, können Sie auch den Betriebs- oder Personalrat um Unterstützung bitten.

Hilft das Entgelttransparenzgesetz, die Lohnlücke zu schließen?

Nicht wirklich. So lautet zumindest das Fazit des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Es hatte die Wirkung des Gesetzes 2019 untersucht und festgestellt, dass nur wenige Beschäftigte den Auskunftsanspruch nutzten. Kritik kommt auch von Gewerkschaften, weil das Gesetz nicht für Beschäftigte in kleinen Betrieben gelte.

Die Bundesfamilienministerium selbst ließ das Gesetz ebenfalls bewerten. In dem Gutachten heißt es, das Entgelttransparenzgesetz sei "nur wenig bekannt". Entsprechend hätten bisher nur 2 Prozent der Beschäftigten einen Auskunftsantrag bei ihrem Arbeitgeber eingereicht.

Der Bericht weist zudem darauf hin, dass klarer werden müsse, was unter gleichwertiger Arbeit zu verstehen sei, und dass es nicht optimal sei, dass Arbeitnehmer sich individuell um Auskunft bemühen müssten.

Da der bereinigte Gender-Pay-Gap nur alle vier Jahre erhoben wird, zuletzt 2018, gibt es noch keine Daten darüber, wie sich die Lohnlücke seit Inkrafttreten des Gesetzes entwickelt hat.

Was kann ich sonst noch tun?

Unabhängig davon, ob Sie einen Auskunftsanspruch haben, steht es Ihnen jederzeit frei, selbst auf Ihren Arbeitgeber zuzugehen und Ihr Gehalt neu zu verhandeln. Gute Vorbereitung ist dafür das A und O.

Die Verhandlungstrainerin Ljubow Chaikevitch empfiehlt Frauen, zunächst ihren Marktwert ordentlich auszuarbeiten. Oft helfe schon eine simple Onlinerecherche. "Man kann sich aber auch Mentorinnen oder Mentoren suchen, Menschen aus der Branche gezielt ansprechen", rät sie. "Auch um herauszufinden, welche überdurchschnittlichen Gehälter möglich sind." Lesen Sie hier, wie viel Geld mehr bei einer Gehaltserhöhung möglich ist.

Werden Sie immer wieder vertröstet, könnten Sie einen Jobwechsel in Erwägung ziehen. Einen Fehler sollten sie laut Chaikevitch dabei aber nicht machen: "Frauen bewerben sich oft nur auf Stellen, für die sie alle Kriterien erfüllen. Männer sagen sich viel häufiger, 'Ach, komm, ich probier's einfach mal'."

Welches Gehalt Sie im neuen Job erwartet, können Sie jetzt übrigens schon in der Stellenanzeige sehen: Die Online-Jobplattform Stepstone veröffentlicht neuerdings Gehaltsspannen zu allen Stellenanzeigen. Das soll vor allem Frauen helfen, da sie sich bei Gehaltsforderungen deutlich unwohler fühlen als Männer.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Urteil des Bundesarbeitsgericht vom 25.06.2020, Az. 8 AZR 145/19
  • Urteil des Bundesarbeitsgericht vom 21.01.2021, Az. 8 AZR 488/19
  • IW-Policy Paper 13/19: "Das Entgelttransparenzgesetz: Unklarer Mehrwert für die Entgeltgleichheit"
  • Bericht der Bundesregierung zur Wirksamkeit des Gesetzes zur Förderung der Entgelttransparenz zwischen Frauen und Männern
  • Gespräch mit Nathalie Oberthür
  • Gespräch mit Ljubow Chaikevitch
  • Mitteilung von Stepstone
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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