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Medikamentenabhängigkeit: Bei diesen Mitteln besteht ein hohes Suchtpotenzial

Medikamentenabhängigkeit  

Bei diesen Mitteln besteht ein hohes Suchtpotenzial

Ann-Kathrin Landzettel

03.09.2021, 11:32 Uhr
Medikamentenabhängigkeit: Bei diesen Mitteln besteht ein hohes Suchtpotenzial. Eine Frau nimmt eine Tablette. Zahlreiche Schlaf- und Beruhigungsmittel können auf Dauer in die Medikamentenabhängigkeit führen.  (Quelle: Getty Images/fizkes)

Eine Frau nimmt eine Tablette. Zahlreiche Schlaf- und Beruhigungsmittel können auf Dauer in die Medikamentenabhängigkeit führen. (Quelle: fizkes/Getty Images)

Der Übergang von einem bestimmungsmäßigen Gebrauch von Medikamenten zu Missbrauch und Abhängigkeit ist fließend. Aus einer kurzzeitigen Einnahme wird eine Langzeiteinnahme. Die Betroffenen haben immer stärker das Gefühl, das Medikament zu brauchen – körperlich, psychisch oder beides.

Experten unterscheiden zwischen Medikamenten, die zu einem Missbrauch führen können und solchen, die abhängig machen. Etwa vier bis fünf Prozent aller verordneten Medikamente besitzen ein eigenes Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial. Mit geschätzten 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen gibt es in Deutschland der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) zufolge fast ebenso viele Medikamenten- wie Alkoholabhängige.

Während etwa 26 Prozent der Frauen mindestens einmal wöchentlich ein Medikament mit Suchtpotenzial zu sich nehmen, sind es bei Männern etwa 20 Prozent.

Missbrauchspotential bei vielen verkauften Medikamenten

"Allein unter den 20 meistverkauften Präparaten in Apotheken befinden sich zahlreiche mit einem Missbrauchspotenzial", sagt Dr. med. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Hochsauerland.

"Bei sachgerechter Verordnung und Anwendung, das heißt in der Regel für kurze Zeit und niedrig dosiert, ist das Risiko eines Missbrauchs oder einer Abhängigkeitsentwicklung allerdings als gering einzustufen."

Missbrauch und Abhängigkeit: der Unterschied

Substanzen, die eine körperliche Abhängigkeit hervorrufen können, können missbraucht werden und/oder abhängig machen. Substanzen, die keine körperliche Abhängigkeit zur Folge haben, können missbraucht werden. Von einem Medikamentenmissbrauch sprechen Mediziner dann, wenn das Medikament nicht mehr bestimmungsgemäß eingenommen wird und die Einnahme trotz Folgeschäden weiterhin erfolgt.

Zu den Substanzen, die sowohl missbraucht werden können als auch eine körperliche Abhängigkeit hervorrufen können, gehören nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. Amphetamine, Barbiturate, Benzodiazepine, Non-Benzodiazepine (Z-Drugs), Narkosemittel sowie opiathaltige Schmerzmittel. Zu einem Missbrauch können folgende Substanzen führen: Antidepressiva, Antihistaminika, apothekenpflichte Analgetika, Ephedrin, Laxanzien, Nasenspray und Nasentropfen.

 (Quelle: privat) (Quelle: privat)

Dr. med. Rüdiger Holzbach ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Hochsauerland und Experte der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS).

Medikamentenabhängigkeit: Diese Mittel bergen Risiken 

Die hinsichtlich ihrer Verbreitung wichtigsten Medikamente mit Missbrauchs- und/oder Abhängigkeitspotenzial gehören zu den Gruppen der Schlaf- und Beruhigungsmittel (vor allem Benzodiazepine und benzodiazepinähnliche Wirkstoffe), der AD(H)S-Medikamente sowie der Schmerz- und Betäubungsmittel (Opiate, opiatähnliche und opioide Analgetika).

