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Unheilbare Narkolepsie nach Schweinegrippe-Impfung

Von dpa
Aktualisiert am 02.07.2015Lesedauer: 3 Min.
Fast 31 Millionen Menschen wurden gegen Schweinegrippe geimpft.
Fast 31 Millionen Menschen wurden gegen Schweinegrippe geimpft. (Quelle: /dpa-bilder)
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Sie nicken mehrmals am Tag ein, bei intensiven GefĂŒhlen versagen ihre Muskeln. FĂŒr Narkolepsie-Patienten gibt es bisher keine Heilung. Einige FĂ€lle gehen offenbar auf eine Impfung gegen Schweinegrippe zurĂŒck. EntschĂ€digungsforderungen laufen - auch in Deutschland.

Lucy ist 13 Jahre alt, als sie plötzlich dauernd vor dem Fernseher einschlĂ€ft. Wenn sie lachen muss, kommt es vor, dass sie unvermittelt nach vorn sackt. Einige Monate vor dem Auftreten der merkwĂŒrdigen Symptome war das MĂ€dchen gegen Schweinegrippe geimpft worden - wie etwa sechs Millionen andere Briten in den Jahren 2009 und 2010. Heute ist Lucy 18 Jahre alt - und leidet nach wie vor unter Narkolepsie. Etwa 40 Mal am Tag schlĂ€ft sie ein, ohne sich dagegen wehren zu können, wie sie der britischen Tageszeitung "Guardian" berichtete.

Impfstoff Pandemrix kann Narkolepsie auslösen

Vorbeugende Impfungen sollen vor Krankheiten schĂŒtzen. Umso grĂ¶ĂŸer war der Schock, als fĂŒr den Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix ein gegenteiliger Verdacht aufkommt: Im August 2010 informierte die schwedische Arzneimittelbehörde ĂŒber Narkolepsie-FĂ€lle bei Kindern und Jugendlichen nach der Impfung. Weitere Analysen in Finnland, Irland, Frankreich und England stĂŒtzten diese Vermutung, dass Pandemrix in seltenen FĂ€llen die unheilbare Schlafkrankheit auslösen kann. Inzwischen fließen EntschĂ€digungszahlungen - von Behörden, nicht vom Hersteller.

Regierung muss zahlen - nicht der Hersteller

Die Forderungen richteten sich zwar gegen den Pharmariesen GlaxoSmithKline (GSK), sagt Anwalt Peter Todd, der 75 Betroffene in Großbritannien vertritt. "Aber letztlich wird die britische Regierung GSK entschĂ€digen mĂŒssen." Denn sie habe den Impfstoff gekauft und die Impfung empfohlen. In Deutschland wurde die Schutzimpfung von der StĂ€ndigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts (RKI) empfohlen.

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Immunsystem wird fehlgeleitet

Eine im Fachjournal "Science Translational Medicine" vorgestellte Studie zeigt nun, dass ein bestimmtes Virus-Protein, das einer Andockstelle im Gehirn Ă€hnelt, Auslöser fĂŒr die Erkrankung sein könnte. In der Folge richte sich das Immunsystem gegen bestimmte, fĂŒr das Schlafverhalten wichtige Zellen im Gehirn, berichten Forscher um Lawrence Steinman von der Stanford University in Kalifornien. Weitere Studien seien aber nötig, um den vorgestellten Mechanismus zu bestĂ€tigen, kommentiert Hartmut Wekerle, emeritierter Neuroimmunologe des Max-Planck-Instituts fĂŒr Neurobiologie in Martinsried.

Das sind die Symptome der Narkolepsie

Die Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung, typische Symptome sind TagesschlĂ€frigkeit und sogenannte Kataplexie, ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus bei starken GefĂŒhlen.

166.000 Euro bei "schwerer SchÀdigung"

In Großbritannien steht die Schweinegrippe-Impfung neben Pocken und Mumps auf der Liste jener Impfungen, nach denen eine EntschĂ€digung beantragt werden kann. 120.000 Pfund, umgerechnet rund 166.000 Euro, bekommt, wer nach einer Impfung "schwer behindert" ist - also zu mindestens 60 Prozent. Doch die Regierung hat lange, wie auch in Lucys Fall, alle AntrĂ€ge abgewiesen mit der BegrĂŒndung, die Patienten seien nicht ausreichend geschĂ€digt fĂŒr die Auszahlung.

Betroffene hoffen auf mehr EntschÀdigung

Das sah ein britisches Gericht im Fall eines 12-jĂ€hrigen Jungen anders. Er kann, so berichten seine Eltern, nicht unbeaufsichtigt duschen oder mit dem Bus fahren und hat große Probleme in der Schule. Nun soll er die Standard-EntschĂ€digung von 120.000 Pfund fĂŒr schwere ImpfschĂ€den bekommen. Anwalt Peter Todd von der Kanzlei Hodge Jones & Allen ist zuversichtlich, dass auch seine anderen FĂ€lle Erfolg haben werden. Dabei gehe es ihm nicht nur um die 120.000 Pfund: "Ich hoffe, dass wir vollen Schadenersatz bekommen, was sehr viel mehr sein wird." Derzeit sei man mit GSK im GesprĂ€ch.

Das sagt die Pharmafirma GSK

"Wir nehmen die Sicherheit der Patienten, die ihre Gesundheit unseren Impfstoffen und Medikamenten anvertrauen, sehr ernst", heißt es dazu bei dem britischen Pharmakonzern. Ein Sprecher sagt, das Unternehmen erforsche den beobachteten Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie sowie Wechselwirkungen, die der Impfstoff mit anderen Risikofaktoren im Körper der Betroffenen gehabt haben könnte. Zudem unterstĂŒtze GSK die Forschung externer Experten dazu.

Pandemrix wird in der EU derzeit nicht eingesetzt

Pandemrix war im September 2009 in der EuropÀischen Union (EU) zum Schutz gegen den Virusstamm H1N1A/v zugelassen worden. WÀhrend der Grippe-Welle 2009/2010 wurden fast 31 Millionen Menschen damit geimpft. Daneben gab es noch Impfstoffe anderer Konzerne. Zurzeit wird Pandemrix in der EU nicht mehr eingesetzt.

51 VerdachtsfÀlle in Deutschland

EntschĂ€digungsforderungen gibt es auch in Finnland, Norwegen, Schweden, Frankreich und DĂ€nemark. FĂŒr Deutschland hat das zustĂ€ndige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen 51 VerdachtsfĂ€lle erfasst, in denen ein Zusammenhang zwischen Impfung und Narkolepsie bestehen könnte. 27 davon sind Kinder und Jugendliche. Hinzu kommen je zwölf Frauen und MĂ€nner.

Lebenslange Grundrente möglich

Mehr als 20 Narkolepsie-Patienten haben einen Antrag auf EntschÀdigung bei den zustÀndigen LandesÀmtern gestellt. Wird ihm stattgegeben, erhalten Betroffene ab einem bestimmten SchÀdigungsgrad eine lebenslange Grundrente, deren Höhe sich bundesweit einheitlich nach Schweregrad und EinkommensverhÀltnissen richte, erklÀrt Bernd Stöber vom NiedersÀchsischen Landessozialamt.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Christiane Braunsdorf
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