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"Freundschaft erhöht die Lebenserwartung" – Psychologin im Interview

INTERVIEWPsychologin rät  

Das steigert Lebenserwartung um 50 Prozent

06.12.2021, 10:22 Uhr
"Freundschaft erhöht die Lebenserwartung" – Psychologin im Interview. Freundschaften: Sie tun der Seele gut und verlängern die Lebenserwartung. (Symbolfoto) (Quelle: imago images/Shotshop)

Freundschaften: Sie tun der Seele gut und verlängern die Lebenserwartung. (Symbolfoto) (Quelle: Shotshop/imago images)

Gesunde Ernährung, Bewegung und Rauchverzicht sind die besten Voraussetzungen für ein langes, gesundes Leben. Doch es gibt noch einen weiteren Faktor, der oft unterschätzt wird: Freundschaften. Sie helfen, Stress besser abzubauen und bewahren so vor Krankheiten. Welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen, erklärt die Psychologin Ulrike Scheuermann im Gespräch mit t-online.

Freunde tun der Seele gut. Besonders in schwierigen Lebensphasen sind sie Gold wert. Doch Freundschaft bewirkt noch viel mehr. Sie schützt vor Stress und stärkt unsere körperliche und seelische Widerstandskraft.

Für die Berliner Psychologin Ulrike Scheuermann sind gute soziale Kontakte sogar der wichtigste Schutz vor Krankheiten. In ihrem neuesten Buch "Freunde machen gesund" (Knaur Verlag 2021) erläutert sie anhand aktueller Studien, wie stabile soziale Bildungen die Chance auf ein langes, gesundes Leben deutlich steigern.

t-online: Sie sagen, soziale Kontakte seien der wichtigste Gesundheitsfaktor. Leben übergewichtige Raucher mit vielen Freunden demnach gesünder als kontaktarme Menschen, die auf Zigaretten verzichten und sich gesund ernähren?

Ulrike Scheuermann: Es ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen, dass an erster Stelle die sozialen Faktoren entscheidend dafür sind, wie gesund und lange wir leben. Dennoch würde ich natürlich niemandem raten, weiter zu rauchen, denn Nichtrauchen ist der Gesundheitsfaktor Nummer drei. Unsere Sozialkompetenz wirkt übrigens auch auf die anderen Gesundheitsfaktoren ein.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Wenn wir zum Beispiel allein sind, ernähren wir uns schlechter, als wenn wir für andere kochen und mit ihnen gemeinsam essen. Oder wir schlafen besser, wenn wir nicht einsam sind. Die Grundlage ist immer die soziale Verbundenheit. Menschen mit guter sozialer Eingebundenheit sind immer im Vorteil. 

 (Quelle: Christian Hesselmann) (Quelle: Christian Hesselmann)
Diplompsychologin und Bestsellerautorin Ulrike Scheuermann hilft Menschen seit 25 Jahren, ihr Leben mit modernsten Methoden der Psychologie innerlich frei und ohne Blockaden besser und gesünder zu gestalten. Ihre Selfcare- und Coachingprogramme finden in ihrer Akademie und online statt.

Was verstehen Sie unter einem guten Freund?

Ein guter Freund ist da, wenn ich ihn brauche, auch in schwierigen Zeiten. Wir suchen ihn uns bewusst aus, im Gegensatz zu Verwandten oder Kollegen. Mit einem Freund verbindet uns Sympathie und Zuneigung. Wir fühlen uns zu ihm hingezogen. Ein wichtiges Kriterium für Freundschaft ist die gegenseitige Hilfe. Das wirkt sich auch positiv auf unsere Gesundheit aus.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Stress als die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Lässt sich das durch gute soziale Kontakte abfedern?

Durchaus. Das ist auch der eigentliche Grund, warum Freundschaften gesundheitsfördernd sind. Chronischer Stress schädigt fast alle Körper- und Organsysteme. Viele Krankheiten, die wir haben, sind auf Stress zurückzuführen. Wenn wir aber eng mit anderen Menschen verbunden sind, sinkt der Stresslevel. Es werden weniger Stresshormone ausgeschüttet. Gleichzeitig werden Glückshormone, die sogenannten Endorphine, und das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das bewirkt Wohlgefühl und Entspannung. Darüber hinaus stärken gute Sozialkontakte das Selbstwertgefühl und damit auch das Selbstmitgefühl. Das führt wiederum dazu, dass man besser für sich sorgt. 

Sind also kontaktarme Menschen anfälliger für psychische Krankheiten?

Die Anzahl der Menschen, die man um sich hat, steht nicht in direktem Zusammenhang damit, ob man sich einsam fühlt. Es gibt zum Beispiel sehr introvertierte Menschen, die wenige Kontakte haben, sich mit diesen aber tief verbunden fühlen und ihr Alleinsein genießen. Dann wirkt es sich gar nicht negativ aus, wenige soziale Kontakte zu haben. 

Stress im Job trägt oft dazu bei, dass Menschen ihre Freundschaften vernachlässigen und immer mehr in die Isolation rutschen. Wie lässt sich das verhindern?

