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Das steckt hinter der Krankheit KrÀtze

dpa, Anja Sokolow

Aktualisiert am 03.11.2018Lesedauer: 4 Min.
Kratzen, weil es juckt: Es gibt wieder mehr FÀlle von KrÀtze.
Kratzen, weil es juckt: Es gibt wieder mehr FÀlle von KrÀtze. (Quelle: Maria Fuchs/getty-images-bilder)
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QuĂ€lend juckende Haut und ratlose Ärzte – eine Familie hat die KrĂ€tze. Doch bis zur Diagnose und richtigen Therapie vergehen eineinhalb Jahre. Experten zufolge ist die Krankheit in Deutschland im Kommen. Doch an genauen Zahlen mangelt es.

Am Anfang war es nur ein Juckreiz bei ihrer Tochter. "Ich dachte, die hat keine Lust auf Schule", erinnert sich Katrin MĂŒller. Doch nach ein paar Wochen juckte es die ganze, vierköpfige Familie. UnertrĂ€glich, Tag und Nacht, am ganzen Körper. "Es war schlimm. Wir haben uns blutig gekratzt und niemand wusste, was wir haben", so die inzwischen Geheilte. Die Ärzte tippten auf Masern, Ekzeme, auf Vogelmilben und Allergien. Kein Medikament half.

KrÀtze ist nicht ausgerottet

Erst nach einigen Monaten kam die Diagnose "KrĂ€tze". "Ich musste erst einmal nachlesen, was das ist", so die Mutter aus Nordrhein-Westfalen. Sie möchte mit ihrer Familie unerkannt bleiben, da sie berufliche Probleme fĂŒrchte. Die Krankheit habe schließlich ein Schmuddel-Image, weil Obdachlose oft betroffen seien.

Glaubt man aktuellen Zahlen und EinschĂ€tzungen, ist die KrĂ€tze, von der viele Menschen lange dachten, sie sie sei ausgerottet, wieder im Kommen. "Der Eindruck, dass die HĂ€ufigkeit zugenommen hat, ist deutlich", sagt Cord Sunderkötter, Direktor der Dermatologie am UniversitĂ€tsklinikum Halle (Saale). Niedergelassene HautĂ€rzte und Hautkliniken berichteten von steigenden Patientenzahlen. Die Barmer-Krankenkasse veröffentlichte kĂŒrzlich Daten, wonach ihren Versicherten 2017 im Schnitt 60 Prozent mehr KrĂ€tze-Medikamente verschrieben wurden als 2016.

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KrÀtze kann jeden treffen

Doch Sunderkötter warnt vor zu schnellen Behauptungen. "Das passt alles gut zusammen. Doch es gibt bislang keine wirklich gut auswertbaren Daten, die RĂŒckschlĂŒsse auf die Entwicklung in der Gesamtbevölkerung zulassen", sagt der Hautspezialist. Dazu mĂŒsse es erst eine Studie geben. Er arbeite gerade mit Kollegen an einem Konzept.

Klar ist: Die unter Fachleuten Skabies genannte Krankheit kann jeden treffen. Milben sind der Auslöser. Sie werden durch engen Hautkontakt weitergegeben. Übertragen wird die KrĂ€tze daher meist zwischen Kindern und ihren Eltern, Partnern oder auch pflegebedĂŒrftigen Personen und ihren Betreuern. WĂ€hrend Menschen mit einer gewöhnlichen Skabies oft nur von einigen Dutzend Milben befallen sind, können es bei der schwereren Krustenskabies Millionen dieser Tiere sein.

Milben legen unter der oberen Hautschicht Eier ab

Die an manchen Körperarealen dĂŒnne, warme Haut wie etwa an FingerzwischenrĂ€umen und Knöchelregionen oder am Nabel und am GesĂ€ĂŸ, wird von den kaum erkennbaren Spinnentieren bevorzugt. Sie bohren sich in die obere Schicht der Haut. Die Weibchen legen dort GĂ€nge an und ihre Eier oder auch Kot ab. Die Immunreaktion löst den starken Juckreiz aus. BlĂ€schen, gerötete Knötchen und die typischen Muster der GĂ€nge gelten als weitere Anzeichen. Patienten mit schwachem oder unterdrĂŒcktem Immunsystem verspĂŒren oft keinen Juckreiz, die Krankheit kann sich daher lange unbemerkt ausbreiten.