"Im Hinblick auf Abhängigkeitsrisiken sind vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Benzodiazepin-Familie von Bedeutung", sagt Holzbach. "Benzodiazepine sind gute und unverzichtbare Medikamente für akute Krisensituationen.

Sie wirken dämpfend, schlaffördernd, angstlösend, muskelentspannend und gegen epileptische Anfälle." Sie dürften aber nur zeitlich begrenzt eingenommen werden und heilten nicht die zugrunde liegende Erkrankung. In Deutschland nehme etwa ein Drittel aller Menschen mit einer Benzodiazepin-Medikation diese Arzneimittel länger ein, als von Experten in den Leitlinien der Fachgesellschaften empfohlen werde. 

Wann liegt eine Medikamentenabhängigkeit vor?

Zu den Kriterien einer Abhängigkeit gehören gemäß dem WHO-Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision) folgende Punkte:

  • Es besteht der starke Wunsch oder Zwang, das Medikament einzunehmen.
  • Es besteht eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Menge und Beendigung der Einnahme.
  • Es treten körperliche Entzugssymptome auf, wenn das Medikament abgesetzt wird.
  • Die Dosis muss immer weiter gesteigert werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen (Toleranzentwicklung).
  • Der Alltag dreht sich vor allem um die Beschaffung der Substanz, den Konsum sowie die Erholung vom Konsum – verbunden mit Vernachlässigung anderer Interessen.
  • Fortführung des Konsums trotz psychischer, körperlicher und sozialer Folgeschäden. 

Suchtdiagnose durch Entzugserscheinungen

Treffen mindestens drei der sechs Kriterien innerhalb des zurückliegenden Jahres zu, kann die Diagnose Medikamentenabhängigkeit gestellt werden. Eine Abhängigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass die willentliche Steuerung stark eingeschränkt ist.  

Dieser Kontrollverlust ist darauf zurückzuführen, dass durch den Substanzgebrauch biologische Veränderungen im Gehirn stattfinden. Je weiter die biologischen Veränderungen fortschreiten, desto schwerer ist es für die Betroffenen, Kontrolle über das Verhalten auszuüben. Die Medikamentenabhängigkeit wird meist erst durch die Entzugserscheinungen beim Absetzen des Medikamentes deutlich.

Diese Regel hilft, Medikamentenabhängigkeit vorzubeugen

Ärztinnen und Ärzte haben eine große Verantwortung für die Patientinnen und Patienten, denen sie Medikamente verschreiben, die ein Missbrauchs- und/oder Abhängigkeitspotenzial haben.

"Eine wichtige Orientierung stellt die 4-K-Regel dar: konkrete Diagnose, kleinste Dosis, kurzfristige Einnahme, kein abruptes Absetzen", sagt Holzbach. „Zudem sollten die Patienten über die Abhängigkeitsgefahr aufgeklärt werden und die Medikation sollte nur im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans erfolgen.“

Suchtgefahr bei freiverkäuflichen Schmerzmitteln?

Frei verkäufliche Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) werden zur Behandlung von Schmerzen, Entzündungen und Fieber eingesetzt.

Werden diese zu oft, zu lange oder in zu hoher Dosierung eingenommen, können dumpfe Kopfschmerzen auftreten. Diese medikamenteninduzierten Kopfschmerzen bergen das Risiko eines Schmerzmittelmissbrauchs, da die Betroffenen immer weiter diese Schmerzmittel einnehmen, um gegen den Kopfschmerz vorzugehen. Ein Teufelskreis entsteht.

Der Dauergebrauch von rezeptfreien Schmerzmitteln ohne ärztliche Kontrolle birgt das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen. Unter anderem sind Organschäden wie Leberversagen, Nierenversagen und Magengeschwüre möglich, ebenso innere Blutungen. Experten raten, frei verkäufliche Schmerzmittel immer nach Empfehlung des Arztes oder gemäß der Packungsbeilage einzunehmen und die Schmerzmittel nicht öfter als zehnmal im Monat und nicht länger als drei Tage am Stück einzunehmen.

Verwendete Quellen:


Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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