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Würmer im Darm statt Blinddarmentzündung | Rätselhafter Patient


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Würmer im Darm

spiegel-online, Heike Le Ker

Aktualisiert am 16.02.2017Lesedauer: 3 Min.
Schmerzen in der rechten Leisten deuten häufig uaf eine Blinddarmentzündung hin.
Schmerzen in der rechten Leisten deuten häufig uaf eine Blinddarmentzündung hin. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Ein Teenager hat Bauchschmerzen in der rechten Leiste. Die Ärzte denken an eine Blinddarmentzündung, obwohl wenig dafürspricht. Als sie operieren, erleben sie Erstaunliches.

Ein 15-jähriges Mädchen hat Bauchschmerzen. Als ihm auch nach 24 Stunden noch übel ist und die Schmerzen nicht besser werden, bringen die Eltern ihr Kind in ein britisches Krankenhaus. Die Ärzte untersuchen das Mädchen und stellen fest, dass vor allem der rechte Unterbauch gespannt und druckempfindlich ist.

Solche Schmerzen kommen zwar nicht ausschließlich bei einer Blinddarmentzündung vor, sind dafür aber sehr typisch. Deswegen haben die Ärzte diese Diagnose sofort im Hinterkopf. Andere Ursachen für die Beschwerden können etwa Entzündungen oder Zysten am Eierstock sein, Harnwegsinfektionen oder andere Darmerkrankungen.

Das Mädchen hat aber keine weiteren Beschwerden wie etwa Schmerzen beim Wasserlassen oder unregelmäßigen Stuhlgang. Die 15-Jährige bekommt regelmäßig ihre Tage, hat keine Vorerkrankungen und nimmt keine Medikamente, in der Familie sind keine vererbbaren Krankheiten bekannt.

Rat vom Chirurgen

Auch bei den Laboruntersuchungen gibt es keine Anzeichen für eine Entzündung, die Blut-, Nieren- und Leberwerte liegen im normalen Bereich. Nur die Zahl bestimmter weißer Blutkörperchen, der sogenannten Eosinophilen, ist ganz leicht erhöht. Das Immunsystem produziert zum Beispiel mehr von diesen Zellen, wenn es Parasiten abwehren muss. Im Urin wiederum lassen sich keine Zeichen für eine Infektion nachweisen, und auch beim Ultraschall des Bauches können die Spezialisten keinen Hinweis auf eine Entzündung des Wurmfortsatzes oder der Eierstöcke finden.

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Trotzdem hat das Mädchen weiterhin Schmerzen, die sich nur mit Medikamenten lindern lassen. Die Kinderärzte ziehen die Chirurgen zu Rate, wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten. Auch sie halten eine Blinddarmentzündung (Appendizitis) für wenig wahrscheinlich, weil die Patientin außer den Bauchschmerzen keine typischen Beschwerden wie Fieber, Entzündungszeichen oder Erbrechen hat.

Trotzdem wollen sie auf Nummer sicher gehen und entscheiden sich zu einer Operation. Der Eingriff ist in Deutschland die häufigste Notfall-OP in der Bauchchirurgie. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 130.000 Wurmfortsätze entfernt. Die Risiken sind verglichen mit Komplikationen einer übersehenen Blinddarmentzündung deutlich kleiner. Hinzu kommt, dass sich eine schwere Entzündung manchmal innerhalb kürzester Zeit entwickelt. Wird ein entzündeter Wurmfortsatz nicht entfernt, kann er reißen. Die Bakterien gelangen dann in die Bauchhöhle und können zu einer - mitunter lebensgefährlichen - Entzündung des Bauchfells führen.

Überraschung im Bauch

Durch einen kleinen Hautschnitt führen die Chirurgen nun ein Endoskop in den Bauchraum ein, mit dem sie den Darm, die Gebärmutter und die Eierstöcke betrachten können. Alle Organe sehen normal und gesund aus, das Gewebe ist nicht gerötet, geschwollen oder verklebt. Auch der Wurmfortsatz, der an einer kleinen Sackgasse am Beginn des Dickdarm hängt, erscheint unauffällig - eine Entzündung können die Chirurgen nicht erkennen.

Den Wurmfortsatz entfernen sie dennoch. Damit folgen sie der "Routine-Praxis, wenn sich Schmerzen in der rechten Leiste nicht erklären lassen", schreiben die Ärzte. Nicht immer ist eine Blinddarmentzündung von außen erkennbar, und mitunter entdeckt erst der Pathologe im Labor Entzündungszeichen. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass Ärzte keinen Grund für die Beschwerden finden.

Das ist bei der Patientin anders: Als die Ärzte mit dem Skalpell in das Gewebe schneiden, winden sich sofort massenhaft weiße dünne Würmer aus der Wunde. Sie schlängeln sich aus dem Darm in den Bauchraum. Damit hatten die Chirurgen nicht gerechnet.

Der Wurmfortsatz lässt sich leicht entnehmen. Die entkommenen Würmer müssen die Ärzte mit einem Sauger entfernen und die Bauchhöhle gründlich inspizieren. Als sie die Darmwunde und den Hautschnitt wieder vernäht haben, gehen sie davon aus, dass alle Parasiten entfernt sind.

Die Hälfte aller Menschen bekommen einmal im Leben Madenwürmer

Mit dem Gewimmel steht auch die Diagnose fest: Das Mädchen ist - wie weltweit etwa 50 Prozent aller Menschen mindestens einmal im Leben - von Madenwürmern befallen. Weil diese vor allem nachts und gen Morgen aus dem Anus kriechen und die weiblichen Würmer dort ihre Eier ablegen, verursachen sie neben Bauchschmerzen in der Regel Juckreiz und Schlafstörungen. Beides verneint die Patientin auch im Nachhinein, das hat die Diagnose für die Ärzte erschwert.

Gegen die Parasiten helfen sogenannte Anthelminthika. Diese müssen zweimal im Abstand von 14 Tagen geschluckt werden, weil sie nur die Würmer und nicht die Eier abtöten. Ob es bei dem Mädchen gereicht hätte, wenn es die Arznei geschluckt hätte und die Operation daher überflüssig war, lässt sich im Nachhinein nicht überprüfen. Die Mediziner beschreiben in ihrem Fallbericht auch keinen Gewebebefund des Wurmfortsatzes.

Die Ärzte raten dazu, dass die ganze Familie die Medikamente nimmt. Denn oft verläuft ein Befall auch unbemerkt, sodass sich Familienmitglieder mitunter gegenseitig anstecken. Die Patientin erholt sich ohne Komplikationen von dem Eingriff und darf zwei Tage später wieder nach Hause gehen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Geraldine Nagel
Deutschland

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