Unter Ärzten gebe es noch Unsicherheiten, so Sunderkötter, der mit Kollegen daher eine Leitlinie zur Diagnose und Behandlung der Skabies geschrieben hat. "Bei uns konnte man die GĂ€nge unter der Haut nicht deutlich sehen, deshalb war die Diagnose wohl auch so schwer", sagt MĂŒller. Die lange Zeit mit der stĂ€ndig juckenden Haut beschreibt sie als Ă€ußerst belastend. "Freunde waren verkrampfter, wollten uns nicht mehr umarmen und hatten Mitleid", so MĂŒller. TĂ€glich habe sie die gesamte WĂ€sche gewaschen. Temperaturen von mehr als 60 Grad mögen die Milben nicht.

Unter KrÀtze leiden etwa 330 Millionen Menschen weltweit

Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 300 Millionen Menschen an KrĂ€tze erkrankt. Wie viele es hierzulande sind, weiß niemand. Eine umfassende Meldepflicht gibt es nicht. Nur Einrichtungen, in denen sich die KrĂ€tze schnell ausbreiten kann, mĂŒssen AusbrĂŒche an die GesundheitsĂ€mter melden: Kitas, Schulen, KrankenhĂ€user, Pflegeheime, FlĂŒchtlingsheime oder auch GefĂ€ngnisse. Weil diese ihre Daten aber nicht an Landesbehörden oder das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) weiterleiten mĂŒssen, ist selbst hier unklar, wie die bundesweite Lage aussieht. Das RKI spricht von einer "sehr lĂŒckenhaften Datenlage". Trendanalysen seien nicht möglich.

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr die Angaben ĂŒber gestiegene KrĂ€tze-Zahlen seien vielfĂ€ltig, so Sunderkötter. Nicht jeder Patient, dem ein Mittel verschrieben werde, sei wahrscheinlich auch wirklich mit Skabies-Milben befallen, gibt er zu bedenken. Zudem könnten manche Menschen mehrere Verordnungen bekommen.

FĂŒr die steigenden Skabies-Zahlen werde immer wieder auch die wachsende Zahl der FlĂŒchtlinge als ErklĂ€rung ins Spiel gebracht, so Sunderkötter. Vermutlich komme die Krankheit unter FlĂŒchtlingen bei ihrer Ankunft in Deutschland auch hĂ€ufiger vor. Doch es seien medizinische Untersuchungen vorgeschrieben. Und der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung sei meist nicht so eng, dass er einen Anstieg erklĂ€re.

KrĂ€tze: Narben im HĂŒftbereich eines Mannes erinnern an eine ĂŒberstandene Skabies-Erkrankung. Die Krankheit kann jeden treffen.
KrĂ€tze: Narben im HĂŒftbereich eines Mannes erinnern an eine ĂŒberstandene Skabies-Erkrankung. Die Krankheit kann jeden treffen. (Quelle: Henning Kaiser/dpa-bilder)

"Die KrÀtze geht unter die Haut"

Ihre Tochter habe die Krankheit aus dem Gymnasium mitgebracht, sagt Katrin MĂŒller. Sie kenne 14 betroffene SchĂŒler. Doch die Schule habe das Thema einfach unter den Teppich gekehrt und die Elternschaft nicht informiert. Sie hingegen habe alle Freunde und Bekannten gewarnt, die mit ihrer Familie Kontakt hatten.

Die Behandlung zog sich bei MĂŒller und ihrer Familie extrem lange hin. "Normalerweise reicht es, einmal Salbe zu benutzen und nach einer gewissen Zeit noch einmal zur Sicherheit", so MĂŒller. Bei ihren Familienmitgliedern sei die Behandlung erst erfolgreich gewesen, nachdem sie sich mehrere Tage lang mit Salbe behandelten und zudem ein Mittel einnahmen. "Danach hatten wir endlich Ruhe", so MĂŒller. Das war eineinhalb Jahre nach dem ersten Juckreiz. Ein erfahrener Hautarzt habe geholfen.

Um sich von der belastenden Zeit zu erholen, war Katrin MĂŒller vier Wochen zur Kur. Spuren auf der Haut blieben nur bei ihrem Mann. "Er ist ganz vernarbt", so MĂŒller. Sie selbst habe die Krankheit seelisch fast aus der Bahn geworfen. "Die KrĂ€tze geht unter die Haut", sagt sie. Und die Angst, sich wieder anzustecken, sei groß. Wer einmal KrĂ€tze hatte, sei anfĂ€llig dafĂŒr. "Wenn wir uns irgendwo hinsetzen oder Menschen zu nahe kommen, ist die Furcht immer da. Man wird zwanghaft."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Astrid Clasen
Von Wiebke Posmyk
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