Wichtig ist, dass man sich darüber bewusst wird, wie wichtig soziale Kontakte sind. Für viele steht der Job an erster Stelle, dann die Paarbeziehung und dann kommt niemand mehr. Wenn man das anders gewichtet, man vielleicht auf die eine oder andere Überstunde verzichtet, um Freunde zu treffen, wird sich schon etwas ändern. Wo wir wohl alle Zeit für Freunde dazugewinnen können, ist beim Gebrauch von Handy oder Laptop, hier ist weniger mehr. Da kann man schnell mal eine wertvolle Stunde für seine Sozialkontakte rausholen.

Wie gut Menschen mit Stress umgehen, hat auch etwas mit ihrer Resilienz, ihrer seelischen Widerstandskraft, zu tun. Können Freunde helfen, diese zu stärken?

Die Resilienz wird zum großen Teil im Lauf des Lebens von klein auf aufgebaut. Dabei ist es besonders wichtig, dass es mindestens eine gute, stabile Beziehung zu einer Bezugsperson gibt. Heute weiß man aus Langzeitstudien, dass Menschen, die während ihrer Kindheit eine starke Bindungserfahrung gemacht haben, diese später mit anderen Bezugspersonen wie Freunden wiederholen können. Sie entwickeln Beziehungen mit Tiefe, Vertrauen und gegenseitiger Öffnung. Dadurch wird die Resilienz gestärkt.

Wir leben gestärkter, zufriedener und gesünder, wenn wir gute Freunde haben. Leben wir auch länger?

Durchaus. Dazu gibt es eine Reihe großer Metastudien, die das bestätigen. Vor allem die gesundheitsfördernden Aspekte von Freundschaften wie sich durch vertrauensvolle Gespräche zu beruhigen, gemeinsam entspannte Zeit zu verbringen oder auch, sich gegenseitig zu bestätigen und dadurch den Selbstwert zu stabilisieren, wirken sich auf die Lebensdauer positiv aus. Darüber hinaus gibt es ein paar praktische Faktoren, von denen Menschen profitieren, die sozial gut eingebunden sind oder mit einer anderen Person zusammenleben. In Notfällen wie einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder bei Unfällen in der Wohnung ist zum Beispiel gleich jemand da, der Hilfe ruft. Auch das kann lebensrettend sein.

Wie viele Lebensjahre gewinnt ein Mensch mit guten sozialen Bindungen im Durchschnitt?

Die Wahrscheinlichkeit, länger zu leben, wird um 50 Prozent erhöht im Vergleich zu Menschen mit wenig sozialen Kontakten.

Wie viele gute Freunde braucht denn ein Mensch eigentlich?

Auch wenn es individuelle Unterschiede gibt, gibt es da die magische Zahl fünf. Sie bezieht sich auf die nahen, stabilen Sozialkontakte. Dieser innerste Kreis umfasst auch den Lebenspartner, die Lebenspartnerin und die Kinder. Es können aber auch Nachbarn sein, oder klassische Freunde. Ich würde also sagen, wer drei bis fünf Menschen nah um sich hat, ist sehr gut aufgestellt. Mehr können es in der Regel nicht sein, denn dafür fehlt den meisten die Zeit, denn nahe Kontakte müssen gepflegt werden. Aber keine Sorge, wenn man nur eine nahe Bezugsperson hat, das ist auch schon gut. 

Der beste Freund oder die beste Freundin – brauchen wir sie wirklich? 

Es ist immer super, wenn man sie hat. Grundsätzlich gibt es da aber auch einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer haben in der Regel eine intime Beziehung oder sind allein. Neben dem Lebenspartner ist dann meist lange Pause. Es gibt häufig den besten Kumpel, der aber nicht unbedingt der perfekte Freund sein muss. Mit ihm geht man einen trinken oder unternimmt etwas zusammen. Aber es findet keine Öffnung und kein Austausch über emotionale Themen statt. Bei Frauen ist das anders. Sie haben, wenn sie in einer festen Partnerschaft sind, in der Regel eine sehr innige, meist gleichgeschlechtliche Freundschaft. 

Was ist der Grund?

Aus meiner Sicht liegen die Gründe hierfür in den gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen. Unter Männern behält man emotionale Themen eher für sich. Bei Frauen dagegen ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass sie sich emotional öffnen und austauschen. In Frauenfreundschaften ist das ganz normal. 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf unsere Freundschaften?

Die Pandemie hat zum einen ein besseres Verständnis dafür geschaffen, wie wichtig Freundschaften, soziale Kontakte und Begegnungen sind. Zum anderen führt die Angst vor einer Infektion aber auch zu Kontakteinschränkungen. Umso wichtiger ist es, dass es trotz der Einschränkungen viele andere Möglichkeiten gibt, um emotionale Nähe herzustellen und sich seine gegenseitige Zuneigung zu bekunden. Zum Beispiel über Telefon oder Internet. Das kann zeitweilig auch ein Ersatz für körperliche Nähe sein, wenn sie gerade nicht möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Scheuermann.


Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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